Efeu - Die Kulturrundschau

Die Debatte beginnt hier

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28.03.2014. Im Tagesspiegel erklärt Universal-Chef Frank Briegmann, wie Musiker mit Streaming ganz viel Kleingeld verdienen.  In Forbes erklärt der Wu Tang Clan Musik zum Kunstwerk und will Damien-Hirst-Preise. NZZ und FAZ sehen in Paris einen ganz anderen "Tartuffe" als in Wien - obwohl beide Male Luc Bondy inszenierte. Die Berliner Zeitungen bewundern "Hunter", die erste Soloarbeit der Tänzerin Meg Stuart. In der Welt geißelt Feo Aladag den Sexismus deutscher Filmkritiker. Und der Guardian denkt über die Charakteristika italienischer Mode nach.

Bühne



Das Théâtre de l'Odéon in Paris hatte nach dem Tod von Patrice Chéreau eine Spielplanlücke. Da sprang dann Luc Bondy ein, mit seiner in Wiener Inszenierung von Molières "Tartuffe" und französischen Schauspielern, versteht sich. Unterschiede? Gibt es durchaus, meint Barbara Villiger-Heilig in der NZZ, und nicht nur, weil Moliere im Original deutlich mehr Witz hat als auf Deutsch: "Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich, auch im Theater, wo die Schauspieler als Individuen ihre Welt prägen. Wenn in Wien Gerd Voss neben Johanna Wokaleks sehr viel jugendlicherer Elmire den totalen Außenseiter im eigenen Haus gab, einen Fremden, der Zuflucht suchte bei seinem Tartuffe wie andere Leute bei ihrem Haustier, ist Gilles Cohen als Herr im Haus auch Herr der Lage: autoritärer Vater und voll im Saft stehender Geschäftsmann, der allerdings familiären Dingen einschließlich seiner Ehe nur die Randstunden des gefüllten Terminplans widmet." (Foto: Thierry Depagne)

Auch Gerhard Stadelmaier sieht in der FAZ vor allem die Unterschiede: In Wien hieß das Stück "nicht 'Tartuffe', sondern: 'Orgon' beziehungsweise 'Voss'. Und schien leichterhand wie in Verzweiflungstuffstein gemeißelt. Die tragische Komödie eines Haltlosen", schreibt er. In Paris sehe man jetzt ein ganz anderes Stück: "Das Drama heißt hier nicht nach einem Namen. Es heißt hier nach einem Zustand. Einer Atmosphäre. Einem Fieber."

Das Berliner Hebbel am Ufer präsentiert mit "Hunter" die erste Soloarbeit der Tänzerin Meg Stuart. Im Tagesspiegel ist Sandra Luzina hingerissen: "Es [scheint] sie innerlich zu zerreißen. Wie sie diese Syntax aus Bewegungen variiert, ist einzigartig. Furios auch eine Szene, wo sie nur die Arme einsetzt. Die entwickeln ein beunruhigendes Eigenleben, verknoten und verheddern sich, schlagen aus und lassen sich nur mit Zwang fixieren. Solche Fantasmagorien des Körpers zu ersinnen, die eine groteske Komik besitzen - das ist die große Begabung von Meg Stuart." In der Berliner Zeitung hält Michaela Schagenwerth den Abend ebenfalls für "großartig". In der taz spricht Katrin Bettina Müller von einer "kleinen Sensation".

In der Zeit berichtet Peter Kümmel durchaus von sanften Magenschmerzen nach Luk Percevals Versuch, in seinem in Hamburg aufgeführtem Stück "FRONT" ein Verhältnis zwischen Theater und Erstem Weltkrieg aufzubauen: "Man spürt so sehr den frommen Wunsch, der aus ihm spricht. Man will auch ästhetisch keine Fehler machen. Man will die Toten ein letztes Mal zum Sprechen bringen, ehe man sie gemeinsam vergessen darf. Es ist, als sollte am Krater der europäischen Katastrophe ein Gedenk- und Versöhnungsgottesdienst gefeiert werden, der vor allem einen Zweck hat: uns alle endgültig zu entwaffnen."

Besprochen wird außerdem eine Aufführung von Leóš Janáčeks "Das schlaue Füchslein" in Hamburg (taz).
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Musik

Nadine Lange und Christian Schröder unterhalten sich mit Universal-Chef Frank Briegmann unter anderem über die Möglichkeiten der neuen digitalen Musikmärkte. Anders als viele alteingesessene Künstler sieht er Streamingportale nicht rundum kritisch, ganz im Gegenteil: "Natürlich kommt beim Streaming erst mal weniger Geld bei den Bands an als bei einem einmaligen Kaufvorgang. Es kommt aber immer wieder etwas an, jedes Mal, wenn ein Song oder ein Album gestreamt wird. Im Zeitverlauf gleichen sich die Umsätze an, und langfristig gesehen kann mit Streaming sogar mehr verdient werden."

Der Wu-Tang Clan verfolgt da ein ganz anderes Konzept! Er hat ein neues Doppelalbum aufgenommen, "Once Upon A Time In Shaolin", von dem er nur ein einziges Exemplar verkaufen will, berichtet Zack O'Malley Greenburg im Wirtschaftsmagazin Forbes, das aber für Millionen von Dollar. Vorher will die Band das in einer kostbaren Box verstaute Album als Ausstellungsstück durch Museen, Galerien und Musikfestivals touren lassen. So soll die Aura eines Kunstwerks erzeugt werden. Auf ihrer neuen Webseite erklärt die Band ihr Konzept so: "Industrielle Produktion und digitale Reproduktion haben versagt. Der eigentliche Wert von Musik ist auf Null reduziert worden. Zeitgenössische Kunst dagegen ist nur wegen ihrer Exklusivität Millionen wert. Dieses Album ist ein zeitgenössisches Kunstwerk. Die Debatte beginnt hier."

In der NZZ setzt sich Ueli Bernays mit Diedrich Diederichsens "Streitschrift" über Popmusik auseinander, an der ihm die Abwertung des Musikalischen missfällt: "So behauptet Diederichsen wiederholt, in der Pop-Musik gehe es nicht um Musik; diese besetzte bloß die 'hinteren Plätze der Bedeutungshierarchie'. Und diese Idée fixe lässt er als angriffslustiges Tierchen durch die ersten Kapitel kläffen. Wenn Diederichsen seinen Fan-Begriff aber ernst nähme, müsste er auf quasi normative Rezeptions-Vorgaben verzichten. Es bliebe dem Fan überlassen, die unterschiedlichen Pop-Phänomene zu gewichten. 'Augenmenschen' mögen eben Gesten, Schminke und Klamotten stärker berücksichtigen als 'Ohrenmenschen'. Diederichsen outet sich selber als vorab fragender und sehender Fan. Andere aber mögen lieber zuhören. Oder tanzen (das Tanzen wird kaum thematisiert)."

Außerdem: Für die Jungle World bringt Jan Tölva kundig Licht ins Dunkel der Missverständnisse rund um die Band Nirvana, deren Frontmann Kurt Cobain sich vor 20 Jahren das Leben nahm. Auf Zon schreibt Jan Freitag die Hamburger Hip-Hop-Band Deine Freunde. Ebenfalls dort porträtiert Katharina Pfannkuch den arabischen Youtube-Star Alaa Wardi, der mit ausgefuchsten A-Cappella-Versionen bekannter Hits zu einigem Ruhm in seiner Heimat gelangt ist. Hier eine Playlist:



Besprochen werden Konzerte von Judith Holofernes (Tagesspiegel), Miyavi (Berliner Zeitung) und das neue Album von Shakira (Welt).
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Kunst

In der Hoffnung, China erstmals seits drei Jahren wieder verlassen zu dürfen, sitzt Ai Weiwei kurz vor Eröffnung seiner großen Schau in Berlin bereits auf gepackten Koffern, berichtet Johnny Erling in der Welt.

Besprochen werden eine Ausstellung im Landesmuseum Zürich über den radikalen Wandel in Technik, Wissenschaft und Kultur in den Jahren 1900-1914 (NZZ), die Schausammlung China - Japan - Korea im Wiener MAK (NZZ), die Ausstellung "Rembrandt Bugatti" in der Alten Nationalgalerie in Berlin (FAZ) und die Ausstellung Mythos Chanel im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (SZ).
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Archiv: Kunst

Literatur

In der NZZ schreibt Alena Wagnerová zum 100. Geburtstag des tschechischen Schriftstellers Bohumil Hrabal. In der SZ liest Willi Winkler vaterländische Verse von 1914.

Besprochen wird André Georgis Krimi "Tribunal" (Welt).
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Film

Regisseurin Feo Aladag spricht im Welt-Interview über die Dreharbeiten in Afghanistan zu ihrem Film "Zwischen Welten" und über die Buhrufe nach der Aufführung bei der Berlinale: "Überrascht hat mich auch das Ausmaß des Bundeswehr-aversen Reflexes in Teilen des Feuilletons. Und bei den negativen Kritiken fand ich die häufige Unsachlichkeit schwierig, die eben nicht filmformal begründet ist, sondern sexistisch, da heißt es dann 'eine blonde Frau geht mit dem Damenkränzchen nach Afghanistan', natürlich immer von Männern geschrieben. Jegliche Form von Sexismus hat in der Filmkritik nichts zu suchen, es schreibt ja auch keiner über die sexy Glatze von Dominik Graf oder den Hintern von Dietrich Brüggemann."

Der Martin-Gropius-Bau in Berlin widmet sich derzeit in einer Ausstellung dem Experimentalfilmemacher Hans Richter. In der taz schreibt Lukas Foerster darüber: "Die Frage, wie man ursprünglich für den Kinoraum produzierte Bewegtbilder in einem musealen Kontext präsentiert, ist bei jemandem wie Richter besonders zentral. Er pendelte nicht nur Zeit seiner Karriere zwischen experimentellem Filmschaffen und bildender Kunst, die beiden Werkbereiche scheinen sich auch beständig aufeinander zu beziehen: Bilder, die bereits filmisch dynamisiert wirken, Filme, in denen ein Überschuss an 'zeichnerischen' Formen sichtbar bleibt." Auf Youtube finden wir Richters "Vormittagsspuk" aus den 20ern:



Außerdem: Hanns-Georg Rodek plaudert in der Welt mit Spike Jonze über dessen neuen Film "Her". Mehr zum Film in unserer gestrigen Kulturrundschau und in der Jungle World heute.

Besprochen werden Andre Schäfers Verfilmung von Moritz von Uslars Buch "Deutschboden" (Berliner Zeitung, FAZ, SZ), Christian Alvarts Komödie "Banklady" (Tagesspiegel), Christian Schwochows "Westen" (Tagesspiegel, Welt), Jakob Lass' Komödie "Love Steaks" (Tagesspiegel, FR) und der neue Captain-America-Film der Brüder Russo (FR).
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Design



Paula Cocozza hat sich für den Guardian die Ausstellung "The Glamour of Italian Fashion 1945-2014" im Victoria & Albert Museum angesehen und stellt fest: In den 50ern und 60ern waren die Italiener ganz groß, aber heute sind sie - trotz Miuccia Prada - wieder konservativ. Kuratoren und Designer geben ihr Recht: "Was den italienischen Stil wirklich kennzeichnet, sagt Erika Ghilardi [Kuratorin des Foto Locchi Archivs], ist seine Sehnsucht, 'Farben zu vereinigen, Stoffe zu vereinigen', alle Elemente eines Looks in ein Modell der Kohärenz zusammenzufassen. Hemdkragen sitzen punktgenau über Qualitätsstrickware. Uhren funkeln unter einem teuren Hemdärmel hervor. Hosen liegen mit exakter Falte auf dem Leder auf. Gänzende Schuhe und schimmernde Sonnenbrillen suggerieren Übereinstimmung von Kopf bis Fuß. ... Sie hat eine Theorie dazu: 'Sozial hat die italienische Kultur ihre Wurzeln in den 30ern. Die Großmütter waren besessen von der Vorstellung, wie man aussah, wenn man aus der Tür trat. Reich oder arm, es war immer eine Frage des Decorums. Des persönlichen Decorums. Das bedeutet nicht Eleganz. Es bedeutet anständig auszusehen. Das waren faschistische Ideale. Wenn man das immer wieder hört, ändert es die Mentalität."

Wer die atemlose Begeisterung Ingrid Sischys aushält, dem sei noch in Vanity Fair ihr Porträt des Modedesigners Nicolas Ghesquières empfohlen, der ab dieser Saison für Louis Vuitton entwirft. Es ist eine erstaunliche Erfolgsgeschichte, die man eigentlich eher in Amerika oder China für möglich hält, nicht in Frankreich (von Deutschland ganz zu schweigen).
Archiv: Design