Efeu - Die Kulturrundschau

Das Gespür für Wahrheit im Kino

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06.02.2014. Ein aufsehenerregender Essay eines anonymen Autors prangert die deutsche Unfähigkiet zur modernen TV-Serie an - präsentiert wird er auf der Website des Regisseurs Dietrich Brüggemann, dessen neuer Film auf der Berlinale läuft: Überhaupt Berlinale: Tagesspiegel und FAZ bringen Gespräche mit den deutschen Wettbewerbsregisseuren. Die Zeit analysiert Sex-Szenen in Berlinale-Filmen. Die SZ feiert den den südafrikanischen Pianisten Kristian Bezuidenhout. In der Welt erklärt der Maler Anselm Reyle, warum er sein Atelier schließt.

Film

Wir haben gestern schon in der Spätaffäre darauf hingewiesen. Regisseur Dietrich Brüggemann präsentiert auf seiner Website pünktlich zur Berlinale den aufsehenerregenden Essay (hier als pdf-Dokument) eines unter Pseudonym schreibenden Autors über die Serienrevolution im amerikanischen Fernsehen. Höchst kenntnisreich und anregend schildert er zunächst die Aspekte dieser Revolution in den USA, bevor er umso schärfer die deutsche Situation in den Blick nimmt. Warum diese Unbeweglichkeit? "Es hat zum Beispiel nichts mit der Landesgröße zu tun: In der Qualität seiner Serien läuft Deutschland, seinem Status als einer der größten Fernsehmärkte der Welt zum Trotz, praktisch allen anderen selbstproduzierenden Fernsehnationen hinterher." Hoffen wir, dass Feuilletons und Sender diese Debatte aufnehmen!

Und noch einmal Brüggemann: Im Tagesspiegel unterhalten sich Christiane Peitz und Jan Schulz-Ojala sehr angeregt mit den drei deutschen Berlinale Wettbewerbern Feo Aladag, Edward Berger und Dietrich Brüggemann über die deutsche Filmlandschaft im Allgemeinen und die Entstehung ihrer Filme im Besonderen. Dazu erläutert Aladag, deren Film "Zwischen Welten" in Afghanistan gedreht wurde, warum Soldaten die besseren Schauspieler sind: "Auf meiner ersten Recherchereise nach Kunduz ließ mich der Oberst vor der Truppe antreten, nachdem ich ein paar Tage mit auf Patrouille war. Erklär den Jungs, warum sie dich mitnehmen mussten, sagte er. Es waren tatsächlich fast nur Männer, über 200, da dachte ich: Oh je, wie wird das erst, wenn ich beim Dreh KSKler herumscheuche, Männer vom Kommando Spezialkräfte. Aber dann gab es so viel zu tun, dass ich keine Zeit hatte, mir groß Gedanken zu machen. Außerdem arbeitet die Bundeswehr extrem film-affin: Soldaten führen Befehle aus, ohne zu meckern - perfekt."

Auch die FAZ bringt ein Gespräch mit diesen drei Filmemachern. Darin benennt Brüggemann die Praxis des Synchronisierens als Ursache für die Malaise des deutschen Films: "Die großen europäischen Länder, die Filme synchronisieren, kochen alle im eigenen Saft. Das ist eine Kulturschande. Ein synchronisierter Film kann noch so gut sein, es geht das Gespür für Wahrheit im Kino verloren. Deswegen ist ein Land wie Dänemark so weit vorn, da wird nicht synchronisiert."

Weiteres zur Berlinale: Unser Berlinale-Blog startet mit einer leicht pessimistischen Programmübersicht von Lukas Foerster, der bedauert, dass "die Differenzen zwischen den Sektionen seit Jahren systematisch nivelliert werden. Ärgerlich (...), weil Festivals eigentlich die Funktion haben sollten, den Normalbetrieb des Kinos zu stören, mit außergewöhnlichen Einzelfilmen einerseits, andererseits aber auch mit einer mutigen Kuratierung, die zusammenbringt, was sonst getrennt bleibt."

Unter jury.critic.de/berlinale gibt es wieder einen Berlinale-Kritikerspiegel, an dem auch die Perlentaucher-Kritiker Lukas Foerster, Elena Meilicke und Thomas Groh beteiligt sind. Viele Filme sind schon bewertet, im Laufe der Zeit werden die Bewertungen auch mit den Kritiken verlinkt.

Außerdem: Andreas Kilb wirft der Berlinale in der FAZ Profil-Verlust vor - und "auch das ist eine Wahrheit über die Berlinale: Sie bildet Talente aus, die dann an der Croisette ihren Ruhm einstreichen". Tobias Kniebe erzählt in seinem Berlinale-Eröffnungsartikel in der SZ, dass Cannes schon längst Jane Campion als Jurypräsidentin gewonnen hatte, als die Berlinale James Schamus, einen engen Mitarbeiter Ang Lees für diesen Posten präsentieren konnte. Eindringlich empfiehlt Sonja Zekri in der SZ Jehane Noujaims Dokumentarfilm "Midan - Der Platz", der "große, herzzerreißende - von heute aus - grausam flüchtige Momente" der ägyptischen Revolution zeigt. In Ägypten ist er bislang verboten. Er läuft auf der Berlinale. In der Zeit erkennt Thomas Assheuer Reflexionen über Sexualität als ein Leitmotiv dieser Berlinale, neben den Filmen "Top Girl"von Tatjana Turanskyj, "Thou Wast Mild and Lovely" und "Butter on the Latch" von Josephine Decker sowie "She"s Lost Control" von Anja Marquardt ist das natürlich Lars von Triers "Nymphomaniac": ""Nymphomaniac" handelt von der Aus­differenzie­ung der Sexualität, also davon, dass sie sich in der modernen Gesellschaft von religiösen und kulturellen Deutungen abspaltet, bis nur noch die symbolisch "nackte" Libido übrig bleibt, ein metaphernfreies Begehren, der basic instinct." In der NZZ wirft Susanne Ostwald einen Blick aufs Berlinale-Programm und freut sich, "dass die Berlinale immer wieder Zeichen gegen die Gängelung von Filmemachern setzt". Und in der taz schreibt Lukas Foerster über die Retrospektive "The Aesthetics of Shadow".

ZU den Filmstarts der Woche gehören ein Remake von "Robocop" (hier besprochen in der Welt) und Gerhart Polts neuer Film "Und Äktschn" (ebenfalls in der Welt besprochen).
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Kunst

Das Folkwang Museum in Essen hat sich entschlossen, eine Ausstellung der Polaroidfotos, die der Künstler Balthus von seinem damals 8- bis 12-jährigen Model Anna aufgenommen hat, abzusagen. Balthus hatte das Mädchen teils halbnackt und in erotischen Posen fotografiert. Die Fotos dienten vermutlich als Vorlage für seine Gemälde. Begründet hat das Museum seine Entscheidung nicht damit, dass die Fotos unangemessen seien, sondern mit der Angst vor "ungewollten juristischen Konsequenzen", falls sie gezeigt werden. Beim WDR rechtfertigt der Leiter des Folkwang Museums Tobias Bezzola die Entscheidung: Hier zum Nachhören.

Hanno Rauterbergs hatte in einem umfassenden Artikel im Dezember in der Zeit die Debatte anlässlich der Balthus-Ausstellungen im Metropolitan Museum und der Galerie Gagosian (dort wurden die Polaroids gezeigt), schon vorweggenommen. In Vanity Fair bat Ingrid Sischy ebenfalls schon im letzten Jahr, bei den Fotos doch bitte genau hinzugucken: "Ich war immer abgestoßen von dem, was ich als den eigentlichen Konservatismus in Balthus" Arbeiten sah - die Tatsache, dass alles so kontrolliert wird von dem Maestro. Diese Polaroids geben Zeugnis von Kunst und Leben als sehr viel chaotischerem, demokratischerem Prozess, in dem das Mädchen auch ein bisschen der Boss ist."

In der Welt winkt jetzt Tim Ackermann ab, mit der Begründung, die bei Zensurverdacht immer zuerst gebracht wird: Schadet nichts, es ist eh schlechte Kunst. Balthus "eignet sich (...) nicht als Gegenstand für eine Zensurdebatte. Kunstfreiheit bedeutet die Pflicht, die Kunst gegen alle denkbaren Widerstände verteidigen zu müssen. Sie bedeutet hingegen nicht, dass schlechte Kunst auch immer gezeigt werden muss."

Nikolaus Bernau sieht das in der Berliner Zeitung unbedingt anders, obwohl auch er keine Sympathie für den verfemten Künstler aufbringen kann. Doch: "Pädophilie in der Kunst ist ein Thema mindestens seit der griechischen und chinesischen Antike. ... Man kann nicht nur, man sollte über sie debattieren, über die sich wandelnden moralischen Maßstäbe, die historisch sehr unterschiedlichen Vorstellungen, was Kindheit ist, was Pädophilie, wann und warum sie als gesellschaftsgefährdend angesehen wurde. Solch kritische Aufklärung ist der "Auftrag und die Verantwortung" eines Museums. Nicht die Selbstzensur."

Anselm Reyle, einer der angesagtesten deutschen Künstler, schließt sein Atelier, auch weil es wirtschaftlich mit teilweise bis zu fünfzig Assistenten trotz faraminöser Kunstpreise gar nicht so einfach lief. Im Gespräch mit Tim Ackermann und Cornelius Tittel in der Welt erläutert er seine Beweggründe: "Die ganze Situation war surreal. Und nicht unbedingt nur angenehm surreal. Es ist nicht so, dass ich in dieser Zeit glücklicher war. Überhaupt nicht. Auch die totalen Hype-Phasen, wo die Bilder auf Auktionen plötzlich extrem teuer wurden, haben gleich Entwicklungen mit sich gezogen, die eher unangenehm waren. Etwa ein Gerangel der Galerien, mit denen man doch teilweise auch freundschaftlich verbunden ist."

Weiteres: Für die Zeit besucht Moritz von Uslar den Kunstexperten Werner Spies, der in die Schlagzeilen geriet, weil er Gemälde von Wolfgang Beltracchi Max Ernst zuschrieb und für seine Expertisen Provisionen im hohen sechssteligen Bereich kassierte. Und Hans-Joachim Müller spaziert für die Welt (jetzt auch im Print) fasziniert durch Montmartre und durch die Ausstellung über die Künstlerbohème des Viertels, die in der Schirn läuft: "Dass der Künstler der Ausgestoßene, der sozial Geächtete wäre, bestimmt zum Schicksal der Armut, dem er seine grandiosen Werke abringt, ist nichts anderes als eine bühnen- und publikumswirksame Projektion. Picasso ist keineswegs als Obdachloser ins Bateau-Lavoir gezogen." In der Ausstellung hängt auch Suzanne Valadons "Nu au canapé rouge" (Bild).
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Musik

Reinhard J. Brembeck schildert den südafrikanische Pianisten Kristian Bezuidenhout in der SZ als "ein Medium, das derzeit nichts anderes im Sinn hat als Mozart, Mozart, Mozart". Zur Zeit hält er Séancen in Salzburg. "Bezuidenhouts Alleinstellungsmerkmal .. ist, dass er die in der Romantik übliche Freiheit des Spiels auch auf Mozart überträgt. Da sind dann die kleinen Verzögerungen und Beschleunigungen zu hören, die die Musik erst so richtig lebendig machen, die aber als romantisch gelten und für Puristen nichts in der Musik der Wiener Klassiker verloren haben."

Auf Youtube ist einiges zu finden, hier Mozarts Fantasie in d-moll, ausgeführt auf dem Hammerklavier:

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Literatur

Florian Kessler hatte Anfang des Jahres in der Zeit gegen die bildungsbüprgerliche Langeweile im deutschen Literaturbetrieb polemisiert und damit eine kleine Debatte ausgelöst. Heute antwortet er (seltsamerweise in der SZ) auf seine Kritiker: "Mir wird unbehaglich, wenn ich sehe, wie wenig Unbehagen viele der mir Antwortenden gegenüber ihrem eigenem Milieu empfinden. Wie wenig Bereitschaft, dieses Milieu wenigstens im Ansatz mitzureflektieren. Dass meine Steilthesen auf Widerspruch stießen, war wünschenswert. Dass ihnen aber oft komplett ausgewichen wurde, war symptomatisch."

Ahmir Thompson aka Questlove, der Schlagzeuger der HipHop-Band The Roots, hat seine Memoiren geschrieben, berichtet Fatma Aydemir in der taz und schwärmt, "Mo" Meta Blues - The World According to Questlove" lese sich "wie exzentrische Episoden aus einer Sitcom, die eine alternative Chronik des US-HipHop der vergangenen 20 Jahre nachstellt". Ebenfalls in der taz stellt Caterina von Wedemeyer den Luzerner Verlag Der gesunde Menschenversand vor, der sich auf spoken word und Sprechsprache spezialisiert. (Der im gesunden Menschenversand erschienene Band "Der Goalie bin ig" von Pedro Lenz wurde inzwischen verfilmt und läuft ab heute in den Schweizer Kinos, hier die Besprechung in der NZZ).
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