Efeu - Die Kulturrundschau

Mit Zähnen und Klauen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.10.2026. Vielleicht ist der Kampf gegen KI in der Literatur schon längst verloren, fürchten FAZ und NZZ mit Blick auf die KI-Vorwürfe gegen den haitianischen Schriftsteller Thélyson Orélien. Monopol schaut in Hamburg mit Joyce Pensato in die finsteren Augen von Mickey Mouse. Die FAZ vergnügt sich in Frankfurt mit den Sphingen und Hexen von Leonor Fini. Artechock bewundert die Ästhetik der Verweigerung in  Lee Chang-dongs Film "Possible Love" über Klassenunterschiede im Südkorea.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2026 finden Sie hier

Literatur

Zwar ist unklar, inwieweit Thélyson Orélien für seinen in Frankreich zunächst gefeierten Roman "C'était ça ou mourir" tatsächlich KI eingesetzt hat. Sein kanadischer Verlag Boréal jedenfalls hat die Arbeit mit dem Schriftsteller eingestellt, nachdem unabhängige Experten in den Metadaten früherer Arbeitsfassungen des Buchs auf Hinweise für KI-Einsatz gestoßen sind. Orélien selbst beteuert nun, KI lediglich für historische Recherchen und für ausländische Redewendungen eingesetzt zu haben. Das Ende seiner Karriere ist allerdings noch nicht ausgemacht, meint Zelda Biller in der NZZ: "Anfang der Woche wurde der Prix Pascal ins Leben gerufen - der erste Literaturpreis für französischsprachige Bücher, die mithilfe von KI geschrieben wurden. ... Wer KI in der Literatur für eine Bereicherung hält, kann den Prix Pascal als eine logische, pragmatische Reaktion auf eine Debatte verstehen, die längst nicht mehr nur theoretisch geführt wird. ... Aus einer skeptischen Perspektive hingegen könnte die Lancierung des ersten Literaturpreises für maschinell verfasste Texte wie eine Kapitulation wirken - wie der hilflose Versuch, das zum Feind erklärte Werkzeug durch seine Eingemeindung zu entschärfen. Nach dem Motto: Was man nicht aufhalten kann, muss man eben integrieren."

Tilman Spreckelsen sieht in der FAZ "die Fragen, die der Fall aufwirft, noch längst nicht beantwortet. Wenn es erst maschinengestützte Hilfe braucht, um KI in literarischen Texten zu entlarven, wie steht es dann um das autonome Urteil genuin menschlicher Kritiker? Wenn sich die Texte so zum Verwechseln gleichen, wie avanciert ist dann die KI inzwischen? Und was, wenn die Software, die KI-Spuren entdecken soll, falschliegt, eben weil sich die Maschine mittlerweile menschlichen Schreibgewohnheiten so angeglichen hat? Gleicht das Verweigern einer solchen Auszeichnung wie des Prix Goncourt aus Gründen der KI-Kontamination nicht einem Rückzugsgefecht in einem womöglich schon verlorenen Krieg?"

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Weitere Artikel: Boris Herrmann frühstückt für die SZ mit George Saunders, der gerade seinen neuen Roman "Nachtwache" veröffentlicht hat. Konstantin Ames erzählt in der taz von seinem Besuch beim Schriftsteller Eberhard Häfner. Und die Jury des Tagesspiegel kürt die besten Comics der Saison - auf Platz Eins: "Alexandre Dumas erzählt die Geschichte von Delacroix" von Catherine Meurisse.

Besprochen werden unter anderem die ARD-Hörspieladaption von Dorothee Elmigers preisgekröntem Roman "Die Holländerinnen" (FAZ), Juli Zehs "Pony Show" (taz), Yang Shuang-Zis "Taiwan-Tagebuch" (FR), Gilad Seliktars Comic "Das Geheimnis des Jüdischen Krankenhauses" (FAZ), Botho Strauß' "Bleiben und Blicken" (Zeit) und Isabella Webers "Antifaschistische Wirtschaftspolitik" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

Leonora Fini im Kloster von Nonza, Korsika, 1967. Foto: Eddy Brofferio (c) Eddy Brofferio Archive


Absolut überfällig findet Stefan Trinks (FAZ) die große Retrospektive, die die Frankfurter Schirn der italienischen Universalkünstlerin und Surrealistin Leonor Fini widmet. Ihre Gemälde zeichnet nicht nur eine erstaunliche Modernität aus, sondern auch eine besondere Magie, die sich vor allem in ihren Sphingen und Hexen offenbart, staunt Trinks: "Schon im Bildtitel 'Schwarze Sphinx, die über den Schlaf eines jungen Mannes wacht, oder: Selbstporträt mit Sforzino Sforza' zeigt sich, dass die Künstlerin so selbstbewusst wie selbstbestimmt buchstäblich mit Zähnen und Klauen ihre Eigenständigkeit verteidigen würde. Auf dem insgesamt sehr dunkel gehaltenen Bild wacht Fini als schwarzes Löwenmenschwesen mit mächtigem Kopfputz über den nackt schlafenden Jüngling als ihre Beute, ihre prallen Brüste enden erst kurz vor dem Kinn des Hingelagerten. Der aber hält noch im Schlaf mit seiner Linken den Zipfel eines fleischfarben schillernden Gewands, das irritierenderweise eine Körperform ausbildet."

Joyce Pensato: The Look Out, 2016 Courtesy: Collection of KAWS © Joyce Pensato Foundation Photo: Jason Mandella © Joyce Pensato Foundation

In die finsteren Augen von Donald Duck, Mickey Mouse oder der Simpsons blickt Anne Simone Kiesiel (Monopol) in den Hamburger Deichtorhallen, die der amerikanischen Malerin Joyce Pensato die erste große institutionelle Einzelausstellung seit ihrem Tod im Jahr 2019 widmen. Pensato, Vertreterin der "Counter-Culture-Kunst" ging es stets um die Darstellung "gesellschaftspolitischer Neurosen", erfahren wir: "Als das weltumspannende Symbold US-amerikanischer Konsumkultur trägt die Maus eine ganze Menge kapitalistischer Hegemonialstrukturen mit sich herum. Pensato scheint die gesellschaftspolitischen und psychologischen Schattenseiten der penetrant fröhlichen Comicfigur schon früh durchschaut zu haben. Bereits Anfang der 1980er-Jahre malt sie zerfließende, schemenhafte Fratzen mit Mausohren. Die Künstlerin zeigt eine andere Seite der popkulturell verankerten Figuren: Sie holt ihre mediale Existenz auf ein menschliches Niveau zurück."

Die Wiener Museen lassen es sich nicht nehmen, den wegen sexuellem Missbrauch an Minderjährigen verurteilten Aktionismus-Künstler Otto Mühl auszustellen - aktuell zeigt das Wiener Aktionismus-Museum die Schau "Kunst am Abgrund". Aber hier ist die Kunst keineswegs vom Künstler zu trennen, hält Sabine B. Vogel in der NZZ fest: "Denn Muehl verwischte sehr bewusst die Grenze zwischen seiner Kunst und seinem Machtmissbrauch. Seine Kunst lieferte ihm den Vorwand für die Übergriffe, womit er seine Taten legitimierte und sogar ästhetisierte. Die Gruppe Re-Port und die Gruppe Mathilda, die aus ehemaligen Kommunenkindern besteht, fordern seit längerem, dass die Zeichnungen und Porträts, die oft sogar die Namen der Missbrauchten tragen, nicht öffentlich gezeigt werden dürften."

Weiteres: Simonetta Vespucci, die als Modell für Botticellis "Geburt der Venus" gilt, starb offenbar nicht an Tuberkulose, sondern an einem Hypophysentumor, vermutet ein britisches Forschungsteam, wie Nele-Sophie Weimann in der SZ meldet. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "The Promise" mit Werken von Christian Jankowski im Scânteia+ in Bukarest (Monopol).
Archiv: Kunst

Bühne

Szene aus "Die größere Hoffnung". Foto: Tommy Hetzel

Therese Willstedt hat ihre Adaption von Ilse Aichingers Roman "Die größere Hoffnung", der von der Verfolgung von Kindern im Nationalsozialismus erzählt, am Wiener Burgtheater ausschließlich mit Kindern inszeniert. Für Nachtkritiker Jakob Hayner bleibt Willstedts "Entscheidung, die zwischen Kinderblick und Erwachsenenwelt schwankende Erzählhaltung des Buchs mit seiner immer wieder ins Surreale kippenden Sprache in überdeutlichen Szenen und Bildern aufzulösen", allerdings ziemlich unklar: "Ratlos fragt man sich, was der Abend eigentlich erzählen will. Geht es, wie die 1984 in Schweden geborene Regisseurin im Programmheft schreibt, allgemein um Kinder im Krieg - von der Ukraine über den Sudan bis zum Nahen Osten? Oder um das Erlernen von - Achtung, Modewort - Resilienz im Spiel? Doch selbst wenn sich der Roman auf solche abstrakten Anliegen reduzieren ließe, wäre noch immer unklar, warum man ihn als eine brave Illustration auf die Bühne bringt, wie sie der Text ja gerade strikt vermeidet. Vielleicht liegt es daran, dass der Abstand vom heutigen Theater zu jenen Schrecken, die Aichingers Vertrauen in den Realismus erschütterten, weit größer ist als gedacht."

Jan Brachmann (FAZ) lässt sich im Gespräch mit Bernd Loebe nicht nur erklären, weshalb er nun für seine fünfundzwanzigste Spielzeit an der Oper Frankfurt zugesagt hat, sondern er erfährt von dem Intendanten auch, wie es mit dem Neubau des Opernhauses weitergehen wird: "Die neue Oper soll dort entstehen, wo jetzt das Schauspiel steht. Das Schauspiel soll gegenüber der Hessischen Landesbank gebaut werden. In der Gutleutstraße hat die Stadt sehr viele Quadratmeter aufgekauft, wo wir Probebühnen für die Oper und für das Schauspiel eventuell eine Interimsspielstätte bekommen könnten. Dort könnte für die Oper auch ein Holztheater oder ein Zelt errichtet werden."

Weitere Artikel: Die gerade erst gegründete WINNDance-Companie für BalletttänzerInnen über vierzig hat sich aufgrund ihrer Nähe zu Putins Russland von der russischen Ballerina Diana Vishneva getrennt, meldet Wiebke Hüster in der FAZ, nicht ohne ihrer nicht namentlich genannten SZ-Kollegin noch eins mitzugeben. Die hatte nämlich betont, Vishneva sei keine Staatskünstlerin, sondern eine Jahrhundert-Ballerina (unser Resümee): "Aus diesen übertriebenen und unfreiwillig komischen Beschreibungen geht nur hervor, dass es der Imperativ der Journalistinnen-Persona so will, dass Vishneva nicht Staatskünstlerin genannt werden soll", meint Hüster. Nachtkritiker Michael Bartsch würdigt die Neue Bühne Senftenberg, die ihr achtzigjähriges Jubiläum mit den Uraufführungen von Florian Heins "Im Mondschein" und Oliver Bukowskis "Für mich bitte Wasser" feiert. Milo Rau wird im kommenden Jahr eine "People's Republic" ausrufen, erfährt Margarete Affenzeller (Standard) aus Raus Rede beim Belgrader Alternativfestival Ne:Bitef.

Besprochen wird Guy Ben-Aharons Inszenierung von Peter Danishs Stück "Letzte Runde" am Wiener Theater in der Josefstadt (Welt), das Stück über ein Zusammentreffen von Herbert von Karajan und Leonard Bernstein war in Deutschland bereits an den Hamburger Kammerspielen zu sehen, mehr hier.
Archiv: Bühne

Architektur

In der FAZ setzt sich Arnold Bartezky für den Erhalt der Kirche St. Nikolai in Pasewalk ein, die einst von Karl Friedrich Schinkel restauriert wurde und heute enorm sanierungsbedürftig ist.
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Film

Szene aus "Possible Love" von Lee Chang-dong

Mit seinem vom letzten Teil aus Krzysztof Kieslowskis Dekalog-Zyklus inspiriertem Film "Possible Love" erzählt der koreanische Regisseur Lee Chang-dong von "verhärteten Klassenunterschieden in der südkoreanischen Gesellschaft", schreibt Sophia Cooper in der FAZ. Als reflexives Element hat der Regisseur die Geschichte einer Dokumentarfilmerin eingebaut, die sich von einer Sozialdoku einen entscheidenden Karriereschritt verspricht. "Wie nahe steht ein Regisseur den Menschen, deren Geschichte er erzählt, wie ehrlich ist er bei der Darstellung ihrer Lage? Das seien Fragen die ihn beschäftigen, sagte Lee Chang-dong bei den Filmfestspielen in Venedig." Rüdiger Suchsland staunt auf Artechock über die "unglaubliche Ökonomie und Souveränität" des Regisseurs. "Das Kino muss offenbar erst noch eine ästhetische Form finden, um die politischen Verhältnisse unserer Gegenwart angemessen darzustellen. 'Possible Love' versucht es mit aller Kraft: Durch eine bis ins Äußerste durchdachte Ästhetik der Verweigerung, die sich mit ungewöhnlicher Ruhe und bedachtsamer Vorsicht entfaltet. Gegen Ende versucht der Film vielleicht, zu viele Dinge zugleich abzuschließen", doch "das spricht nicht gegen ihn: Alles ist eine Frage des Rhythmus, der Dauer."

Weiteres: "Sie ist ein Monster", sagt Helen Mirren im Zeit-Gespräch über Krimimeisterin Patricia Highsmith, die sie in "Ein Talent fürs Morden" spielt, und glaubt, "wir sind es noch immer gewohnt, dass Frauen charmant sein wollen, dass sie geliebt werden wollen", aber "Highsmith ist das alles komplett egal". Im critic.de-Podcast "Dust in the Wind" sprechen Lukas Foerster, Dunja Bialas und Festivalmacherin Andrea Kuhn über Caroline Kox' (in der taz und bei uns besprochene) Jelinek-Adaption "Liebhaberinnen". Axel Timo Purr berichtet für Artechock vom Festival DOXS RUHR. Urs Bühler spricht in der NZZ mit der Schweizer Regisseurin Petra Volpe über deren neuen Film "Frank & Louis", der in Deutschland erst im Dezember startet. In ihrer critic.de-Reihe zum Neuen Deutschen Gangsterfilm widmet sich Silvia Szymanksi heute Ekrem Engizeks "Koxa" von 2017.

Besprochen werden Mariko Minoguchis "Die andere Seite" (Artechock, mehr dazu bereits hier), Fernando Eimbckes "Moscas" (Artechock), Mike van Diems "Our Girls" (Artechock) und James Watkins' Comicverfilmung "Clayface" (Standard).
Archiv: Film

Musik

VAN veröffentlicht eine Recherche von Quincy Mackay und Jeffrey Arlo Brown zu dem Unternehmer Jaka Bizilj, der unter anderem seit vielen Jahren Charity-Events wie die Berlinale-Gala "Cinema for Peace" veranstaltet, bei der internationale A-Prominenz ohne viel Aufwand vor Blitzlichtern die Öffentlichkeit über ihre gute Gesinnung informieren können. So ganz uneigennützig ist Bizilj aber nicht, meinen die Reporter. Genannt wird unter anderem das Beispiel eines ukrainischen Musikers, der für eine US-Tournee nach Deutschland kam. "Laut einem Tourplan ... sind allein im Monat März mindestens 48 Konzerte verzeichnet. Irgendwann standen die Visa der Musiker kurz vor Ablauf, und weil es kaum Informationen über Pläne zur Verlängerung gab, machte Oles sich Sorgen, dass er sich bald illegal in den Vereinigten Staaten aufhalten könnte. Anfang April teilte ihm das Unternehmen mit, dass sein Gehalt um 500 Euro pro Monat gekürzt werde. ... Man habe es versäumt, für einige Musiker Visa für Auftritte in Kanada zu beantragen, und müsse daher etwa ein Dutzend Konzerte absagen."

Im Tagesspiegel-Gespräch mit Moritz Honert philosophiert Aaron Weaver, Schlagzeuger der auch außerhalb von Szenekontexten sehr geschätzten Black-Metal-Band Wolves in the Throne Room, über die Ästhetik seines Genres: Dieses "arbeitet noch mehr als jedes andere Metal-Genre mit Texturen", etwa "das Schichten von Klängen und Strukturen aus extremer Verzerrung. ... Für mich erschaffen diese Geräusche Bilder von Landschaften, von einem Gebirgszug zum Beispiel oder einem Wald. Es gibt Tiefe, Atem, Höhe, verschiedene Perspektiven, die Dinge zu betrachten. Das Erschaffen dieser Musik hat auch etwas von Architektur. ... Die unnachgiebige Bass-Drum im Black Metal hat sehr viel gemeinsam mit der Techno-Bass-Drum. Und Metalheads werden das nicht zugeben, aber auch sie tanzen. Headbangen ist Tanz. ... Was bei Konzerten vor der Bühne passiert, hat Elemente von ritualisiertem Kampf, es hat etwas sehr Physisches, Ursprüngliches, vielleicht auch Erotisches. Ein Moshpit ist bei allem Chaos ein sehr sinnlicher Ort."



Weitere Artikel: Michael Bengel erinnert in der FAZ an Wolf Biermanns vor annähernd fünfzig Jahren in Köln gegebene Konzert, das die SED-Obrigkeit seinerzeit zum Vorwand für seine Ausbürgerung aus der DDR nahm. Steffen Rüth spricht in der FR mit der dänischen Songschreiberin Tina Dico.

Besprochen werden die CD "Lernlieder" mit Kinderliedern von Heinz Strunk (taz), ein Wiener Konzert der New Yorker Philharmoniker unter Gustavo Dudamel (Standard) und ein von Nathalie Stutzmann dirigiertes Konzert mit dem Tonhalle-Orchester in Zürich (NZZ).
Archiv: Musik
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