Efeu - Die Kulturrundschau

Das Stück der Stunde

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02.07.2014. Der Standard beobachtet Verweigerungstaktiken in der Kunsthalle Wien. Die FAZ fragt angesichts der Geldmaschine Art Basel: Warum sollen wir hier über Kunst reden? Kathrin Passig singt in Volltext ein Loblied auf die automatische Literaturkritik. Der Tagesspiegel erlebt in Errol Morris' Interviewfilm mit Donald Rumsfeld, wie man Verantwortung in einem Meer aus Worten auflöst. Hermann Beil erklärt im Standard, warum Schnitzler immer noch aktuell ist. Um Gluck wieder aktuell zu machen, bräuchte man allerdings eine Callas, meinen Welt und Presse.

Kunst


(Bild: Sofia Hultén, Grey Area. 12 Attempts to hide in an office environment, 2001 (Videostill), © Bildrecht, Wien, 2014)

Den Wunsch nach Verlangsamung kann Anne Katrin Feßler verstehen: Wie sonst soll der Künstler produktiv sein? Die Ausstellung "Neue Wege nichts zu tun" in der Kunsthalle Wien scheint da eine erste Lektion zu bieten, schreibt sie im Standard. Hier werden Verweigerungstaktiken vorgeführt: "Würde es nutzen, sich unter schmutziggrauer Büroauslegeware zu verstecken? Sich mit Kartons aus dem Altpapier unter dem Schreibtisch zu verbarrikadieren oder mucksmäuschenstill ins Regal zu verräumen? Die innere Emigration scheint eher Fluchtweg einer überwundenen Kontrollgesellschaft zu sein. Aber Sofia Hulténs Video ist sehnsuchtsvoller Ausdruck, dem Irrsinn entkommen zu wollen, und bezieht seinen Witz aus der Vielfalt gefundener Schlupflöcher."

Die Art Basel wirkt längst auf die eigens darauf ausgerichtete Kunst zurück, meint Julia Voss in einem ausführlichen Hintergrundartikel in der FAZ: Fotogen bombastisch müssen die Werke sein und möglichst gut als Kapitalanlage geeignet. Nur soll davon in der Presse lieber nicht die Rede sein: Zwei Sphären des Diskurses existieren hier, meint sie, "eine kleine, exklusive und eine große, die man Öffentlichkeit nennt. In der ersten geht es ganz selbstverständlich um Kapitalanlagen, Investitionsobjekte, Erbschaftsteuerersparnis und Marketing. Von der zweiten, von uns, den Besuchern und Kunstkritikern, verlangt man jedoch allen Ernstes, nur Augen für die "reine Kunst" zu haben. ... Es ist, als ob einen Coca-Cola einlädt, die Form der Flasche zu interpretieren."

In der Zeit verteidigt sich Kriegsfotograf Christoph Bangert, dessen drastische Fotografien aus Krisen- und Kriegsregionen gerade als Buch veröffentlicht wurden, gegen den Vorwurf, seine Arbeiten seien "pornografisch, voyeuristisch, entmenschlichend. Natürlich tragen diese Bilder immer etwas Entmenschlichtes in sich, weil das, was sie zeigen, so unglaublich ist: Dass ein Mensch zu Tode gefoltert und auf einer Mülldeponie entsorgt wird. Das Bild deswegen verwerflich zu nennen, ist aber eine Ausrede. Damit vermeidet man, sich mit den Ereignissen, die sie zeigen, auseinanderzusetzen.

Weitere Artikel: Das in Berlin neu eröffnete Museum des Kapitalismus (mehr) ist "mehr als eine plastische Darstellung marxistischer Theorie", meint Jan Greve im Freitag. Herwig Höller resümiert im Standard die Manifesta in St. Petersburg.

Besprochen werden die neue Dauerausstellung im Berliner Museum für Vor- und Frühgeschichte (SZ), eine Ausstellung über deutsche Propaganda im Ersten Weltkrieg im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg (taz) und die Ausstellung "Sogar der Tod hat Angst vor Auschwitz" mit Zeichnungen und Gemälden von Ceija Stojka im Kunstverein Tiergarten (taz).
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Musik

Wer Deutschland beim schwachbrüstigen Herumhackeln gegen Algerien zugeschaut hat, hat dadurch Damon Albarns Auftritt in Berlin verpasst und damit das "tollste Konzert geopfert, das seit langem in Berlin auf irgendeiner Bühne zu sehen war", schwärmt Jens Balzer in der Berliner Zeitung. Andreas Felber stellt im Standard den Vokalkünstler Andreas Schaerer vor. Im Freitag gruselt sich Jörg Augsburg beim Anblick der proletarischen Fans der Böhsen Onkelz. Besprochen wird das neue Album der Manic Street Preachers (Welt).
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Bühne


(Bild: André Pohl als Dr.Mauer und Julia Stemberger als Genia in Schnitzlers "Das weite Land". Fotograf: Carlos de Mello)

Im Standard erklärt Hermann Beil, warum er ausgerechnet Schnitzlers "Das weite Land" für die Festspiele Reichenau inszeniert hat. Zuerst mal, sagt er, gibt es die Schnitzlerfiguren heute noch: "Zumindest in meiner Burgtheater-Zeit bin ich in Gesellschaften geraten, von denen sich sagen ließ, es seien Schnitzler-Gesellschaften. Natürlich mit heutigem Habitus, aber so, dass man denkt: Das ist ja wie früher. Mir ist noch etwas anderes während der Proben aufgegangen. Weil doch jetzt pausenlos in allen Zeitungen über 1914 geschrieben wird: Für mich bildet "Das weite Land" die Kehrseite. Hochtrabend gesagt, ist es das Stück der Stunde. Es spielt 1911, war damals ein absolutes Gegenwartsstück, drei Jahre vor Kriegsausbruch. Wir sehen eine fröhliche Gesellschaft, die so tut, als ob ihr Glück nie zu Ende ginge. Im fünften Akt ist das Leben jeder Figur ruiniert. Die Sprache wird plötzlich hart und knapp. Sie vereist, sodass fast ein Beckett draus wird. Schnitzler hat den Zusammenbruch unbewusst geahnt."

Weitere Artikel: Im Standard schreibt Ilija Trojanow über Maurice Ravels "Das Kind und die Zauberdinge" und Igor Strawinskys "Die Nachtigall" in Karlsruhe. Für die NZZ besucht Marion Löhndorf das neu überdachte Sam Wanamaker Playhouse in London. Volker Tarnow in der Welt und Wilhelm Sinkovicz in der Presse sind sich einig: Christoph Willibald Gluck, der heute seinen 300. Geburtstag feiert, bräuchte eine Neubelebung - am besten, so Sinkovicz, durch "eine fantasievolle Interpretin" vom Format einer Callas. Gina Thomas gratuliert in der FAZ dem National Theatre in London dazu, mit Richard Beans still und heimlich vorbereitetem Stück "Great Britain", das sich über die Verstrickungen zwischen britischer Boulevardpresse und Politik amüsiert, zeitnah zu den realen Ereignissen einen echten Theater-Coup gelandet zu haben. Mehr zum Stück hier. Und schlechte Nachrichten für junge Theaterregisseure: das "Young Directors Project" der Salzburger Festspiele wird eingestellt, nachdem sich Sponsor Montblanc nach 13 Jahren zurückzieht, meldet die Presse.

Besprochen wird Péter Eötvös" Oper "Der Goldene Drache" an der Oper Frankfurt (Standard).
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Literatur

Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig erklärt bei Volltext noch einmal, was automatische Literaturkritik ist und verteidigt sie gegen andere Rituale des Literaturbetriebs. Zum Beispiel hat sie beim Bachmann-Preis die Relation zwischen Lesezeitpunkt und Wahrscheinlichkeit eines Preises untersucht: "Die Wahrscheinlichkeit, den Bachmann-Preis zu gewinnen, ist bei einem Lesetermin am Freitag fast fünfmal so hoch wie am Donnerstag, und am Samstag immer noch dreimal so hoch. Die Wahrscheinlichkeit, den Automatischen Literaturkritik-Preis zu gewinnen, ist dagegen auf allen Leseplätzen gleich."

Weitere Artikel: Heute abend wird der Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt eröffnet: Die Presse stellt die österreichischen Autoren vor. Für die FAZ trifft sich Astrid Kaminski mit dem niederländischen Autor Mano Bouzamour, der mit seinem Bestseller "De belofte van Pisa" auf kritisch-humorvolle Weise vom Culture Clash in den Niederlanden erzählt.

Besprochen werden Hans Blumenbergs "Präfiguration - Arbeit am politischen Mythos" (SZ) und Joachim Lottmanns "Endlich Kokain" (FAZ - mehr).
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Film

Martina Knoben von der SZ staunt darüber, mit welcher Konsequenz Regisseur Errol Morris in seinem Interview-Essayfilm "The Unknown Known" Donald Rumsfeld ein Forum zur Selbstdarstellung bietet, das dieser mit rhetorischer Verve auch für sich zu nutzen versteht. Doch wer ein bisschen was von der jüngeren Geschichte versteht, wird gerade darin ein Moment der Enttarnung entdecken, meint die Kritikerin: Denn "Rumsfeld - das ist "The Unknown Known", eine Black Box, die am Ende aber nichts Faszinierendes mehr hat, nur noch leer wirkt in ihrer Abweisung von Skrupeln oder Einsicht. Mit dieser Haltung wurde Weltpolitik gemacht. Das ist das Schlimme daran."

Für Christoph von Marschalls Geschmack kratzt dieser Film zu wenig an Rumsfelds Fassade: "Worin die individuelle Verantwortung Rumsfelds besteht, verschwimmt in einem Meer aus Worten. Sichtbar bleibt ein knorriger Charakter", schreibt er im Tagesspiegel. Für die FAZ bespricht Verena Lueken den Film.

Hier unterhalten sich Morris und Homi Bhabha eine Stunde lang über den Film:



Luisa Maria Schulz (FAZ) hat mit großem Interesse die Ausstellung "Bewusste Halluzinationen" im Deutschen Filmmuseum Frankfurt über den filmischen Surrealismus besucht. Ein wenig beliebig fand sie diese allerdings doch: "Das surrealistische Virus war epidemisch", stellt sie fest, "aber genau darin liegt vielleicht auch der schwache Punkt der Ausstellung. Am Ende bleibt die Frage, welchen Sinn es hat, die avantgardistischen Filmkulturen der verschiedenen Länder unter dem Etikett des Surrealismus zu subsumieren."

Paul Mazursky ist tot. Hier ein Ausschnitt aus seiner wunderbaren Komödie "Zoff in Beverly Hill" von 1986:



Weitere Artikel: Sabine Vogel spricht in der Berliner Zeitung mit Torsten Schulz, Dekan der HFF Konrad Wolf, die sich in diesen Tagen zur Filmuniversität umgewandelt wird. Beim Münchner Filmfest sah Cosima Lutz für die Welt Hans Steinbichlers Film über den jüdischen FC-Bayern-Präsidenten Kurt Landauer, "Landauer - Der Präsident".
Archiv: Film