Efeu - Die Kulturrundschau

Krach wurde plötzlich Musik

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20.08.2014. Die taz besucht Künstler in der Türkei, die Erdogans Eingriff in die Kultur fürchten. Übersetzerin Katy Derbyshire verteidigt in ihrem Blog den neuen Roman von Judith Hermann gegen zynische deutsche Kritiker. Heute beginnt das Atonal-Festival in Berlin: Bei Electronic Beats erinnert sich Dimitri Hegemann an die krachigen Ursprünge im Westberlin der Achtziger.

Kunst



Nach der Präsidentenwahl fürchten Künstler in der Türkei, dass ihr Land sich geradewegs auf dem Weg zum islamischen Faschismus befindet, berichtet Ingo Arend in der taz. Ob die Kunst dem etwas entgegenhalten kann? Noch lässt man sich nicht beeindrucken: "Am 10. August, dem Tag von Erdogans Präsidentschaftssieg, postete die Videokünstlerin Sükran Moral auf ihrem Facebook-Account ein Foto ihrer Arbeit "Kindsbraut": Zu sehen ist ein von Blutspritzern besudeltes Hochzeitsbett in Form der türkischen Landkarte. Darüber schrieb sie: "Welcome to Turkey 2014!" Das Signal der 1962 Geborenen, eine der provozierendsten Künstlerinnen des Landes, war Aufschrei und Warnung zugleich: Die Kunst in der Türkei lässt sich auch in Zukunft den Schneid nicht abkaufen!" Im Standard berichtet Markus Bernath über ähnliche Befürchtungen in der türkischen Theaterszene, die noch leichter drangsaliert werden kann.

Gottfried Knapp staunt in der SZ über die Bilder der wiederentdeckten Malerin Lotte Laserstein, die derzeit neben den Werke anderer Künstler in der Gastausstellung "Moderne Zeiten" der Nationalgalerie Berlin in der Kunsthalle Würth zu sehen sind: "Lotte Laserstein hat in den Bildern ihrer Berliner Zeit (...) immer wieder behutsam etwas von Konflikten angedeutet, die wir heute unter dem Modewort Gender rubrizieren würden." Mehr zu Laserstein hier.

In der FAZ-Textreihe über den Sommer fasst Rose-Maria Gropp beim Sinnieren über Félix Vallottons "Blonden Akt" den Entschluss, ihre Haut der Sommersonne künftig nur noch mit Sonnencreme Schutzfaktor 30 ("mindestens") auszusetzen.

Besprochen werden eine Ausstellung spanischer Architekturfotografie des 20. Jahrhunderts im Museo ICO in Madrid (NZZ), die Ausstellung "Die herrlichen schwarzen Menschen" mit Fotografien des Ethnologen Hugo Bernatzik im Wiener Photoinstitut Bonartes (Presse), Tilo Schulz" Parcours "Orbit" im Kunstverein Hannover (taz) und die Ausstellung "Wege in die Moderne" im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg (FR).
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Film

Nikolaus Perneczky berichtet beim Perlentaucher über das höchst sehenswerte Programm des Filmfestivals in Locarno. Hanns-Georg Rodek schreibt in der Welt den Nachruf auf den UFA-Star Hansi Knotek.

Besprochen werden Nana Ekvtimishvilis und Simon Groß" "Die langen hellen Tage" (Tagesspiegel), Sylvester Stallones neue Actionklamotte "Expendables 3" (taz) und Xavier Dolans "Sag nicht wer Du bist" (ZeitOnline), Jonas Alexander Arnbys Spielfilmdebüt "When Animals Dream" (Standard, FAZ).
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Bühne

Die beim Edinburgh Fringe Festival gezeigten Stücke stehen ganz im Zeichen der Debatte um die schottische Unabhängigkeitserklärung, über die im September abgestimmt wird, berichtet Gina Thomas in der FAZ. Barbara Eckle war für den Tagesspiegel bei den ersten Aufführungen der Ruhrtriennale.

Besprochen werden Heiner Goebbels" bei der Ruhrtriennale gezeigte Inszenierung von Louis Andriessens "De Materie" (FR, mehr) und der Gesprächsband "Nebeneingang oder Haupteingang?" mit Peter Handke über das Theater (SZ).
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Literatur

Übersetzerin Katy Derbyshire ist hin und weg von Judith Hermanns Roman "Aller Liebe Anfang" - den delikaten Sätzen, den Gedanken über die Natur der Liebe. Die mehrheitlich negativen Kritiken in deutschen Zeitungen sind ihr ein Rätsel: "I"ve just been reading reviews of the novel in the major papers, partly to tone down my emotional reaction to the book - I found it profoundly unsettling, especially where it touches on things I"ve been through myself. And the reviews are strange because the critics (all male) can"t seem to tap into any emotions of their own; they seem so cynical. There is criticism that the characters are clichéd where I found them believable from first-hand experience (a class issue?), and one man even suggested on the radio that Hermann"s clear and simple sentences are a sign of a lack of intelligence. I was shocked."

Weitere Artikel: Hanser-Chef Jo Lendle plant einen kleinen Digitalverlag, meldet die Welt. In der FR porträtiert Sebastian Moll den iranisch-amerikanischen Schriftsteller Said Sayrafiezadeh.

Besprochen werden unter anderem Judith Hermanns "Aller Liebe Anfang" (Freitag, mehr), Swetlana Alexijewitschs "Die letzten Zeugen" (FR) und Verena Güntners Debüt "Es bringen" (FR).
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Musik

Heute beginnt in Berlin das Atonal-Festival. In der taz führt Tim Caspar Boehme durch das Programm. Bei Eletronic Beats erinnert sich Dimitri Hegemann an die krachigen Ursprünge des Festivals im Westberlin der frühen Achtziger: "Noise had suddenly become music. ... The festival didn"t just push mental boundaries, it pushed physical boundaries as well. It ran non-stop from the first day to the last. I didn"t go home, I just stayed for the whole thing and slept there. It was research into how far you could go - your brain would get totally fried."

Bei The Quietus würdigt Davin Bennung die "American Recordings", mit denen Johnny Cash vor 20 Jahren den Spätherbst seiner Karriere einleitete. Besprochen werden das Album "Shelter" von DJ Moiré (ZeitOnline) und ein Auftritt der Punkband Cloud Nothings (Berliner Zeitung).
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