Efeu - Die Kulturrundschau

Die ganze geistige Hautevolee

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23.12.2014. Die Welt versinkt im heiteren Lächeln des bayerischen Rokoko. Die FAZ übt pures Ergriffensein vor der Villa Valerio Olgiatis. Ein zweieinhalbstündiges Kritiker-Podcast bei critic.de widmet sich überlangen Filmen. Die Berliner Zeitung sucht Trost für die wohl ausfallende weiße Weihnacht bei Aert van der Neer. Die NZZ porträtiert die New Yorker Buchhändlerin Thomas Manns, Albert Einsteins und Franz Werfels. Die taz zieht den Hut vor Taylor Swift.

Architektur

Selbst wenn er außerhalb prachtvoller Kirchen in neutral-monochromen Räumen gezeigt wird, entfaltet Altarschmuck des bayerischen Rokoko noch seinen Charme, lernt Manuel Brug (Welt) in der Münchner Ausstellung "Mit Leib und Seele - Münchner Rokoko von Asam bis Günther". Hier lassen sich auch besonders gut die Handschriften der Bildhauer und Schnitzer studieren: "Gerade bei [Ignaz] Günther finden sich auch der Schmerz, der Glaubenszweifel, die Angst in so manchem gemarterten Heiligen wie im Gottessohn selbst am Kreuz. Das Rokoko, die abstrakte, fast sinnfreie Spielfreude mit der Rocaille, jenem grafischen Ornament, das Albumblätter, aber auch Porzellane gliedert und beschwingt, es hat stets auch ein ambivalentes Gesicht. Hinter der Kunst der Daseinsleichtigkeit lauern - wie im Barock - die Todesangst und Existenzverzagtheit. In München aber wurde die souverän übertüncht und weggelächelt. Wie heute auch noch..." (Bild: Franz Xaver Schmädl (1705-1777), Putto mit Federschmuck, 1745/46, © Diözesanmuseum Freising, Foto: Thomas Dashuber)

Für die FAZ hat Tom Schoper die Villa besucht, die sich Valerio Olgiati in Portugal selbst erbaut hat (ein Video dazu hier). Die ist durchaus rätselhaft geraten, meint er: "Oligatis Bau (...) fordert pures Ergriffensein, Offenheit für das Erleben von Raum und Material, Dunkelheit und Licht, Klängen und Aromen. So bearbeitet der Architekt (...) die Grundfragen der Architektur, die er uns als eine Kulturgeschichte im Kleinen vorstellt: als Weg des Menschen von der Natur zur Architektur, vom Garten zum Haus."

In der Welt schildert Gil Yaron, wie Deutsche und Israelis gemeinsam das Bauhaus-Weltkulturerbe in Tel Aviv erhalten wollen. Immerhin stehen rund 4000 Gebäude im Internationalen Stil der Moderne in Tel Aviv, so Yaron, architekturgeschichtlich also ein dankbares Projekt. Und noch einen Vorteil hat die Sache: ""Hier haben wir ein Projekt, das ausschließlich positiv besetzt ist. Israelis und Deutsche können sich begegnen, ohne über komplexe Fragen wie Siedlungsbau und Besatzung zu diskutieren", sagt Reinhold Robbe, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, die maßgeblich zur Schaffung des Zentrums beitrug."

Außerdem: An den derzeit in Berlin ausgestellten, architektonischen Entwürfen der früh-sowjetischen Kunsthochschule Wchutemas bewundert Bernhard Schulz (Tagesspiegel) die "Leichtigkeit des Visionären".
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Literatur

In der NZZ porträtiert Bernd Noack die Buchhändlerin Mary S. Rosenberg, die 1939 vor den Nazis aus Fürth nach New York geflüchtet war und bald am Broadway eine neue Buchhandlung für deutsche Emigranten eröffnete. Noack hatte Rosenberg noch zwei Jahre vor ihrem Tod 1990 bei einem Besuch in Fürth begleitet: ""Ich habe sie alle persönlich gekannt: die Manns, Döblin, auch Einstein", sagte Mary S. Rosenberg in Fürth, und aus ihrer Stimme hörte man keinerlei falschen Stolz oder Überheblichkeit heraus, eher immer noch ein wenig Verwunderung darüber, dass das ausgerechnet ihr passiert ist: "Ich weiß noch gut, wie der Werfel mit seiner Alma das erste Mal bei mir in der Wohnung war. Das war natürlich interessant. Denn wen habe ich in Fürth schon als Kunden gehabt? Die Fürther - na ja. Aber hier hatte ich die ganze geistige Hautevolee. Einstein - so was von sympathisch und nett...""

Deutlich interessanter als die Lübecker Ausstellung über Thomas Manns ohnehin kaum ausgeprägtes Verhältnis zur Kunst findet Thomas Winkler (taz) dann doch, wie sich die Stadt Lübeck in der Adventszeit gemütlich vermarzipanisiert: In der Ausstellung selbst wird der Literat "etwas befreit von der Universalkompetenz eines Klassikers und der Pflicht, immer der berühmte Sohn Lübecks sein zu müssen. Die Marzipanisierung Manns kann warten."

Besprochen werden Gerhard Falkners "Ignatien" (Tagesspiegel), neue Vogelbücher (NZZ), Rainer Schmitz" "Tausend und Ein Tag" (SZ) und neue Romane über Buchhandlungen (FAZ).
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Bühne


"Container Paris". Regie: Christian Brey. Foto: Brigit Hupfeld

Am Schauspiel Frankfurt verquirlt derzeit David Gieselmann mit "Container Paris" Wirtschaftskrise mit Poptheorie und löst mit dieser Komödie über "die Absurdität des Spekulationswahns" einige Lachkrämpfe im Publikum aus, berichtet Judith von Sternburg in der FR. Lob hat sie vor allem für die Schauspieler, etwas Probleme hat sie mit Christian Breys Inszenierung: "Ob es für Gieselmanns Text auch noch eine andere Umsetzungsmöglichkeit gibt, als einen gigantischen und offensiv peinlichen Sketsch nach Art von Fernsehsketschen daraus zu machen, diese Frage lässt sich nicht mehr beantworten. Zu zupackend ist Breys Inszenierung, zu durchschlagend der Klamauk."

Ähnlich klingt das auch bei Cornelia Fiedler (SZ), die sich zwar prächtig amüsiert hat, aber aus dem Abend keine neuen Erkenntnisse zieht: "Die Eigendynamik der immer skurrileren Verwechslungen und Unterstellungen wird zum Komik-Selbstläufer. ... Die vehement vorgetragene Kritik an Spekulationsgeschäften mit inhaltsleeren "Bubbles" bleibt dann doch ein sehr oberflächliches Kratzen an der kapitalistischen Wertschöpfungslogik."

Besprochen werden außerdem Emmerich Kalmans an der Komischen Oper in Berlin aufgeführte Operette "Arizona Lady" (Tagesspiegel), Ute M. Engelhardts Inszenierung von Claudio Monteverdis "L"incoronazione di Poppea" an der Oper Frankfurt (Hans-Klaus Jungheinrich lobt in der FR insbesondere die durchweg hervorragenden darstellerischen Leistugen) und Jan Bosses Stuttgarter Inszenierung von Ingmar Bergmans "Herbstsonate" (FAZ).
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Film

Keine Angst vor der Überlänge beweisen Lukas Foerster, Frédéric Jaeger, Nino Klingler, Ekkehard Knörer und Cristina Nord, die sich im neuen Podcast von critic.de in ebenfalls nicht knappen zweieinhalb Stunden über überlange Filme wie Christopher Nolans "Interstellar", Lav Diaz" "Norte, The End of History" und Aleksei Germans "Es ist schwer, ein Gott zu sein" unterhalten. Tobias Kniebe (SZ) ganz im Glück: Ihm ist es gelungen, Tommy Lee Jones, als Interviewpartner ein für seine Wortkargheit berüchtiger Griesgram, einige persönliche Statements über sein Farmleben in Texas abzuluchsen.

Besprochen werden Ridley Scotts Moses-Film "Exodus" (kritiken.de, FAZ), Stephen Marshs Film "Die Entdeckung der Unendlichkeit" über den Physiker Stephen Hawking (Tagesspiegel) und Bent Hamers "1001 Gramm" (FR).
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Kunst

Wenig förderlich für die nötige Muse zur Kontemplation und Immersion sind die räumlichen Bedingungen, unter denen derzeit Mark Rothko in Den Haag ausgestellt wird, meint Peter Iden in der FR: "Den (...) engen sechs Räumen, in die jetzt fünfzig Werke Rothkos gezwängt sind, fehlt es an Höhe und Auslauf. Dem derzeit Rothkos wegen großen Andrang des Publikums sind sie nicht gewachsen. Auch hängen die Bilder zu dicht, von einem "Umfangen" des einzelnen Betrachters, das dem Maler vorschwebte, ist nicht ernsthaft zu reden."

In der Berliner Zeitung tröstet sich Ingeborg Ruthe mit Aert van der Neers Bild "Winterlandschaft mit Schlittschuhläufern bei Sonnenuntergang" (1655/60) über die in Berlin einmal mehr ausfallende weiße Weihnacht hinweg:



Besprochen werden eine Mathieu-Mercier-Ausstellung in der Villa Merkel in Esslingen (taz), zwei Ausstellungen über Bilderbücher in Hannover und in Frankfurt (FAZ) sowie eine Barock-Ausstellung in der Villa Medici in Rom (SZ).
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Musik

Daniele Dell"Agli schließt seine Reflexion über Sterbehilfe und die Kunst des Sterbens heute mit einem Essay zur Nirwanologie der Ambient Music, in der er am ehesten eines Geste des Loslösung oder des Drifting Away erkennt: "Ein Treiben oder Wegdriften vom Kurs wacher, bewusst die eingehenden Reize strukturierender und ordnender Subjektivität..."

Musikkritiker rümpfen über Taylor Swift gern die Nase. Warum eigentlich, fragt Thomas Winkler in der taz. Er hält die vom Country zum Pop gewechselte Musikerin aus Nashvile für eine "moderne Feministin", deren Haltung er insbesondere auch deshalb für respektabel hält, da sie ihr im Business sicher nichts leichter gemacht hat: "Sie (...) hätte sich widerspruchslos fügen können in eine der wenigen, aber dafür umso rigideren Rollenvorlagen, die für Frauen bislang zur Verfügung standen - und sie hätte wohl trotzdem großen Erfolg gehabt. Stattdessen aber hat sich Swift eine vollständige künstlerische Kontrolle erkämpft, die so selbst altgedienten männlichen Kollegen in Nashville nicht immer zustand. Swift hat einen Kampf gewonnen, der jemanden wie Johnny Cash vor einem halben Jahrhundert beinahe die Karriere gekostet hätte." (Amerikanische Zeitschriften sehen das ähnlich, jedenfalls haben der Rolling Stone, das New York Magazine und der New Yorker Swift jeweils ein ausführliches Porträt gewidmet.)

In der SZ bilanziert Reinhard J. Brembeck das Klassikjahr, das er für ein Gutes hält, auch wenn er ein paar ungute Tendenzen im Betrieb beobachtet: "Zunehmend machen sich Bestrebungen breit, das Klassikgeschäft in die verklärten Karajan-Zeiten zurückzudrehen, in denen Musik als etwas Erhabenes und zur Versüßung des Daseins gedacht wurde. Konkrete Bezüge auf die brutale und banale Welt störten da nur. ... Der Kulturkampf zwischen konservativen und fortschrittlichen Kräften ist in vollem Gange. Wer gewinnen wird, ist offen. Ein wichtiges Indiz für den Ausgang wird sein, wer neuer Chef der Berliner Philharmoniker wird."

Weitere Nachrufe auf Udo Jürgens schreiben Gerrit Bartels (Tagesspiegel), Holger Kreitling (Welt) und Dieter Bartetzko (FAZ, online Jan Wiele). Und jetzt ist auch noch Joe Cocker gestorben. Nachrufe gibt"s von Michael Hanfeld (FAZ), Rüdiger Schaper (Tagesspiegel) und Bernd Graff (SZ).

Hier Cockers berühmter erster Auftritt im Beat Club 1968:


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