Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Dass der Himmel so blau ist!

27.07.2024. Die FR sieht in Frankfurt die erste Retrospektive über den Künstler Gustav Metzger, der sich dem Kunstmarkt Zeit seines Lebens verweigerte. Die Kritiker sind weiterhin nicht übermäßig begeistert von Thorleifur Örn Arnarssons "Tristan und Isolde"-Inszenierung in Bayreuth. Der Krieg hat ihr Schreiben für immer verändert, schreibt die ukrainische Lyrikerin Julia Musakovska in der FAZ. "Die Kraft der Kunst steigt in Krisenzeiten sprunghaft an", sagt die russische Politologin Nina Chruschtschowa in ihrer Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele, die die SZ abdruckt. Die Entscheidung über die Berliner Landesbibliothek könnte die "Zukunft der Innenstädte insgesamt" entscheiden, denkt die taz

Dem eigenen Größenwahn gewachsen

26.07.2024. Solider Beginn, befindet der Tagesspiegel zum Auftakt der Bayreuther Festspiele mit Thorleifur Örn Arnarssons "Tristan"-Inszenierung, aber da geht noch deutlich mehr. Über die lebendige Impulstanz-Szene in Wien gerät die FAZ schier in Verzückung. Die taz freut sich über Meshell Ndegeocellos musikalische Würdigung von James Baldwin. Als "Plädoyer gegen das Effizienzdenken" feiert die SZ Nicolas Philiberts Psychiatrie-Doku. In Geschichte der Gegenwart erinnert sich die kroatische Schriftstellerin Monika Herceg an traumatische Kriegserfahrungen.

Zumutung für den guten Geschmack

25.07.2024. Nach den Olympischen Spielen wird es keine Banlieues, sondern nur noch Grand Paris geben, verspricht Dominique Perrault, Architekt des Olympischen Dorfes, in der Welt. Die Filmkritiker diskutieren über RP Kahls Kino-Adaption von Peter Weiss' Theaterstück "Die Ermittlung": Schulklassenkino oder lebensnahe Konfrontation mit Auschwitz? Die FAZ erfreut sich in Hamburg im Badezimmer von Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl an Pelzigem und Phallischem. Die SZ sehnt sich nach einem Hauch der alten Avantgarde in Bayreuth. Und alle trauern um den Bluesmusiker John Mayall.

Zwischen Lustschrei und Flüstern

24.07.2024. Die Bayreuther Festspiele waren schon immer ein Hort der starken Frauen, erinnert sich die Welt. Die FAZ besucht die Kunstausstellung Nord Art, auf der es um nichts weniger als das Aussterben der gesamten Menschheit geht. Bildungsangebot, radikale Geste oder Gedenkübung? Zeit Online ist eher ratlos angesichts RP Kahls Peter-Weiss-Verfilmung "Die Ermittlung". Die taz berichtet von den fürchterlichen Haftbedingungen, denen die belarussischen Folkmusiker Nadzeya und Uladzimir Kalach nach ihren Anti-Lukaschenko-Protesten ausgesetzt waren.

Mitsamt dem Himmel unter den Füßen

23.07.2024. Die FAZ blickt in einer Ausstellung von Kimsooja in der Pariser Bourse de Commerce ins Auge des Sturms. Kunstschaffende pilgern nach Saudi-Arabien in Richtung Geld - das neueste Beispiel ist der ehemalige Direktor des British Museum Hartwig Fischer, berichtet die taz. Der Tagesspiegel sieht auf der Tanzbiennale in Venedig Avatare performen. In der SZ ärgert sich Filmproduzenten-Legende Günter Rohrbach, dass der Filmpreis in Zukunft nicht mehr dotiert sein wird. Zeit Online feiert mit dem letzten Album von Childish Gambino eine durchgedrehte Abschiedsparty.

Ein Totenglöckchen in den gesungenen Choral

22.07.2024. Die FAZ empfiehlt fröstelnd RP Kahls Film "Die Ermittlung" nach dem Stück von Peter Weiss über den Auschwitz-Prozess 1963. In der NZZ beklagt der schwule nigerianische Autor Logan February die Queerphobie in seinem Land. Nach einer grandiosen, bewegenden Salzburger Matthäus-Passion ist es SZ und NZZ egal, ob und wie verbandelt Dirigent Teodor Currentzis mit Putin ist. Die Welt empört sich über das Ausmaß des Antisemitismus bei der Biennale in Venedig. Die nachtkritik erliegt in Salzburg dem Charme eines werkgetreuen "Jedermann".

Der wolkenlose Himmel im Nichts

20.07.2024. Die Entscheidung der Darmstädter Akademie, den Büchner-Preis 2024 an den Südtiroler Dichter Oswald Egger zu verleihen, versetzt die Literaturkritiker in kräftige Wallungen: Die FR feiert Oswald als genialen Lyriker und begnadeten Nature Writer. Sinnlich ist er auch, versichert die Welt. Zeit online ist entsetzt über die Entscheidung: "Unsinn, den man laut liest, bleibt trotzdem Unsinn." Der Tagesspiegel fragt angesichts von Eggers hermetischer Sprache: Was also soll das? Die FAZ urteilt salomonisch: "Publikumsmehrheitsfähig ist so etwas gewiss nicht. Aber preiswürdig." Die SZ feiert Rossinis weiblichen "Tancredi" in Bregenz. Die nachtkritik lernt aus einer Münchner Inszenierung von Ulf Schmidts "Geld oder Leben", was mit sozialverträglichem Frühableben gemeint ist. Der Tagesspiegel bestaunt in Berlin Zoran Minics Stadtansichten von Mailand.

Die Bösen müssen wegtauchen

19.07.2024. Die taz besucht in Bristol das Label Skep Wax, bekannt für seinen twangy Gitarrenpop. In der FAZ erkennt Autor Eckart Nickel in Taylor Swift die Erfüllung eines Wunsches der Pet Shop Boys. Die NZZ hört und sieht den "Freischütz" bei den Bregenzer Festspielen als technisch avanciertes Popcorn-Kino. Warum muss die Interimsoper in Nürnberg ausgerechnet auf das Reichsparteitagsgelände, fragt die FAZ. Der Tagesspiegel freut sich, dass es kein Geld mehr für die Lolas gibt.

Über ein Gedicht zu Gericht sitzen

18.07.2024. Wütend, aggressiv und äußerst aktuell finden Tagesspiegel und Berliner Zeitung die Boris-Lurie-Ausstellung am Rande der Biennale in Venedig, die sich unter anderem der Frage widmet, wie sich die Vernichtung der Körper im KZ im Kapitalismus fortsetzte. Um Körper und Gewalt geht es auch in Rose Glass' Bodybuilderinnen-Film "Love Lies Bleeding", den die Zeitungen als queeres Fetischkino feiern. Die russischen Theatermacherinnen, Schenja Berkowitsch und Swetlana Petrijtschuk sind in Moskau zu sechs Jahren Haft verurteilt worden, in der FAZ kennt Viktor Jerofejew die wahren Hintergründe. Kein Tag ohne Taylor Swift: Die Musikkritiker schreien mit in Gelsenkirchen.

Macht der Mutter

17.07.2024. Die Filmkritiker frösteln gemeinsam mit Profi-Einbrecher Trojan in Thomas Arslans "Verbrannte Erde": Die FAZ feiert den Gangsterfilm als Regiestreich eines Genregenies. Der Tagesspiegel fordert: Joe Chialos Bibliothekspläne für die Galeries Lafayette müssen umgesetzt werden, und zwar jetzt. François-Xavier Roth wird trotz Missbrauchsvorwurf Chefdirigent des SWR-Symphonieorchesters - ein falsches Signal, kritisiert Backstage Classical. Der Standard erfreut sich an Anne Teresa De Keersmaekers und Radouan Mrizigas Tanzstück über den Klimawandel, mitsamt Breakdance-Headspin und Zeitlupen-Akrobatik.