Efeu - Die Kulturrundschau

Alles nur Behauptungstheater

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27.10.2014. Zu fatalistisch findet die Theaterkritik Jan Bosses Inszenierung von "Dantons Tod" am Burgtheater: Es gibt kein Erbleichen vor der Realität allgegenwärtigen Mordens, notiert der Tagesspiegel. Eine satte Viertelstunde applaudiert die FAZ in Stuttgart Andrea Breths Inszenierung der Rihm-Oper "Jakob Lenz". Die Welt begibt sich auf die Pirsch nach guten Pornos. Die NZZ porträtiert den koreanischen Dichter und Kollaborateur Lee Kwang Soo.

Bühne


Saint Just (Fabian Krüger), Robespierre (Michael Maertens mit Brille), Danton (Joachim Meyerhoff) in "Dantons Tod", Burgtheater. Bild: Reinhard Maximilian Werner

Mit Jan Bosses "Dantons Tod" bringt das Burgtheater Wien seine erste Inszenierung unter der neuen Intendantin Karin Bergmann. Die Kritik fällt eher verhalten aus, etwa die von Kai Krösche auf Nachtkritik.de: Die "Inszenierung [gerät] trotz ständiger Bewegung von und auf der Bühne irritierend statisch ... Hier [wird] ein Büchner-Universum geschaffen, das sich aktuellen Bezügen bewusst verschließt und ein rein fatalistisches Weltbild zeichnet. Das ist auf seine eigene Weise dicht - nur vereinfacht man damit eben auch jene Komplexität und Vieldeutigkeit, die Büchners Stück erst wirklich spannend macht."

Christina Kaindl-Hönig vom Tagesspiegel beobachtet eine Perspektivverschiebung: "Zielt Büchners "Danton" auf die Realität politischen Handelns, so bleibt Bosses Inszenierung in der Vorstellung der Welt als Theater gefangen, deren Figuren sich in einer fatalistischen Anschauung von Geschichte verheddern. ... Als am Ende Luciles (Aenne Schwarz) Schrei verebbt, bleibt alles nur Behauptungstheater: kein Wahnsinn, kein Entsetzen, kein Erbleichen vor der Realität allgegenwärtigen Mordens." Christine Dössel kann sich nicht recht begeistern: "Leider: ein Leerlauf", klagt sie in der SZ. Margarete Affenzeller ist im Standard immerhin "zu75 Prozent begeistert". In der FAZ bespricht Kerstin Holm die Premiere.

Hin und weg ist Eleonore Büning (FAZ) von Andrea Breths Stuttgarter Inszenierung der Rihm-Oper "Jakob Lenz", und das nicht nur wegen der eindringlichen Leistung des Baritons Georg Nigl: "Für jede Lenzsche Befindlichkeit, jede musikalische Wendung findet Breth die richtige Chiffre. Das ist Werktreue auf neuem Niveau. ... Es gab eine satte Viertelstunde tosenden Applaus." Auch Reinhold J. Brembeck (SZ) ist ganz und gar ergriffen von Nigls Darbietung, verkörpert er in dem Stück doch keinen feingeistigen, sondern die menschlichen Tiefen vollends auslotenden Romantiker: Und Nigl "ist tiefer in diese beängstigenden Abgründe vorgedrungen als je ein Sänger vor ihm. Ein Geniestreich."

Weitere Artikel: In der FR unterhält sich Judith von Sternburg mit Bernd Loebe, Intendant des Frankfurter Opernhauses, über die wirtschaftlichen und finanziellen Aspekte seiner Arbeit.

Besprochen werden Massimo Rocchis Inszenierung von Donizettis "Don Pasquale" am Theater Basel (NZZ), Folke Brabands Molière-Inszenierung "Der Bürger als Edelmann" am Berliner Schlossparktheater mit Dieter Hallervorden in der Hauptrolle (Berliner Zeitung) und Nicholas Lens" und Nick Caves in Brüssel uraufgeführte Oper "Shell Shock" (FAZ).
Archiv: Bühne

Film


Courtney Trouble: Girlpile. USA 2013

"Mindestens als Möglichkeit muss man die Orgie immer im Kopf behalten", dachte Eckhard Fuhr und begab sich, Abenteuerlust und Mut beweisend, für die Welt zum Pornfilmfestival ins Berliner Kino Movimento. Der Pornofilm ist fest in weiblicher Hand, lernte er dort: "Im avancierten pornografischen Film ist der weibliche Körper längst vom Lustobjekt zum Lustsubjekt geworden. Im Übrigen kommt der sexistische männliche Blick gar nicht zum Zug, wenn der Blickende zwischen lauter Frauen im Kino sitzend einer Frau dabei zuschaut, wie sie sich - in echt - mit exquisiten Keramikdildos und Hightech-Vibratoren den Orgasmus ihres Lebens verschafft, was im Film wiederum die Fantasie einer biederen Ehefrau ist, welche die Koffer packt, um sich aus ihrem konventionellen Leben zu verabschieden."

Weitere Artikel: Das deutsche Kino sieht einem guten Jahrgang entgegen, freut sich David Steinitz in seinem SZ-Bericht von den 48. Hofer Filmtagen, wo der deutsche Film seine "Bratwurstigkeit" tatsächlich einmal ablegte: Insbesondere Christoph Hochhäuslers "Die Lügen der Sieger" - "Pures Genrekino, Abteilung Thriller" - begeisterte ihn. In der Jungle World freut sich Claire Horst, dass die Lesbisch-Schwulen Filmtage in Hamburg sich auch im 25. Jahr ihren anarchisch-renitenten Charme bewahrt haben. Verena Lueken berichtet in der FAZ vom Filmfestival Rom.
Archiv: Film

Literatur

In der taz mutmaßt Jörg Sundermeier, wie es mit Suhrkamp nach der nun durchgesetzten Umwandlung in eine Aktiengesellschaft weitergehen wird: "Zu vermuten ist, dass die Aktiengesellschaft (...) recht bald eine Kapitalerhöhung beschließen wird. So wird der Verlag, der in den letzten Jahren oft nicht mehr um Autorenrechte mitbieten konnte, endlich wieder dringend benötigte Bestseller einkaufen können. Das heißt aber auch, dass neue Aktien ausgegeben werden und sich somit der Unternehmensanteil von Barlach und Unseld-Berkéwicz verkleinern wird."

"Jung war er, belesen und schön, als er 1917 schreibend aus dem Dunkel der Namenlosigkeit heraustrat. Er verlieh Koreas Literatur neue Flügel." In der NZZ porträtiert Hoo Nam Seelmann den koreanischen Dichter Lee Kwang Soo, der bettelarm aufwuchs, dank eines japanischen Stipendiums jedoch studieren und einer der berühmtesten Schrifsteller Koreas werden konnte. Das führte am Ende zu einer Kollaboration mit den japanischen Besatzern, die ihm die Koreaner bis heute nicht verzeihen.

Weitere Artikel: In der NZZ schreibt Thomas Leuchtenmüller zum Hundertsten des walisischen Dichters Dylan Thomas. Im Tagesspiegel spricht Gunda Bartels mit der Schriftstellerin Karen Duve über deren neues Buch "Warum die Sache schiefgeht" und dabei insbesondere über Psychopathen in Chefetagen. In der SZ berichtet Volker Breidecker von der Verleihung des Büchner-Preises an den Lyriker Jürgen Becker.

Besprochen werden Thomas Kapielskis "Je dickens, destojewski!" (Tagesspiegel), B.J. Novaks Kurzgeschichtenband "Cornflakes mit Johnny Depp" (Zeit), der Danilo-Kiš-Sammelband "Familienzirkus" (SZ) und Franz Doblers "Der Bulle im Zug" (FAZ).
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Musik

Zum Tod des Bassisten Jack Bruce schreiben Ueli Bernays in der NZZ, Michael Pilz in der Welt, Jens Balzer in der Berliner Zeitung, Nadine Lange im Tagesspiegel, Thomas Steinfeld in der SZ,Daland Segler in der FR und Edo Reents in der FAZ.

Hier spielt Bruce mit Rory Gallagher - beide bereits Veteranen - im Rockpalast (1990):



Weitere Artikel: In der Zeit porträtiert Wolfram Goertz den mit dem Echo Klassik als bestes Nachwuchstalent ausgezeichneten Pianisten Daniil Trifonow. Frederik Hanssen gratuliert im Tagesspiegel dem Pianisten Jacques Loussier zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden ein Auftritt von Suzanne Ciani und Neotantrik in Berlin (taz), die Hommage des Jazzfests Berlin an Eric Dolphy (Zeit) und das neue Album der Fantastischen Vier ("Sie zeigen auf "Rekord" mit ihrem stilistischen Rundumschlag in jeder Hinsicht Sportsgeist, der neben allem Jubiläums-Zinnober als Silver Ager HipHop noch einige Runden drehen wird", meint Ralf Niemczyk in der Welt).
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Kunst


Hong Seong-dam, Sewol Owol

Die Südkoreaner sind nicht erst seit dem Schiffsunglück im April dieses Jahres, bei dem über 300 Menschen starben, sehr unzufrieden mit ihrer Präsidentin Park Geun-hye, der Tochter des 1979 ermordeten Diktators Park Chung-Hee. Ein Skandal vor der Kunst-Biennale von Gwanju trug dazu bei, erzählt Sören Kittel, der für die Welt vor Ort war: "Ein Bild für die Ausstellung sollte "überarbeitet" werden, bevor es ausgestellt werden konnte. Hong Seong-dams Gemälde "Sewol Owol" zeigt unter anderem Präsidentin Park, die sich mit erbosten Eltern von ertrunkenen Kindern vom Schiffsunglück streitet. Hinter ihr stehen Militärangehörige sowie ihr Vater, der die Strippen zieht. Der erste Fall in der zwanzigjährigen Geschichte der Biennale, in der ein Bild umgearbeitet wurde - und es doch nicht in die Ausstellung schaffte: Der Satiriker und Maler Hong hatte statt der Präsidentin ein Hühnchen an die Stelle gemalt."

Heute wird die von Frank Gehry entworfene Louis-Vuitton-Stiftung in Paris eröffnet. In der NZZ weist Marc Zitzmann die Kritik der "Miesepeter" zurück: "Gewiss, die Selbstprofilierung des Mäzens und die Veredelung des Firmenimages haben das Projekt klar mit motiviert. Doch ist es damit bereits disqualifiziert: wertlos, weil privat? "

Jetzt online: Nikolai Richter erklärt in der Zeit den Hype um die Post-Internet-Art, also beispielsweise die von Yngve Holen per 3D-Drucker in Marmor nachgestellten Fleischstücke: "Ist Post-Internet-Kunst also eine Ästhetik? Ja, nur hat die Kunst sie nicht erfunden, sondern von Werbung, Mode, Software und Produktdesign übernommen. Ist sie ein Stil? Ja, doch zeichnet er sich dadurch aus, dass er die individuelle Handschrift zu überwinden sucht. Ist sie eine Bewegung? Ja, allerdings eine, die ohne Manifest auskommt und die kritisches Wissen nicht vor sich her trägt, sondern augenzwinkernd voraussetzt."

Weitere Artikel: Christiane Meixner bringt im Tagesspiegel Hintergründe zur Wiedereröffnung der Fotogalerie C/O Berlin am neuen Standort am Bahnhof Zoo. Niklas Maak besucht für die FAZ das renovierte Musée Picasso in Paris und hält dabei vor allem eine Etage mit Werken aus Picassos privater Kunstsammlung für besonders erhellend: "Hier versteht man, in welchem Konkurrenzfeld, in Auseinandersetzung mit welchen Formen sich das Werk Picassos entwickelte."

Besprochen werden eine Ausstellung von "Killer Heels" im Brooklyn Museum of Art (NZZ), die Courbet-Ausstellung "Les années suisses" im Musée d"art et d"histoire de Genève (NZZ) und die Velázquez-Ausstellung im KHM Wien (SZ).
Archiv: Kunst