Efeu - Die Kulturrundschau

Mein Glück mit Duras

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02.04.2014. Der Tagesspiegel erliegt Lars von Triers Exorzismus in eigener Sache. Wolfgang Schneider wüsste gern, warum Martin Mosebach in seinem Roman "Blutbuchenfest" der Bosnienkrieg mit Angriffen der Muslime auf Kroaten beginnt. Pierre Assouline feiert in seinem Blog den Reiz der Stimme von Marguerite Duras. Die NZZ staunt im Tanzquartier Wien: Hier wird man herausgefordert! Von niederländischen Designer Marcel Wanders lernt sie: Nichts ist so schnell veraltet wie das Neue.

Film

Im Tagesspiegel hat Christiane Peitz sichtlich Freude am zweiten Teil von Lars von Triers Meta-Sexfilm-Epos "Nymph()maniac". In dem Film geht es "obsessiv um Sprache, um Verständigung, um angemessene, verbotene, hinreichende Wörter. So wie Joe sich damit herumschlägt, dass ihr kein Orgasmus vergönnt ist, schlägt der Filmemacher Lars von Trier sich mit Unverständnis herum, spätestens seit er 2011 die Öffentlichkeit mit seinem Nazi-Gerede in Cannes brüskierte. Mit 'Nymphomaniac' betreibt er Exorzismus in eigener Sache, führt einen Disput über die Sehnsucht und die Einsamkeit des Künstlers. Mein Name ist Lars, ich bin süchtig danach, dass ihr mich versteht - und bleibe stur bei meiner Diktion." Im DeutschlandradioKultur spricht unterdessen Georg Seeßlen über den philosophischen Überbau des Films.

Weitere Artikel: Warum trauen sich koreanische Filmemacher so oft an ungewöhnliche Stoffe, fragt Jan Küveler für die Welt den Regisseur Park Chan-Wook, der "Snowpiercer" produziert hat. Der erklärt das so: "Wir müssen uns schon was einfallen lassen, um uns von Hollywood abzugrenzen. Worin läge der Sinn, wenn wir einen Nullachtfünfzehn-Sci-Fi-Action-Film machen würden?" Ebenfalls in der Welt unterhält sich Hanns-Georg Rodek mit dem Regisseur Darren Aronofskys über dessen Bibelfilm "Noah" ("konventionelles Bombastkino", urteilt unbeeindruckt Oliver Kaever in einer Besprechung auf zeit.de, Berliner Zeitung, )

Besprochen werden außerdem Scott Coopers Selbstjustizdrama "Out of the Furnace - Auge um Auge" (Presse, Standard), Bong Joon-hos Film "Snowpiercer" (SZ) und die Ausstellung "Echte Gefühle: Denken im Film" in den KunstWerken in Berlin (Welt).
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Musik

Im Tagesspiegel unterhält sich Sebastian Leber mit Bela B. über dessen neu aufgeflammte Liebe zur Countrymusik. In der FAZ freut sich Jan Brachmann über eine Retrospektive des DDR-Komponisten Paul-Heinz Dittrich an der Berliner Staatsoper. Nachrufe auf den House-Pionier Frankie Knuckles stehen in der Welt und in der taz.

Besprochen werden ein Konzert mit Ivo Pogorelich und Daniil Trifonov im Wiener Konzerthaus (Presse) und ein Konzert des russischen Pianisten Grigorij Sokolow mit Chopins h-Moll-Sonate in München (SZ).
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Literatur

Die anachronistischen Handys lässt sich Wolfgang Schneider im Tagesspiegel in Martin Mosebachs Roman "Blutbuchenfest" ja noch gefallen, aber die Geschichtsklitterung macht ihn doch stutzig: "Bei ihm beginnen die Kriegshandlungen damit, dass die auf ihren Gehöften verstreuten Kroaten vor der Aggression der Muslime fliehen: Das altehrwürdige Lehmziegelhaus der Mestrovic-Familie, mit dessen ausführlicher Beschreibung die bosnischen Partien des Romans beginnen, steht am Ende in Flammen. Im ersten Jahr des Bosnienkriegs fanden jedoch Vertreibungen durch die Serben statt, die Kroaten und Bosniaken gleichermaßen betrafen, weshalb die beiden Volksgruppen anfangs gemeinsam gegen die serbische Miliz kämpften... Hat sich der Katholik Mosebach etwas bei dieser Abweichung von den Tatsachen gedacht?"

Pierre Assouline wird auf Arte ein "Selbstporträt" über Marguerite Duras präsentieren. Zu fürchten ist, dass der Reiz in der deutschen Fassung verloren gehen könnte: "Mein Glück mit Duras ist ihre einnehmende Stimme", sagt Assouline in Le Monde. "Wenn ich sie für ein Interview oder einfach so traf, hat mich ihre Stimme immer wieder hingerissen. Das möchte ich teilen." Hoffentlich gibt's in der deutschen Version Untertitel und nicht das übliche Übersprechen der Zitate! Der Duras-Abend läuft am 6. April.

Weitere Artikel: In der NZZ beobachtet Michael Braun entsetzt den aggressiv-ignoranten Umgang der Stadt Pirmasens mit dem literarischen Erbe Hugo Balls. In der Welt schreibt Tilman Krause zum 100. Geburtstag von Paul Heyse, der völlig zu Unrecht vergessen sei.

Besprochen werden Uwe Nettelbecks Roman "Der Dolomitenkrieg" (Zeit), die Memoiren von Fassbinder- und Scorsese-Kameramann Michael Ballhaus (Tagesspiegel), Jacques Brels neuer Comic "Die Liebe" (taz), Helmut Lethens "Der Schatten des Fotografen" (Freitag) und eine Geschichte der Schweiz (NZZ).
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Bühne

Isabelle Jakob berichtet in der NZZ beeindruckt vom Scores-Festival im Tanzquartier Wien: Hier "finden sich nebst Tanzschaffenden auch Vertreter aus der Wirtschaftswissenschaft, dem Journalismus und der Philosophie. Sogar Studentengruppen füllen die Stuhlreihen. Hier tauscht man sich aus, hier wird man herausgefordert."

Im Standard kritisiert Andrea Schurian noch einmal das Verteilungsmodell nach Gutsherrenart am Burgtheater, von dem auch die neue Intendantin Karin Bergmann, als sie noch Vize unter Klaus Bachler war, profitiert hatte: "So wie die Mama, die ihrem Töchterchen am Samstagabend einen Extra-Fünfziger zusteckt, weil sie am Nachmittag beim Staubsaugen geholfen hat; so steckte der damalige Burgtheaterchef Klaus Bachler seiner Vizedirektorin Bares zu, weil sie ihn arbeitsmäßig entlastet hatte. Und so wie in der Kleinfamilie der Papa zustimmend nickt, dass die Fleißaufgabe der Tochter honoriert wird, so stimmte im Falle der emsigen Vizechefin Holding-Geschäftsführer Georg Springer der Transaktion wohlwollend zu. Das alles ist vielleicht nicht gesetzeswidrig. Aber seltsam intransparent ist es allemal."

Weitere Artikel: Für den Tagesspiegel besucht Sandra Luzina Pina Bauschs Tanztheater in Wuppertal, wo man den Betrieb auch fünf Jahre nach dem Tod der Gründerin weiterhin aufrecht erhält. In der SZ erzählt Maja Beckers, wie das Forum Freies Theater in Düsseldorf die Erzählformen von Computerspielen übernimmt, um mit Hilfe der Zuschauer ein Flüchtlingslager zu simulieren (mehr dazu in der nachtkritik).

Besprochen werden Jette Steckels Inszenierung von Sartres "Das Spiel ist aus" am Deutschen Theater Berlin (Welt - mehr dazu in unserer gestrigen Kulturrundschau), Róbert Alföldis Inszenierung der Bühnenfassung von Attila Bartis' grandiosem Roman "Die Ruhe" im Stadttheater Baden (Standard), Jan-Christoph Gockels und Konstantin Küsperts Karlsruher Inszenierung "Rechtsmaterial" über die NSU-Morde (FR, nachtkritik) und David Aldens Inszenierung von Rossinis "Die diebische Elster" ("eher standardisiertes Stehtheater", meint Stefan Schickhaus wenig überzeugt in der FR).
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Kunst

Niklas Maak ruft in der FAZ auf, neben Ai Weiwei nicht alle anderen Künstler zu vergessen, die in China drangsaliert werden. Besprochen wird die Ausstellung "Die Göttliche Komödie" im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt (taz).
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Stichwörter: Ai Weiwei

Design

Angeregt wandert Paul Andreas durch die Retrospektive, die das Stedelijk-Museum in Amsterdam dem Werk des niederländischen Designers Marcel Wanders ausgerichtet hat. Als der 1963 geborene Wanders studierte, inspirierte ihn vor allem die italienische Gruppe Memphis, die ohne Skrupel wieder auf die Geschichte zurückgriff, erzählt Andreas: "Frei nach dem Motto 'Nichts ist so schnell veraltet wie das Neue' beginnt auch er auf Archetypen, Stil- und Ornamentvorlagen zurückzugreifen, interessanterweise - wohl seiner Exzentrik geschuldet - weniger auf klassizistische als auf barocke Vorbilder. Etwa in der Möbelserie 'New Antiques', deren Tische und Stühle nach einem Baukastenprinzip aus diversen Epochenelementen zusammengesetzt werden - nach den individuellen Geschmacksvorstellungen des Nutzers." (Bild: Marcel Wanders, New Antiques)
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