Liao Yiwu

Für ein Lied und hundert Lieder

Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen
Cover: Für ein Lied und hundert Lieder
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011
ISBN 9783100448132
Gebunden, 592 Seiten, 24,95 EUR

Klappentext

Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann. Bis zum Vorabend des 4. Juni 1989 führt Liao Yiwu das Leben eines so unbekannten wie unpolitischen Hippie-Poeten. Doch mit dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens ist schlagartig alles anders. Nachdem Liao ein kritisches Gedicht verfasst hat, wird er zu vier Jahren Haft im Gefängnis und in einem Arbeitslager verurteilt. In seinem großen Buch schildert Liao auf literarisch höchst eindringliche Weise die brutale Realität seiner Inhaftierung. Dabei ist er schonungslos, auch sich selbst gegenüber: Er beschreibt, wie er und seine Mithäftlinge zu Halbmenschen degradiert werden und dabei manchmal selbst vergessen, was es bedeutet, Mensch und Mitmensch zu sein.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.08.2011

Liao Yiwus Buch über seine Entwicklung vom "unpolitischen Provinzpoeten" zum "Zeugen der Geschichte" und seine Zeit in chinesischen Gefängnissen, in denen er wegen zwei Langgedichten über das Massaker von 1989 für vier Jahre inhaftiert war, haben Katharina Borchardt nicht nur wegen der darin zu lesenden Grausamkeiten aufgewühlt. Besonders erschreckend fand sie, dass unter den Gefängnisinsassen das gleiche System der Willkür und der Vorteilsnahme wirksam war, das auch die politischen Verhältnisse in China prägen. Borchardt räumt ein, dass Liao mal in jähen Sprüngen, mal allzu ausschweifend erzählt und viele der vorkommenden Charaktere blass bleiben. Auch etwas mehr Analyse hätte der Darstellung gut getan, meint sie noch, bevor sie das Buch dennoch als "politisches Zeugnis erster Güte" lobt. Denn Liao, der mittlerweile im deutschen Exil lebt, gibt Menschen eine Stimme, die das chinesische Regime zum Schweigen bringen will, so die Rezensentin anerkennend.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 04.08.2011

Zu Beginn ihrer Besprechung bringt Sabine Vogel ein gewisses Unbehagen an der vermeintlichen Liebe der Deutschen zu den Dissidenten zum Ausdruck. Trotzdem meldet sie dann aber gar keine Zweifel an der Bedeutung Yiao Liwus Gefängnisbuch an. Auch wenn sie sein herausgestelltes Machotum, seinen "brachialen Expressionismus" und manchem Metaphernwust hin und wieder etwas anstrengend findet, ist sie doch erschüttert und mitunter überwältigt von den grausamen Gefängniserfahrungen, von denen er mit imposanter Sprachgewalt erzählt. Ein "Pandämonium der Schmerzen" nennt sie das Buch und erzählt mit Grauen von Folterungen, die sich die Häftlinge selbst zufügen. Auf die "Speisekarte" genannten, knastinternen Strafmethoden wie "Bärentatzen-Tofu" und "Schweinerüssel" bezieht sich auch der Titel des Buches, wie Vogel andeutet. Liao Yiwu beschreibe Hunger, Folter, Demütigungen so sinnlich und mitunter so überwältigend, dass sie all die Blut, die Kotze und Exkremente geradezu zu riechen glaubte. An einer Stelle nennt sie solchen Horror auf pornografische Weise unterhaltsam", an anderer Stelle aber "ergreifende Literatur".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.07.2011

Ein großes Buch, das sich neben anderen Schilderungen von Gefängnis und Lager, neben "Archipel Gulag" und "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus", keinesfalls zu verstecken hat. Das versichert ein sichtlich beeindruckter Rezensent Oliver Jungen. Liao Yiwu beschreibt in diesem Band sein rechtloses Leben im chinesischen Gefängnis, in das ihn das Regime nach seinen Protesten im Umfeld des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens steckte. Dort wird er gefoltert (es gibt eine ganze "Speisekarte" grausamer Foltermethoden), erlebt aber auch äußerste Menschlichkeit unter den aufs "nackte Leben" zurückgeworfenen Schicksalsgenossen. Liao Yiwu erzählt aber auch, wie er nach seiner Entlassung als ein anderer, als Fremder in die Gesellschaft und zu seiner Familie zurückgekehrt ist. Weit über den nur dokumentarischen Wert hinaus handle es sich bei dem Buch, betont Jungen, um ein "monumentales Epos von literarischem Rang".

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 28.07.2011

Nach den ersten oberflächlichen Besprechungen endlich eine richtige Auseinandersetzung mit diesem Mammutwerk: Susanne Messmer widmet sich sehr eingehend und sehr erschüttert Liao Yiwus Buch "Für ein Lied und hundert Lieder", in dem der chinesische Dichter und Dissident von seinen Jahren in chinesischen Gefängnissen berichtet. Es sei nicht das erste Buch über den Gulag, schreibt Messmer, aber das schrecklichste: "Dieses Buch ist ein Horror". Über fast sechshundert Seiten schleppe Liao Yiwu seine Leser durch eine Hölle aus Demütigungen, Qualen, Folter und Vergewaltigungen, dabei schreibe er "verzweifelt, wild, unverschämt schamlos". Mehrmals, berichtet Messmer, habe Liao neu ansetzen müssen, weil seine Manuskripte konfisziert wurden, mit welcher Sorgfalt er also all seine grauenvollen Erlebnisse immer wieder rekonstruiert, das ringt der Rezensentin höchsten Respekt ab. Zwei Dinge findet Messmer dabei vor allem bemerkenswert: Die klassische Gulag-Literatur entstand in einer Zeit, als der Gulag Ausdruck eines totalitären Systems war, der chinesische Gulag dagegen, meint Messmer, ist einfach nur noch willkürlich. Und sehr erschreckend fand sie auch zu lesen, wie brutal auch die Gefangenen miteinander umgehen, als hätte der Konformismus jeden Gemeinschaftssinn zerstört: "Bei den Chinesen gibt es keinen Zusammenhalt", zitiert sie Liao, "die verenden jeder für sich."

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.07.2011

Voller Hochachtung und Sympathie schreibt Rezensent Mathias Bölinger über den Dichter Liao Yiwu und seine Bedeutung als Dissident und Sprachrohr des Chinas von unten. Denn nur in seinen Jugendjahren ist Liao als "dichtender Schürzenjäger" durch das Land gereist, sein Gedicht "Massaker" brachte ihn nach dem Massaker vom Platz des Himmlischen Friedens ins Gefängnis. Seitdem ist er ein Chronist der Erniedrigung und Unterdrückung , wie in seinen Reportagen "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser". Über das jetzt auf Deutsch (in Hongkong bereits 2000) herausgekommene Buch, in dem Liao von seiner Gefängniszeit berichtet, erfahren leider nicht allzu viel. "Bildreich, aber trotzdem nüchtern" protokolliere Liao seine Erlebnisse, schreibt Bölinger und zitiert mitunter geradezu "herzzerreißende" Passagen, in denen Liao von Folter, Hinrichtungen oder dem Besuch seiner kleinen Tochter erzählt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.07.2011

Die Wucht von Liao Yiwus Gedicht "Massaker", das diesem Bericht über seinen Leidensweg durch chinesische Gefängnisse und Arbeitslager vorangestellt ist, hat den tief beeindruckten Rezensenten Detlev Claussen mitgerissen. Liao Yiwu, Autor, Musiker und Schauspieler, wurde für dieses Gedicht jahrelang eingesperrt und verfolgt, vor kurzem hat er in Deutschland Zuflucht gesucht. Auf 500 Seiten berichtet Liao in einem ergreifenden Erzählstrom von seinen qualvollen Jahren im chinesischen Gulag, an die sich jahrelange Repressionen anschlossen. Das ist auch für die Leser nicht ohne Qualen zu rezipieren, warnt Claussen, der hier nicht nur einen für den westlichen Leser überaus eindringlichen Blick in chinesische Gefängnisse gefunden hat, sondern auch eine nicht minder beeindruckende Demonstration der Selbstbehauptung gegen ein "kannibalistisches Gesellschaftssystem". "Große Kunst" ist das in den Augen von Claussen, und wenn man dem Autor dafür eines Tages den Literaturnobelpreis verleihen würde, fände der Rezensent das absolut angemessen.
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