Efeu - Die Kulturrundschau

Multirhythmisches Angstbeben

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02.02.2016. In München wurde Miroslav Srnas Oper "South Pole" uraufgeführt. Die FAZ schmilzt frierend unter Gletscher-Glissandi und Frostgeist-Formeln dahin. Die SZ erlebte, wie Eisfelder in Lava umgeschmolzen wurden. Noch elektrisierender fand die NZZ allerdings Toshio Hosokawas Hamburger Fukushima-Oper "Stilles Meer". Und die NYRB bewundert die sowjetische Foto-Avantgarde aus einem neuen Blickwinkel.

Bühne


Miroslav Srnkas Oper "South Pole" in der Münchner Uraufführung von Hans Neuenfels. Foto: Wilfried Hösl

An der Bayerischen Staatsoper wurde unter Kirill Petrenko die von Miroslav Srnka komponierte Oper "South Pole" über den historischen Wettlauf zum Südpol welturaufgeführt. Insbesondere über Srnkas eisig-sphärische, von der Spektralmusik gefärbte Komposition verlieren die Kritiker viele Worte. Eleonore Büning ist in der FAZ begeistert: "Trotz der malerisch auskomponierten Kälte gibt es eine heiße Fieberkurve in diesem Stück: trotz des sich schichtweise auftürmenden Packeises, das aus mehrfach geteilten Streichern, dissonanten Schmirgelklängen und auf- und abziependen Gletscher-Glissandi aufsteigt und versinkt; trotz der uralten repetitiven Frostgeist- und Lamento-Formeln, deren sich Srnka unverblümt bedient; trotz der komplex ineinandergeschachtelten, auf kleinstem Raum fugierten Sturm- und Windmusiken, die in ungewöhnlich geräuschhaften zartdrohenden Klangkombinationen Gänsehaut und frieren machen."

Weit weniger emphatisch zeigt sich Reinhard J. Brembeck. In der SZ äußert er zumindest vorsichtige Vorbehalte: Srnkas "gleißend heller Klangstrom" strahle "alles andere als Kälte und Schroffheit" aus. "Sollte das daran liegen, dass Petrenko diese Eisfelder in Lava umschmilzt? ... Im Trubel aus Sängerstars, einer schlicht eingängigen Geschichte und dem Aktionismus der Partitur fällt kaum auf, dass die Musik nie die Handlung vorantreibt, sondern sich sklavisch an das szenen- und einfallsreiche, aber auch mit etlichen Rätseln beladene Libretto von Tom Holloway anschmiegt. Nie wird die Musik zum treibenden Moment." Bei Arte gibt es den Premierenabend in voller Länge.



Toshio Hosokawas Oper "Stilles Meer" in Oriza Hiratas Inszenierung an der Hamburger Staatsoper.

Aufregender als "South Pole" findet Marco Frei in der NZZ die Oper "Stilles Meer" von Toshio Hosokawa, die unter Kent Nagano in Hamburg uraufgeführt wurde und den Tsunami von 2011 zum Thema hat: "Die atomare Katastrophe an sich ist nur präsent, wenn Menschen in Schutzkleidung auf der Bühne stehen - oder in Gestalt eines Roboters in der radioaktiven 'Gefahrenzone'. Sonst aber ist diese Oper eine einzige große Trauerarbeit, freilich ganz ohne Pathos und Larmoyanz. Überdies machen die luzid-fragilen Timbres von Susanne Elmark und Bejun Mehta das Gebrochene ihrer Figuren hörbar."

Weiteres: Sehr überzeugend findet FAZ-Theaterkritiker Gerhard R. Koch Benedict Andrews' Frankfurter Inszenierung von Verdis selten gezeigter Oper "Stiffelio": Er empfiehlt, das Stück "häufiger [zu] spielen: Qualität muss bekannt gemacht werden." Im Tagesspiegel spricht Matthias Kreienbrink mit Nicolas Stemann, der eine Bühnenfassung der populären dänischen Thrillerserie "Borgen" umsetzt.

Besprochen werden die in Frankfurt gezeigte Bühnenfassung von Joan Didions Roman "Das Jahr magischen Denkens" (FR), Calixto Bieitos Stuttgarter Inszenierung von Henry Purcells "The Fairy Queen" (FR, mehr im gestrigen Efeu), Philippe Quesnes "Caspar Western Friedrich" an den Münchner Kammerspielen (FR) und der am Berliner HAU aufgeführte Theaterabend "Graecomania 200 years" ("eine packende Geschichtslektion für Anfänger und Fortgeschrittene", meint SZ-Kritikerin Mounia Meiborg).
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Literatur

Beim Comicfestival in Angoulême wurde Richard McGuires "Hier" unbestritten zum Comic des Jahres gewählt. Dass der Große Preis für das Lebenswerk an den 77-jährigen Belgier Hermann ging, war für viele in Ordnung, nicht aber, dass dafür nicht eine einzige Frau nominiert war, berichtet Christian Gasser in der NZZ. "Der Comic war bisher eine Männerdomäne. Es gibt heute nur wenige Frauen, die ein 'Lebenswerk' vorzuweisen haben. Andererseits zeichnen heute mehr Frauen denn je Comics, und ihr aktuelles Schaffen wird in Angoulême für Preise bzw. Nominierungen auch immer wieder berücksichtigt. Und es ist eine Frage der Zeit, bis selbstverständlich auch eine Autorin für ihr Lebenswerk gewürdigt wird. Dass dann mit Hermann einer ausgesprochen konservativen und männlichen Welt gehuldigt wurde, wirkte in diesem Zusammenhang geradezu ironisch: wie der trügerische Triumph eines alten Männer-Universums."

In der SZ berichtet Volker Breidecker von Poetica 2, dem Kölner Festival für Weltliteratur, bei dem sich mancher der eingeladenen lyrischen Feingeist vor dem Publikum als Freund drastischer Musik entpuppte.

Besprochen werden Orhan Pamuks neuer Roman "Diese Fremdheit in mir" (NZZ), Axel Honneths "Idee des Sozialismus" (NZZ), E.M. Roses Buch "The Murder of William of Norwich" über die Konstruktion des ersten jüdischen Ritualmords durch einen englischen Priester im 12. Jahrhundert (The Nation), "The Good Story: Exchanges on Truth, Fiction and Psychotherapy" von J.M. Coetzee und Arabella Kurtz (The Nation), der zweite Band von Riad Sattoufs graphic-novel-Zyklus "Der Araber von morgen" (The Nation) und Hermine Wittgensteins "Familienerinnerungen" (FAZ).
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Film

Auf Facebook empört sich der Filmkritiker Sebastian Selig über die Hasenfüßigkeit von Sony, die "The Lobster", den neuen Film des griechischen Regisseurs Yorgos Lanthimos, trotz eines erfolgreichen Festivalruns und mitunter guter Kritiken in Deutschland nicht ins Kino bringen, sondern nur auf DVD verramschen wollen und dabei auch noch in die Nonsense-Ecke stellen.

Weitere Artikel: Im Commentary Magazine wird Terry Teachout ganz lyrisch bei der Erinnerung an die großen Steptänzer wie Bill Robinson, die Nicholas Brothers oder den unvergleichlichen Fred Astaire. Alles vergangen, vorbei. Oder doch nicht? Channing Tatum, der einen 6-minütigen Steptanz im neuen Film der Coen Brüder hinlegt, verrät im Interview mit Vulture, dass er und Joseph Gordon-Levitt schon seit Jahren zusammen ein Musical machen möchten: "Joseph Gordon-Levitt and I have been friends since I got to town 13 years ago, and we're going to eventually land on something together, because we've talked about it too long for it not to happen." Bei Bitchmedia stellt Katherine Marrone zehn Filme von oder über Frauen vor, die beim Sundance Festival laufen.
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Musik

Am neuen Rihanna-Album "Anti", das erst - ob nun versehentlich oder nicht - über den strauchelnden Streamingservice Tidal (an dem die Musikerin Anteile besitzt) und dann für einige Tage kostenlos zum Download angeboten wurde, findet SZler Jens-Christian Rabe das Drumherum sichtlich interessanter als die Musik selbst. An dem teuer produzierten Album könne man nämlich einiges ablesen zum neuesten Stand des Kapitalismus in der Musikindustrie: "Dieses Produkt ist nicht nur völlig unabhängig davon ein Erfolg, ob es jemanden gefällt. Es ist sogar völlig unabhängig davon ein Erfolg, ob es noch jemand kauft. Im Grund ist es sogar unabhängig davon ein Erfolg, ob es jetzt noch jemand hört."

Die taz gibt den Berlinern weiter Tipps zur Club Transmediale: Jonas Engelmann empfiehlt das heutige Konzert der Band Jerusalem In My Heart, die mit ihren filmgestützten "visuell-akustisch überwältigenden" Shows einen Eindruck dessen vermittelt, "wie die 'moderne arabische Musik' aussehen könnte, wenn da nicht die Frage wäre: 'Oh, what's the matter with you, Syria?'" Und Andreas Hartmann freut sich, dass das sonst arg männerlastige Avantgarde-Festival in diesem Jahr mehr Frauen die Bühne überlässt, so etwa an zwei Abenden der bereits 84-jährigen Elektro-Pionierin Pauline Oliveros, die mit ihrem elektronisch verfremdeten Akkordeon "Drones, flirrende Obertöne [erzeugt], zu denen sie singt. Die Stimmung, die dabei entsteht, ist unheimlich, nie anheimelnd."

Weiteres: Die Zeit hat endlich ihr großes Interview mit Grigory Sokolow online gestellt, aus dem wir am 14. Januar zitiert haben. Für den Tagesspiegel zeichnet Florian Guckelsberger ein Stimmungsbild von der Lage der jordanischen Heavy-Metal-Szene. Frederik Hanssen schreibt im Tagesspiegel zum Tod des Flötisten Aurèle Nicolet. Und das Logbuch Suhrkamp bringt die 28. Lieferung aus Thomas Meineckes schöner Reihe "Clip//Schule ohne Worte":



Besprochen werden das neue Album von Turbostaat (Spex) sowie Julian Barnes' Schostakowitsch-Biografie "The Noise of Time" (Prospect).
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Kunst


Georgy Petrusov: Dnepr Hydroelectric Dam, 1934-35. Georgy Petrusov/Alex Lachmann Collection
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Das Jewish Museum in New York zeigt sowjetische Fotografie, und Jamey Gambrell kann sich im Blog der NYRB nicht sattsehen an den gewagten Blickwinkel der Avantgarde: "The pieces on view include familiar images of military parades, athletes, and sports events, as well as cityscapes taken from every imaginable angle by many different photographers. But there are also photo-reportage sequences from farms, factories, and the colossal Soviet engineering projects of the 1930s, such as the aforementioned Dnepr Hydroelectric Dam and the White Sea-Baltic Sea Canal. There are individual portraits of all sorts: snapshots of photographers at work, lying on the ground or holding cameras high overhead to take pictures of parades from surprising angles, which contrast dramatically with romanticized straight-on studio portraits by Moisei Nappelbaum of figures as incompatible as the poet Anna Akhmatova and Felix Dzerzhinsky, founder of the Soviet secret police."


Textil-Workshop mit der Künstlerin Siri Johansen.

Samuel Herzog durfte in den Osten des Senegals reisen, nach Sinthian, wo die Josef & Anni Albers Foundation ein ambitioniertes Residenz-Programm unterhält. Einzige Bedingung: Die Künstler müssen mit den Menschen vor Ort interagieren. "An diesem Morgen aber ist es eine wahre Freude, die New Yorkerin Andrea Bergart bei ihrer Arbeit mit den Frauen aus dem Dorf zu erleben. Mehr als zwei Dutzend sind gekommen, viele mit Babys auf dem Rücken, und sie verwandeln den strengen, in Schwarz und Weiß gehaltenen Innenhof mit ihren farbigen Gewändern in einen bunten Festplatz. Bergart stellt mit den Frauen blau bedruckte Tücher her - nach einem alten fotografischen Verfahren namens Cyanotypie, das ohne viel Chemie funktioniert."

Sehr zufrieden kehrt SZ-Kritiker Joseph Hanimann von der Anselm-Kiefer-Retrospektive aus Paris nach Hause: "Im klugen Werkpanorama des Centre Pompidou greift stets das Frühere ins Spätere, als bräche die polternd posierende Selbstinszenierung der 'Heroischen Sinnbilder' aus den Siebzigerjahren vorgreifend schon das emphatische Schweigen."

Weiteres: Geradezu angewidert schreibt Swantje Karich über Ai Weiweis Fotoshotting am Strand von Lesbos: "Das Mitleid mischt sich mit der Aufmerksamkeitssucht des Medienkünstlers. Es ist ein giftiges Gemisch." In Le Monde berichtet Harry Bellet, dass eine Einigung für das das Rembrandt-Paar gefunden, das Eric de Rotschild verkaufen wollte. Es wird jetzt eingestuft als oeuvre d'intérêt patrimonial majeur und soll alle drei Jahre zwischen dem Pariser Louvre und dem Amsterdamer Rijksmuseum wechseln. Marcus Woeller meldet, dass Hieronymus Bosch pünktlich zu seinem 500. Todestag "Die Versuchung des Heiligen Antonius" ein weiteres Werk zugeschrieben wird. Die Preise für Gotik- und Renaissance-Meister sind im Sinken begriffen, berichtet Stefan Koldehoff in einem nachträglich online gestellten Zeit-Artikel.

Besprochen werden Miriam Paeslacks Bildband "Berlin im 19. Jahrhundert: Frühe Photographien 1850-1914" (SZ), zwei Ausstellungen (hier und hier) mit Arbeiten von Agnes Martin und Cyprien Gaillard in Düsseldorf (FAZ) sowie eine Ausstellung des chinesischen Künstlers Zhang Hongtu im Queens Museum in New York (Art in America).
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