Efeu - Die Kulturrundschau

Maximale Emotion, maximaler Schmerz, maximale Empathie

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18.03.2015. Der Standard staunt über Kunstexperimente um 1500. Jesus war ein fabelhafter Jude, meint Amos Oz in der NZZ. Es gibt kein Schweizer Kino, grummelt Jean-Luc Godard in einem Kurzfilm. FAZ und Wiener Zeitung feiern Serge Dornys Opernbiotop in Lyon, dessen Frische das museumsstarre Dresden gut hätte gebrauchen können. Neue Musik muss sich nicht rechtfertigen, erklärt in der taz Berno Odo Polzer, neuer Leiter der MaerzMusik.

Bühne


Michel van der Aa: "Le Jardin englouti". Aufgeführt beim Opernfestival Lyon. Foto: © Michel Cavalca

Eleonore Büning mag beim Opernfestival von Lyon gar nicht glauben, was für ein Bild sich ihren Augen hier darbietet: Die Häuser sind nahezu ausgelastet, das Publikum ist zudem sichtlich jung, teils jugendlich. Zurückzuführen ist dies auf die Beharrlichkeit von Leiter Serge Dorny, der die Oper hier in den vergangenen zwölf Jahren wieder an den Puls der Zeit zurückgeführt habe. Eben jener Serge Dorny, der, schreibt sie in der FAZ, "vor einem guten Jahr der berühmte Dresdner Stein des Anstoßes gewesen [war]. Zaghafte Dresdner Kulturpolitiker hatten in blinder Thielemann-Verehrung diesem gerade neu angeworbenen Intendanten fristlos wieder gekündigt. Nachträglich kann man sagen: Beschädigt wurde dabei vor allem die Dresdner Semperoper. Es ist das derzeit leider unwichtigste, langweiligste, museumsstarrste Opernhaus Deutschlands."

Auch Christoph Irrgeher ist beeindruckt. Zwar geht auch mal was schief, aber alles in allem findet er die Diversität in Dornys Opernbiotop "doch bewundernswert", schreibt er in der Wiener Zeitung. "Regelmäßig kredenzt man hier druckfrische Noten, macht Strandgut der Musikgeschichte wieder verkehrstüchtig oder greift zum Starkstromkabel, um Klassiker mit Aktualität aufzuladen: Wajdi Mouawad, Künstler aus dem Libanon, soll nächstes Jahr Mozarts "Entführung" mit der grausigen Gegenwart von Boko Haram kurzschließen. Das Opernhaus Lyon, es brennt vor allem für das Heute."

Großes Lob von Cornelia Fiedler in der SZ für das Theater Dortmund und dessen Intendanten Kay Voges, dem es in den letzten Jahren gelungen sei, das Theater inhaltlich und ästhetisch auf die Höhe der Zeit zu bringen: Voges und sein Ensemble "wollen das zurückerobern, was gutes Theater sein kann und soll: die intensive künstlerische Auseinandersetzung mit der Welt, mit Gesellschaft und Individuum, mit Verblendungen und Zusammenhängen. ... Dass sich ein Theater derart intensiv und neugierig an die Erschließung neuer Räume zwischen Bretterbühne und Touchscreen macht, ist bundesweit einmalig."

Besprochen wird Cesare Lievis Wiener Inszenierung von Thomas Bernhards "Am Ziel" (FAZ).
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Literatur

In der NZZ denkt Roman Bucheli darüber nach, warum Lutz Seilers "Kruso" verfilmt werden soll, nicht aber zum Beispiel Thomas Hettches "Pfaueninsel". Seine These: Seiler tut niemandem weh. "Den Zeitgeist jedenfalls bedienen die zu epischen Geschichten überformten gemäßigten Gegenwelten eher, als es die rustikaleren Seiten der Zeitgeschichte vermöchten. Die Schrecken des totalitären Staates bleiben vornehm und diskret in einem diffusen Hintergrund."

Im Interview mit der NZZ spricht Amos Oz über sein neues Buch "Judas", über Verräter in Israel und die jüdische Debattierlust: "Es stimmt, dass die gesamte jüdische Zivilisation - in guten Zeiten - ein großes Open-Air-Seminar ist. Ein endloses Spiel mit Interpretationen. In schlechten Zeiten wird es dogmatisch. Aber es gibt ein anarchistisches Gen in der jüdischen Zivilisation. In diesem Sinne war Jesus ein fabelhafter Jude. Ein großer Debattierer, der die Dinge auf den Kopf stellte. Ich liebe Jesus für seine heimliche Anarchie."

Weitere Artikel: In Spanien ist man womöglich auf das Grab von Cervantes gestoßen, meldet Martin Dahms in der FR. Im Standard annonciert Gerhard Dorfi das Nextcomic-Festival in Linz.

Besprochen werden Peter Richters "89/90" (FR), Valerie Fritschs Roman "Winter Garten" (Standard), Hilary Mantels Autobiografie "Von Geist und Geistern" (Standard), Michael Hagners Band "Zur Sache des Buchs" (NZZ), Essays von Virginia Woolf (SZ) und Rolf Niederhausers "Seltsame Schleife" (FAZ).
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Film

(Via Le Monde) Für alle, die Französisch mit Schweizer Akzent können: Diesen Kurzfilm mit einem Auszug aus seinem never ending stream of consciousness hat Jean-Luc Godard an die Schweizer Kino-Akademie geschickt, nachdem er für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, er selbst begibt sich nicht mehr zu solchen mondänen Festivitäten: ""Es gibt kein Schweizer Kino", murmelt er, nachdem er auf den Teppich gefallen ist, "es gibt sehr wohl bulgarische Filme, finnische Filme, afrikanische Filme, britische Filme... Aber kein Kino.""



Weitere Artikel: Dominik Kamalzadeh stellt im Standard den Regisseur Nikolaus Geyrhalter vor, der "Über die Jahre" ehemalige Fabrikarbeiter durchs Leben begleitete und dem die Diagonale eine Personale widmet. In der Berliner Zeitung porträtiert Hans-Joachim Schlegel den russischen "Leviathan"-Regisseur Andrej Swjaginzew, der heute in Berlin mit dem Kunstpreis der Akademie der Künste geehrt wird.

Besprochen werden J. C. Chandors "A Most Violent Year" (taz, FAZ), Robert Schwentkes Sci-Fi-Film "Die Bestimmung 2: Insurgent" (Welt), der Animationsfilm "Shaun, das Schaf" (ZeitOnline, SZ) und der vierte Brenner-Krimi im Kino (Welt).
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Architektur

David Chipperfield wird eine Erweiterung des Metropolitan Museums in New York entwerfen, meldet Patrick Bahners in der FAZ. Mehr dazu beim Economist.

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Musik

Im taz-Gespräch mit Tim Caspar Boehme plädiert Berno Odo Polzer, der neue Leiter des Berliner Festivals MaerzMusik, für ein selbstbewusstes Auftreten der Neuen Musik: "Ich bin ein Gegner von Defensivhaltungen und der Angst, die mit diesem Nischendasein der Neuen Musik verbunden ist. Der Rechtfertigungsdruck für eine Kunstform, der quantitativ bestimmt ist, muss kritisch hinterfragt werden. Es geht mir gar nicht darum, so zu tun, als wären zeitgenössische experimentelle Musikformen populär, aber es geht darum, welche Bedeutungen diese Praktiken haben, was sie sichtbar machen in einem Umfeld, das immer mehr auf Profit und Wachstum ausgerichtet ist."

Noel Gallagher erklärt im Interview mit der Welt, warum er die heutige Musik nicht mag, warum er die heutigen Musiker nicht mag, warum er Videos nicht mag und warum er Helene Fischer nicht mag: "Das hier ist nicht mal Musik. Das soll in Deutschland das große Ding sein? Unfassbar! Aber man muss auch immer genau nachschauen, wer solche Songs schreibt. Das war garantiert nicht diese Helene Fischer. Das waren ein paar Typen in meinem Alter, die zu fett sind, um Rockstars zu sein, eine Glatze haben und Scheißsongs schreiben. Dieses Lied bringt irgendjemandem viel Geld."

Weitere Artikel: Du sollst nicht Gewaltdarstellungen mit realer Gewalt verwechseln, doziert Nicklas Baschek auf ZeitOnline in einer ausführlichen Verteidigung von Hiphop. Richtig gut gefällt Juliane Streich in der taz das neue Album "Schick Schock" der Österreicher Rock"n"Roller von Bilderbuch: "Selten kamen Pimmel und Philosophie so charmant zusammen, haben französischer Dekonstruktivismus und Anbaggersprüche so zärtlich Händchen gehalten." Christiane Tewinkel geht für den Tagesspiegel mit dem Komponisten Christian Jost schwimmen. Sehr positiv resümiert Marco Frei in der NZZ Heike Hoffmanns Leitung der Salzburger Biennale für Neue Musik. Für VAN hat der Komponist Hannes Seidl eine Playlist erstellt und kommentiert.

Besprochen werden ein Konzert von Noel Gallagher (Tagesspiegel), ein Konzert von Paul Simon und Sting (Tagesspiegel, Berliner Zeitung), die Autobiografie von Rammstein-Keyboarder Flake Lorenz (Berliner Zeitung), Björks neues Album (Standard) und das Münchner Konzert von Ivo Pogorelich (SZ).
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Kunst


Georg Lemberger, Sündenfall und Erlösung, 1535. Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum © Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg

Im Standard ist Anne Katrin Feßler hin und weg von der Ausstellung "Fantastische Welten", die nach dem Städel jetzt im Kunsthistorischen Museum Wien zu sehen ist. Die Schau beleuchtet eine rund 30 Jahre umspannende Phase um 1500, "in der wild experimentiert wurde, Figuren gelängt, gebogen oder unter Falten begraben wurden, als wäre man nicht in der Renaissance, sondern mittendrin im Manierismus. Man schachtelte Figuren, Szenen, Perspektiven auf dieselbe Leinwand, spielte mit irrealem Licht und griff bisweilen zu grellen Farben. Die Drastik des Themas, der Ausdruck spiegelte sich in expressiven Himmeln, Landschaften, Gesten. Maximale Emotion, maximaler Schmerz in der Kunst - maximale Empathie beim Betrachter".

Sigmar Polkes "heiliger Unernst" entzückt FR-Rezensent Michael Kohler beim Besuch der "grandiosen" Polke-Retrospektive im Museum Ludwig in Köln sichtlich: "Ergriffen schreitet man in der chronologisch geordneten Ausstellung durch die Galerien aus gerastertem Gebäck und gemalten Witzen". Mehr zur Polke-Retrospektive in unserer Kulturrundschau vom 16. März.

Besprochen werden Peter Badges Fotoband "Geniale Begegnungen. Weltreise zu den Nobelpreisträgern" (Berliner Zeitung), eine Goya-Schau in London (FR), die Ausstellung "Invisible Violence" im Salzburger Kunstverein (Standard), eine Ausstellung mit Werken von Émile Bernard der Kunsthalle Bremen (FAZ) und die Ausstellung "Der Göttliche - Hommage an Michelangelo" in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik in Bonn (SZ).
Archiv: Kunst