Efeu - Die Kulturrundschau

Kunstchamäleon

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.03.2015. Die SZ lernt afrikanisches Design als global vernetztes Experimentierfeld kennen. Dieter Roth ist immer noch eine Zumutung, lernen Berliner Zeitung und taz in einer Berliner Ausstellung. Die NZZ betrachtet die gepanzerten Männer und Frauen von Richard Lindner. In der FAZ erinnert Kurt Drawert an den  nüchternen Blick des Lyrikers Karl Krolow. Und: ein Ausschnitt aus Jan Jiráseks neuer Oper nach Karel Čapeks Theaterstück "R.U.R.".

Design


Omar Victor Diop, Fotografie aus der Serie "The Studio of Vanities", 2013 © Victor Omar Diop, 2014, Courtesy Magnin-A Gallery, Paris

Von wegen Elend und Korruption: Bei der Ausstellung "Making Africa" im Vitra Design Museum in Weil am Rhein lernt man Afrika als zukunftshungrigen und -gewissen Kontinent kennen, berichtet Jonathan Fischer in der SZ: "Dieser neue Blick auf Afrika präsentiert ein global vernetztes Experimentierfeld ... Gerade die Flexibilität afrikanischer Designer, ihre an informellen Strukturen wie dem Minibus-Netz afrikanischer Großstädte geschulte Denkweise nimmt schon jetzt viele der Herausforderungen an, mit denen in Zukunft auch der Rest der Welt konfrontiert sein wird." (Mehr zur Ausstellung von Johannes Halder bei DRadio Kultur.)
Archiv: Design

Kunst


Dieter Roth (mit Björn Roth), Bar 2, 1983-1997, Installationsansicht Fabrikstrasse, Zürich 1997, Privatsammlung. © Dieter Roth Estate Courtesy Hauser & Wirth

Ein prächtig Brummen und Summen ist derzeit im Hamburger Bahnhof in Berlin zu erleben, wo auf insgesamt 3000 Qudaratmetern zahlreiche von Dieter Roths Ding-Klanginstallationen zu erleben sind, erfahren wir von Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung: Es handelt sich um "eine faszinierend schräge, skurrile, verspielte Kakophonie aus Sinfonie-Fetzen, verballhornten Klavierstücken und Geigensolis, schrillen Riffs, sinnlichen Beats, tiefen Orgeltönen, aus Bässen, Trommel-, Paukenschlägen - und Kinderliedchen. ... Exemplarisch für das Kunstchamäleon Dieter Roth ist ja, dass seine Werke von einem großen Publikum bis heute eher als Zumutung erlebt werden. Als etwas, das ohne Rücksicht auf Genregrenzen, gar Verluste an Tradition und Konvention entstand." Auch taz-Rezensent Julian Weber hatte seine Freude: "Fragmentarisches zieht sich durch die sehenswerte Ausstellung."

In Amerika wird er zur Pop-Art gezählt, aber von deren Fröhlichkeit ist der in Nürnberg aufgewachsene und später in die USA emigrierte Maler Richard Lindner weit entfernt, lernt Petra Kipphoff, als sie für die NZZ vor den gepanzerten Männern und Frauen in der Hannoverschen Lindner-Ausstellung steht: "Auch das geliebte New York hatte aus dem melancholischen Europäer keinen Amerikaner gemacht."

Besprochen werden weiter Liu Xias im Berliner Martin-Gropius-Bau ausgestellten Fotografien (Tagesspiegel), Parastou Forouhars Ausstellung "Common Grounds" in der Villa Stuck in München (Zeit) und Tomasz Kiznys in Potsdam ausgestellter Fotoessay über den stalinistischen Terror in den 30er Jahren (FAZ).
Archiv: Kunst

Film

Todd McCarthy stellt im Hollywood Reporter einen Monat vor der offiziellen Bekanntgabe am 20. April schon mal die reichhaltige Liste der Filme zusammen, die in Cannes laufen könnten. Im Tagesspiegel spricht Gunda Bartels mit Josef Hader, der demnächst in der gleichnamigen Verfilmung von Wolf Haas" Krimi "Das ewige Leben" zum vierten Mal als Detektiv Brenner im Kino zu sehen ist. Besprochen werden J.C.Chandors Thriller "A Most Violent Year" (Berliner Zeitung) sowie Piotr Rosolowskis und Elwira Niewieras Dokumentarfilm "Domino Effekt" über Abchasien (kino-zeit.de, SZ),

Anzeige
Archiv: Film
Stichwörter: Wolf Haas, Josef Hader

Literatur

Der Schriftsteller Kurt Drawert erinnert sich in der FAZ an den vor hundert Jahren geborenen Lyriker Karl Krolow: "Bei aller Grazilität und dauernden Verletzlichkeit der Person habe ich nur wenige Dichter kennengelernt, die so nüchtern und kühl in die kalte Welt geblickt haben und so fern aller gefühligen Betroffenheitsstimmung deren Erscheinungen als Ausdruck einer Krankheit verstanden wie er."

Weitere Artikel: In der FR porträtiert Sandra Vogel den im Rhöner Hinterland einsiedelnden Undergroundliteratur-Kleinstverleger Peter Engstler. Joachim Güntner berichtet in der NZZ vom Israel-Schwerpunkt der Leipziger Buchmesse. Außerdem hat die FAZ Anne Ameri-Siemens" Gespräch mit Frédéric Beigbeder aus der letzten FAS online nachgereicht.

Besprochen werden der Krimi "Suburra" von Giancarlo De Cataldo und Carlo Bonini (NZZ), Rachel Kushners "Flammenwerfer" (FR), Carlo Boninis und Giancarlo De Cataldos Mafiathriller "Suburra - Schwarzes Herz von Rom" (Tagesspiegel), David Petersens Fantasy-Comic "Mouse Guard - Legenden der Wächter 2" (taz), Konrad Bayers "Der Kopf des Vitus Bering" (SZ) und Kirsten Fuchs" "Mädchenmmeute" (FAZ).
Archiv: Literatur

Musik

Durch die Diskussion um künstliche Intelligenz erhält auch Karel Čapeks Theaterstück "R.U.R." von 1921, in dem erstmals die Wortschöpfung "Roboter" auftauchte, neue Bedeutung. Nach Motiven des Stücks hat Jan Jirásek eine Oper komponiert, die im Juli mit Musikern der Prague Philharmonia im Prager Forum Karlín uraufgeführt wird, erfährt man im tschechischen Magazin Hospodářské noviny. Einen ersten Eindruck von der Oper "R.U.R." gewinnt man hier:



Weitere Artikel: Für The Quietus erinnert sich Julian Marszalek an den vor 30 Jahren veröffentlichten Gruftrock-Klassiker "First and Last and Always" der Sisters of Mercy. Gerhard R. Koch berichtet in der FAZ von einer Stuttgarter Tagung zur Geschichte des deutschen Klavierlieds in Ost und West. Beim Rolling Stone schreibt Eric Pfeil weiter fleißig Poptagebuch. Christian Schröder (Tagesspiegel) schreibt den Nachruf auf Daevid Allen.

Besprochen werden eine Compilaton mit Klavierstücken von Florian Fricke alias Popol Vuh (Pitchfork), "Goon" von Tobias Jesso Jr. (Pitchfork), ein Auftritt von Mireille Mathieu (FR), ein Konzert von Selah Sue (Tagesspiegel) und ein Konzert aus dem Alban-Berg-Zyklus der Staatskapelle in Berlin (Tagesspiegel), das eigentlich auch Peter Uehling (Berliner Zeitung) besprechen wollte, doch da er sich in der Zeit geirrt hatte, saß er nun im Kammermusiksaal bei den Berliner Barock Solisten mit Kay Johannsen.
Archiv: Musik

Bühne

Auch Rüdiger Schaper schließt sich im Tagesspiegel dem allgemeinen Kritiker-Credo zu Claus Peymanns Inszenierung von Thomas Bernhards "Macht der Gewohnheit" am Berliner Ensemble an: Hauptdarsteller Jürgen Holtz ist großartig, auch das Bühnenbild, lediglich die Regie ist lauwarm temperiert. Und ein bisschen packt ihn auch die Melancholie: "Man kann an diesem Stück gut erkennen, was sich in den vergangenen 40 Jahren verändert hat im Theater. Es gibt die Autoren wie Bernhard nicht mehr, die Serientäter, die beharrlich und produktiv für die Bühne schreiben." Und Mounia Meiborg (SZ) beobachtet: "Peymann interessiert sich vor allem für die Fragen nach Vergeblichkeit und Scheitern. Eine zärtliche Melancholie liegt über der Bühne." (Bild: Jürgen Holtz in Thomas Bernhards "Macht der Gewohnheit". Foto: Monika Rittershaus)

Weitere Artikel: Cornelia Geißler (Berliner Zeitung) porträtiert den Regisseur Eike von Stuckenbrok. In der taz bringt Stefan Hochgesand Hintergründe dazu, dass es bei der Quadriennale, einem Festival für Bühnenbilder, dieses Jahr mangels Finanzierung keinen deutschen Auftritt geben wird.

Besprochen werden Richard Wherlocks Ballett "Juditha triumphans" am Theater Basel (NZZ), Nacho Duatos Bach-Choreografien im Berliner Staatsballett (Tagesspiegel), Florian Lutz" Inszenierung von Hans Werner Henzes "Phaedra" in Halle (taz), Tobias Ribitzkis Kombi-Inszenierung von Marc Blitzsteins "Triple-Sec" und George Gershwins "Blue Monday" in Berlin (Tagesspiegel), ein Abend mit Strawinsky-Choreografien in Stuttgart (FR, SZ) und Christian Frankes in Frankfurt aufgeführter Adorno-Abend "Wut und Gedanke" "("Keine Sekunde Langeweile", frohlockt Lorenz Jäger in der FAZ).
Archiv: Bühne

Architektur


Foto: Europäische Zentralbank, Coop Himmelb(l)au

Die Zeit, als Coop Himmelb(l)au noch zu den wilden Radikalen zählte, mag zwar vorbei sein, doch beeindruckend findert Dieter Bartetzko (FAZ) den morgen in Frankfurt eröffneten Neubau der Europäischen Zentralbank dann doch: Die Gruppe "hat Architektur lange nicht mehr so sorgfältig und schillernd gestaltet wie hier am Frankfurter Mainufer. Rampen und Schrägen, Keile und Pisten lassen den Turm in Sekundenbruchteilen scheinbar die Gestalt wechseln - eine atemberaubende Chimäre, gerade deshalb unverwechselbar."
Archiv: Architektur