Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Rare Absenz jeglichen Zynismus

11.12.2025. Die taz blickt mit dem mexikanisch-amerikanischen Fotografen Philip Montgomery in den Hamburger Deichtorhallen auf das Staatsversagen der USA. Im Standard wirft der israelische Regisseur Nadav Lapid Israel ein "Vergehen am Begriff Antisemitismus" vor. Im VAN-Gespräch zeigt der Dirigent Paavo Järvi Verständnis für Künstler, die sich Putin anbiedern. Und im Perlentaucher freut sich Peter Truschner über die Wiederentdeckung der russischen Fotografin Olga Ignatovich.

Sehr tarkowskihaft all das

10.12.2025. Wird Netflix nach der Warner-Übernahme wirklich zum Totengräber des Kinos, fragt sich der Freitag. Die Welt begibt sich schauernd in die eisigen Steppen einer Mailänder Schostakowitsch-Inszenierung. Die FAZ mokiert sich über Claire Tabourets teils nach Kölner Karneval ausschauende neue Fensterentwürfe für Notre Dame. Wolfram Weimer lässt sich von den Streamern über den Tisch ziehen, ärgert sich Zeit Online angesichts aktueller Verhandlungen über mögliche Beiträge von Netflix & Co zur deutschen Filmwirtschaft.

Suche nach der ungeteilten Welt

09.12.2025. Der Tagesspiegel resümiert László Krasznahorkais Nobelpreisrede, die einen "unheimlichen Blick in den Abgrund einer ausgeplünderten Erde" wirft. Der Netflix-Warner-Krimi geht weiter: Nun hat Paramount als trump-naher Konzern sein Angebot erhöht. Die taz porträtiert den israelischen Künstler Zeev Engelmayer, der die Opfer des 7. Oktober und in Gaza auf Postkarten vor Augen führt. Die Theaterkritiker amüsieren sich prächtig, wenn Sophie Rois als Franz von Assisi an der Volksbühne Brathähnchen speisend in den Klassenkampf zieht.

Die unerträglichen Zustände der Welt

08.12.2025. Die US-Regierung macht sich Sorgen zur Netflix-Übernahme von Warner, weiß die ZeitWolfram Weimer versäumt es laut SZ, Streamingdienste mit einer gesetzlichen Lösung zu mehr Beteiligung an deutschen Produktionen zu verpflichten. Über Burkhart Kosminskis "Hamlet" am Schauspiel Stuttgart sind sich die Kritiker nicht so einig: Die FR betont den wichtigen Protest gegen mögliche Kulturkürzungen, für die Nachtkritik passt trotzdem nichts wirklich zusammen. Und alle trauern um den Architekten Frank Gehry und um den Fotografen Martin Parr.

Zweifel an der Weltdeutungskompetenz

06.12.2025. In der WamS erzählt Boualem Sansal, wie man im Gefängnis von einem Menschen zu einer Nummer wird. SZ und nachtkritik folgen in Sandra Strunz' Münchner Inszenierung "Play Auerbach" amüsiert einer beflissenen Antisemitismusbeauftragten, die in jedes Fettnäpfchen hüpft. Sollte Netflix Warner übernehmen, könnten noch mehr Filme aus den Kinos abgezogen werden, befürchtet die NZZ. In der FAZ feiert Sebastian Guggolz die Besondernheiten der litauischen Literatur. Pritzkerpreisträger Frank Gehry ist im Alter von 96 Jahren gestorben, melden die Agenturen.

Konflikte im Wohnzimmer

05.12.2025. Die taz freut sich in Hannover über die Wiederentdeckung der Künstlerin Käte Steinitz, die FAZ blickt derweil in Wien auf Bilder von Beinen, die Lisette Model im New York der Vierziger machte. Der Eurovision Song Contest ist am Ende, meint Zeit Online, nachdem mehrere Ländern angekündigt haben, die Veranstaltung aufgrund der Teilnahme Israels zu boykottieren. Die nachtkritik bedauert, dass Yael Ronen an der Schaubühne die Frage nach der Position israelkritischer Juden in Deutschland in "tiefenpsychologischem Klimbim" erstickt. Und der Filmdienst fragt: Warum ein Kinoporträt über Robert Habeck?

Frühlingsbilder

04.12.2025. taz und Monopol schauen sich in der Warschauer Kunstszene um, die sich langsam von den Jahren der PiS-Regierung erholt. Die FAZ freut sich, dass die Kunstmuseen Krefeld der Architektin und Designerin Charlotte Perriand zu ihrem Recht verhelfen. NZZ und Welt fragen sich, ob der Eurovision Song Contest über die Frage an der Teilnahme Israels zerbrechen wird. Und der Perlentaucher hofft, dass Lav Diaz' neuer Film "Magellan" in die deutschen Kinos kommt, denn niemand im Weltkino kreiert derart monströse Einstellungen.

Die Gewalt der Welt

03.12.2025. FAZ und FR vollziehen in Frankfurt Max Beckmanns Werdegang anhand von dessen Zeichnungen nach. In der Welt ärgern sich Bernd Stegemann und Angela Richter über moralische Tugendwächter im Theater. Die SZ erklärt indes, wie der "Othello" heute noch inszeniert werden kann: Dank Color-blind oder Color-conscious Casting. Die taz lernt in Felix Moellers Dokumentarfilm "Weltkarriere einer Lüge", in welchen Lagern die "Protokolle der Weisen von Zion" nach wie vor verfangen. Außerdem erfährt sie: Türkischer K-Pop kommt bei den Kulturhütern des Landes nicht besonders gut an.

Hinter tausend Daten keine Welt

02.12.2025. Jafar Panahi ist im Iran in Abwesenheit zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden, melden die Agenturen. Der Guardian erkennt in der Tom-Sandberg-Retrospektive in Oslo die Poesie von Nieselregen. Die FR lauscht mit Annika Kahrs in Berlin derweil Streicherinnen in sterbenden Konsumtempeln. Die taz blickt mit Olga Ravn zurück auf die Hexenverfolgung im Dänemark des 17. Jahrhunderts und fragt: Wie kann eine solidarische Gemeinschaft entstehen? Und die Theaterkritiker sind uneins, ob Stanislaw Lem gut auf der Bühne funktioniert. 

Mit Sprachlichem beschäftigt

01.12.2025. FAZ und Zeit versuchen die Gemüter um die Blackfacing-Debatte am Hamburger Schauspielhaus zu beruhigen. Nachtwandelnde Londoner zeigen der taz in Sebastian Nüblings Adaption eines Kae Tempest-Gedichts die drängenden Probleme unserer Gesellschaft im Jahr 2025. Die SZ feiert Mark Waschkes und Katharina Starks Serie "I am the Greatest". Im Kunstmuseum Basel gehen die Geister um, die NZZ denkt dabei über ihre Menschlichkeit nach. Benedict Wells tritt in der Zeit für mehr echten menschlichen Schmerz statt KI in der Literatur ein. Und alle trauern um den Dramatiker Tom Stoppard.