Efeu - Die Kulturrundschau

Mehr Wein!

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.02.2015. Auf nach Rudolstadt, in den "Faust", ruft eine hypnotisierte Zeit. Die Literaturkritik ist in ihrer Schwundphase, geißelt Zeit online. Banksy dreht ein Gaza-Video mit Katze. In der Spex bittet Fatima Al Qadiri, doch bitte mal zehn Minuten ihren Migrationshintergrund zu vergessen. Der Freitag feiert den Afrofuturismus von Celine Sciammas Banlieue-Film "Girlhood".

Bühne


Faust_1 in Rudolstadt. Mit Matthias Winde als Mephisto und Steffen Mensching als Faust.

In einer hinreißenden, fast stakkatohaften Kritik macht Zeit-Rezensent Christoph Diekmann seiner Begeisterung über die "Faust"-Inszenierung im thüringischen Rudolstadt Luft. "Sie ist gerichtet!" - damit endet das Stück in Rudolfstadt: "Keinerlei Erlösung. Warum? Weil Gretchen nicht gerettet wird. Das sagt der Dramaturg Michael Kliefert, beim Trunke, nachts um drei. Die Premiere ist gefeiert und bezecht. Kliefert fragt: Wer ist Mephisto? Fausts Nachtwesen. Das Prinzip Egomanie. Der Erniedriger, der sich selbst erhöht. Der Söldner mit dem Berufswunsch Mörder. Töten ohne Reue, mit Genuss. Der liebelose Mensch. Auch die Liebe, sagt Kliefert, ist eine teuflische Struktur. Die Gretchen-Tragödie erschafft und zerstört eine Welt, und wenn ich das nicht inszeniere, bleibe ich banal und brauche weder Gott noch Teufel. Mehr Wein!"

Sehr dankbar ist tazlerin Katrin Bettina Müller der Choreografin Riki von Falken, dass sie mit 61 Jahren ihr Stück "one more than one" aus dem Jahr 2003 nochmals in Berlin aufführt: "Es [ist] selten, dass die Perspektiven und Erfahrungen der zweiten Lebenshälfte so zur Basis der tänzerischen Arbeit werden".

Heute beginnt in Berlin zum zwölften und letzten Mal das unkuratierte Mitmach-Festival 100°, berichtet Esther Slevogt in der taz. Warum zum letzten Mal? "Die freie Szene hat sich verändert. Berlin hat inzwischen viele Spielstätten für freies Theater. ... Außerdem habe die Zahl der echten Festivalentdeckungen in den letzten Jahren sichtbar abgenommen." Ab 2016 soll es ein modernisiertes Nachfolge-Festival geben.

Besprochen werden Thomas Ostermeyers "Richard III."-Inszenierung mit Lars Eidinger an der Berliner Schaubühne (Freitag) und eine von Mauricio Sotelo vertonte, in Madrid aufgeführte Opernfassung von García Lorcas Stück "El Público" (FAZ).
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Literatur

Setzen, Sechs: Thomas Böhm (ZeitOnline) haut den Literaturkritikern ihre fast durchweg negativen Rezensionen von Jochen Distelmeyers Debütroman "Otis" mit einigem Karacho um die Ohren. Was sich Böhm in allen Rezensionen offenbart, ist Literaturkritik in ihrer Schwundphase, unfähig, die feinfühlige, intertextuelle Ästhetik des Romans zu begreifen. Und wenn Distelmeyer sein Konzept in Interviews andeutet, wird das auch nicht als Hinweis verstanden: "Keiner der Kritiker setzt sich substanziell mit diesen explizit formulierten Ansätzen Distelmeyers auseinander. Das bedeutet: Sie messen Distelmeyers Werk nicht an den Maßstäben, die es selbst aufstellt und verfehlen damit den Grundsatz jeglicher Kunstkritik." Böhm zeigt sich damit: "Der viel beklagte Bedeutungsverlust von Literaturkritik ist nicht Ergebnis des Medienwandels, er ist auch selbst verschuldet."

Weitere Artikel: Catarina von Wedemeyer war für die taz bei der Berliner Lesung von Alain Mabanckou. Hubert Spiegel hörte für die FAZ einem Vortrag von Albrecht Schöne über Goethe als Briefeschreiber. Die Zeit druckt einen Auszug aus dem morgen erscheinenden Buch "Jahre mit Ledig" von Fritz J. Raddatz.

Besprochen werden u.a. Milan Kunderas "Fest der Bedeutungslosigkeit" (Berliner Zeitung, mehr), Michael Fehrs Erzählung "Simeliberg" (NZZ) und Jérôme Ferraris "Das Prinzip" (SZ).
Archiv: Literatur

Kunst


Banksy: "Welcome to Gaza"

(Via Mashable) Der politische Künstler Banksy hat einige seiner auf dem Kunstmarkt so begehrten Graffitis im Gaza-Streifen angebracht und einen kleinen Dokumentarfilm gedreht, in dem er die missliche Lage der Bewohner anprangert, für die er Israel verantwortlich macht. Auf einem der Graffitis zeigt er eine Katze, die mit einer Metallkugel spielt und schreibt dazu auf seiner Website: "Ein Mann aus der Gegend kam und fragte - "bitte, was soll das?" Ich sagte, ich wolle die Zerstörung in Gaza zeigen, indem ich Fotos auf meine Website stelle, aber im Internet gucken sich die Leute immer nur Katzenbilder an."

Im Berliner Haus der Kulturen der Welt eröffnet heute Harun Farockis und Antje Ehmanns Videoinstallation "Eine Einstellung zur Arbeit", die Videos aus der heutigen Arbeitswelt versammelt. Das ist angesichts der Fülle des Materials durchaus überfordernd, wenn auch auf produktive Weise, meint Gregor Dotzauer im Tagesspiegel: "Keine Theorie lässt sich ableiten, keine Diagnose, nicht einmal ein durchgängiges Gefühl. Was in dieser Auswahl aus der vollständigen Sammlung zusammenfindet, (...) ist so disparat, dass es höchstens die unendliche Disparatheit dessen illustriert, was als Arbeit gilt - obwohl der Schwerpunkt eindeutig auf ihren materiellen Varianten liegt." Anlässlich der Eröffnung erinnert sich Gerd Conradt in der taz an den im vergangenen Jahr verstorbenen Harun Farocki.


Camille Henrot: The Pale Fox

Beim Besuch von Camille Henrots in Münster ausgestellter Installation "The Pale Fox" kann einem schon der Kopf kreisen, erklärt Niklas Maak in der FAZ: "Immer wieder laufen mythologische, medizinisch-wissenschaftliche und künstlerische Bilder ineinander, die Erzählungen überlagern sich, und das formale Palimpsest, das dabei entsteht, führt nicht zum Zusammen-, eher zu einem Aufbrechen der Narrative." Allerdings legt Maak Wert auf die Feststellung, dass Henrot keineswegs dem Prinzip der Beliebigkeit vieler anderer Installationskünstler folgt.

Besprochen werden eine Ausstellung mit den erst postum entdeckten Fotografien von Vivian Maier im Berliner Willy-Brandt-Haus (taz), die Romantik-Ausstellung "Dahl und Friedrich" im Dresdner Albertinum (Welt), die Gauguin-Retrospektive in der Fondation Beyeler in Basel (FR), die Ausstellung "Buddha - 108 Begegnungen" im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt (FR) und die Ausstellung "Künstler-Bilder: Inszenierung und Tradition" in der Neuen Pinakothek in München (SZ). Gabriele Detterer schließlich besucht für die NZZ die neue Dauerausstellung der Textil-Firma Hanro im Museum Baselland in Liestal: "Modefotos vom Body-Kult im dezenten Hanro-Look regen dazu an, sich den Siegeszug elastisch feiner Stoffe ebenso zu vergegenwärtigen wie die großen Hanro-Zeiten." (Beleg: dieses Werbefoto mit feinster Wollunterwäsche aus den 50er Jahren. Hanro-Archiv / Museum Basel-Land)
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Archiv: Kunst

Musik

Für die Spex trifft sich Thomas Venker mit Fatima Al Qadiri, um über deren neues kollaboratives Projekt Future Brown zu plaudern. Doch auf Fragen nach dem unterschiedlichen Migrationshintergrund der Beteiligten hält Fatima Al Qadiri "ziemlich ungehalten fest, dass die europäischen Journalisten sie langsam damit nerven, dem "Projekt einen Rassenaspekt" geben zu wollen. "Das liegt nicht in unserem Interesse", fügt sie energisch hinzu. "Unser Name soll bitteschön nicht in gewisse Diskursschubladen gesteckt werden. Er hat nichts mit Rasse zu tun. Unser Projekt ist geradezu das Gegenteil, unsere Bemühung, uns nicht kategorisieren zu lassen, unsere Ideen nicht gefangen nehmen zu lassen."" Hier eine Hörprobe:



Weitere Artikel: Katja Schwemmers (Berliner Zeitung) plaudert mit Nena. FAZ-Musikkritiker Gerhard Rohde ist gestorben: In der FAZ schreibt Eleonore Büning, in der FR Hans-Jürgen Klinge den Nachruf. Das NPR bringt den Videomitschnitt einer kompletten Sleater-Kinney-Show. Die Zeit unterhält sich mit Björk über ihre große Schau im MoMA, die am 8. März eröffnet wird. Ebenfalls in der Zeit porträtiert Mirko Weber den Dirigenten Kirill Petrenko.

Besprochen werden Matana Roberts" neues Album "Coin Coin Chapter Three: River Run Thee" (Freitag), ein Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters (Tagesspiegel) und ein Auftritt von Jamie Barton in Frankfurt (FR).

Außerdem: Hiphop-Journalismus und Feuilleton - das SplashMag lässt diskutieren:

Archiv: Musik

Film


Utopisches Potenzial: Céline Sciammas "Girlhood"

Inhaltlich und ästhetisch eher schlicht findet Elena Meilicke im Freitag die französische (unter anderem auch im Tagesspiegel besprochene) Culture-Clash-Komödie "Heute bin ich Samba", mit der Éric Toledano und Olivier Nakache an ihren Erfolgsfilm "Ziemlich beste Freunde" anzuknüpfen versuchen. Da lobt sie sich Céline Sciammas in den Pariser Vororten spielenden Film "Girlhood", der eben auch ein ästhetisches Verhältnis zu seinem Gegenstand findet: "Die brachialen Betonarchitekturen der Banlieues müssen hier einmal nicht als Chiffre für Verslummung und soziale Brennpunkthaftigkeit herhalten, sondern entbergen ein utopisches Potenzial - wie Teile eines im Weltall schwebenden Raumschiffs wirken die weißen Treppen und Wandelgänge, die weiten Freiflächen und organisch gekurvten Skatebahnen. Damit knüpft "Bande de filles" an jene popkulturelle, afroamerikanische Tradition an, die mit dem Namen Afrofuturismus belegt ist." Auch Tilman Strasser (Tagesspiegel) ist von dem Film enorm begeistert, auf critic.de bespricht ihn Till Kadritzke.

Für den Freitag unterhält sich Matthias Dell mit Wolfgang Kohlhaase über dessen Drehbuchadaption von Andreas Dresens Clemens-Meyer-Verfilmung "Als wir träumten". Katja Nicodemus preist den Film in der Zeit als ein "sehr genau inszeniertes Bild einer Epochenwende und das zeitlose Porträt einer Jugend". Ganz und gar nicht, findet Dirk Knipphals in der taz: "Für die große Orientierungslosigkeitsoper in zwei Stunden mit ihrer Dialektik von Aufbruch und Scheitern, die der Film ja sein will, ist das alles zu ungenau."

Weitere Artikel: Claudia Lenssen (taz) rät den Berlinern zum Besuch einer Marathon-Vorführung von Edgar Reitz" digital restaurierter "Heimat" im Kino Babylon. Ulrich Lössl (Berliner Zeitung) spricht mit dem Schauspieler Colin Firth. David Hugendick (ZeitOnline) beobachtet eine Alzheimer-Konjunktur im Kino. In der FAZ trägt Jürg Altwegg unbelegte Gerüchte weiter, wonach der "Timbuktu"-Regisseur Abderrahmane Sissako ein Propagandist und Mitarbeiter seines Präsidenten Mohamed Ould Abdel Aziz sei: Als einzige Quelle zitiert Altwegg die ehemalige Liberation-Korrespondentin Sabine Cessou, die den Film, der den unerfreulichen Alltag in Timbuktu unter den Islamisten beschreibt, im Dezember als "afrikanisches Märchen für den Westen" abtat. Und dann steckt Altwegg Sissako und Aziz auch noch nach Mali, dabei sind beide Mauretanier. Nur Timbuktu, das liegt tatsächlich in Mali!

Besprochen werden Clint Eastwoods "American Sniper" ("statt einer Befragung liefert er eine Beschwörung der vermeintlichen militärischen und politischen Tugenden seines Landes", bedauert etwa Martin Seel in der Zeit) und Daniel Ribeiros "Heute gehe ich allein nach Haus" (Perlentaucher) sowie Anna Ditges" Dokumentarfilm "Wem gehört die Stadt?" (SZ).
Archiv: Film