Efeu - Die Kulturrundschau

Offensiver Idiotismus

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20.05.2014. Der deutsche Kunst-Export boomt: Basel berauscht sich an Gerhard Richter, New York ist hin und weg von Schlingensief, Polke und Co. In Cannes ziehen die Kritiker eine eher ernüchterte Halbzeitbilanz. Anhand seiner Kostüme versuchen Ausstellungsbesucher in Berlin das Rätsel David Bowie zu ergründen. Und der Kurier hat sich alle acht Konzerte angesehen, die Kraftwerk in Wien gegeben hat.

Kunst




Gerhard Richter: Ella.

Wie "auf Droge" waren die Besucher bei der Eröffnung der großen Gerhard Richter-Ausstellung in der Fondation Beyeler, berichtet Ewa Hess im Tages-Anzeiger und schließt sich dabei durchaus selbst mit ein: "Überwältigend der Saal mit den grauen Bildern. Das sind die selten zu sehenden Tafeln aus Mönchengladbach - einer der ersten Museumsankäufe für den Künstler. Ja, sie sind grau, diese Bilder, aber ihre Oberfläche ist bewegt. Sie nehmen mit ihrer grauen Monumentalität den Raum in Gewahrsam. Das kleine Porträt von Richters Tochter Ella als 'Kontrapunkt' - so nennt es der Kurator Hans Ulrich Obrist - setzt diese Totalität schachmatt. Dabei hebt das scheue Mädchen auf dem Bild nicht einmal die Augen."

New Yorks Kunstkritiker samt Publikum sind außer sich vor Begeisterung, berichtet Peter Richter in der SZ. Der Grund: Einige deutschen Künstlern wie Christoph Schlingensief und Sigmar Polke gewidmete Schauen in den maßgeblichen Kunstinstitutionen der Stadt. Doch warum ist es gerade die bildende Kunst - und nicht etwa das Theater, das Kino, die Literatur -, die als deutscher Export in den Staaten die Herzen gewinnt? Die Kritik jedenfalls feiert das Heroische und Dionysische, schreibt Richter. Und "falls das ein Rezeptionsmuster sein sollte, bei dem der Kampf und der Mut zur Konfrontation und zu einsamen Märschen moralisch und ästhetisch so wertgeschätzt werden wie sonst nur in den Tugendallegorien des Barock (Herkules am Scheideweg) und im amerikanischen Kino: Dann sagt das vielleicht auch etwas zu den Gründen, aus denen zum Beispiel die deutsche Literatur eher keine so überragende Rolle spielt."
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Literatur

Im Tagesspiegel stellt Bernhard Schulz zwei Bücher zur Leningrader Blockade vor.

Besprochen werden Marie NDiayes Roman "Ladivne" (Tagesspiegel), der von Horst Lauinger herausgegebene Band "Über den Feldern" mit Erzählungen über den Ersten Weltkrieg (FR), Michael Chabons Roman "Telegraph Avenue" (Zeit), Szczepan Twardochs Roman "Morphin" (Tagesspiegel), Thomas Medicus' "Heimat" (SZ), Germán Kratochwils Roman "Rio Puro" (FAZ) und Alan Moores neuer Comic "Nemo - The Roses of Berlin", den Moritz Honert vom Tagesspiegel erst goutieren kann, nachdem er sich mit dem Gedanken abgefunden hat, "dass nicht alles, was den Name Alan Moore trägt, automatisch große Kunst ist".
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Stichwörter: Alan Moore

Film

Cannes, sechste Lieferung. In der taz beglückwünscht sich Cristina Nord zu ihrem glücklichen Händchen bei der Filmauswahl: Lisandro Alonsos "Jauja", in der Sektion "Un Certain Regard" zu sehen, hat ihr jedenfalls herausragend gut gefallen. "Alonso arbeitet stark mit der Beziehung, die sich zwischen dem, was im Bild ist, und dem, was jenseits davon ist, einstellt, etwa wenn ein Soldat in einer Nahaufnahme die Tochter des Kapitäns küsst. Dabei beugt er sich über sie, die beiden sinken nach unten, aus dem Bild, die Kamera bleibt still stehen, und man sieht Grashalme, ein Pferd in der Bildtiefe, dahinter einen Hügel. Zur betörenden formalen Schönheit kommt die Kühnheit der Erzählung." Von einem "sehr bemerkenswerten und nie ganz greifbaren Kinoerlebnis" schwärmt Michael Kienzl auf critic.de.

Außerdem lief David Cronenbergs neuer Film "Maps to the Stars", der in der internationalen Presse zum Teil einiges an Begeisterung hervorrief und auch beim Kritikerspiegel auf critic.de herausragend gut bewertet wird. Nur die Abgesandten der deutschen Feuilletons machen fast durchweg lange Gesichter: Verena Lueken von der FAZ etwa hat sich bei dieser Satire auf den Hollywood-Betrieb doch eher gelangweilt: Echter Schrecken vor den Abgründen der Traumfabrik wollte sich nicht einstellen. "Vielleicht kennen wir das Material zu gut - Hollywood steckt in seinem Ruhmeswahn voller zerstörter Seelen und schamanischer Heiler mit dem persönlichen Touch -, vielleicht ist es aber auch zu abgestanden und so einfach nicht mehr wahr", schreibt sie. Wenke Husmann bemängelt in Zeit online zudem, dass der Film "ein wenig zu laut nach Selbstmitleid" klingt. "Für einen Cronenberg-Film" findet Susan Vahabzadeh (SZ) das Ergebnis "vergleichsweise moralisch und etwas schlicht". Dafür hat ihr Bennet Millers Drama "Foxcatcher" aber ausnehmend gut gefallen, der auch für Hanns-Georg Rodek in der Welt einer der wenigen Lichtblicke einer "enttäuschenden ersten Festivalhälfte" war.

Außerdem: Marco Koch bietet im Filmforum Bremen wieder einen Überblick über die deutsche Filmblogosphäre. In der SZ schreibt Fritz Göttler den Nachruf auf den "Pate"-Kameramann Gordon Willis. Und: Dominique Strauss-Kahn geht rechtlich gegen Abel Ferraras neuen, am Rande des Filmfestivals in Cannes vorgestellten Film "Welcome to New York" vor, meldet die dpa. Der Tages-Anzeiger zitiert Strauss-Kahns Anwalt Jean Veil mit den Worten, der FIlm sei "eine Scheiße, eine Hundekacke" und überdies "zum Teil antisemitisch". Für critic.de hat Lukas Foerster den umstrittenen Film gerade besprochen und staunt dabei über Gérard Depardieus "exzessiv exhibitionistische Starperformance".

Besprochen werden außerdem Anna Martinetz" Verfilmung von Arthur Schnitzlers Novelle "Fräulein Else" (Zeit), der neue X-Men-Film (FAZ), der Dokumentarfilm "Die Wirklichkeit kommt" (SZ) und Maximilian Erlenweins Thriller "Stereo" (FAZ).
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Bühne

Im Tagesspiegel wirft Patrick Wildermann einen Blick auf das Programm des kommenden Festivals "Japan Syndrome" im Berliner HAU.

Besprochen werden Mats Eks in Ludwigshafen aufgeführte Shakespeare-Bearbeitung "Julia und Romeo" (FR), Sebastian Nüblings Inszenierung von Friedrich Glausers "Matto regiert" am Schauspielhaus Zürich (FAZ) und Stephan Kimmigs Gorki-Inszenierung "Wassa Schelesnowa" am Deutschen Theater Berlin (Mounia Meiborg freut sich in der SZ "über gute Schauspieler und einen tollen Text").
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Musik

Jens Balzer hat sich für die Berliner Zeitung die große David-Bowie-Schau im Martin-Gropius-Bau in Berlin angesehen. Die Ausstellung, schreibt der Popkritiker, bringt einem Bowie in schöner Zusammenfassung nahe: "Offensiver Idiotismus, verblasene Hochkulturreferenzen, ein Hang zu politisch zweifelhaften Figuren und neueste, mutigste musikalische Technologie. Man weiß im Einzelfall nie, was das soll, es gibt von allem zu viel, und was es gibt, passt nicht notwendig zusammen. Aber aus all dem flüchtigen Chaos entstehen immer wieder zeitlose Momente. Wie kein anderer Musiker der Siebzigerjahre, hat David Bowie aus ephemer-konfusem Kram große Kunst erschaffen." (Bild: Brian Duffys Foto für das Albumcover von "Aladdin Sane", 1973)

In der Welt schildert Wolfgang Joop, welchen Eindruck David Bowie in den Siebzigerjahren auf die Pariser Modeszene machte: "Bowie war der Typ mit den roten Stoppelhaaren und dem Blitz über dem Auge. Und in einer Szene, die auf Exzess getrimmt war, erwartete man natürlich, dass Bowies Verkleidung, die ein sexuelles Versprechen beinhaltete, dieses Versprechen auch erfüllte. Aber in dieser Beziehung war David Bowie eher introvertiert. Seine Maskerade war ja gerade auch ein Schutzschild gegen die Sexualität. Wie bei einer Geisha, die sich schminkt." Weitere Besprechungen in der Welt und im Tagesspiegel, die Zeit bringt eine Bilderstrecke.

Für den Kurier hat sich Georg Leyrer alle acht Konzerte angesehen, die Kraftwerk im Rahmen der Wiener Festwochen im Burgtheater gespielt hat: "Hier geht es letztlich, darauf hat man sich zirka bei Konzert Nummer fünf ('Computerwelt') mit sich selbst geeinigt, um Differenz und Wiederholung. Um die maschinelle Macht der Wiederholung und das Menschliche an der kleinen Veränderung. Und da ist jede Kleinigkeit entscheidend und gleichgültig zugleich."

Julian Weber von der taz war beim Berliner Konzert der derzeit viel gehypten Sleaford Mods (aktuell dazu eine Besprechung auf Zeit Online, hier kann man das aktuelle Album online hören). Was er im überfüllten Underground-Club gesehen hat, hat ihm schon gefallen, allerdings wagt er doch auch leisen Widerspruch: "'Die beste Band der Welt', hat ein Kritiker geschrieben. Was die No-Nonsense-Attitude der Sleaford Mods angeht, mag das stimmen. Musikalisch passiert außer Samples zwischen Northern Soul und Postpunk allerdings kaum etwas."

Weiteres: Für die Berliner Zeitung hat sich Katja Schwemmers mit Debbie Harry unterhalten. Florian Bissig berichtet in der NZZ vom diesjährigen Jazzfestival Schaffhausen. Die Presse meldet, dass "die heimische Musikszene" eine Quote von 40 Prozent österreichischer Musik im ORF fordere. Besprochen werden Konzerte von Liz Green in Berlin (Tagesspiegel) und Bela B. in Wien (Kurier).
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