Efeu - Die Kulturrundschau

Vegetarische Tiger

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.01.2014. In der NZZ fragt Olga Martynova, was das Ende der Postmoderne und ein Überfluss an erreichbarem Wissen für die Literatur bedeutet. Die Nachtkritik erlebt Infantilst-Humor in Herbert Fritschs Oper "Ohne Titel 1". Der Freitag stellt das Autorensexfilmfest Hofbauer-Kongress in Nürnberg vor. Die Jungle World denkt in Wien über Unterhaltung und Utopie nach.

Literatur

Wo steht die Literatur heute? Und wie kann ein Schriftsteller mit einem Übermaß an Wissen und Informationen umgehen? Die Autorin Olga Martynova denkt in der NZZ von Jorges "Bibliothek von Babel", die Postmoderne, das Ende der Postmoderne, die Rückkehr zum traditionellen Erzählen bis hin zur neuerlichen Rückkehr zu postmodernen Erzählmitteln (Martynova nennt Lewitscharoff, Hoppe, Jirgl, Senkel und Setz): "Ist das nun als Renaissance der postmodernen Literatur zu begreifen? Oder einfach nur als Distanznahme von den schlichten realistischen Erzählschemen, die sich viel Raum zurückerobert haben? Man kann nicht behaupten, dass die Kritik hierüber eine konsequente Diskussion führen würde, aber es mehren sich Stimmen, dass die Gegenwartsliteratur von einfallsarmen Werken und platten Erzählweisen dominiert werde. Ist diese Tendenz eine Reaktion auf das im Vergleich zur 'ersten Postmoderne' noch stärkere Gefühl des Überflusses, bedingt durch die neuen technischen Mittel, die das Übermaß für jeden real erfahrbar machen? Die Furcht der Intellektuellen vor dem Internet ist nicht nur eine Furcht vor der Unüberschaubarkeit, sondern auch vor der Egalisierung des Wissens."

Mit sichtlichem Vergnügen führt Hannes Stein in der Welt durch die erotische Libertinage des antiken Rom, die der Historiker Kyle Harper in seinem neuen Buch über den Siegeszug der christlichen Sexualmoral beschreibt: "Grundsätzlich galt Sex, der nicht mit romantischen Gefühlen verbunden war, als gesund: eine Art befreiendes Niesen mit dem Unterleib."

Besprochen werden unter anderem Jürgen Kaubes Max-Weber-Biografie (Freitag), Gillian Flynns Psychothriller "Gone Girl" (Welt) und Zadie Smiths neuer Roman "London N-W" (taz). Mehr dazu in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Bühne

In Herbert Fritschs in der Berliner Volksbühne aufgeführten Oper "Ohne Titel Nr. 1" beobachtet Sophie Diesselhorst für Nachtkritik aufgezogene Menschen auf einem Riesensofa und "Infantilst-Humor". Gefallen hat ihr das dennoch: "Fritschs Theater läuft, nun auch noch um Textrest und Titel gebracht, zu Hochform auf. Erzeugte die Ouvertüre, für die sich das gesamte Ensemble mit Instrumenten (Balken, Pappkisten, Papierblättern, Blockflöten) im Orchestergraben arrangiert hatte, ein Anfangsmisstrauen, dass sich das Theater hier allzu überschwänglich im Spiegel anschauen würde, so hebt es spätestens die Pups-Szene auf. Da furzt der Schauspieler Jonas Hien pantomimisch und erzieht Ingo Günther dazu, im passenden Moment das passende Geräusch dazu zu erzeugen. Großes Gepupse, große Freude..." (Foto: Thomas Aurin)

Große Freude auch in der Berliner Zeitung über Fritschs Nummernrevue: "Wie jede Nummer aufgebaut ist und mit welcher Genauigkeitslust sie abgespult wird, ist absolut beglückend", jubelt Ulrich Seidler. Eine weitere Besprechung gibt es in der taz.

Besprochen werden weiter Calixto Bieitos Zusammenschnitt von Shakespeares "Sturm" mit der gleichnamigen Oper von Henry Purcell zu einem "musikalischen Poem" in Mannheim (Welt) und Karin Beiers großer Antiken-Theaterabend im Schauspielhaus Hamburg (Freitag).
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Film

Im Freitag unterhalten sich Thomas Groh und Lukas Foerster über das Autorensexfilmfest Hofbauer-Kongress in Nürnberg. Für Thomas Groh ist es vor allem wichtig, weil man seine eingeschliffenen Wertungen überprüfen kann: "Es gibt ja eine gewisse Tradition, sich 'B-Movies' oder 'Trash', ironisch gebrochen, auf eine weihevolle Art zu nähern, die auf Emblematisierung abzielt oder auf eine Aufwertung durch Anerkennung von außen. Auch das 'schlechte' Kino soll einer beflissenen Kanonbildung als schätzenswerte Form zugeführt werden. Das tendenziell autoritäre Konzept einer kanonischen Filmgeschichte mit einem Innen und Außen stellt das Hofbauer-Kommando aber gerade infrage. Und tatsächlich: Befasst man sich derart konzentriert mit Filmen, die eine snobistische Cinephilie keines Blickes würdigen würde, wird der eigene Blick ziemlich frei. Man merkt erst, wie diskursiv verstellt der Zugriff auf Filmgeschichte oft ist und was es jenseits der üblichen Sortierungen zu entdecken gibt."

In der Berliner Zeitung führt Gerhard Midding durch zwei Ausstellungen im Berliner Filmmuseum, von denen eine den Standfotografen der Weimarer Republik gewidmet ist. Die ist zwar gelungen, doch sieht Midding Anlass zu Nachfragen: "Zweifellos hätte die Ausstellung besser zur letztjährigen Berlinale-Retrospektive 'The Weimar Touch' (mehr) gepasst. Mit ihrem Passepartout-Titel flankiert sie nun die diesjährige, 'Aesthetics of Shadow'. Aber ist sie zur rechten Zeit am rechten Ort? Die Deutsche Kinemathek muss sich fragen lassen, ob es nicht dringlichere Themen gäbe. Wäre es nicht an der Zeit, einen Perspektivenwechsel vorzunehmen, der den Blick auf das Vertraute neu formiert, Gewissheiten erschüttert?" (Photo: Deutsche Kinemathek)

Helmut Merker staunt unterdessen im Tagesspiegel über die zweite Ausstellung im Haus, "The Unseen Seen" mit Rainer Riedlers Fotografien von Filmrollen im Querschnitt: Diese "zeigen die Filmrollen, kreisrund und bunt, als Artefakte in der Phase ihres Verschwindens - eine Erinnerungsarbeit im digitalen Zeitalter." Hier gibt es Anschauungsmaterial.

Außerdem: Der Film "Rush" wurde nicht für den deutschen Filmpreis nominiert, obwohl der Koproduzent deutsch ist, ein Teil der Darsteller deutsch ist und mit deutschen Fördermitteln in Deutschland gedreht wurde, berichtet Rüdiger Sturm in der Welt.
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Kunst

Mit dem Performance-Abend "Salon Klimbim: Von Vegetarischen Tigern und utopischen Unterhandlungen" begann gestern in Wien die Veranstaltungsreihe "Utopian Pulse - Flares in the Darkroom". Für die Jungle World sprach Pascal Jurt mit den Veranstaltern. Fahim Amir erklärt ihm das Konzept, bei dem die Beteiligten über das Verhältnis zwischen Unterhaltung und Utopie nachdenken sollten: "Als 'vegetarischen Tiger' bezeichnete Adorno einst Charlie Chaplin, denn ihm sei das Unmögliche gelungen - das Raubtierhafte der Unterhaltungsindustrie mit etwas zu verbinden, das darüber hinausging und das Künstlerische berührte. Richard Dyer, der Ahnherr der Gay- und Star-Studies wiederum, vertrat die These, dass jede Form von Unterhaltung Elemente des Utopischen enthalten müsse, um von den Massen angenommen zu werden. Das Utopische in der Unterhaltung trete aber nicht modellhaft auf, sondern affektiv - in Form utopischer Gefühle."

Weitere Artikel: Für die Berliner Zeitung hat Tilman Baumgärtel Berliner Museumswächtern aufs Maul geschaut. Besprochen werden eine Ausstellung mit Kinderzeichnungen heute namhafter Künstler im Collectors Room in Berlin (Berliner Zeitung - Monopol bringt eine Bilderstrecke) und die Ausstellung "Remember Lucerne" im Historischen Museum Luzern (NZZ).
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Musik

Peter Unfried im glückseligen Diskurspoptaumel in der taz. Anlass? Das neue Album samt erster Singleauskoppelung der Wiener Indie-Popper Ja, Panik, auf die er ein wahres Jubellied singt: "Die erste Songzeile lautet: 'Ich wünsch' mich dahin zurück, wo's nach vorne geht'. Das ist smart. Und bringt den kulturell-mentalen Irrealismus von traditionell-larmoyanten Grünen- und SPD-Milieus genauso auf den Punkt wie ihre Unfähigkeit einzusehen, dass uns in einer komplizierten Welt plötzlich das reparieren kann, was uns grade noch zerstört hat." Und ja, auch das Video ist große Klasse:



Außerdem: Julian Weber stellt in der taz das Projekt Black Manual vor, in dessen wuchtigen Sounds brasilianische Trommler auf Elektroakustik stoßen (hier eine Liveaufnahme). in der Welt unterhält sich Frank Schmiechen mit dem Elektro-Musiker Karl Bartos, dessen alte Band Kraftwerk demnächst neben den Beatles mit einem Grammy für das Lebenswerk ausgezeichnet wird und der bald auf Tour geht (ein etwas interessanteres Gespräch gibt es aktuell auch bei The European). Knut Henkel berichtet in der NZZ, dass immer mehr exilierte Musiker nach Kuba zurückkehren. Besprochen wird das neue Album von Warpaint, das Sonia Güttler in der taz ganz schrecklich langweilt.
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