Efeu - Die Kulturrundschau

Für Leib und Seele oft gefährlich

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26.06.2026. Im Standard erinnert Tex Rubinowitz zum 50. Jubiläum des Bachmann-Wettbewerbs daran, dass Literatur mal olympisch war. Schön, dass es ihn gibt, aber so wichtig ist er für die schriftstellerische Zukunft nicht, meint die SZ. Die FAZ blickt in Berlin mit Walter Schels auf Leichenantlitze und mit Cyprien Gaillard in Bregenz in Kriegsbunker. Besonders gut ist Uwe Bolls Film "Citizen Vigilante" über die Jagd auf Migranten nicht, dafür wird er umso mehr von Rechtsextremen gefeiert, seufzt die Welt. SZ und nachtkritik lernen Empathie, wenn neun Autorinnen und Autoren in München über das Schreien eines Babys sinnieren.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2026 finden Sie hier

Literatur

Ingeborg Bachmann wird 100 und der Wettbewerb in Klagenfurt 50 - da war ausnahmsweise mal "von allem halbwegs genug da", freut sich in der FR Judith von Sternburg: "Der Ingeborg-Bachmann-Preis wurde von 25.000 auf 30.000 Euro aufgebessert. Der 'Literaturkurs', ein exklusiver Treff für den Nachwuchs, den die Literaturagenturen umschwirren, denn hier zeigt sich schon, wer morgen groß rauskommen könnte, fand nach einjähriger Zwangspause wegen mangelnden Budgets wieder statt. 'Wunder geschehen', hieß darum die Rede des scheidenden Juryvorsitzenden Klaus Kastberger." Gefallen hat ihr auch Helga Schuberts Eröffnungsrede, wenn sie ihr auch an einem Punkt widerspricht: Schubert "wandte sich an die 14 eingeladenen Autorinnen und Autoren, 'deren weiteres Berufsleben davon abhängt, wie sieben anderen Menschen das gefällt oder nahegeht, missfällt, langweilt, an andere Schriftsteller erinnert, was Sie in den Ihnen zugestandenen 25 Minuten innerhalb der nächsten drei Tage hier mündlich vortragen werden'. Aber in Wirklichkeit geht es auch ohne Bachmann-Preis. Für Schubert freilich war er ein später, wesentlicher Wendepunkt".

Tex Rubinowitz, der selbst mal den Preis gewonnen hat, erklärt im Interview mit dem Standard, warum er den Wettbewerb immer schon mochte: "Vermutlich, weil ich das Kompetitive mag, was ich bei Fußball auch hätte, wenn es einen zusätzlichen Mehrwert gäbe, die Spieler sich danach einer Jury stellen müssten, wo Lattenschüsse, Fouls, Freudensprünge und Schwalben analysiert und bewertet werden würden. So wie Literatur und Musik ja von 1912 bis 1948 auch mal olympisch waren, 1924 saßen sogar Selma Lagerlöf und Igor Strawinski in der Jury. Man könnte beispielsweise Haikus auch mit Speerwerfen verbinden. Oder Minimal-Grunge mit Klapphornversen." Und hat der Bachmann-Preis wirklich solche Auswirkungen, wie Schubert sie beschrieben hat? Jein, meint Rubinowitz. "Gibt schon gute Autoren und Autorinnen, die nachhaltig nach Klagenfurt weiter präsent geblieben sind, auch unbepreiste, Arno Geiger und Rainald Goetz. Oder welche mit kleinen Preisen wie Wolfgang Herrndorf und Stefanie Sargnagel. Oder mittleren Preisen wie Johanna Sebauer. Aber auch den tiefen Fall von Uwe Tellkamp nach dessen Hauptpreis gibt es, den Hattrick Tilman Rammstedts mit gleich drei Preisen, das rätselhafte Verschwinden Kathrin Passigs." Im Tagesspiegel berichtet Gerrit Bartels von der Eröffnungsveranstaltung, in der SZ Marie Schmidt. Im Standard berichtet Michael Wurmitzer über die erste Lesung der ungarischen Autorin Kinga Tóth.

Eva Menasse denkt im Standard darüber nach, wie sich die Vorstellungen von Bachmann und der Frau als Schriftstellerin in den letzten Jahrzehnten geändert haben: "Der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist nicht, dass die einen weniger Zeug zur Künstlerschaft haben als die anderen, sondern dass das kreative, freischaffende und daher für Leib und Seele oft gefährliche Leben den einen nicht gestattet war. Die Gesellschaft ist daran gewöhnt, Männer öffentlich scheitern zu sehen und erklärt den Absturz geschmeidig zum Opfer für die hehre Kunst; bei Frauen pathologisiert man es bis heute."

Weitere Artikel: Michael Köhlmeier sucht in seiner Dankesrede zur Verleihung des Max Frisch-Preises, die die FAZ druckt, bei Étienne de La Boëtie, Max Frisch, Montaigne und Dostojewski nach Antworten auf die Frage, warum die Massen so oft den Tyrannen verehren.

Besprochen werden Niklas Luhmanns "Erziehung. Funktion und System" (NZZ), Caro Claire Burkes "Yesteryear" (NZZ), Matthias Nawrats Roman "Das glückliche Schicksal" (FAZ), Volha Hapeyevas "Wörterbuch einer Nomadin" (FAZ) und Farai Mudzwingas Debüt "Die Avenues" (FAZ).
Archiv: Literatur

Kunst

Walter Schels, Selbstporträt, zweimal rechte Gesichtshälfte, 1985, a.d.S. Halbierungen
© Walter Schels / Stiftung F.C. Gundlach

Überfällig findet Andreas Kilb in der FAZ die Retrospektive, die das C/O Berlin dem Fotografen Walter Schels zum Neunzigsten schenkt. Eine Konstante macht Kilb im vielschichtigen Werk Schels aus: Stets geht es ihm um die "Verflüssigung des scheinbar Festen, Ewigen": 2004 etwa "begleitet Schels zusammen mit seiner Lebensgefährtin Beate Lakotta unheilbar Kranke in einem Hospiz mit der Kamera: Greisinnen, Männer und Frauen mittleren Alters, sogar ein Säugling. In Berlin zeigt je ein Foto den Beginn und das Ende des Sterbeprozesses. Es ist der stärkste Eindruck, den man aus der Ausstellung mitnimmt. Der Tod erscheint in diesen Bildern wahrhaftig als die andere Seite des Lebens, die Gegenüberstellung von Gesicht und Leichenantlitz ergibt ein Doppelporträt."

Cyprien Gaillard. When you expect flutes, it's whistles. Detailansicht 2. Obergeschoss Kunsthaus Bregenz, 2026. Penombra (Prelievo A), 2024 Foto: Timo Ohler, © Cyprien Gaillard, Kunsthaus Bregenz Courtesy of the artist, Privatsammlung

Um Vergänglichkeit geht es auch im Werk des französischen Künstlers Cyprien Gaillard, dem das Kunsthaus Bregenz derzeit eine Ausstellung widmet, die Alexandra Wach ebenfalls für die FAZ besucht hat. Beschallt von Opernmusik, Presslufthammer-Lärm und Hundegebell blickt sie hier in die Abgründe unserer Gegenwart: "Der kaleidoskopische 'Ruinen-Atlas' des rastlos reisenden Atelier-Flüchtlings aus verblassenden Polaroids, die er rund um den Globus aufgenommen hat, umfasst Hunderte von dokumentarischen Aufnahmen, darunter Betonwüsten, Kriegsbunker, Gruften, Heldendenkmäler oder der inzwischen abgerissene Nakagin Capsule Tower aus Tokio. Nicht nur formale Analogien in Form, Farbe oder Motiv halten die Fotoskulpturen in diamantförmig collagierten Rastern zusammen. Es ist der Betrachter selbst, der zum enzyklopädischen Dechiffrierer dieser vom Verfall gezeichneten Unorte mutiert, inklusive der Polaroids selbst, deren fragile Existenz mangels nicht mehr hergestellter Kameras bedroht ist."

Weitere Artikel: Der Germanist und ehemalige Intendant des Kunstmuseums Bonn Stephan Berg holt in der Welt recht weit aus, um festzustellen: Immersive Ausstellungen haben mit dem eigentlichen Werk der ausgestellten Künstler nicht mehr viel zu tun. Jette Wiese resümiert in der taz ein Podium über das Schicksal lesbischer Künstlerinnen in der DDR in der Berliner nGbK.
Archiv: Kunst

Film

Nein, Uwe Bolls Film "Citizen Vigilante", in dem ein Mann Jagd macht auf kriminelle Migranten, wurde von der FSK nicht verboten, sondern erhielt lediglich kein Kennzeichen (KK) erteilt, also keine Altersfreigabe. Die verweigerte Freigabe "schränkt die Vermarktung massiv ein, macht den Film aber nicht illegal", dafür jedoch bekannter, als er sonst jemals geworden wäre, seufzt in der Welt Dennis Sand. Und das sei nicht das einzige Missverständnis: "Besonders in der rechten und ultrarechten Szene wird 'Citizen Vigilante' mittlerweile wie ein heiliger Gral gehandelt. ... Blöd nur, dass Boll alles andere als ein Rechter ist. Tatsächlich zieht sich durch sein Werk eine ganz andere Linie. Seit Jahren arbeitet er an Filmen, die sich mit politischen Gewalttaten und gesellschaftlichen Radikalisierungsprozessen beschäftigen. Mit 'Citizen Vigilante' beendete er seine 'Deutschland-Trilogie', die mit 'Hanau - Deutschland im Winter' begonnen hatte, seiner Verfilmung des rechtsextremistischen Anschlags von Hanau. 'Run' handelt von einer Gruppe afrikanischer Migranten, die nach einer lebensgefährlichen Überfahrt das italienische Festland erreichen und sich dort vor der Polizei verstecken müssen. Und 'Citizen Vigilante' schließlich von der Radikalisierung der Mehrheitsgesellschaft. Es geht Boll vor allem darum, die zunehmende gesellschaftliche Spaltung des Landes zu thematisieren." Leider ist es "nicht einmal ansatzweise ein guter Film" geworden, bedauert Sand, der statt dessen Bolls "Rampage" empfiehlt - wenn man die Nerven dafür hat.

Besprochen werden Curry Barkers Horrorfilm "Obsession" (NZZ, Welt, Standard, Zeit), Bi Gans "Resurrection" (FAZ)
Archiv: Film
Stichwörter: Boll, Uwe

Bühne

Szene aus "The Crying Child". Foto: Adrienne Meister

Neun Autorinnen und Autoren haben am Stück "The Crying Child" gemeinsam geschrieben, sie kommen aus Chile, Litauen, den USA, der Ukraine, aus Georgien, Indien, Argentinien und aus Israel und Iran, nun wurde das Stück beim "Welt / Bühne Festival" am Münchner Residentheater uraufgeführt. Das vorgegebene Thema war lediglich ein von irgendwoher kommendes Baby-Geschrei, verbunden mit der Frage, was Weinen im kulturellen Kontext auslösen kann, informiert Christiane Lutz in der SZ, die das Stück auch als "Plädoyer für Empathie" sieht: "Erschütternd ist der Dialog zwischen einer Mutter und ihrem Sohn (Juliane Köhler und Florian von Manteuffel) am Strand; der Text stammt von der israelischen Autorin Noa Lazar-Keinan. Trotz des Dauergeschreis versuchen die beiden, eine schöne Zeit zu haben, das Kind baut einen Bunker in seine Sandburg. Ob sie sich je an das Weinen gewöhnen könne, überlegt die Mutter. 'Besonders in Israel ist das Weinen stärker', sagt sie, 'was, wenn es das Weinen all der toten Kinder in Gaza ist -?'" Auch nachtkritikerin Isa Hoffinger, die außerdem die Stücke "Cosmic Home" von Birutė Kapustinskaitė und Lina Lapelytė und "Iokaste: Rohmaterial" von Mariam Megvinyte bespricht, ist angetan.

Weitere Artikel: Im taz-Interview mit Pauline Cruse spricht die Schauspielerin Maria Thies über ihr Projekt "Pretty Privileged". Besprochen werden außerdem Panaghis Pagiulatos' Inszenierung von Luigi Cherubinis Oper "Medea" an der Griechischen National Oper in Epidaurus (Welt) und Brit Bartkowiaks Inszenierung von Kaleb Erdmanns Stück "Debritz" am Staatstheater Karlsruhe (taz, nachtkritik)
Archiv: Bühne

Architektur

ICC-Haupteingang im Norden. Quelle: Wikipedia. Von Sebastian Rittau - Eigenes Werk, CC BY 4.0

Marcus Woeller (Welt) will es kaum glauben: Das seit mehr als zehn Jahren leerstehende Internationale Congress Centrum Berlin (ICC) hat eine Rettungsperspektive: Am Mittwoch präsentierte Berlin die "Projektpartnerschaft Quartier ICC" aus verschiedenen Architekturbüros und Immobilienentwicklern. Und auch Pläne wurden skizziert: "Im großen Saal sollen Konzerte und Großveranstaltungen stattfinden, der Saal 2 zu einem 'eigenständigen, offenen Ausstellungs- und Erlebnisraum' werden. Das Mittelfoyer und andere Bereiche sind für 'Gastronomie, Bars, Studios, Galerien und kulturelle Nutzungen' vorgesehen. Das Gebäude soll eine öffentliche Nord-Süd-Passage bekommen und von zwei Hochhäusern mit Hotels und Büroflächen flankiert werden. Die Kosten für die beiden Hotelneubauten werden laut Deutscher Presseagentur auf jeweils 150 bis 200 Millionen Euro geschätzt. Die Sanierung des ICC werde nach vorsichtigen Schätzungen der Projektpartner wohl mehr als 400 Millionen Euro kosten."
Archiv: Architektur
Stichwörter: ICC

Musik

Ousmane Ag Mossa, Gitarrist und Frontman der malischen Band Tamikrest, spricht im Interview mit der FR über das neue Album der Band, über die Bedeutung des Teetrinkens, ihre internationale Karriere und die Situation in seiner Heimatstadt Kidal, die von Tuareg-Rebellen und Dschihadisten überrannt wurde: "Ich war seit 2023 nicht mehr in Kidal. Aber es gibt kein Licht mehr in der Wüste, alles geschieht in völliger Dunkelheit. Es ist so, als hätte man die Wüstenbewohner ihrem eigenen Schicksal überlassen." Dass einige Tuaregs mit den Dschihadisten gemeinsame Sache machen, wundert ihn nicht. Die regierende Militärjunta habe ihnen kaum eine Wahl gelassen, meint er, insbesondere, seitdem sie mit den Wagner-Söldnern zusammenarbeitet: "Sie kennen die Gruppe Wagner - das sind ehemalige Häftlinge, oft Mörder, die für ihre Taten im Gefängnis saßen. Dann schickt man sie in die Wüste, wo sie Terror verbreiten. Da bist du froh, wenn du jemanden findest, der dir sagt: 'Auch wenn wir keine gemeinsame Ideologie haben, haben wir einen gemeinsamen Feind'. Aber die Tuareg-Gruppen und Gruppen wie Al-Qaida trennen ideologisch gesehen Welten voneinander. Den Rebellen geht es eigentlich nur darum, in einer gewissen Freiheit und in Würde auf ihrem Gebiet zu leben, das ohnehin schon schwer zu bewohnen ist."

Weitere Artikel: Dirk Schneider stellt in der taz den Münchner Musiker Enik und dessen Album "Rainbow Planecrashes" vor. Ebenfalls in der taz porträtiert Leonhard F. Seidl den Punkliedermacher Ziller.

Besprochen werden Olof Dreijers Album "Loud Bloom" (FR), KitschKriegs "KitschKrieg Zwei" (taz) und eine Einspielung von Bachs Goldberg-Variationen mit dem Trio Asya Fateyeva (Saxofon), Eckart Runge (Cello) und Andreas Borregaard (Akkordeon) (die Elmar Krekeler in der Welt wärmstens empfiehlt).
Archiv: Musik