Milan Kundera

Das Fest der Bedeutungslosigkeit

Roman
Cover: Das Fest der Bedeutungslosigkeit
Carl Hanser Verlag, München 2015
ISBN 9783446247635
Gebunden, 144 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Uli Aumüller. Vier Männer streifen durch Paris, besuchen ein elegantes Fest, beobachten die erotischen Strategien ihrer Mitmenschen. Alain entwickelt komplizierte Theorien über die Lust der jungen Mädchen, den Bauchnabel zu zeigen. Ramon würde endlich gern die Chagall-Ausstellung besuchen. Charles erläutert Stalins Witze, bei denen niemals jemand lachte. Und Caliban, der Schauspieler ohne Rollen, erfindet eine eigene Sprache, über die nur er sich kaputtlachen kann - bis das junge portugiesische Hausmädchen ihn versteht. Mit seinem ersten Roman nach vierzehn Jahren hat Milan Kundera das Porträt einer Epoche gezeichnet, die komisch ist, weil sie ihren Humor verloren hat.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 21.03.2015

Hier kommt einiges an sein Ende, berichtet Kritiker Stephan Wackwitz von seiner Lektüre dieses kleinen, als Begleitung für einen Bistro-Besuch mit Zigaretten und Alkohol bestens geeigneten Romans, der sich als solcher allerdings kaum bezeichnen lässt. Zum einen beendet Kundera sein langjähriges Schweigen, aber auch das Hoffen darauf, die bestehende Welt durch eine bessere ersetzen zu können: "Die Tragödie des 20. Jahrhunderts geht als Komödie zu Ende", schreibt der Rezensent unter Rückgriff auf umfangreich zitierte Textpassagen nach einer ihn zwar sichtlich melancholisch stimmenden, aber dennoch restlos beglückenden Lektüre. In konsequenter Artifzialität gelinge dem Autor hier eine groteske, traurig-schöne, altmeisterlich gelungene Lebensprojekt-Ermattung, die mit vollen Händen aus dem Formenfundus nicht nur der Komödie - Wackwitz erwähnt unter anderem Commedia dell'arte, Stummfilm-Slapstick und Mysterienspiel als Referenzpunkte - schöpft, um sich entspannt der Sinnnlosigkeit der Welt in ihrer Eingerichtetheit zu fügen. "Kunderas Kasperletheater in Prosa ist ein Endspiel", schreibt der Kritiker und seufzt getröstet, dass einem immerhin noch Paris bleibe.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.02.2015

Andreas Kilb kann sich der Begeisterung über das neue Buch von Milan Kundera nicht anschließen. Von einem Roman möchte er gar nicht reden, lieber von einem Skizzenreigen, Szenen über Stalin, eine verhinderte Selbstmörderin und einen Jungen, den seine Mutter verlässt. Kilb erkennt in ihnen die Lebensthemen des Autors: Stalinismus, Kindheit und Tod. Formal scheint ihm das Buch geschwätzig, redend, nicht erzählend - über Schopenhauer, Frauen, Mütter. Wer von den im Buch in Paris zusammentreffenden Freunden gerade spricht, scheint eigentlich egal. Am Ende weiß Kilb nicht mal genau, ob er statt eines Buches von Kundera nicht einen Film von Eric Rohmer "gelesen" hat. Nur eines weiß er ganz genau: Dies ist nicht Kunderas bestes Buch.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.02.2015

Milan Kunderas Spiel mit der Bedeutung des Bedeutungslosen scheint Judith von Sternburg zu gefallen. Wenn der Autor vier Freunde zusammenkommen lässt, um sie über junge Frauen und Stalin philosophieren zu lassen, müffelt das zwar auch für Sternburg nach Altherrenliteratur. Kunderas Art des lässigen und lebendigen Nachstellens von Wirklichkeit auf engstem Raum findet die Rezensentin allerdings meisterlich. Dass die Altherrenwitze hier immerhin gute sind, versichert Sternburg außerdem. Etwas mehr Gegenwart aber hätte dem Text nicht geschadet, findet sie.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.02.2015

Joseph Hanimann entdeckt die beglückende Reibung hauchzarter Literatur auf dem Geist des Rezensenten mit diesem schmalen Roman von Milan Kundera. Oder so ähnlich jedenfalls. Dass der Autor die ernstesten Dinge komisch und anekdotenhaft in kleinen Geschichten zu servieren vermag, ohne den für einen Roman eigentlich nötigen Erzählkitt und ohne dass der Rezensent dagegen wettert, ist an und für sich bemerkenswert. Wenn Hanimann die grobe Struktur darüber hinaus als Einladung versteht, selbst die Fäden in die Hand zu nehmen, und Erhebliches und Unerhebliches, Geschichte und Geplauder fröhlich zu verbinden, so zeugt das von enormem Wohlwollen diesem "großzügig skizzierten Altersroman" gegenüber.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.02.2015

Rezensent Andreas Breitenstein hätte nicht mehr damit gerechnet: Nach vierzehn Jahren ist mit "Das Fest der Bedeutungslosigkeit" ein neuer Roman des zurückgezogen in Paris lebenden Autors Milan Kundera erschienen. Umso enttäuschter ist der Kritiker nach der Lektüre: Allein die Handlung um ein Ensemble älterer Herren, das mit langen Spaziergängen, Konversationen, Cocktailpartys und Erinnerungen der Langeweile zu entfliehen versucht und zahlreiche Spleens, etwa das Sinnieren über den weiblichen Bauchnabel oder das narzisstische Spiel mit einer erfundenen Krebserkrankung, offenbart, kann den Kritiker nicht überzeugen. Die Figuren erscheinen Breitenstein zu blass, der Witz zu altbacken und große Themen wie Liebe und Hass oder Gier und Gelassenheit so in Ironie getaucht, dass der Rezensent Kunderas alten Aufklärungsdrang schmerzlich vermisst. Insbesondere aber wundert er sich über den Umgang Kunderas mit seiner eigenen Biografie: Wie einen "trotzig-höhnischen" Kommentar zur 1950 begangenen Denunzierung eines antikommunistischen Aktivisten bei der Polizei liest der Kritiker den Roman; die Verniedlichung Stalins lässt ihn schließlich aber an eine besondere Form der Altersrenitenz bei Kundera glauben. Auch wenn Breitenstein gelegentlich noch Kunderas Genie erkennt, hat er selten ein so "verkrampftes Alterswerk" gelesen.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 21.02.2015

Was lernt Hellmuth Karasek aus diesem Buch? Dass Geschichte von Hosenscheißern gemacht wird und alte Herren Altherrenwitze lieben. Genau darum geht es in diesem schmalen Alterswerk von Milan Kundera, erklärt Karasek, um alte, durch Paris flanierende Herren, die den Frauen nachschauen wie je (nur neuerdings mit der Furcht, es könnte mehr draus werden) und Stalin-Anekdoten erzählen. So wird Geschichte zum Altherrenwitz. Bei Karasek provoziert das allerdings ein "aberwitziges" Lachen. Den Autor nennt er einen witzigen Essayisten und schreibt, er sei es immer schon gewesen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.02.2015

In Milan Kunderas neuem Roman "Das Fest der Bedeutungslosigkeit" ist Ulrich Greiner auf Hegels Humor gestoßen, auf die "unendliche gute Laune", mit der man die Welt betrachten müsse. Wenn man von irgendjemandem diese Laune lernen kann, dann von Kundera, der offenbar die "Epoche tödlicher Humorlosigkeit", in der er aufwachsen musste, gelassen-lustig überwunden hat, wenn dieses Buch dafür ein Kriterium ist, erklärt der Rezensent. Die Krux liegt in der Überwindung des Bedürfnisses nach Sinn, die das ganze Spiel von Hoffnung und Verzweiflung aus den Angeln heben kann, um sie durch die "Technik, zu überdauern" zu ersetzen, erklärt Greiner, der hinter dieser Feststellung aber noch immer eine große Trauer spürt.
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