Efeu - Die Kulturrundschau

Ich will Kunst als Poesie

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19.09.2015. In der Welt erzählt Karl Ove Knausgård, wie seine Figuren plötzlich mit ihm stritten. Die FR erkennt in London die maximale Lakonik Ai Weiweis. Die Berliner Zeitung bewundert den unerhört mutigen Schauspieler Milan Peschel. Zeit online wüsste gern, warum selbst beim angeblich alternativen Lollapalooza-Festival so wenig Musikerinnen zu hören waren. In der FAZ fände es Sadiq al-Azm schlicht unaufrichtig, würde der Osnabrücker Friedenspreis an Adonis verliehen. Die Kunstkritiker trauern um Jean-Christophe Ammann.

Kunst


Ai Weiwei, Free Speech Puzzle, 2014. Hand painted porcelain in the Qing dynasty imperial style. © Ai Weiwei

Mit großer Skepsis ist Harald Jähner für die FR zur großen Ai-Weiwei-Retrospektive in der Royal Academy of Arts nach London gereist, als Bekehrter kam er zurück. Denn der ephemere Internet-Ai ist vom konkreten Künstler-Ai sehr zu unterscheiden, wie er vor dessen Marmorskulpturen und bis ins Detail akribisch erstellten Großwerken feststellt: "Von der Zerbrechlichkeit des Menschen in totalitären Regimes ist leicht geredet; seine Wirkung hat sich Ai Weiwei erarbeitet durch das Herstellen von Kostbarkeit, die er in maximal lakonischen Dingen verwirklicht. Deren forcierte Handfestigkeit steht in einem äußersten Gegensatz zur bislang erzwungenen Virtualität seiner Existenz als legendenumstricktes Internetphänomen." (In der Zeit ist Hanno Rauterberg weniger überzeugt: "Ais Kunst bleibt geradegeklopft", schreibt er.)

In der NZZ würdigt Samuel Herzog den verstorbenen Kunsthistoriker und Kurator Jean-Christophe Ammann, mit dem die Gegenwartskunst "einen ihrer schillerndsten Anwälte" verloren habe: "... wenn sich Ammann für etwas nicht interessierte, dann für Fragen des Geschmacks - denn Kunst war für ihn viel mehr, sie war Poesie, wie er auch vor fünf Jahren in einem Interview mit der NZZ betonte: "Ich will Kunst als Poesie. Poesie! Kunst ist Poesie! Menschen brauchen Poesie. Das war von Anfang an so. Belehren tut die Theologie oder die Philosophie oder die Ethik. Aber nicht die Kunst. Kunst war immer Poesie."" Weitere Nachrufe finden sich von Claus-Jürgen Göpfert (FR) und Julia Voss (FAZ).

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung spricht Silvia Perdoni mit dem Performancekünstler Mischa Badasyan, der ein Jahr lang jeden Tag mit einem anderen fremden Mann geschlafen hat. Luciana Ferrando besucht für die taz die Künstlerin Monika Brachmann in der Uckermark. In der NZZ annonciert Thomas Ribi die in Zürich geplanten Veranstaltungen zum 100. Geburtstag von Dada 2016. Und Peter Richter besucht für die SZ das frisch eröffnete Kunstmuseum "The Broad" des Sammlers Eli Broad in Los Angeles: Geboten wird ein erlesen kulinarisches Best-Of der hochpreisigen Kunst der letzten drei Jahrzehnte.

Besprochen werden die Ausstellung "The World goes Pop" in der Londoner Tate Modern (Standard), die Ausstellung "Oktoberfest Cathedrals" des Fotografen Michael von Hassel in der Münchner Rathausgalerie (Welt), eine Ausstellung von Wim Wenders" Fotografien in der Galerie Blain Southern in Berlin (taz), die Pop-Art-Schau in der Tate Modern in London, der laut Sebastian Borger (FR) "eine viel deutlichere Fokussierung (...) gutgetan" hätte, und die Hanne-Darboven-Doppelschau in Bonn und München (FAZ, mehr dazu hier).
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Literatur

In der Literarischen Welt unterhält sich Richard Kämmerlings mit dem norwegischen Autor Karl Ove Knausgård über dessen jetzt auf Deutsch erschienenes Buch "Träumen", das fünfte in seinem autobiografischen Romanzyklus "Mein Kampf". Diesen Band, in dem er seine schriftstellerischen Anfänge beschreibt, habe er in acht Wochen heruntergeschrieben, erzählt er. Es sollte das Buch sein, das er mit zwanzig schreiben wollte. Aber die Außenwelt lässt sich natürlich nie ganz ausblenden: "Beim ersten Band haben mein Lektor Geir Gulliksen und ich redigiert und manche Dinge herausgestrichen. Dann haben wir beide realisiert, dass dies nicht diese Art Projekt ist. Es ist eben auch die Dokumentation des Schreibprozesses. Es war ein Experiment, ich habe die ersten Bücher veröffentlicht, während ich an den nächsten schrieb, ich bekam bereits parallel Feedback von Leuten, die im ersten Band vorkamen. Die Grenze zwischen Literatur und Leben war zeitweilig aufgehoben. Meine Figuren kamen zu mir und stritten mit mir. Es war ein Jahr des Schreibens und dieses Jahr sollte im Buch selbst sein."

Dass Osnabrück den Dichter Adonis mit dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis auszeichnet, hält der syrische Philosoph Sadiq al-Azm für einen groben Fehler: Adonis" Treue zu Assad, seine Begeisterung für die islamische Revolution im Iran, sein mangelndes Engagement für Rushdie sollten ihn disqualifizieren, schreibt al-Azm in der FAZ. "Angesichts der hymnischen Gedichte und Aufsätze, in denen Adonis die islamische Revolution in Iran verherrlicht, ist es schlicht unaufrichtig, wenn er der syrischen Aufstandsbewegung eine Vermengung von Religion und Revolution vorwirft. ... Und dass er die dynastische Herrschaft des Schahs in Iran abgelehnt hat, die dynastische Despotie der Assads jedoch akzeptiert und verteidigt - diesen eklatanten Widerspruch kann er nur mühsam mit abwegigen und vieldeutigen Argumenten kaschieren." Hier eine Stellungnahme der Stadt.

Weitere Artikel: Katharina Borchardt unterhält sich in der taz mit der Schriftstellerin Laksmi Pamuntjak, die in ihrem neuen Roman "Alle Farben Rot" das indonesische Massaker an Kommunisten und Oppositionellen im Jahr 1965 thematisiert. Beim Internationalen Literaturfestival Berlin diskutierten Schriftsteller über die Zukunft der Städte, berichtet Ulrike Baureithel im Tagesspiegel. Hubert Spiegel unterhält sich in der FAZ mit der Schriftstellerin Felicitas Hoppe. Nicht unamüsiert blättert sich Christopher Schmidt in der SZ auf der Suche nach Stilblüten und schwulstigen Sprach-Verrenkungen durch die Liebesszenen der aktuellen Romane diverser Literaturkritiker. Thomas Böhm besucht für die FAZ die in einem Liverpooler Park gelegene "Reader Organisation", in der sich Menschen zu angst- und druckfreien und daher therapeutisch offenbar sehr wirksamen Lesegruppen zusammen tun können. Dazu passend eröffnet die FAZ ihren neuen Online-Lesesaal mit einem Lesezirkel zu Jenny Erpenbecks Roman "Gehen, ging, gegangen".

Besprochen werden u.a. Salman Rushdies Roman "Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte" (SZ, FAZ), Karl Ove Knausgårds "Träumen" (taz, Tagesspiegel), Steve Sem-Sandbergs Roman "Die Erwählten" (NZZ) und Comics von Charles Burns (taz).
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Film

Hanns-Georg Rodek staunt in der Welt nicht schlecht: Bei den Oscars kommen alle Nominierten für den besten ausländischen Studentenfilm aus dem deutschen Sprachraum. Besprochen wird Constantin Wulffs Film über die Kinder- und Jugendpsychiatrie "Wie die anderen" (Presse).
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Bühne


Milan Peschel. Foto: Arno Declair

Ergriffen berichtet Dirk Pilz in der Berliner Zeitung von Armin Petras" "Münchhausen"-Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin, wo Milan Peschel jegliche "Drolligkeit" des Abends mit seinem Spiel hinwegwischt und damit die Grundlage legt für eine Begegnung des Kritikers mit sich selbst. Dieser Abend war "unerhört mutig, weil nicht durch die üblichen Reflexionsseile abgesichert. Peschel spielt Peschel als einen, der sich selbst nicht über den Weg traut. Der vor den eigenen Verwandlungskünsten erschrickt, sich fremd gegenübersteht. Kurze Blicke, kleine Pausen - sie machen, dass die Inszenierung kippt. Sie wird zum Strudel, sie reißt einen auf ungesichertes Gelände. Die Erinnerungen kommen unkontrolliert, die Ängste, Hoffnungen, Zweifel."

Besprochen werden Sasha Waltz" Choreografie "Continu" in St. Pölten - erstmals mit Live-Orchester (Presse), Trajall Harells Choreografie "The Ghost of Montpellier Meets the Samurai" in Zürich (NZZ), die Uraufführung von Philipp Ruchs Stück "Tötet Roger Köppel! Köppel Roger tötet!" in Dortmund (Welt), Glucks "Orpheus" in London mit einem strahlenden Juan Diego Flórez in der Titelrolle (Welt), Felix Rothenhäuslers in Bremen aufgeführte Bühnenadaption von David Cronenbergs Roman "Verzehrt" (taz) und ein "Franz Biberkopf" in der Regie von Stephanie Mohr am Schauspiel Frankfurt (FAZ).
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Musik

Kerstin Grether ärgert sich auf ZeitOnline, wie wenige Musikerinnen beim Lollapalooza-Festival in Berlin auftreten durften. Ihr Appell: "Ändern wir doch einfach diese Verhältnisse. Bilden wir eine kollektive Front gegen die Zumutungen des Musikgeschäfts! ... Widersprechen wir im Nahkampf und mit viel Übermut den ewigen, langweiligen Klischees. Erfinden wir neue Mythen und Blüten!"

Weitere Artikel: In der Welt eröffnet Max Dax sein Interview mit Bernard Sumner von Joy Division mit dem prophetischen Satz: "In Wahrheit sind die Achtziger nie vergangen." Seufz. Große Hoffnungen setzt Nicklas Baschek in der Jungle World auf die HipHop-Band Migos, die mit ihrem Debüt "Yung Rich Nation" nur wegen einiger Füller-Tracks knapp am Meisterwerk-Status vorbeischrammen, dafür aber in ihren Hits mit elaboriertesten, von Baschek detailiert beschriebenen Techniken zu begeistern wissen. Alexis Petridis freut sich im Freitag, dass Iron Maiden mit ihrem neuen Album keineswegs bloß den Hunger der Fans nach mehr vom selben bedienen. Mit einem Mahler-Konzert gelang Valery Gergiev "ein denkwürdiger Einstand", schreibt ein restlos begeistert Harald Eggebrecht in der SZ. In der Welt bittet Thomas Kielinger den Barpianisten des Londoner Ritz-Hotels Ian Gomes zu Tisch.

Besprochen werden das Debütalbum der Berliner Postpunk-Band Diät (Pitchfork, hier im Stream), das neue Album von Mykki Blancos (taz), die "Edition 1" von King Midas Sound und Fennesz (The Quietus), eine CD-Box der seinerzeit von der DDR-Obrigkeit per Verordnung zwangsaufgelösten Rockband Renft (taz), Igor Levits Frankfurter Konzert (FR), das neue Soloalbum von Keith Richards (FAZ), das Album "Berlin" von Kadavar (taz) und diverse neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Malakoff Kowalski (ZeitOnline).
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