Efeu - Die Kulturrundschau

Die Kluft zwischen Nobilität und Niederlage

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19.04.2014. In allen Feuilletons herrscht Trauer um den großen Magier Gabriel Garcia Marquez, der die hispanische Literatur von der Tyrannei der Vergangenheit befreite, wie Paul Berman in The New Republic schreibt. Enrique Krauze wollte ihm trotzdem nie die Freundschaft zu Fidel Castro verzeihen. Die Welt beklagt, dass nicht einmal mehr Regisseure Fatih Akin und Christian Petzold nach Cannes geladen werden. Als Geniestreich feiert die NZZ Demis Volpis Stuttgarter Ballett "Aftermath". Die SZ freut sich, dass Frauen nicht mehr nur auf der Leinwald gute Figur machen, sondern auch als potente player.

Literatur

Alle trauern um Gabriel García Márquez. Paul Berman rühmt ihn in The New Republic als den Schriftsteller, der die spanische Sprache von der Tyrannei der Vergangenheit befreit hat: "Es gibt herrschaftliche Erhabenheit in seinem Schreiben, und diese Erhabenheit beseelt alle seine Bücher, weil er von Anfang bis Ende in einem unwahrscheinlich großen Widerspruch gefangen war, nämlich dem zwischen hochfliegender Literatur und erbärmlichem Leben. Seine Figuren haben eine prachtvolle, wenn nicht sogar mythische Vorstellung von sich selbst, als wären sie Helden in einem Epos; und doch beharrt das Leben auf Realitäten, die weider heroisch noch mythisch sind, bis figuren schließlich verwundet und geschlagen am Boden liegen. Und trotzdem schreiben sie ihre eigene Version der Geschehnisse fort. Sie sind edle Verlierer, und die Kluft zwischen Nobilität und Niederlage ist unendlich beklagenswert. In seinem größten Roman 'Der Herbst des Patriarchen' (groß in seinen und meinen Augen), könnte man um den monströsen Diktator, dessen Einschätzung seiner selbst keinen Bezug zur Realität mehr hat, beinahe weinen."

Einer der bedeutendste Essays, die in den letzten Jahren zu Gabriel Garcia Marquez geschrieben wurden, stammt von Enrique Krauze, Redakteur der Zeitschrift Letras Libres, einem der wenigen liberalen Intellektuellen Lateinamerikas. Der Essay ist 2009 in der New Republic erschienen, aus Anlass von Gerald Martins Biografie des Nobelpreisträgers. Krauze untersucht Garcia Marquez Verhältnis' zu seinem Caudillo Fidel Castro und will es ihm nicht verzeihen, dass er zugleich die Wahrheitssuche der Reportage feiert und Fidel Castros Lügen verteidigt: "Geschichte fällt sowohl ästhetische als auch ethische Urteile. Ästhetisch gesprochen wäre es ein bisschen verfrüht, Garcia Marquez als 'neuen Cervantes' zu sehen. Aber in moralischen Begriffen ist dieser Vergleich gänzlich verfehlt. Als Held des Kriegs gegen die Türken, der in der Schlacht verwundet wurde und fünf Jahre lang als Gefangener in Algerien war, stand Cervantes mit Quixote-hafter Integrität für seine Ideale ein. Und er hatte die letzte Freiheit, seine Niederlagen mit Humor hinzunehmen. Von derartiger Geistesgröße gibt es in Garcia Marquez, der willig mit Unterdrückung und Diktatur kollaborierte, keine Spur. Cervantes? Weit entfernt!" Und hier gleich noch ein wunderbarer Essay über Krauze von Jorge Volpi.

Georg Sütterlin erzählt in seinem Nachruf in der NZZ von dem wechselvollen Leben, aus dem sich Garcia Marquez' Literatur speiste: "Die 1955 publizierte, mehrteilige Reportage 'Bericht eines Schiffbrüchigen' kompromittierte die politische und militärische kolumbianische Elite. Die Zeitung El Espectador schickte ihren Starreporter daraufhin zu dessen eigenem Schutz als Korrespondent nach Europa. Als das Blatt auf Geheiß des Diktators Rojas Pinilla geschlossen wurde und die monatlichen Checks ausblieben, lernte García Márquez die Armut kennen. In Paris sammelte er Pfandflaschen und Altpapier und bettelte in der Metro." Kersten Knipp beschreibt zudem, warum Garcia Marquez am Glauben an einem lateinamerikanischen Sozialismus festhielt.

In der Berliner Zeitung erklärt Martin Ebel, wie Márquez über Kafka und seine Großmutter seinen Stil fand: "Bei Kafka hat García Márquez nicht lernen müssen, wie das Unglaubliche durch die Selbstverständlichkeit, mit der es erzählt wird, wahr wird - das hat er, wenn überhaupt, von seiner Großmutter gelernt; die Lektüre Kafkas zeigte diesem Kolumbianer aber, dass man so auch schreiben kann."

In der FR stellt Wolfram Schütte klar, dass es nicht die Abrechnung mit der kolumbianischen Gewalt war, die "Hundert Jahre Einsamkeit" zum literarischen Großereignis machte: "Es war einzig & allein der vollkommen neue literarische Ton einer orgiastisch und rhythmisch wuchernden Prosa, scheinbar zügellos ausschweifend ins Monströse, Phantastische, Märchenhafte, Mythische, welche die Leser in die strudelnde, zyklisch aufbrausende Erzählung von Gewalt, Tod und Sexualität sog."

Manuel Gogos und Philipp Lichterbeck erinnern im Tagesspiegel auch an seine Reise in die DDR in den fünfziger Jahren: "In glänzenden Reportagen skizzierte er eine Bevölkerung, die zwar rein formal die Macht übernommen habe, aber dennoch 'das traurigste Volk geblieben war, das ich je gesehen hatte'."

Außerdem: In der Welt blickt Marko Martin auf den Streit um Garcia Marquez als politischen Intellektuellen zurück. In einer Randbemerkung erklärt er auch, warum sich jüngere Autoren in Lateinamerika nie zum Vatermord berufen fühlten: Weil Garcia Marquez sie Zeit seines Lebens gefördert hat. In der taz identifiziert Dirk Knipphals ein Werkmotiv: "Márquez' Romane leben vom Scheitern seiner Figuren." Paul Ingendaay würdigt den Autor in der FAZ: "Im Schreiben des García Márquez gelangte nicht nur Kolumbien auf die literarische Weltkarte, sondern auch eine neue Art des Erzählens, die ins 21. Jahrhundert weist" (online gibt es eine Kurzfassung des Textes). Burkhard Müller lobt in der SZ den politischen Durchhaltewillen des 1982 mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Autors: "Obwohl er seine Figuren so müde, verquält und isoliert agieren lässt, hat ihr Autor selbst sich niemals resignativ gefügt." Außerdem hat Peter Burghardt für die SZ einen zweiten Nachruf verfasst, in dem er über Márquez' Geburtsort Aracataca schreibt (online gibt es eine abweichende Fassung des Textes). In der Zeit schreibt Ulrich Rüdenauer den Nachruf.

Weitere Themen: Sieglinde Geisel porträtiert in der NZZ Florian Höllerer, der Leitung des Literarischen Colloquiums Berlin übernimmt. Friedrich Wilhelm Graf schreibt in der Welt über Max Weber, der vor 150 Jahren geboren wurde.Besprochen werden unter anderem die Ausstellung über Hugo von Hofmannsthal und den Ersten Weltkrieg im Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt a.M. (FAZ), Sibylle Lewitscharoffs neuer Krimi "Killmousky" (SZ), Alexander Kluges "30.April 1945" (taz, SZ) und Dirk Baeckers Versuch über "Neurosoziologie" (taz)

In der Frankurter Anthologie der FAZ stellt Peter Hamm Georg Trakls Gedicht "Ein Winterabend" vor:

"Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
..."

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Film

Hanns-Georg Rodek bemerkt in der Welt halb erbost, halb resignativ, dass schon wieder kein deutscher Regisseur nach Cannes eingeladen wurde, obwohl Fatih Akin, Christian Petzold, Andreas Dresen und Wim Wenders neue Filme fertig haben: "Statt dessen die Kandidaten, die mit einem Automatismus, auf den man bereits Wetten abschließen kann, mit jedem neuen Film an der Croisette landen. Da ist Ken Loach ('Jimmy's Hall', über einen aus Irland in die USA deportierten politischen Aktivisten), da sind Mike Leigh ('Mr. Turner', über den berühmten britischen Landschaftsmaler) und Bertrand Bonello ('Saint-Laurent', schon die zweite Filmbiografie über den Modeschöpfer binnen sechs Monaten) und David Cronenberg und die Gebrüder Dardenne und Olivier Assayas."

Christiane Peitz feiert im Tagesspiegel den Film "Circles - Krugovi" des serbischen Regisseurs Srdan Golubovic, der ein bitteres Porträt der bosnischen Nachkriegsgesellschaft zeichnet: "Trauer und Schweigen, Schuld und Gewissensnöte, Rache und Vergebung."In der taz spricht Matthias Dell mit der Regisseurin Tamara Trampe über deren neuen Film "Meine Mutter, ein Krieg und ich". David Hugendick unterhält sich in der Zeit mit dem serbischen Regisseur Srdan Goluboović über dessen neuen Film "Circles" und die Reaktionen darauf. Mit Pepe Danquarts "Lauf Junge Lauf" und Pawel Pawlikowskis "Ida" laufen derzeit zwei interessante Filme über jüdische Schicksal, schreibt Katja Nicodemus in der Zeit. Waltraud Schwab erinnert in der taz an die schwarze Schauspielerin Marie Nejar, die in Propagandafilmen des "Dritten Reichs" mitspielte.
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Bühne

Als "Geniestreich" preist Isabelle Jacob Demis Volpis in Stuttgart aufgeführtes Ballett "Aftermath", ein Stück für Frauen zu Musik von Michael Gordon: "Zu Beginn tanzt Hyo-Jung Kang ein atemberaubendes Solo, sie rudert hilfesuchend mit den Armen und lässt ihre Füße blitzschnell springen und schlagen. Nach und nach formt das weibliche Corps de Ballet einen Halbkreis um die Tanzende, vollführt mechanische Bewegungen und manövriert die Tänzerin als eintönig grauen Schwarm durch den Raum. Die Einzelne kann zwischendurch ausbrechen und ihre Verrücktheit ausleben, wird jedoch alsbald wieder von der Gruppe eingeholt - eine Künstlerin inmitten einer Masse, die ohne das kreative Individuum nicht existieren kann." (Foto: Ulrich Beuttenmüller)

Bastian Krafts am Deutschen Theater Berlin gezeigte Inszenierung von Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" ist stark von Lady Gagas Kunst-Pop-Zwitterästhetik geprägt, berichtet Dirk Pilz in der Berliner Zeitung. "Sie ist die perfekt gewordene Schwellenbewohnerin, Show-Girl und Lebenskünstlerin im Zwischenreich von Fiktion und Alltäglichkeit. An diesem anderthalbstündigen Abend am Deutschen Theater wird sie zudem zur Gerechtigkeitsfurie, zur Schicksalsgöttin, die aus persönlichem Leid an der Welt Rache nimmt - und bleibt dabei, was ihre literarische Vorlage ist: eine Statthalterin des Parabelhaften. Lady Gaga als Gleichnis auf eine Welt im Zustand der Ungreifbarkeit."

Für die SZ porträtiert Dorion Weickmann den Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui: Dessen "Motor ist die Neugier auf exotische Körpersprachen, die er sich einverleibt."
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Archiv: Bühne

Musik

In der Jungle World zeigt sich Kristof Maria Künssler schwer begeistert vom Punk der Ex-Mods Sleaford Mods, die das Revolteversprechen der ersten Punkgeneration adäquat in die Neuzeit tragen: "Selten schafft es Popmusik, noch dazu weiße, den Alltagshorror des prekären Dahindarbens so präzise und unpeinlich zu bebildern, ohne in Klischees und Pathos zu verfallen oder gar mit Durchhalteparolen zu nerven. Während die benachbarten Gebiete der Popkultur (...) sich damit begnügen, 'der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten', bis 'einem das Lachen im Halse stecken bleibt' (...), bekommen wir hier den Spiegel einmal quer durchs Gesicht gezogen."

In der taz unterhalten sich Thomas Winkler und Anja Weber in aller Ausführlichkeit mit Bela B. über Spermaflecken, Indizierungen und unbehelligte Fußballstadionbesuche.

Besprochen werden das Debüt-Soloalbum von Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch (Zeit), Kelis' neues Album "Food" (Zeit) und Wallis Birds' Album "Architect" (taz).
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Kunst

In der SZ wirft Catrin Lorch einen Blick aufs kommende Programm von Museen und Galerien und stellt fest: Gab es Frauen im Betrieb früher vor allem auf Bildern in Form von Akten, stehen die Zeichen heute gut für Künstlerinnen. "Prominente Termine sind für Künstlerinnen reserviert - vor allem für solche, die älter sind und deren Werk im Schnelldurchlauf erschlossen wird. ... Die jetzt herrschende Generation hält Kunst von Frauen für eine gute Investition, was vielleicht auch damit zu tun hat, dass viele der potentesten Player des Kunstmarkts Frauen sind."

Für die Jungle World hat sich Sarah Pines mit dem Künstler Scott Hove unterhalten, der düstere Botschaften auf rosa Tortenskulpturen zaubert. Er erklärt seine Kunst so: "Mit dem Konzept bedrohlicher, aber immer noch schöner Torten versuche ich die Behaglichkeit des bourgeoisen Wunsches nach Sicherheit zu zerstören, indem ich auf die ihm zugrunde liegende Angst verweise. Die Behaglichkeit der amerikanischen Gesellschaft lastet auf den Schultern vieler Menschen, die davon ausgeschlossen bleiben. Diese Sicherheit hat hier also immer eine dunkle Seite, wie auch die Schönheit immer eine düstere Seite hat."
Archiv: Kunst