Efeu - Die Kulturrundschau

Mit der kühlen Glätte eines Hais

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14.07.2026. Der Guardian huldigt in der Tate Modern den archaischen Fruchtbarkeitsgöttinen der Künstlerin Ana Mendieta. Der Schriftsteller Dinaw Mengestu ist als Präsident des amerikanischen PEN-Clubs zurückgetreten - wegen eines Artikels, der Antisemitismus anprangert, konstatiert die Welt fassungslos. In zwei Jahren wird man einen KI-Film nicht von einem gefilmten unterscheiden können, versichert der SZ die Produzentin Cecilia Shen. Und die Filmkritiker trauern um den Schauspieler Sam Neill, der leichtfüßig zwischen Blockbuster und Autorenfilm tänzelte. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2026 finden Sie hier

Literatur

Der Schriftsteller Dinaw Mengestu ist als Präsident des amerikanischen PEN-Clubs zurückgetreten. Die Gründe lassen Hannes Stein in der Welt allerdings völlig entgeistert zurück: Mengestu reagierte damit auf einen auf der Website des PEN Clubs veröffentlichten Artikel von Deborah Harris. Die im Betrieb eigentlich bestens etablierte und bis dato von Jerusalem aus höchst erfolgreich arbeitende Literaturagentin "berichtet, dass amerikanische Lektoren auf ihre Angebote entweder nicht mehr reagieren oder sie sofort zurückweisen. Manche Lektoren hätten sie gebeten, künftig keine israelischen Autoren mehr anzubieten. ... Neben Deborah Harris werden in dem Artikel auch noch andere Zeugen zitiert. ... Jüdisch-amerikanische Autoren, die gar keine Israelis sind, berichten ebenfalls, dass sie seit dem 7. Oktober geschnitten werden. Das gelte auch für Juden, die keine Zionisten sind. ... Diesen Artikel betrachtet Dinaw Mengestu als 'unethisch'. Warum? Weil er als Angriff auf die BDS-Bewegung gelesen werden könnte, die zum Boykott Israels aufruft. Und das wiederum sei ein Angriff auf die Meinungsfreiheit. Noch einmal langsam und zum Mitschreiben: Ein Artikel, der einen Angriff auf die Meinungsfreiheit schildert, ist laut Dinaw Mengestu ein Angriff auf die Meinungsfreiheit, weil er den Boykott gegen Israel gefährdet."

Titus Blome spricht für Zeit Online mit der Altphilologin Emily Wilson, die in 15 Jahren Arbeit als erste Frau Homers "Odyssee" ins Englische übersetzt hat - und für manche Entscheidung insbesondere auf Social Media von philologisch zwar wenig kundigen, aber ideologisch dafür umso erhitzteren Gemütern angegriffen wird. Unter anderem auf diese Übersetzung hat auch Christopher Nolan für seine Verfilmung des Epos zurückgegriffen. Ein eindeutiger Held ist Odysseus dabei bei weitem nicht, sagt sie. "Bei Homer selbst ist Odysseus eine viel ambivalentere Figur als in späteren Darstellungen. In Sophokles' Philoktet ist er ein intriganter und machthungriger Politiker. Für Vergils Aeneis ist er Ulixes, ein blutrünstiger Plünderer und Ränkeschmied, der gegen alle römischen Werte steht. ... Das Wort 'Held' hat im archaischen Griechisch eine andere Bedeutung als heute. ... Ein héros kann einfach ein Krieger sein, nichts Besonderes. Zugleich klingt der Heroenkult an: einer, der den Göttern nahe ist und Außergewöhnliches vollbringt. Und 'außergewöhnlich' heißt nicht 'gut' oder 'rettend' - oft retten die Taten der Heroen niemanden."

Weiteres: Ulf von Rauchhaupt erzählt in der FAZ von den zahlreichen Versuchen, die Spielorte der abenteuerlichen Passagen aus Homers "Odyssee" in der Realität ausfindig zu machen, ohne dass er solchen Rekonstruktionen sonderlich viel Wert beimisst. In der FAZ-Reihe über die Geschichte der USA im Spiegel ihrer Literatur schreibt Paul Ingendaay über F. Scott Fitzgeralds "Der große Gatsby".

Besprochen werden unter anderem Gusel Jachinas "Eisen" (taz), Michael Kleebergs "Achilles in Taormina" (Welt), Johanna Sebauers "Popóm" (FR), Malin C. M. Rønnings "Das zwölfte Haus" (FAZ) und Angelika Klüssendorfs "Trost" (SZ).
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Film

In der SZ spricht Philipp Bovermann mit Cecilia Shen, deren junge Firma Utopia Studios schon jetzt sehr hoch bewertet wird und die verspricht, per KI ganz großes Spezialeffektekino zu liefern. Dass ausgerechnet das ZDF bei ihr mit seiner Neugier auf dieses Potenzial für große Begeisterung sorgt, kommt dabei so überraschend wie die Kostenersparnis, die sie den großen Hollywood-Studios natürlich sehr in eigener Sache ausrechnet. "Es wird nicht mehr so sein, dass nur hundert renommierte Regisseure auf der Welt Filme drehen können, sondern jeder, der eine Vision hat. ... Eine große Hollywood-Produktion, die ohne KI zwischen 200 und 500 Millionen Dollar kosten würde, können wir für zehn bis 15 Millionen machen." Und: Ihrer Prognose nach wird in zwei Jahren ein computergenerierter von einem gefilmten Film nicht mehr zu unterscheiden sein.

Die Filmkritiker trauern um Sam Neill und würdigen ihn als allürenfreien Schauspieler, der so leichtfüßig wie bodenständig zwischen Blockbuster, Autorenfilm und Arthouse tänzelte - am augenfälligsten vielleicht im Jahr 1993, dem Schlüsseljahr seiner Karriere, als er in "Jurassic Park" wie in "Das Piano" zu sehen war. "Mehr als fünf Jahrzehnte lang verkörperte der neuseeländische Schauspieler Männer, die kaum zum Helden geboren waren, aber im entscheidenden Moment über sich hinauszuwachsen vermochten", schreibt Tobias Sedlmaier in der NZZ



Erstmals im Kino von sich reden machte Neill allerdings 1981 in Andrzej Żuławskis Westberliner Eifersuchtsdrama-meets-Horrorfilm "Possession" von 1981, wo er sich mit Isabelle Adjani zerfleischt und dabei bis ans Äußerste geht. "Er verfolgt sie durch die Pflasterstraßen, wirft im Beziehungsstreit die Marmortischchen eines Cafés in ihre Richtung und geht schließlich im Bett eines Hotelzimmers langsam vor die Hunde", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. "Er windet sich in den Laken, schwitzt wie im Fieber - spielt den Herzschmerz als beißende Flamme, die Körper und Seele versengt. Nicht nur die tiefsten emotionalen Abgründe darf er hier beschwören, seinen kurzen Auftritt als Doppelgänger gestaltet er als Kontrapunkt mit der kühlen Glätte eines Hais. Kann man als junger Darsteller eine größere Bandbreite ausweisen?"

"Man könnte die These aufstellen", schreibt Hanns-Georg Rodek, "dass Neill als loyale Stütze großer weiblicher Stars am besten war. Für Judy Davis in 'Meine brillante Karriere', für Isabelle Adjani in 'Possession', für Meryl Streep in 'Ein Schrei in der Dunkelheit' und 'Eine demanzipierte Frau', für Nicole Kidman in 'Totenstille' und, wenn man so will, für die Dinosaurierinnen in 'Jurassic Park'." Weitere Nachrufe in FR, taz, Tagesspiegel und SZ.

Mit seinem Staunen über die Dinosaurier in "Jurassic Park" hat sich Neill jedenfalls einen Platz in der Filmgeschichte verdient: 



Besprochen werden Eva Trobischs "Etwas Ganz Besonderes" (taz, unsere Kritik) sowie Eva Müllers und Isabel Schneiders Dokumentarfilm "Was haben wir gelacht" über Komikerinnen im Fernsehen (Tsp).
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Kunst

Ana Mendieta Imágen de Yágul 1973 ©The Estate of Ana Mendieta Collection, LLC. Licensed by Artist Rights Society (ARS), New York / DACS, 2026 / Courtesy Marian Goodman Gallery and Alison Jacques, London.

Beinahe ehrfürchtig betrachtet Jonathan Jones (Guardian) Ana Mendietas "Kunst aus Blut, Federn, Blumen und Sand", die in der Tate Modern zu sehen ist. Den tragischen Tod der kubanisch-US-amerikanischen Künstlerin, die 1985 aus ungeklärten Umständen aus dem Fenster ihrer Wohnung stürzte, thematisiert die Schau nicht, so Jones, sie verlässt sich ganz auf die Kraft von Mendietas Kunst: "1980 kehrte sie zum ersten Mal nach Kuba zurück. 1981, nur zwei Jahre nach der Freilassung ihres Vaters aus einem politischen Gefängnis, schuf sie in stillen Winkeln eines Naturschutzgebietes beeindruckende Kalksteinskulpturen. Ihre Schwarz-Weiß-Fotografien lassen diese Felsskulpturen (engl. "Rupestrians", Anm.d.Perlentauchers) wie Spuren einer untergegangenen Zivilisation wirken (...). Kurvenreiche Fruchtbarkeitsgöttinnen, die an die Venus von Willendorf erinnern, und andere abstrahierte weibliche Formen, fledermausartig oder gar außerirdisch, mit Vaginen wie heiligen Portalen, erheben sich aus Felsformationen - erodierte, aber dennoch beständige Meisterwerke menschlicher Kultur. Mendieta schuf sie in der Hoffnung, dass Wanderer auf ihre Werke stoßen und darüber nachdenken würden."

Weitere Artikel: Der französisch-deutsch-kanadische Künstler und Merkel-Porträtist Jérémie Queyras unterhält sich im Tagesspiegel-Interview mit Nicola Kuhn. Die Berliner Galerie feinart schließt ihre Pforten, berichtet  Angelika Leitzke im Tagesspiegel, noch ist die letzte Ausstellung zu sehen. Besprochen werden die Ausstellung "Enki Bilal - Le Fond de la forme" im im Fonds Enki Bilal in Paris (FAZ) und die Ausstellung "Giovanni Segantini, 1858-1899. Je veux voir mes montagnes" im Musée Marmottan Monet in Paris (NZZ).
Archiv: Kunst
Stichwörter: Mendieta, Ana, Tate Modern

Bühne

Szene aus "Tyll" bei den Passionsfestspielen Oberammergau. Foto: Arno Declair. 

Wo sonst eigentlich von Jesus erzählt wird, geht es diesmal ziemlich weltlich zu, verrät NZZ-Kritiker Bernd Noack: Für die Passionsfestspiele Oberammergau hat Christian Stückl Daniel Kehlmanns Roman "Tyll" adaptiert. Mit großem Aufwand wird die Geschichte um den zynischen Spaßmacher gezeigt, der während des Dreißigjährigen Krieges durch die Lande zieht und die Mächtigen kritisiert. Hoffnungsvoll ist das nicht gerade, doch schlägt die Figur des Tyll, gespielt von Maximilian Bender, den Kritiker in den Bann: "Denn der Held ohne große Taten hat mit der Realität gebrochen, meldet sich ab aus einer Welt, die er nicht mehr verstehen will. Das Privileg des Narren eben: nichts ernst zu nehmen und unter all den Dummen der Klügere zu sein. Stückls Inszenierung ist melancholisch und traurig zugleich. Hier gibt es keine Hoffnung für die einfachen Leute, sie werden geopfert, grad so, wie es die da oben wollen. Feige ist dieser Tyll nicht, sondern spitzbübisch klug. Am Ende lugt er hinter einer schwarzen Brandmauer hervor und verrät grinsend sein Rezept gegen das Sterben: Einfach leben!"

Weitere Artikel: Sylvia Staude resümiert für die FR das Rheingau Musikfestival. Besprochen wird Azeret Kouas "Kassandra: coming of age at the end of the world" am Theaterhaus Jena (FAZ).
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Musik

Stephanie Grimm resümiert in der taz die 13. Ausgabe vom Berliner Festival Heroines of Sound, das Komponistinnen und Musikerinnen der elektronischen Musik in den Fokus rückt. Christian Gohlke berichtet in der FAZ von den Europäischen Wochen in Passau. Florian Bissig war für die NZZ beim Festival da Jazz in St. Moritz.

Besprochen werden Carla dal Fornos Album "Confession" (taz), ein Konzert der Bamberger Symphoniker mit María Dueñas in Wiesbaden (FR) und neue Rockveröffentlichungen, darunter "Frozen Charlotte" von Jack White (Standard).

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