9punkt - Die Debattenrundschau

Mögliche Schwierigkeiten bei der Religionsausübung

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.09.2015. Der Independent staunt über die Vereinten Nationen, die einen saudisch-arabischen Diplomaten zum Kopf eines Expertengremiums für Menschenrechtsfragen ernennen.  Warum sind die Deutschen sauer auf die Osteuropäer, aber nicht zum Beispiel auf die Dänen, die ihre Grenzen genauso geschlossen halten?, fragt die NZZ. In der Berliner Zeitung geißelt Ilija Trojanow den großen Meinungsbrei, der jeden ernsthaften Diskurs verhindere. Die FAZ beleuchtet  syrische und irakische Reaktionen auf die Flüchtlingskrise.

Politik

Der UN-Menschenrechtsrat, der sich in den letzten Jahren ohnehin als eine Inkompetenzcluster diktatorischer und extrem religiöser Regimes darstellte, macht erneut von sich reden, weil er ausgerechnet einen saudi-arabischen Diplomaten zum Kopf einer Expertengruppe für Menschenrechte ernannte, berichtet Tom Brooks-Pollock im Independent. Diese "einflussreiche Rolle gibt Faisal bin Hassan Trad die Macht zwischen Anwärtern aus der ganzen Welt zu wählen, wenn die Vereinten Nationen Experten für bestimmte Menschenrechtsfragen sucht." Ensaf Haidar, die Frau von Raif Badawi, bezeichnet diese Entscheidung als "grünes Licht, meinen Mann wieder auszupeitschen".

Stark retweetet wird heute Joseph Goldsteins Artikel aus der New York Times über eine Politik der amerikanischen Armee in Afghanistan, die erst jetzt in die Diskussion gerät. Offenbar waren die amerikanischen Soldaten gehalten, Kindesmissbrauch durch aghanische Alliierte zu dulden: "Kindesmissbrauch war lange ein Problem in Afghanistan, vor allem bei Offizieren, die ein ländliches Gebiet beherrschten und die Bevölkerung terrorisieren konnten. Die Praxis wird als "bacha bazi", wörtlich "Spiel mit Jungen" bezeichnet, und amerikanische Soldaten und Offizieren war befohlen worden, nicht zu intervenieren - selbst dann nicht, wenn die Alliierten die Jungen in Militäbasen missbrauchten, wie es in Zeugen- und Prozessaussagen heißt."

Joseph Croitoru beleuchtet in der FAZ syrische und irakische Reaktionen auf die Flüchtlingskrise. Während Baschar al-Assad im russischen Fernsehen die angebliche Unterstützung der Terroristen durch den Westen geißelt, bleiben schiitische Geistliche im Irak recht gelassen: "Zwar sei Auswandern in nichtmuslimische Länder wegen möglicher Schwierigkeiten bei der Religionsausübung grundsätzlich verboten. Aber wenn es sich nur um einen vorübergehenden Aufenthalt handele und der Ausgereiste auch irgendwann zurückkehre, so sei dies durchaus erlaubt. Für Jugendliche gelten aus Sicht des Religionsgelehrten jedoch besondere Regeln: Sie dürften ohne Genehmigung des Vaters nicht aufbrechen."
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Internet

In der SZ empfiehlt Michael Moorstedt Facebook, sich ein Vorbild am Computerspiel League of Legends zu nehmen, für das Psychologen und Sozialarbeiter eine eigene Software entwickelt haben, um auf Hasskommentare zu reagieren: "Das System misst auch die Effizienz unterschiedlicher Sanktionsmittel. Eingeschränkte Chat-Möglichkeiten oder das Aussperren der Nutzer für prestigeträchtige Spielmodi scheinen besonders effektiv zu sein. Nach Angaben der Forscher stiegen die Rehabilitationsquoten von einmal auffällig gewordenen Spielern auf sagenhafte 92 Prozent."
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Europa

Die Vorwürfe gegen Osteuropa in der Flüchtlingskrise speisen sich aus Ignoranz und Selbstgefälligkeit, schimpft der Historiker Oliver Jens Schmitt in der NZZ. "Auffallend ist dabei, dass sich der deutsche Medienzorn eher gegen Osten als etwa gegen Staaten im Norden (Dänemark) oder Westen richtet, die sich ebenfalls der Alternativlosigkeit deutscher Politikgestaltung verweigern. ... Wie unausgewogen Kritik jedoch sein kann, zeigt der Vergleich Ungarns mit Rumänien, dessen Regierungschef Victor Ponta, ein dem Rechtsstaat skeptisch gegenüberstehender Vertreter kleptokratischer Oligarchen, lange von jenen europäischen Sozialdemokraten geschützt wurde, die sich an Viktor Orban reiben."

In der Berliner Zeitung sieht Ilija Trojanow die Flüchtlingsdebatte ganz anders verzerrt: "Es gibt ernstzunehmende Studien, laut denen völlig offene Grenzen das Flüchtlingsproblem lösen würden. Ich beschäftigte mich mit Migration und Flucht seit Jahren, aber nie hat ein großes Medium das mal zur Debatte gestellt. Wenn aber interessante Meinungen gar nicht in den relevanten Diskurs kommen, fehlt es an echter Meinungsfreiheit. Zugleich wirkt diese allgegenwärtige Toleranz, dieses Untergehen jeder Meinung im Rauschen, viel effizienter dabei, den Status Quo zu wahren."

In der SZ fragt Michael Brenner, Professor für Jüdische Geschichte in München, was eine Million syrischer Flüchtlinge für das Zusammenleben von Muslimen und Juden in Deutschland bedeuten wird. Schließlich seien die Syrer vom Regime jahrzehntelang mit antisemitischer Propaganda indoktriniert worden: "Jahrzehnte des israelisch-arabischen Konflikts haben in der islamischen Welt nicht nur das Bild von Israel, sondern auch vom Judentum geprägt. Die Radikalen meinen, einen Stellvertreter-Nahostkrieg in Europa kämpfen und Mitglieder der jüdischen Gemeinden angreifen zu müssen, wenn sie schon den Israelis nichts anhaben können. So ist es kein Wunder, dass sich in jüdischen Gemeinden unter den Enthusiasmus über die Aufnahme von Flüchtlingen auch die Ungewissheit mischt. Werden in Deutschland bald französische Verhältnisse herrschen? "

Weiteres zur Flüchtlingskrise: In der SZ erklärt Costanze von Bullion, warum sich die Linkspartei bei ihrer Klientel in den neuen Ländern mit Statements zur Flüchtlingskrise eher zurückhält.
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Ideen

Libération publiziert das Interview einer japanischen Zeitung mit Michael Foucault aus dem Jahr 1979 über die Flüchtlinge aus Vietnam und Kambodscha, die ihn, Jean-Paul Sartre und Raymond Aron seinerzeit zu einer gemeinsamen Aktion für die boat people trieben. In einer laut Libération prophetischen Einsicht sagte Foucault ein Ansteigen der Flüchtlingszahlen an. Einer der Gründe: "In den ehemaligen Kolonien hat man Staaten innerhalb der alten kolonialen Grenzen geschaffen, so dass Ethnien, Sprachen und Religionen gemischt waren. Dieses Phänomen schafft tiefe Spannungen. Die Spannungen zwischen Bevölkerungsgruppen drohen in diesen Ländern zu explodieren und könnten massive Flüchtlingsströme und den Zerfall von Staatsapparaten nach sich ziehen." Über den Aufstieg des Islamismus sagt Foucault (der zu jener Zeit die Revolution im Iran unterstützte) nichts.

Michel Onfray, der einst als relevanter französischer Intellektueller galt, distanziert sich in Le Monde von Marine Le Pen, in deren Nähe man ihn wegen seines nationalen "Souveränismus" gerückt hatte. Er sei schon wegen seines Atheismus und seines Eintretens für die Schwulenehe vor FN-Nähe gefeit: "Umgekehrt wundere ich mich aber sehr darüber, dass man nicht mit dem Finger auf die tatsächlichen Alliierten Le Pens zeigt, das heißt all jene, die sie seit 25 Jahren möglich machen. Nämlich: die liberale Rechte und die liberale Linke, die aus dem Wort "Souveränität" eine Beleidigung gemacht haben, jene Sozialisten, die 1983 auf ein linkes Projekt verzichteten und die ein öffentliches Fernsehen an Berlusconi verkauften und Bernard Tapie zum Minister und zu einem Helden der unternehmerfreundlichen Sozialisten machte."

Georg Herrnstadt berichtet vom Philosophicum in Lech, wo die gegenwärtige Optimierungswut diskutiert wurde. Vor allem der von Ray Kurzweil und Nick Bostrom propagierte Transhumanismus stieß auf Ablehnung: "Einem witzigen Einwurf Paul Konrad Liessmanns verdanken wir die Erkenntnis, dass dieses Digitalwesen zwar vielleicht unsterblich, aber jederzeit löschbar wäre."

Die NZZ druckt Liessmanns Eröffnungsrede, in der er fragt, ob wir überhaupt noch Menschen sein wollen: "Das Bild, das der moderne Mensch von sich zeichnet, ist also immer schon durchgestrichen."

In Politico.eu kommt Sudhir Hazareesingh (Autor eines Buchs zum Thema) zu wenig überraschenden Einsichten über den Niedergang der französischen Intellektuellen.
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