Efeu - Die Kulturrundschau

Sag niemals Genie

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01.02.2016. Twitter streitet über Ai Weiwei, der am Strand von Lesbos die Pose des ertrunkenen Flüchtlingsjungen Alan Kurdi einnimmt. Im Standard spricht Orhan Pamuk über seinen Istanbuler Jedermann Mevlut: fleißig, religiös, konservativ. Die SZ erlebt, wie Yo-Yo Ma Träume mit einem Silberstift nachzeichnet. Die FAZ erklärt sich den Relevanzverlust des Gegenwartstheaters mit seiner moralischen Hyperhygiene.

Kunst


Immer mitten ins Herz: Ai Weiwei posierte als toter Flüchtlingsjunge Alan Kurdi am Strand für einen Fotografen von India Today. Wie die Washington Post berichtet, wird das indische Magazin in seiner nächsten Ausgabe ein großes Interview mit Ai Weiwei bringen: "When I said to him, I will meet you at your studio, Ai Weiwei answered, 'the seashore is my studio,' said Gayatri Jayaraman, the magazine senior editor who interviewed him." Auch der Guardian berichtet über die Aktion Ai Weiweis, der seit einiger Zeit sein Studio nach Lesbos verlegt hat und etwa vorige Woche aus Protest gegen die dänische Asypolitik seine Ausstellung "Ruptures" in der Faurschou Foundation Copenhagen schließen ließ. Auf Twitter hagelt es trotzdem jede Menge empörte Reaktionen.

Weiteres: In der FAZ freut sich Rose-Maria Gropp über die neuen Anschaffungen des Frankfurter Städelmuseums, darunter Bilder von Théodule Ribot und Helene Schjerfbeck. Matthias Frehner schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den Schweizer Eisenplastiker Oscar Wiggli.

Besprochen werden die Sonderausstellung restaurierter Gemälde von Caspar David Friedrich in der Alten Nationalgalerie in Berlin (taz) und Pierre Bourdieus kunstsoziologische Vorlesungen über das Werk Manets (Jungle World) und die Ausstellung "Kunst aus dem Holocaust" im Berliner DHM (Standard).
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Musik

Vom großen, dabei ganz bescheiden dargebotenen Klassikglück berichtet Michael Stallknecht in der SZ: Der Cellist Yo-Yo Ma hat München mit Konzerten verzückt - unter anderem mit einer Interpretation von Richard Strauss' "Don Quixote": "Es ist ein Meisterstück musikalischer Charakterzeichnung. Wie mit dem Silberstift erfasst Ma den Grundriss eines Träumers, der sich immer schon wegsehnt aus dieser Welt, an der er sich zu hart abrackert. Auch deshalb berührt der Schluss, der Don Quijotes Tod schildert. Immer leiser und langsamer wird Ma, bis der Ton ganz versiegt. Das ist ein enormes Risiko, weil die Aufmerksamkeit des Publikums reißen, das Spiel ins Sentimentale abgleiten könnte. Bei Ma aber reißt nichts und gleitet nichts ab. So uneitel dieser Musiker wirkt, so genau scheint er zu wissen, was er tut."

Weiteres: Helmut Mauró (SZ) und Jan Brachmann (FAZ) resümieren die Mozartwoche in Salzburg. Für die FAZ hat Josef Oehrlein die Beethoven-Woche in Bonn besucht. In der FAZ schreibt Eleonore Büning einen Nachruf auf den Flötisten Aurèle Nicolet. In der Welt erklärt Josef Engels das Trio GoGo Penguin zur aktuell coolsten Jazz-Band, Michael Pilz trifft den Konzertgitarristen Miloš Karadaglić.

Besprochen werden das neue Album "Anti" von Rihanna (FR, Pitchfork, FAZ), "This Is Acting" von Sia (Popmatters), das neue Album von Lucinda Williams (Pitchfork) und die Ausstellung "Seismographic Sounds" in Berlin samt der dazu veröffentlichte Reader (taz).
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Bühne


David Martons Bellini-Inszenierung "Somnambule" an den Münchner Kammerspielen.

Na bitte, es geht doch, schreibt Egbert Tholl in der SZ: Gerade hatte seine Kollegin Christine Dössel bereits zu murren begonnen, da ist David Marton mit Bellinis "La Sonnambula" die "erste rundum gelungene Inszenierung" an den Münchner Kammerspielen unter Lilienthals Intendanz geglückt: "Vielleicht hat ja nun Martons zauberhafte Arbeit jene Strahlkraft, die man sich für die Kammerspiele ersehnte und die zurückwirken möge ins Theater selbst." In der Nachtkritik ist auch Sabine Leucht beeindruckt: "Marton, der ja schon lange am liebsten an unpassenden Orten scheinbar festzementierte Gefüge dekonstruiert und alle möglichen Musikstile miteinander und mit Schauspiel sampelt, hat hier einen bis in die kleinsten Bewegungen hinein musikalischen Abend geschaffen."

Hat Salieri Mozart nun ermordet oder nicht? Elisabeth Stöpplers Inszenierung "Mord an Mozart" an der Berliner Staatsoper mag zwar vieles anreißen und mit Albert Einstein, Sigmund Freud, Schostakowitsch, Dostojewski und Beuys einen ganzen Strauß an Gastauftritten vorweisen, doch wirklich vertieft wird hier nichts, schreibt Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Wirklich böse sein kann er diesem "bildungsbürgerlicher Hopplahopp-Galopp durch die Geschichte" dennoch nicht sein, denn da "die Herangehensweise bei jedem der disparaten Aspekte ganz behutsam ist, mezzoforte sozusagen, moderat im Tonfall, verlässt der Zuschauer diesen Sag-niemals-Genie-Abend letztlich dann doch gerührt und nicht geschüttelt."

In Berlin haben sich zwei Veranstaltungen mit dem gefühlten oder tatsächlichen Relevanzverlust des Theaters befasst, die Simon Strauss in der FAZ detailliert zusammenfasst. Vor allem am Sozialarbeits- und Politgestus des Gegenwartstheater stößt er sich dabei: "Woher rührt im Moment bei Theaterleuten das tiefe Bedürfnis nach moralischer Hyperhygiene? Wo ist die Neugier geblieben, die Sehnsucht nach Gefahr, Provokation und Auseinandersetzung? Pathetisch gesagt: Nach Dramatik? Theater war doch immer dann am stärksten, wenn es sich nicht an tagespolitische Reinheitsgebote gehalten hat, wenn es wüst und unberechenbar war, angriffslustig und widerständig."

Weiteres: Ganz hingerissen ist Verena Großkreutz in der Nachtkritik von Calixto Bieito Purcell-Inszenierung "The Fairy Queen" am Stuttgarter Schauspielhaus als ein "grell-buntes, schön obszönes Musical-Theater". Alexander Kohlmann berichtet in der taz von der erstmalige Verleihung des Theaterpreises des Bundes an kleine Bühnen. Urs Bühler porträtiert in der NZZ die Schauspielerin Manon Pfrunder.

Besprochen werden Frank Castorfs Inszenierung von Hebbels "Judith" an der Berliner Volksbühne (Zeit), Hans-Werner Kroesingers und Regine Duras Berliner Theaterabend "Graecomania 200 Years" am Berliner Hebbel am Ufer (ein "erhellender Theaterparcours", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel) und Andrea Breths Inszenierung von John Hopkins' "Die Geschichte von Ihnen" in Wien (Wolfgang Kralicek schwärmt in der SZ von einem "kühlen Stück Theater der Grausamkeit", in der Welt findet Jan Küveler die Inszenierung dagegen "eitel, dümmlich, beleidigend"), eine Dramatisierung von Robert Seethalers "Der Trafikant" in Salzburg (Standard)
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Archiv: Bühne

Literatur

Im Interview mit Stefan Gmünder und Hans Rauscher spricht Orhan Pamuk im Standard über seinen neuen Roman "Diese Fremdheit in mir", in dem er den typischen Erdogan-Wähler Mevlut - fleißig, konservativ, religiös - als türkischen Jedermann porträtiert: "Momentan kommen viele Immigranten nach Europa, vor allem nach Deutschland. Sie werden das Land vermutlich nicht so radikal verändern, wie Mevlut Istanbul veränderte. Als ich geboren wurde, hatte Istanbul eine Million Einwohner, als der imaginäre Mevlut es in den 1960er-Jahren betritt, sind es 2,5 Millionen, am Ende des Romans hat die Stadt 15 Millionen Einwohner. Immigration ist aber nicht der Schlüssel zum Verständnis dieses Buches. Primär ist Mevlut einer, der mit seiner Mutter, die im Dorf bleibt, das Zentrum seines Lebens verliert. Er schafft sich in Istanbul ein neues Zentrum, er bringt allerdings eine konservative Kultur, Religiosität und Widerstand gegen die Moderne mit." Besprochen wird der Roman in FR und Tagesspiegel.

Die Bahn stellt ihre Nachtzüge ein, in der NZZ wird Alain Claude Sulzer sie trotz aller Unbequemlichkeit vermissen: "Zufälliges Aufeinandertreffen Unbekannter; fremde Schicksale, die unverhofft das eigene Dasein beeinflussen; flüchtige Bekanntschaften, die in heftig aufflammende, selten befriedigte Begierde münden; Geschichten des Zufalls; tragische Begegnungen; komische Situationen."

FAZler
Andreas Rossmann resümiert die Poetica 2, das Kölner Festival für Weltliteratur. Beim WDR kann man sich aktuell die Hörspielfassung von Abbas Khiders (gestern in der FAS besprochenen) Flüchtlingsroman "Ohrfeige" runterladen (mehr dazu hier).

Besprochen werden Norbert Gstreins "In der freien Welt" (Tagesspiegel), die erstmalige deutsche Veröffentlichung von Héctor Germán Oesterhelds argentinischem SF-Comicklassiker "Eternauta" (SZ) und neue Hörbücher, darunter eine ungekürzte Lesung von Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschafen" (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Oliver Vogel über Renate Rasps "Hilft nicht ein Mann und rettet Kinder":

"Papst kommt auf dich zu,
und wir sagen es dir:
Erbe ist er aus dem
..."

Weiteres zum literarischen Leben im Netz auf Lit21, unserem fortlaufend aktualisierten Metablog.
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Film


Robert De Niro und Giuseppe Sillato in Coppolas "Der Pate"

Imitiert die Kunst das Leben oder umgekehrt das Leben die Kunst? Die alte Frage lässt sich im Fall der Mafiosi recht eindeutig klären, schreibt der Kriminologe Federico Varese in der SZ: Die waren nämlich zumindest hinsichtlich ihres eigenen Berufsstands stets begeisterte Kinogänger und griffen die großen Leinwandvorbilder begierig auf: "Die Mafia hätte gerne eine Corporate Identity, kann aber legal keine aufbauen. Filme führen dazu, dass Kriminelle vom großen Publikum als Mitglieder einer sonst verbotenen Organisation anerkannt werden. Indem sie sich wie die Gangster auf der Leinwand benehmen, vermitteln Mafiosi die Botschaft: Wir sind die echten. Das Paradox liegt darin, dass echte Gangster ihr eigenes cineastisches Image nachahmen, um in den Straßen von New York und Palermo zu bestehen."

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