Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.07.2024. Die neue Documenta-Findungskommission steht: Die SZ bangt schon jetzt, ob wieder unterzeichnete offene Briefe aus der Vergangenheit entdeckt werden. Die FAZ bewundert in Amsterdam, wie die rumänische Künstlerin Ana Lupas die Repressionen des Überwachungsstaates mit Mänteln unterlief. "Die Messer kommen sorgfältig gewählt aus unerwarteten Richtungen", resümiert Martin Kusej, scheidender Direktor des Burgtheaters, in der Zeit seine Jahre in Österreich. Die Öffentlich-Rechtlichen haben ein Intelligenz-Problem, konstatiert die NZZ mit Blick auf gestrichene Literatursendungen. Und VAN berichtet: Teodor Currentzis bekommt in Sankt Petersburg offenbar ein Konzerthaus geschenkt.
03.07.2024. Die Filmkritiker bejubeln die spielerische Leichtigkeit von Richard Linklaters Krimikomödie "A Killer Romance": Der Filmdienst bewundert die geschmeidigen Rollenwechsel von Hauptdarsteller Glen Powell. Auf weniger Liebe stößt "Kinds of Kindness", der neue Film von Yorgos Lanthimos, trotz der gewohnt vollen Dröhnung Nihilismus, Zynismus und Brutalität: Den Tiefgang muss man hier nicht suchen, es gibt ihn nicht, ärgert sich die FAZ. Die NZZ rekonstruiert noch einmal den Shitstorm um den Band "Oh Boy", der ganze Karrieren gefährdet. Der Tagesspiegel flaniert durch dänische Stadtviertel, in denen zwischen nachhaltiger Architektur Wildblumenwiesen sprießen.
02.07.2024. Die geballte Krisenhaftigkeit schlägt den Kritikern bei Marc-André Dalbavies Oper "Melancholie des Widerstandes" an der Berliner Staatsoper entgegen: zum Glück erleuchten die Sänger das Dunkel ein wenig, seufzt erleichtert die FAZ. Der Tagesspiegel sucht bei der großen Cartier-Bresson-Retrospektive in Hamburg Truman Capote im Blätterwald. Die Literaturkritiker verabschieden sich von Ismail Kadare. Die SZ erinnert an die albtraumhafte Atmosphäre totalitärer Herrschaft, die er in seinen Romanen schuf.
01.07.2024. Zur Freude der Kritiker hat Favorit Tijan Sila den Bachmann-Preis gewonnen: Was für ein starker Jahrgang, jubelt die FR. Weniger glorreich war die Arbeit der Jury, seufzt hingegen die taz. Russische Intellektuelle haben einen Dichter namens Gennadi Rakitin erfunden, der in den sozialen Medien nationalsozialistische Gedichte rezitiert - und der Kreml ist drauf reingefallen, berichtet die FAZ. Die NZZ begegnet bei einer Ausstellung von Jenny Holzer im Guggenheim-Museum der dunklen Seite der USA. Die Nachtkritik wundert sich bei Alexander Nerlichs Antigone-Version in Mainz über "Vokuhilas" und "Bullshit".
29.06.2024. Die taz schäumt vor Wut, wenn sie sieht, wie die öffentlich-rechtlichen Sender, die Literatur auf die Straße setzen - und das während die Neue Rechte die Literatur immer mehr umschmeichelt. Die Welt blickt zurück auf die Theatersaison und ärgert sich über einen neuen Trend: das politisch korrekte Umschreiben. Die taz sieht die Kunstfreiheit in Gefahr. Die Musikkritiker trauern um Kinky Friedman: Sein Leben sollte von den Coen-Brüdern verfilmt werden, findet die FR.
28.06.2024. Das Bachmann-Lesen in Klagenfurt hat begonnen und die Zeitungen machen mit Tijan Sila einen ersten Favoriten aus. Die FAZ warnt davor, dass die Abrissbirne der Öffentlich-Rechtlichen die Kultur platt macht. Der Regisseur Edward Berger macht sich in der SZ für deutsche Filmförderung stark. Die FR entdeckt mit Selma Selman "die gefährlichste Frau der Welt." VAN lässt sich von Georg Friedrich Haas' "11000 Saiten" ins Innere eines Bienenstocks versetzen, während die taz von Tony Conrad und Jennifer Walsh schier weggeblasen wird.
27.06.2024. In der FAZ erklärt der italienische Schriftsteller Fabio Stassi, dass er gerade jetzt zur Frankfurter Buchmesse fährt, um sich mit zensierten Schriftstellern zu solidarisieren. Im Standard hat Wolfgang Ullrich keine Angst vor KI-generierter Kunst. Die NZZ möchte lieber nicht allzu viel Fluchtgut restituieren. Carl Hegemann besucht für die Zeit das Osten-Festival in Bitterfeld. Die SZ bestaunt den Staraufwand beim Filmfest München. Und die FAZ nimmt dem Fusion-Festival seinen Ferienkommunismus nicht ab.
26.06.2024. Die Welt schüttelt den Kopf über die Naivität der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die erst knapp vor der Ausstellungseröffnung Gesprächsbedarf mit der Aktivistin Zoe Samduzi erkannten. Dennoch: Museen müssen Orte bleiben, an denen freier Meinungsaustausch möglich ist, meint sie. Die SZ staunt, was mit der neuen KI-Plattform Uido in Sachen Musikgenerierung mittlerweile möglich ist. Mit Pinar Karabulut reitet sie in Nancy gut behütet durch Bellinis Belcanto-Oper "I Capuleti e i Montecchi". Die FAZ taucht in London mit einer Naomi-Campbell-Ausstellung ein in eine ganze Epoche des Glamour.
25.06.2024. Die FAZ lernt beim Jüdischen Filmfestival Berlin-Brandenburg, wie einfach es sich der Antisemitismus oft macht. Außerdem berichtet sie von den Protesten italienischer Schriftsteller gegen die Frankfurter Buchmesse. Die Welt vermisst in der großen Basler Schau zu afrikanischer Malerei Formen subtiler Kritik. Überwältigt ist sie von der rauen Schönheit harter Jungs in Frauenkleidern in der JVA Tegel. Die SZ versinkt in der rauchigen Melancholie der pakistanischen Sängerin Arooj Aftab. Aktualisiert: Anne Applebaum erhält den Friedenspreis des deutschen Buchhandels.
24.06.2024. Die SZ bekommt große Augen bei der überbordenden Bilderflut von John Adams Oper "Nixon in China" in Berlin, die das Kollektiv "Hauen und Stechen" auf die Zuschauer hereinbrechen lässt. Das Jüdische Filmfestival Berlin-Brandenburg zeigt eine Doku über das Massaker der Hamas beim Musikfestival Supernova: Bei Zeit Online löst vor allem die Geräuschkulisse Entsetzen aus. Die FAZ kann erstmals Lucia Moholy-Nagys Glasplatten in Prag bewundern.