Efeu - Die Kulturrundschau

Melancholisches Hintergrundrauschen

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22.09.2015. Anish Kapoor ist wütend, dass er die antisemitischen Sprüche auf seiner Skulptur "Dirty Corner" entfernen muss. In der NZZ erklärt Martin Amis, warum er niemals mit Grabesstimme über den Holocaust schreiben würde. Der Tagesspiegel feiert das Randständige beim Musikfest Berlin. Die FAZ feiert Sidi Larbi Cherkaouis von Noam Chomsky und Alan Watts inspirierte Choreografie "Fractus V".

Literatur

Martin Amis versucht im Interview mit der NZZ zu erklären, warum er mit "Interessengebiet" eine Satire über den Holocaust geschrieben hat: "Der satirische Impuls in mir ist seit je sehr stark, aus Hochachtung vor einem Thema würde ich ihn nie zurückhalten. Ich hasse den rhapsodischen sepulkralen Ton, der die Holocaust-Literatur auszeichnet, die mich am wenigsten überzeugt, und es gibt einige berühmte Kommentatoren des Holocaust, die diesen Ton anschlagen und auf jeder Seite mein Misstrauen wecken." Beispiele möchte er aber lieber nicht nennen.

In der Zeit meint Jens Jessen in seiner nachträglich online gestellten Kritik des Romans: "Es gibt keinen anderen historischen Stoff, der so unerbittlich die Frage nach dem Nutzen seiner künstlerischen Behandlung aufwirft - und auch die Antwort, die Martin Amis gibt, ist nicht völlig geeignet, den Verdacht auf Ausbeutung des Stoffs zu Unterhaltungszwecken zu entkräften, die in der Popkultur schon üblich geworden ist."

Im Guardian gibt Bestsellerautorin Jojo Moyes (mehr hier) einen Dreck auf Vorurteile gegen erfolgreiche Literatur von Frauen: "I"d like to be the Puccini of fiction. I"m unembarrassed by the joy of making people feel something."

Weitere Artikel: Im Freitext-Blog auf ZeitOnline hat Feridun Zaimoglu genug vom Ehrenkodex traditionell denkender Kerle: "Ich denke an die Kinder, an die Mädchen. Man erlaubt es ihnen nicht, dass sie heraustreten aus der Gemeinschaft der wahnverstrickten Männer. Ich hoffe, dass sie es schafften. Ein Leben ohne Ehre und Eide ist das bessere Leben." Über Begegnungen mit dem Fremden beim Literaturfestival in Berlin berichtet in der NZZ Sieglinde Geisel. Online hat die FAZ jetzt Sadiq al-Azms heftige Polemik gegen Adonis nachgereicht.

Besprochen werden Ilija Trojanows "Macht und Widerstand" (taz), Atef Abu Saifs Tagebuch aus Gaza und Samar Yazbeks Reise in das zerstörtes Syrien (NZZ), Verena Luekens "Alles zählt" (Tagesspiegel), Monique Schwitters "Eins im Andern" (Berliner Zeitung), Andor Endre Gelléris "Die Großwäscherei" (Tagesspiegel), Michael Rutschkys "Mitgeschrieben" (Tagesspiegel), Ha Jins "Verraten" (Tagesspiegel) und Karl Ove Knausgårds "Träumen" (online nachgereicht von der FAZ).
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Kunst

Die französischen Behörden haben verfügt, dass die antisemitischen Sprüche, mit denen Anish Kapoors in Versailles ausgestellte Skulptur "Dirty Corner" beschmiert wurde, entfernt werden müssen, meldet Stefan Brändle in der FR. Auf Instagram hat sich Kapoor bitter beschwert über diese Entscheidung: "Dirty Corner. The racists in France have won a court judgement forcing the racist graffiti to be covered, blaming the artist and Versailles for inseminating racist propaganda. It is as if a woman is raped and blamed for her own rape. WE WILL FIGHT THIS. THE RACISTS CANNOT WIN. JOIN US. #AnishKapoor #DirtyCorner #Racism #Antisemitism #Disgrace #Versailles"

Besprochen werden die Cindy-Sherman-Ausstellung im me Collectors Room in Berlin (Berliner Zeitung) und eine Ausstellung von Antonio Canovas Statuen im Museo Canova in Possagno (SZ).
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Bühne


"Fractus V", Foto: Concertgebouw

Natali Kurth hat in Antwerpen Sidi Larbi Cherkaouis neue, von Noam Chomsky und Alan Watts inspirierte Choreografie "Fractus V" gesehen. Thema ist die Manipulierbarkeit des Einzelnen durch die Medien, erklärt die Kritikerin in der FAZ. "Cherkaoui ästhetisiert die Gewalt durch die Kunstform Tanz. Gleichzeitig fragt er, wie unvoreingenommen unser Denken und unsere Wahrnehmung sind. Wie sehr werden wir durch Medien an bestimmte Bewegungsdeutungen gewöhnt, an kurze Bildsequenzen und reflexhaftes Schließen?"

Weiteres: Christian Schröder schreibt im Tagesspiegel zum Tod des Kabarett-Autors Volker Kühn.

Besprochen werden ein Tanzabend mit den ersten neuen Stücken seit Pina Bauschs Tod am Tanztheater Wuppertal (FR), Hans Op de Beecks am Schauspiel Frankfurt gezeigtes Theaterdebüt "Nach dem Fest" (FR), neue Choreografien des Tanztheaters Wuppertal (NZZ, Welt), Ingo Berks Dramatisierung von Joseph Roths Roman "Hiob" im Konzert Theater Bern (NZZ) und Kent Naganos Einstand als neuer Generalmusikdirektor in Hamburg mit der Berlioz Oper "Die Trojaner" (FAZ).
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Film

Auf critic.de freut sich Bodo Traber über eine neue DVD mit Pasolinis nur einmal im deutschen Fernsehen gelaufenen Film "Der Schweinestall" von 1969. Bert Rebhandl berichtet im Standard vom Filmfestival in Toronto.
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Architektur

Der vom Büro Meili/Peter konzipierte Erweiterungsbau des Sprengel-Museums in Hannover genießt vor Ort einen alles andere als guten Ruf. Zu Unrecht, wie nach dem Standard jetzt auch Till Briegleb in der SZ erklärt, der es bei einem Blick auf die baulichen Details sehr bewundernswert findet, wie dieser schwarze Bau dem Anschein nach lediglich von einem Erdgeschoss aus Glas getragen wird: "Zu diesem symbolischen "Sieg über die Schwerkraft" passt die Haut des Briketts hervorragend, denn sie erinnert in ihrem geometrischen Spiel an die Zeit des russischen Suprematimus, als das explosive Pathos der Künstler den Glauben verkündete, man werde über die Physik triumphieren."

Weitere Artikel: Bei einer Berliner Tagung befassten sich Architekten und Theoretiker mit der Frage, ob Gestaltung Gesellschaft verändern könne, berichtet in der taz Ronald Berg, der Zeuge "einer Selbstüberschätzung der Gestalter" wurde. Den frisch renovierten Berner Münsterturm besucht Tobias Erb für die NZZ.
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Musik

Rundum positive Bilanz des Musikfests Berlin mit seiner "verwegenen Werkauswahl" - und besonderer Würdigung des Arditti Quartetts - ziehen Frederik Hanssen und Christiane Peitz im Tagesspiegel: Bei Festivalleiter "Winrich Hopp kehrt sich die Verteilung von Kanon und Randständigem, wie man sie aus dem Konzertalltag gewohnt ist, radikal um: Wo sonst zeitgenössische Kompositionen vorsichtig ins Kennen-wir-Lieben-wir eingewoben sind, erfüllen hier altbekannte Meisterwerke die Funktion von Feigenblättern ... Das Publikum wird beim Musikfest genauso gefordert wie die Interpreten, wenn es gilt, sich aufs Ungewohnte einzulassen."

Auf ihrem neuen Album "Honeymoon" hat Lana Del Rey die für sie typische Wehmut bislang am reinsten zum Ausdruck gebracht, meint Jessica Hopper auf Pitchfork, und das künstlerischste, vor allem aber das stilistisch vollendetste Del-Rey-Album sei es auch: ""Honeymoon" acknowledges what, or rather who, we are here for. It knows that we want big, sad, fucked-up epics. ... It reminds us of something that was the very issue with Del Rey that irritated some early on-she knows exactly what she is doing. "Honeymoon" just synthesizes ideas she"s been vamping on from the beginning into a unified work. She figured where she was going long before she got there; with "Honeymoon" she has finally arrived."

In der Welt lobt Hannah Lühmann die von Hollywood-Melodramen und weiblichen Unterwerfungsfantasien geprägte Musik Del Reys: Die Lieder "sind größtenteils nur noch Stimmungen, als hätte sich Lana Del Rey ganz auf das melancholische Hintergrundrauschen zurückgezogen, das die Grundlage ihres melancholischen Schaffens ist."

Weitere Artikel: Jan Kedves trifft sich für die SZ mit dem in Berlin lebenden Hipster-Barden Malakoff Kowalski, dessen neues, von Klaus Lemke gedrehtes Video die SZ online präsentiert. Für The Quietus kramt Luke Turner das vor 20 Jahren veröffentlichte Pulp-Album "Different Class" aus dem Plattenregal hervor. Die Zeit hat außerdem Matthias Hufmanns Porträt der vom Verfassungschutz beobachteten und auch deshalb immens erfolgreichen Punkband Feine Sahne Fischfilet online nachgereicht.

Besprochen werden Max Richters "Sleep" (Pitchfork), Friederike Wißmanns Studie "Deutsche Musik" (Freitag), das Berliner Konzert von Beirut (Berliner Zeitung, Tagesspiegel), Maurice Loucas Kölner Konzert (taz), die Fernseh-Doku "Generation Beat Club" (FR) und ein Konzert von Sufjan Stevens (FAZ).
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