Efeu - Die Kulturrundschau

Durch die szenische Schönheitswaschmaschine gedreht

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14.04.2014. Furchtbares Wochenende! Die Kritiker mussten in Salzburg eine missratene "Arabella", in Berlin einen umstrittenen "Tannhäuser" und in Baden-Baden eine zu laute "Manon Lescaut" durchhalten. Die Presse meldet, dass Claus Peymann möglicherweise doch wieder Chef der Burg werden will. Die Welt erfährt von Fania Oz-Salzberger, dass man areligiös und trotzdem jüdisch sein kann. Die taz lernt, dass das Internet auch den Denkern der Popmusik das Gehirn erweicht.

Bühne

In der Welt hält Manuel Brug dem Deluxe-Publikum, das über Ostern zu Barenboims "Tannhäuser" nach Berlin, zu Thielemanns "Arabella" nach Salzburg oder zu Rattles "Manon Lescaut" nach Baden-Baden reist, eine kurze Karfreitagspredigt: Während hier der Rubel rollt, werden die Stadttheater, "die die Grundversorgung liefern, den Humus auf denen diese Orchideen erst erblühen können, ... kaputtgespart - siehe Sachsen-Anhalt."



Hochamt fürs Feuilleton: Die Chefkritiker saßen am Samstag nachmittag im Berliner Schillertheater bei der Premiere des von Sasha Waltz inszenierten "Tannhäuser" - mit Daniel Barenboim am Pult. Und jeder von ihnen sah und hörte seinen ganz eigenen Film. In der SZ feiert Reinhard J. Brembeck zumindest den musikalischen Teil als "Weltklasse. Unüberhörbar geprobt, spielt die Staatskapelle Feines und Filigranes, übergießt die Partitur mit Wärme und Sinnenrausch, meidet geschickt Oberflächenglanz und kalte Präzision, atmet mit den Sängern und ihren Verzweiflungen. Das ist kein Wagner aus dem Lehrbuch, sondern aus Daniel Barenboims aufbrausend leidenschaftlicher Brust ..." In der taz ist Katrin Bettina Müller mit der Musik ebenso zufrieden wie mit der Inszenierung. (Foto: Bernd Uhlig)

In der Welt hörte Manuel Brug dagegen nur "meisterliche Wagner-Verrichtung mit allerhöchster Repertoireroutine". Und die Inszenierung von Sasha Waltz will ihm partout nicht einleuchten: "Sie hat nichts zu erzählen über den Dualismus zwischen Heiliger und und Hure, idealisierter Liebe und verteufeltem Sex, der das Bild dieser Gesellschaft prägt. Wer ist Tannhäuser? In welchem Milieu, in welcher politischen Sphäre ist er angesiedelt? Was fasziniert ihn an Elisabeth? Was treib ihn zur Venus zurück? Warum müssen alle sterben? Von was werden sie erlöst? Viele spannende Fragen, auf die Sasha Waltz und ihr Team so gar keine Antwort haben. Sie dekorieren und arrangieren nur. Oder sie umnebeln mit Trockeneis." André Mumot von der nachtkritik stimmt ein: Waltz "analysiert nicht, sie zelebriert - jede musikalische Stimmung, jedes Pathos wird durch die szenische Schönheitswaschmaschine gedreht und kommt unverändert, nur mit zusätzlicher Goldkante verziert, daraus hervor".

In der FAZ grübelt Jan Brachmann, ob die Verortung des Stücks in der Adenauerzeit so klug war: "Kann man den religiös motivierten Begriff von Keuschheit im 'Tannhäuser' herunterrechnen auf die Anstandsregeln eines Tanztees in der Adenauer-Ära? Die ganze religiöse Mystik, die Waltz im Schlussakt mit viel Nebel und kupferfarbenem Licht (Martin Wright) äußerst stimmungsvoll ins Bild setzt, wird überhaupt nicht mit der Ebene des Gesellschaftlichen, wie es sich im Wartburg-Bild zeigt, vermittelt."

Für Clemens Haustein von der Berliner Zeitung klafft ein Abgrund zwischen Tänzern und Sängern, den die Inszenierung nicht überbrücken könne: "Die Tänzerinnen und Tänzer agieren unverbunden neben den Sängern; sie kommentieren mit Bewegung, was der Musikdramatiker Wagner eigentlich schon mit seiner Musik kommentiert. Zum ausdrucksvollen Ganzen wird es an diesem Abend nicht kommen." Ähnlich sieht es Ulrich Ameling im Tagesspiegel.



Die zweite große Premiere am Wochenende war die von Florentine Klepper inszenierte "Arabella" in Salzburg: "Die Inszenierung ... ist ein einzige angestrengte Verlegenheitslösung", ärgert sich Eleonore Büning in der FAZ, Stefan Musil belegt sie in der Welt mit der Vokabel "charmebefreit", Peter Hagmann findet sie in der NZZ "schrecklich langweilig" und lobt dagegen die "Arabella" Christof Loys in Amsterdam. In der Presse erklärt sin.: "Das Stück ist so unmöglich geworden wie auf dem Sprechtheater Schnitzler; oder Hofmannsthals eigener 'Schwieriger'. Unmöglich, weil keiner mehr den Tonfall trifft. Und wer den Tonfall nicht trifft, sagt irgendwann vorsichtshalber gleich 'ein Brief für Sie' statt 'ein Billett für Euer Gnaden'. Und schon ist die 'Arabella' futsch." Und im Standard fand Daniel Ender alles "zu laut". (Foto: SN/APA/Neumayr/MMV)

Die dritte große Premiere schließlich war die von Simon Rattle dirigierte "Manon Lescaut" in Baden-Baden. Und auch hier gab's kaum zufriedene Kritiker: "Rattle atmet nicht mit den Sängern. Er trägt die Sänger nicht durch ihre Partien, wie es sein Nachfolger und Antipode in Salzburg so eindringlich versteht. Rattle deckt seine Sänger zu", klagt Christian Wildhagen in der FAZ. Götz Thieme ist in der Stuttgarter Zeitung nur wenig gnädiger.

Außerdem besprochen werden ein "Lohengrin" an der Wiener Staatsoper (Presse), Christine Umpfenbachs am Münchner Residenztheater aufgeführtes NSU-Stück "Urteile" (taz), Karin Henkels Bühnenadaption von Lars von Triers "Dogville" (FAZ) und die am Berliner Hebbel am Ufer aufgeführte Theater-Performance "Frühlingsopfer" von She She Pop (SZ).

Und schließlich: Die Presse meldet, dass Claus Peymann sich noch mal für den Chefposten am Burgtheater bewerben will. Das habe er jedenfalls indirekt kundgetan: "Nachdem er in einem Spiegel-Interview Ende März noch ausgeschlossen hatte, sich um die Direktion der Burg bewerben zu wollen, dürfte er gerade seine damalige Aussage neu überdenken. Denn, wie Die Presse erfuhr, lehnte er es in einem Schreiben ab, der Findungskommission anzugehören. Er könne es nämlich nicht ausschließen, sich noch einmal um diese Position zu bewerben, so seine Begründung sinngemäß."
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Literatur

In der Welt berichtet Jan Schapira von einer Diskussion bei den Deutsch-Israelischen Literaturtagen in Berlin über religiöse Traditionen. Dabei stellte sich von israelischer Seite die Frage, ob die Religion einen unverzichtbaren Teil der jüdischen Identität darstellt. Für die areligiösen Schriftsteller ist das kein Problem. Für Fania Oz-Salzberger (Tochter von Amos Oz) zum Beispiel "kann eine jüdische Identität problemlos ohne Religion auskommen, sie selbst gebe dafür das beste Beispiel ab: Bereits ihre Urgroßeltern seien säkulare Juden gewesen und sie selbst fern von jeder Synagoge im Kibbuz aufgewachsen. Dennoch besteht sie auf der jüdischen Identität ihrer Familie: 'Wir sind stolze Säkulare, aber das macht uns nicht weniger jüdisch.' Für Oz-Salzberger besteht das Judentum aus der Beschäftigung mit den von Generation zu Generation weitergegebenen Texten und der darin enthaltenen Geschichten. 'Wir sind jüdisch durch unsere Bücher', brachte Oz-Salzberger den Gedanken auf den Punkt."

Außerdem: Der serbische Autor Dragan Velikić spricht im Interview mit dem Standard über Serbien als Gibraltar auf dem Balkan und seinen neuen Roman "Bonavia".

Besprochen werden unter anderem Stephan Wackwitz' Georgien-Reportage "Die vergessene Mitte der Welt" (Tagesspiegel), eine Neuausgabe von Vladimir Nabokovs "Vorlesungen über russische Literatur" (SZ) und Durs Grünbeins Gedichtband "Cyrano oder Die Rückkehr vom Mond" (Zeit)

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Kunst

Besprochen werden eine Ausstellung über den DDR-Comic "Mosaik" im Berliner Museum Kulturbrauerei (Tagesspiegel) und Daniel Tyradellis' Buch "Müde Museen. Oder: Wie Ausstellungen unser Denken verändern könnten" (taz)

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Stichwörter: Daniel Tyradellis, Mosaik

Film

In der taz schreibt Helmut Merker über die Filme von Robert Bresson, die das Kino Arsenal in Berlin zeigt. Ihm "ist wieder ein schmutziger kleiner Film gelungen", freut sich Harald Jaehner in der Berliner Zeitung über Klaus Lemkes "Kein Großes Ding", der morgen beim Festival Achtung Berlin zu sehen ist. In der FR resümiert Daland Segler das GoEast-Festival in Wiesbaden. Sibel Kekilli unterhält sich mit der Presse über ihre Rolle in der amerikanischen Serie "Games of Thrones".

Besprochen werden eine DVD mit gesammelten Fernsehaufnahmen von Fritz Bauer (Jungle World), der neue Spider-Man-Film (FAZ) und Nana Neuls "Stiller Sommer" (Berliner Zeitung).
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Musik

Für die taz war Philipp Rhensius bei der Berliner Präsentation von Mark Fishers musik- und poptheoretischen Essays "Ghosts of my Life". Dessen Befund über die Potenziale von Musik, Zukunft zu denken und zu antizipieren, scheint sich denkbar betrüblich zu lesen: "Die hyperschnelle Polyrhythmik von Jungle Anfang der neunziger Jahre war für Fisher der letzte 'future shock' des Pop. Heute kann Kultur nicht mal mehr die Gegenwart adäquat abbilden. Auch, weil ständiges Onlinesein freies Denken blockiere, ergo auch kreative Arbeit."

Weitere Artikel: Olaf Neumann unterhält sich für die Jungle World mit Jan Delay. Wenn es um Rockmusik aus China geht, ist "die Zeit der Dorfmusik jetzt doch seit Längerem vorbei", bemerkt Thomas Mauch (taz) nach dem Besuch des "China Drifting"-Festivals in Berlin. In der Welt fragt Jan Schapira, warum eigentlich der ultranationalistische kroatische Sänger Thompson, der seine Fans gern mit dem Ustascha-Gruß empfängt, bei seiner Tournee in Deutschland auftreten kann: "Die Schweiz hatte Thompson bereits 2009 ein Einreiseverbot erteilt wegen seiner hetzerischen Texte und seiner Verherrlichung des Ustascha-Regimes."

Besprochen werden ein Konzert von Marteria (Berliner Zeitung), ein Mozart-Konzert der Wiener Philharmoniker unter Daniel Barenboim (Tagesspiegel), Konzerte mit András Schiff, Gustavo Dudamel und Andris Nelsons beim Lucerne Festival (NZZ)
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