Efeu - Die Kulturrundschau

Kein totes Leopardenbaby

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21.09.2015. Freud und Leid der Theaterkritiker war an diesem Wochenende besonders groß: Applaus für Katie Mitchells Flüchtlingsdrama nach Motiven von Herta Müller "Reisende auf einem Bein" in Hamburg, Michael Wertmüllers und Dea Lohers Oper "Weine nicht, singe" in Hamburg und  Helmut Lachenmanns "Mädchen mit den Schwefelhölzern" in Frankfurt. Die Publikumsbeschimpfungen des Zentrums für politische Schönheit sah man dagegen als Masturbation des Grauens. Die Zeit sucht die Geister vergangener Triumphe im neuen Album von New Order.

Bühne


Katie Mitchells "Reisende auf einem Bein". Foto © Stephen Cummiskey

In der Welt ist Stefan Grund begeistert von Katie Mitchells "sensationell experimentell" inszeniertem Flüchtlingsdrama "Reisende auf einem Bein" nach Motiven aus Herta Müllers titelgebender Erzählung und ihrem Roman "Herztier" am Schauspielhaus Hamburg: "Dabei hat Mitchell nicht weniger geleistet, als das Theater noch einmal ganz neu zu erfinden, indem sie das Ensemble komplett mit digitaler Filmtechnik umzingelt und das Drama in bester Spielfilmlänge von 90 Minuten auf die Leinwand bringt. Die große Bühne des Schauspielhauses ist komplett zum Filmstudio umgebaut. So konsequent wurde das digital erzeugte Bild noch nie im Theater genutzt." In der FR lobt Frauke Hartmann: "Alex Eales" Bühne unterliegt der lückenlosen Überwachung durch die Kameras: das wovon die Inszenierung erzählt, ist sie selbst. Sie erzeugt eine Enge, die aus der Not, die Wahrheit nicht zu sehen, immer mehr Räume für Illusionen und Angst erzeugt. Dieser großartige Abend verwandelt den fremden Blick Müllers, der aus dem Fenster des Ichs in eine verschlossene Welt fällt, in einen doppelten Blick und wirft ihn zurück." (In der nachtkritik schreibt Katrin Ullmann.)


Josef Ostendorf und Titus Engel in "Weine nicht, singe". Foto © Hans Jörg Michel

Das fängt ja gut an in Hamburg, freut sich Falk Schreiber über die Uraufführung von Michael Wertmüllers und Dea Lohers Oper "Weine nicht, singe" an der Staatsoper Hamburg, mit der der neue Intendant Georges Delnon seinen Einstand gibt. Es inszenierte Jette Steckel und dass die "für bloße Illustration nicht zu haben ist, dürfte klar sein. Also bricht die Inszenierung die Bühnensituation auf, verteilt das Publikum im Raum und die Musiker an den Seiten, rechts ein Quartett aus dem Umfeld des ortsansässigen Kammerorchesters Ensemble Resonanz, links das Schweizer Jazztrio Steamboat Switzerland: eine szenisch überraschend einleuchtende Lösung, die freilich aus musikalischer Sicht nicht der Weisheit letzter Schluss ist, weil im ersten Teil des Abends die jeweils nähere Klangquelle die entferntere übertönt. Immerhin, nach rund 30 Minuten wechselt das Quartett auf die Seite der Jazzer, dann geht es."


Uwe Schmieder in "2099". Foto: Nick Jaussi

Wenig Inszenierung, dafür eine einzige moralische Brandrede in Richtung Parkett, viel angereiste Betriebsprominenz und vor allem: Anders als angekündigt kein totes Leopardenbaby - am Freitag hatte "2099", das erste richtige Bühnenstück des umtriebigen Zentrums für politische Schönheit, seine Premiere am Theater Dortmund. Vier Philosophen aus der Zukunft machen dem Publikum heftige Vorwürfe, zu wenig gegen das Elend dieser Welt getan zu haben. Über "eine Masturbation des Grauens, eine wild gewordene, apokalyptische Collage des Unheils" kommt der Abend nicht hinaus, meint ein genervter Martin Kaul in der taz. Von einer "Moraldusche" spricht Christine Wahl im Tagesspiegel. Bei Christine Dössel (SZ) macht sich zwar schlechtes Gewissen breit - "die haben ja recht" -, dennoch hält sie den Abend gerade mal für "agitatorisches Mitmachtheater ohne Zünder".

Weitere Artikel: Was kann die Kunst, fragt Dirk Pilz in der NZZ angesichts des Flüchtlingsdramas: "Spenden sammeln, Appelle versenden, Flüchtlinge in Inszenierungen einbinden: Das sind die Pfade, die in den Theatern jetzt vielfach erprobt werden." In der Berliner Zeitung unterhält sich Arno Widmann mit der Regisseurin Lydia Steiner über Talent, Respekt und schwache Nerven. Judith von Sternberg schreibt in der FR zum Tod des Kabarett-Autors Volker Kühn.

Besprochen werden weiter Helmut Lachenmanns "Mädchen mit den Schwefelhölzern" in Frankfurt ("So sieht eine mutige Saisoneröffnung aus", ruft Christian Wildhagen in der NZZ, FAZ), Robert Wilsons kühle Inszenierung der "Traviata" im Landestheater Linz (Presse, Standard), Ferdinand Schmalzens "dosenfleisch" im Burg-Kasino (Standard), Kent Naganos Einstand als neuer Generalmusikdirektor in Hamburg mit der Berlioz Oper "Les Troyens" (Welt, Tagesspiegel), "Neue Stücke 2015", die ersten neuen Choreografien am Tanztheater Wuppertal seit Pina Bauschs Tod im Jahr 2009 ("zaghaft und ehrerbietig", kritisiert die FAZ, "nichts ist zwingend. Keine Dringlichkeit, nirgends", klagt die SZ), Armin Petras" am Deutschen Theater in Berlin gezeigter "Münchhausen"-Monologmit Milan Peschel (Tagesspiegel), ein Frankfurter "Franz Biberkopf" (FR), ein Darmstädter "Sturm" (FR) und ein Wiesbadener "Otello" (FR). (Bild links: "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern", Foto © Monika Rittershaus. Bild rechts: Myung Joo Lee in "La Traviata", Foto © landestheater linz/olaf struck)
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Literatur

Im Aufmacher des FAZ-Feuilletons schreibt Felicitas von Lovenberg über Karl Ove Knausgård, aus dessen autobiografischem "Min Kamp"-Projekt heute in Deutschland der fünfte Band "Träumen" erscheint: Mit dieser Reihe sei "Knausgård [zweifellos] ein Paradoxon gelungen: Wir wissen mehr über ihn als über jeden seiner lebenden Kollegen. Wir kennen zahllose Details aus diesem Leben. Der Mensch, der es führt, hat sich vor unseren Augen so lange entblößt, bis sich seine Nacktheit wie eine Hülle um ihn schloss."

Etwas dröge findet Hanna Engelmeier im Merkur den Band, aber doch: "Lebendig ist Knausgårds Text eigentlich immer nur dann, wenn er sich in sich selbst einschließt, und seine Wahrnehmung das einzige ist, was eine Sortierung von Ereignissen und Erscheinungen motiviert. Ich glaube, dass es auch genau das ist, was die Knausomanie auslöst: Dass einem nichts beigebracht werden soll, selbst dann nicht, wenn in einem anderen schwergängigen Dialog über Authentizität geschlaumeiert wird. Man darf bei jemandem sein, der das Angebot macht, als ganzer Mensch da zu sein."

Weitere Artikel: Daniel Kehlmann unterhält sich für die Presse mit Norbert Mayer über die Verfilmung seines Romans "Ich und Kaminski" und den Erfolg seines Weltbestsellers "Die Vermessung der Welt": "Ich habe den Erfolg als große Befreiung erlebt. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen." Georg Kohler denkt in der NZZ über Ungarettis Gedicht "Allegria di naufragi" nach. Sabine Rohlf berichtet in der Berliner Zeitung von einer Veranstaltung mit der Literaturwissenschaftlerin Gayatri Chakravorty Spivak beim Internationalen Literaturfest Berlin. In Spanien verkauft sich eine modernisierte Edition des "Don Quichotte" ganz prächtig, berichtet Caspar Shaller in der Zeit.

Besprochen werden die Kriegstagebücher von Astrid Lindgren (Welt), Daniel Suters Roman "Die Unvergleichlichen" (NZZ), der Sammelband "Testfall Ukraine" (Presse), Caitlin Morans Roman "All About a Girl" (Presse), Daniel Zipfels Romandebüt "Eine Handvoll Rosinen" (Standard), Martin Amis" "Interessengebiet" (FAZ), Salman Rushdies "Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte" (FAZ), Bernard Maris" "Michel Houellebecq, Ökonom" (Jungle World), Drago Jancars "Die Nacht, als ich sie sah" (Berliner Zeitung), Charles Burns" Comic "Zuckerschädel" (Tagesspiegel), Aharon Appelfelds "Ein Mädchen nicht von dieser Welt" (SZ) und Oren Lavies Kinderbuch "Der Bär, der nicht da war", das Harry Rowohls letzte Übersetzungsarbeit darstellt (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie der FAZ schreibt Hans Christoph Buch über F.C. Delius" "Paläontologie":

"Die Walfischin, wie sie arglos
Ihr Junges säugt, weiß nicht,
dass sie mitschuldig ist an der Harpune.
..."
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Film

Bert Rebhandl berichtet im Standard vom Filmfestival Toronto: "Alle wollen nach Europa. Diesen Eindruck könnte man derzeit gewinnen. Selbst beim wichtigsten nordamerikanischen Filmfestival in Toronto gab es dafür eine Bestätigung, allerdings von unerwarteter Seite: Michael Moore steht, jedenfalls wenn man nach seinem neuen Film "Where to Invade Next?" geht, knapp vor einem Asylantrag in Finnland oder Italien."
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Musik

Einst zählten New Order zur Speerspitze des interessanten Pops, doch wenn sie heute ihr erstes Album seit zehn Jahren auf den Markt bringen, ist das so unerheblich wie ein Eagles-Revival, seufzt der Kulturtheoretiker Mark Fisher in der Zeit: "Eine Atmosphäre der Sinnlosigkeit und Mattigkeit hängt über dem Album ... Natürlich wäre es zu viel verlangt von New Order, im Alleingang den allgemeinen Trend zu Nachahmung und Wiederholung umzukehren, dem Musik im 21. Jahrhundert unterworfen ist. Bands, die halb so alt sind wie sie, schaffen das nicht - warum sollten sie es können? Trotzdem ist New Orders Versagen besonders schmerzlich - nicht nur wegen der Geister vergangener Triumphe, sondern auch wegen der Gespenster verlorener Zukünfte, die man in ihrer frühen Musik noch hören kann."

Weitere Artikel: Katharina Granzin (taz) und diverse Kritiker im Tagesspiegel resümieren das Musikfest Berlin.

Besprochen werden Beethovens zweites Klavierkonzert mit Martha Argerich in Wien (Presse), das "fulminante" Eröffnungskonzert des Collegium Novum Zürich mit John Cages "Variations IV" in der Tonhalle Zürich (NZZ), das Frankfurter Konzert von Bryan Ferry (FR) und David Gilmours Konzert in Oberhausen (FAZ, SZ).
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Kunst

Der Preis der Berliner Nationalgalerie für junge Kunst geht an die Frankfurter Künstlerin Anne Imhof, eine Entscheidung, mit der Welt-Kritikerin Gesine Borcherdt sehr einverstanden ist: "Es sind junge, androgyne Großstadtfiguren, die hier in den "Deal" und "Rage" titulierten Arbeiten in einem minimalistischen Tableau vivant zusammenkommen. Ihre Gesten und Worte beschreiben Leere und Austauschbarkeit, man denkt an Floskelsätze in Internetprofilen und gelangweilte Hipster. Aber auch an Beckett, die Absurdität der Existenz in einer pseudocleanen Welt, in der Yoga und Alkohol zum Feel-Good-Algorhythmus verschmelzen. Besucher stehen davor, gehen darum herum, treten halb ein in dieses seltsame Bild, das eigentlich eine Skulptur ist, aber auch eine Installation und irgendwie zugleich auch Tanz."

Weitere Artikel: Marc Zitzmann berichtet in der NZZ über den Kunstvandalismus ultrareaktionärer Kreise in Frankreich. Im Standard porträtiert Fabian Schmid den Fotografen Daniel Etter. Und Olga Kronsteiner liest neue Bücher zu Egon Schiele. Zum Tod des Kunstvermittlers Jean-Christophe Ammann schreibt Rudolf Walther in der taz und Hans-Joachim Müller in der Welt.

Besprochen werden die Ausstellung "Gerahmtes Gedächtnis" der Restauratorin und Fotohistorikerin Mila Moschik im Wiener Photoinstitut Bonartes (Presse), die Ai-Weiwei-Retrospektive in der Royal Academy of Arts in London (taz, Zeit), die Ausstellung der für den Preis der Nationalgalerie 2015 nominierten Arbeiten im Hamburger Bahnhof in Berlin (taz) und Alicja Kwades "Monolog aus dem 11ten Stock" im Haus am Waldsee in Berlin (Tagesspiegel).

Archiv: Kunst