Efeu - Die Kulturrundschau

Schutzraum und Gefängnis in einem

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.02.2015. Hört mehr Klassik, fordert Daniel Barenboim im TagesspiegelJérôme Ferrari erläutert in der taz das literarische Potenzial der Quantenphysik. In der FAZ äußert der Architekt Marc Jordi Bedenken gegen ein Spaßbad an der Berliner Museumsinsel. Welt und SZ besichtigen beeindruckt die Installationen von Louise Bourgeois in München. Und Welt und Welt nehmen Abschied von Leonard Nimoy.

Literatur

Thomas Schmid, ehemals Chefredakteur der Welt, erinnert sich in seinem Blog daran, wie eine Diskussion mit Fritz J. Raddatz, die er moderieren sollte, nicht zustande kam (sie scheiteterte an Raddatz" Honorarvorstellung). Und er zollt Raddatz Achtung für seinen Abgang: "Er hat einfach getan, was er oft angekündigt hatte - so oft, dass mancher ihm das als selbstmitleidige Wichtigtuerei auslegte: Er ist aus dem Leben geschieden, Zeitpunkt und Ort hat er selbst bestimmt. Ganz ein Mann der Diesseitigkeit und einer Moderne, zu deren geistigen Vätern Heinrich Heine gehört, sah er sich berechtigt, dies zu tun."

"Es ist an der Zeit, den Riss wahrzunehmen, der durch die Gegenwartsliteratur geht", meint Richard Kämmerlings und stellt im Aufmacher der Literarischen Welt eine Riege junger Autoren von Endzeit- und Science-Fiction-Romanen vor, die von den eher auf historische Stoffe à la Tellkamp und Seiler fokussierte Debatten bislang wenig berücksichtigt wurden: "Diesen Bezug auf Geschichte haben jüngere Autoren schon als antiquarisch im Sinne Friedrich Nietzsches durchschaut: Als Indienstnahme der Historie für eine kollektive Identität oder schlicht als Flucht. Auch deshalb wenden sich die Romane der Postpragmatiker der Zukunft zu: Was von Geschichte noch übrig ist, muss als Besteck tauglich sein, nicht nur als Ballast, der die Betrachtung der Gegenwart verstellt."

Für die taz unterhält sich Julian Weber mit Jérôme Ferrari über dessen neuen Roman "Das Prinzip", in dem sich der Autor mit dem Physiker Werner Heisenberg auseinandersetzt. Naturwissenschaft und Literatur - geht das gut zusammen? "In der Quantenphysik steckt immense literarische Fülle," meint Ferrari. "Ich bin mir nicht sicher, ob die Fantasie bei wissenschaftlichen Entdeckungen eine geringere Rolle spielt als in der Kunst. ... Es gibt Intuitionen, Sprünge, eine Form von Kreativität. Diese Zweiteilung in Naturwissenschaft und Literatur, wie man sie gemeinhin denkt, kommt mir falsch vor."

Außerdem: Zwar rangiert auf Online-Lesecommunities wie LovelyBooks (mehr) die feuilletonrelevante Literatur eher auf hinteren Plätzen, dafür herrsche dort in den Kommentaren und Besprechungen ein erstaunlich "respektvoller Umgangston" vor, berichtet Oliver Jungen (FAZ) von seiner Online-Safari. Der KZ-Roman "The Zone of Interest" von Martin Amis erscheint nun doch auf Deutsch, meldet die NZZ: nach der Absage des Hanser-Verlags kündigt der Zürcher Verlag Kein & Aber an, das Buch im Herbst herauszubringen. Ebenfalls in der NZZ stellt Martina Läubli neue Dialektliteratur aus der Schweiz vor. In der Welt schreibt der Dramatiker Rolf Hochhuth einen sehr persönlichen Nachruf auf seinen Freund Fritz J. Raddatz. Außerdem druckt die Welt einen Auszug aus den nächste Woche erscheinenden Tagebüchern von Michail Bulgakow. Besprochen werden Michael Wildenhains "Das Lächeln der Alligatoren" (taz), Louis Begleys Krimi "Zeig dich, Mörder" (taz), John Williams" "Butcher"s Crossing" (SZ), Leif Randts Science-Fiction-Roman "Planet Magnon" (Welt), der Krimi "Perfidia", mit dem James Ellroy einen neuen L.A.-Zyklus beginnt (Welt), Rachel Kushners Roman "Flammenwerfer" (Welt) und Doris Knechts "Wald" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Film

Für ZeitOnline hat sich Philipp Steinartz die ersten Folgen der dritten Staffel von "House of Cards" angesehen, wo einem in der dritten Folge tatsächlich auch Pussy Riot über den Weg laufen, die sich dort im Weißen Haus über Putin echauffieren. "Am Ende schütten Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Alechina aus Protest ihren Champagner auf den Tisch und gehen. Underwood nutzt Pussy Riot für seinen Kampf gegen den fiktionalen Putin, Pussy Riot nutzen "House of Cards" für ihren Kampf gegen den echten."

Jan-Schulz Ojala bringt im Tagesspiegel Hintergründe zu dem in Polen laufenden Gerichtsverfahren über eine mögliche Auslieferung Roman Polanskis an die USA.

Außerdem: Leonard Nimoy ist gestorben! Einen ersten Nachruf bringt die New York Times, einen zweiten schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt: "Leonard Nimoy hat im Verlauf einer 62-jährigen Karriere in genau 134 Filmen mitgewirkt. Und doch wurde er ein Leben lang auf eine Rolle reduziert, die er drei Jahre lang spielte, in den Sechzigern, in einer Serie, die nach drei Staffeln wegen schlechter Quoten eingestellt wurde: Mr. Spock im "Raumschiff Enterprise"." Weniger bekannt ist, dass Nimroy gern und liebevoll dicke Frauen fotografierte - 2007 brachte er das Buch "The Full Body Project" heraus (siehe unsere Coverabbildung). Rebecca Ruiz stellt das Projekt auf Mashable mit vielen Abbildungen vor. Auf OpenCulture liest Nimoy aus Ray Bradburys "Mars-Chroniken". Und sein letzter Tweet vom 23. Februar lautete:

Archiv: Film

Kunst

"Plötzlich von der Kunst umarmt", und zwar nicht liebevoll geborgen, sondern schmerzhaft intensiv, fühlt sich die Welt inmitten der Werke der französisch-amerikanischen Bildhauerin Louise Bourgeois. Das Münchner Haus der Kunst stellt dreißig der Installationen aus, die die Künstlerin selbst als "Zellen" bezeichnete: "Jede dieser Zellen ist Schutzraum und Gefängnis in einem. Einige sind aus härtesten Stahlgittern gefertigt, klein, groß, hoch, niedrig. Andere aus alten Türen, klapprig. Ein Hexenhaus in Segmenten ohne Lebkuchen? Nein, hier ist nichts verwunschen. Hier wird mit einer klaren Spannung gearbeitet, nicht mit Mystik - der Spannung zwischen dem, was in der Künstlerin privat vorgeht, und dem, was sie öffentlich, also anti-privat, als Kunst herzeigt." (Bild: Louise Bourgeois: Cell XXVI, 2003. Foto: Minke Wagenaar (via Flickr)).

Alleine schon wegen Fragen der Raumästhetik findet Catrin Lorch (SZ) die Louise-Bourgeois-Schau spannend: Zum einen, weil die Künstlerin die erste Frau ist, deren Werk im Ostflügel des Hauses ausgestellt wird, zum anderen weil ihr Werk der demonstrativen Gigantomanie des einstigen Nazi-Baus erfolgreich trotzt: Dass die Künstlerin "den idiotischen Größenverhältnissen der zentralen Saalflucht standhält und diese gleichzeitig konterkariert, macht sie erhaben, auch über solche peinlichen Zusammenhänge. Ihr Werk höhlt die Riesendimensionen der Hallen aus, bricht sie herunter auf menschliches Maß. Noch nie hat man den Ostflügel dieses Ausstellungshauses so gut bespielt gesehen, nie zuvor so entblößt."


(Gerhard Richter: Fotografien nach Abstrakten Bildern (937-1 bis 4). Foto: Oliver Killig.)

Lange angekündigt, jetzt umgesetzt und im Albertinum in Dresden zu sehen: Gerhard Richters Zyklus von vier abstrakten Bildern, die auf Fotografien aus Auschwitz basieren, ohne aber gegenständliche Ästhetik zu bedienen, wie Julia Voss in der FAZ berichtet. Handelt es sich bei den Bildern nicht um Historienkitsch, fragt sie sich. Nein, meint sie: "Dafür sind sie zu unaufdringlich, zu zurückhaltend. Richter versucht nicht, das Grauen zu überbieten, malerisch zu vergrößern oder sich anzueignen. Seine Bilder beziehen sich nicht auf das Sichtbare, sondern sie bieten dem Betrachter für Assoziationen Raum: für den Schrecken, den die historischen Fotografien auslösen, für die Vorstellung von der Angst der Häftlinge, erwischt zu werden, vielleicht ihre Hoffnung, es könnte Hilfe geben."

Mit "Ugly Babies" stellt der Berliner Martin-Gropius-Bau angeblich unter erheblichem Aufwand außer Landes geschmuggelte Fotografien der in China von erheblichen Repressionen betroffenen Künstlerin Liu Xia aus. In der FR stellt sich Sabine Vogel da einige grundsätzliche Fragen: "Wovon lebt sie, wenn sie seit sechs Jahren Ausstellungsverbot und Hausarrest hat? Wieso konnten vom ebenfalls unter strenger Staatsbeobachtung stehenden Dissidenten Ai Weiwei letztes Jahr containerweise Kunstwerke ausgeführt werden, von der doch wesentlich harmloseren Liu Xia aber keinerlei Arbeiten aus den letzten zwanzig Jahren?"

Arno Widmann (FR) lässt sich von Kunsthistoriker Werner Spies eine Zeichnung von Alexandre Cabanel erklären. Besonders hervorhebenswert daran ist, "wie Cabanel es schafft, mit dem Bleistift Farbtöne hervorzubringen. Man spürt die unterschiedliche Stofflichkeit von Fleisch und Wasser und Himmel so sehr, dass man glaubt, Farben zu sehen."
Anzeige
Archiv: Kunst

Musik

In der taz stellt Fatma Aydemir das mit Elementen des Afrofuturismus spielende Hiphop-Duo THEESatisfaction vor, das sich in seiner Sound-Ästhetik auf die Verschränkung "gegensätzlicher Bewusstseinszustände" spezialisiert hat: "Begehren und Entsagen, Rausch und Nüchternheit, Subtilität und In-your-face-Aussagen stehen beieinander, ohne sich gegenseitig abzustoßen." Hier können wir uns davon überzeugen:



Im Tagesspiegel-Interview mit Frederik Hanssen erklärt Daniel Barenboim angesichts eines vollen Konzertkalenders mit viel Musik aus dem 20. Jahrhundert, welche Herausforderungen diese mit sich bringt: "Das Publikum hört diese Stücke nicht oft genug. Familiarität aber stellt sich nur ein, wenn man mit den Werken vertraut ist. Das gilt ebenso für die Musiker. Erst wenn die Interpreten nicht mehr ihre ganze Konzentration dafür brauchen, die Noten korrekt umzusetzen, beginnt die Musik zu fließen. Wer sich frei fühlt, spielt auch freier. Genau das möchte ich dem Publikum anbieten: Ein Orchester, das sich wirklich auskennt mit den Stücken."

Weiteres: Thomas Winkler (taz) trifft sich mit der Musikerin Alexia Peniguel. Besprochen wird das Debütalbum von Future Brown (Freitag).
Archiv: Musik

Architektur

Nach dem Prozess der Entfestigung im 19. Jahrhundert haben Stadtmauern und -tore ihre praktische und politische Bedeutung verloren, erläutert der Historiker Daniel Jütte in der NZZ und weist auf die ambivalente Rolle städtischer Befestigungsanlagen in der Vormoderne hin: "Einerseits waren Tor und Mauer integraler Teil des Schutzversprechens, das die vormoderne Stadt gab, und des Bürgerstolzes, den sie ermöglichte. Anderseits waren das System der Besteuerung und die Kontrollen, mit denen sich die Passierenden am Tor konfrontiert sahen, in weiten Teilen der Bevölkerung recht unbeliebt. Diese Schwierigkeiten und Konfliktpotenziale, die sich einst mit der Passage durch ein Tor verbanden, ahnen wir heute kaum noch, wenn wir Stadttore als historische Monumente betrachten. Es wird dann leicht übersehen, dass die Praktiken der Kontrolle und Identifizierung, die wir gerne als moderne Auswüchse des "Sicherheitsstaates" bezeichnen, bereits in der Vormoderne in besonderer Weise am Stadttor erprobt und teilweise sogar erfunden wurden."

"Großstadt statt Großprojekt!" fordert der Architekt Robert Kaltenbrunner in der NZZ. Er erklärt, warum der moderne Städtebau zur Megalomanie neigt und fragt: "Kann denn Veränderung wirklich nur von etwas Gigantischem kommen? Ist nicht auch eine Vielzahl punktueller Interventionen in der Lage, etwas Großes zu bewirken? Tausend neu bebaute, reaktivierte oder anders genutzte Parzellen zum Beispiel?"

Bei den Diskussionen, rund um die Berliner Museumsinsel ein Flussbad zu errichten, macht der Architekt Marc Jordi in der FAZ Vorbehalte geltend: "Ein Flussbad an der Museumsinsel wäre für die langsam wieder erwachende Bürgerschaft im historischen Kern Berlins wünschenswert, doch ist zu befürchten, dass die Umsetzung ein stadtbildunverträgliches ökotechnisches Monster gebären und die Flussbadidee zur Spaßbadrealität werden wird. Am Weltkulturerbe ist die städtische Form zu wahren. Wenn nicht mal mehr dort, wo denn sonst?"
Archiv: Architektur

Bühne

Besprochen wird ein "Macbeth. Nach Verdi" an der Neuköllner Oper in Berlin (Tagesspiegel),

Archiv: Bühne
Stichwörter: Macbeth, Neukölln