Efeu - Die Kulturrundschau

Radikal, im Benennen wie im Zeigen

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05.02.2014. Es ist zwar nicht allgemein bekannt, aber Matthew McConaughey war schon immer ein toller Schauspieler, findet die Presse. Sein neuer Film "Dallas Buyers Club" wird in vielen Zeitungen besprochen. In Cynthia Havens Blog stellt Philip Roth der Literatur eine schlechte Prognose. Die Holländer machen Neue Musik und Hunderttausende kleben mit ihren Ohren an den Radios. Wie kriegen die das hin?, fragt staunend die FAZ. Die NZZ bewundert die häusliche Eleganz der Pompejaner. Die LA Review feiert Robert Gordons Buch über das Stax-Label.

Film

Christoph Huber bespricht in der Presse Jean-Marc Vallées Film "Dallas Buyers Club", in dem Matthew McConaughey einen Aids-Kranken in den achtziger Jahren spielt und sich zum wiederholten Male herausstellt, was man von McConaughey zunächst gar nicht vermutet hatte: Er ist ein toller Schauspieler, und das war er schon immer, findet Huber: "Seine Intensität als Darsteller hat der 44-jährige Texaner McConaughey eigentlich seit seinem Karrierebeginn Mitte der 1990er demonstriert - aber seine besten Leistungen wurden kaum gewürdigt, weil die Filme verheizt wurden wie Richard Linklaters schönes Depressionszeit-Drama "The Newton Boys" oder in wenig respektable Genres fielen wie die furiose Drachenkampf-Fantasy "Reign of Fire"." Und nun wird er für den Oscar gehandelt. Verena Lueken sieht"s in der FAZ ähnlich. Auch in der SZ und vielen anderen Zeitungen wird der Film besprochen.

Hanns-Georg Rodek ist für die Welt nach Kopenhagen gefahren, wo alle außer Lars von Trier selbst Auskunft über den "Porno" "Nymphomaniac" gaben, der auf der Berlinale läuft. Trier "liefert" in dem Film, versichert Rodek, und auch Charlotte Gainsbourg als Joe: "Joe, gesteht sie ihrem Retter, ist Nymphomanin. "I discovered my cunt at the age of two", sagt sie im Original, und die deutsche Synchronisation wird nur die Wahl zwischen dem F-Wort und dem M-Wort haben, denn Joe gebraucht keine freundlichen Euphemismen. Der gesamte Film ist radikal, im Benennen wie im Zeigen. Einmal montiert von Trier ungerührt zwei Dutzend Penisse hintereinander, die an Joes Eroberungen hängen, und in ihrer Sucht nach Befriedigung wird wirklich alles durchgespielt..."

Außerdem: In der Welt unterhält sich Rüdiger Sturm mit Wes Anderson, dessen neuer Film "Grand Budapest Hotel" morgen die Berlinale eröffnet.
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Literatur

Heute wäre William S. Burroughs hundert Jahre geworden. In der taz erinnert Jens Uthoff an die entscheidenden Wegmarken: "Der Typ, der seine Frau erschoss. Der Kerl mit dem Bogart-Hut. Dichter auf H. Waffennarr. Ein Pionier für die Punks, ein schwuler Held der Subkultur. Reicher Erbe ohne Geldsorgen." Und das "Kopfkino", das seine Romane erzeugten: "Der Streifen, den man sah, war Splatter, war Porno, war ein Kriegsfilm. Gleichzeitig schienen diese Texte - mit jenen Mitteln - den unbedingten Willen in sich zu tragen, der Härte der Realität gerecht zu werden. Und einen Widerwillen, sie so zu akzeptieren, wie sie war.

(Via Mobylives) Cynthia Haven hat für ihr Blog, das sie auf der Website der Stanford University führt, Philip Roth interviewt, der nochmals versichert, dass er auf keinen Fall mehr einen Roman schreibt und folgende Voraussage macht: "Ich bezweifle, dass literarische Belesenheit in Amerika eine Zukunft hat. In zwei Jahrzehnten wird die Leserschaft für einen roman ungefähr der Größer jener Gruppe entsprechen, die lateinische Poesie liest - und zwar heute, nicht in der Renaissance."

Weiteres: In der Welt führt Tilman Krause die Geburt des "Literatengeschwätzes" (Max Weber), also der öffentlichen politischen Wortmeldung von Schriftstellern, auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zurück. Thomas David begleitet in der FAZ den Autor Jonathem Lethem nach Dresden zu den Schauplätzen seines neuen Romans "Der Garten der Dissidenten". Besprochen werden unter anderem Reza Aslans Biografie des "aufrührerischen" Jesu "Zelot" in der NZZ und Burroughs" Briefe "Radiert die Worte aus" in der SZ und in der FAZ (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).
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Bühne

Lilo Weber berichtet in der NZZ begeistert vom Holland Dance Festival in Den Haag, zu dessen Auftakt das Nederlands Dans Theater 1 ein dreißig Jahre altes Stück von Jirí Kylián mit einer Uraufführung von Marco Goecke verband: "Die intensive Musikalität, das Timing, die Bewegungen aus dem Innersten des Körpers zu Kompositionen von Arnold Schönberg, Anton Webern und Antonín Dvorák - das ist wunderschön. Doch die junge Generation kann mithalten. Marco Goeckes «Hello Earth» zu Musik von Benjamin Britten und Diamanda Galás stellt den poetisch subtilen Mann-Frau-Begegnungen, den Duos und Trios im Stück von Jirí Kylián, Gruppentanz entgegen: schnell, aufgedreht, hektisch - einen Reigen von Besessenen."

Besprochen werden unter anderem Shakespeares "King Lear" im Londoner National Theatre (NZZ),
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Kunst

Angesichts des miserablen Zustands von Pompeji findet es Roman Hollenstein in der NZZ nicht mehr nur schlecht, dass die Bourbonen einst die Kunstwerke der zerstörten Vesuvstädten so brachial aus ihrem Kontext rissen. Schon allein wegen einer solch sehenswerten Ausstellung wie "Leben auf dem Vulkan" in der Münchner Hypo-Kunsthalle: "Im Zentrum der Schau steht die Casa del Menandro, eines der größten Stadthäuser Pompejis. Es wird anhand von Kunstwerken und Götterbildern, von Mobiliar, Schmuck, Silbergeschirr, Alltagsgegenständen und Inschriften sowie einem neu angefertigten Korkmodell der weitläufigen Gebäuderuine eindrücklich vergegenwärtigt. Einen Kontrast zu dieser häuslichen Eleganz bilden die Kampfgeräte und Rüstungen aus dem Amphitheater, vor dem sich im Jahre 59 eine legendäre Massenschlägerei von "Hooligans" ereignete. Sonst aber war es in der Vesuvstadt meist ruhig." (Bild: Bacchus und der Vesuv)

Das sehr schöne Fotoblog Lensculture schreibt einen Porträtwettbewerb aus - alle Fotos, so verspricht man, auch Amateurfotografien, sollen von einer Jury bewertet werden.


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Musik

Eleonore Büning besucht für die FAZ eine "ZaterdagMatinee" im Concertgebouw, wo ein neues Werk von Reinbert de Leeuw gespielt und vom Publikum umjubelt wurde. Die vom Musikmanager Kees Vlaardingerbroek verantwortete Samstagsmatinee ist stets ausverkauft und zehntausende Hörer hocken an den Apparaten. Ein Traum für alle, die mit Neuer Musik befasst sind. "Was macht Vlaardingerbroek, wenn er seine "ZaterdagMatineen" programmiert, anders als andere anderswo? Ein Wort fällt im Gespräch mit ihm immer wieder, ein Schlüsselwort, es lautet: "Risiko". Man müsse Risiken eingehen wollen, sagt er, für das, was man "für richtig und wichtig" halte."

Aaron Gilbreath feiert in der LA Review of Books Robert Gordons Buch "Respect Yourself - Stax Records and the Soul Explosion" als eines der wichtigsten Bücher über Popgeschichte der letzten Jahre - und er feiert natürlich das Stax Label, das in Memphis, Tennessee, gegründet von zwei (weißen) Geschwistern, gegen alle Rassentrennung die eigentliche Soulmusic erfand: "Stax machte Soul, aber anders als es die Mehrheit in Memphis als normal ansah. Das Label mischte die Rassen in den Bands und im Studio, es hatte schwarze Vollzeitangestellte und machte manche von ihnen reich. Stax" Politik war es, alle Leute zu engagieren, die Fähigkeiten oder Potenzial hatten. Es gab keine Trennung zwischen Studio und Kontrollraum, Musiker und Toningenieure konnten frei interagieren." Gordon hat vor einigen Jahren auch einen Dokumentarfilm über Stax gemacht (Trailer).

Hier kommt der Memphis Train:

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