Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.08.2024. Der Tagesspiegel verneigt sich im dänischen Humlebæk noch einmal vor Franz Gertsch, der von einer genervten Patti Smith auch mal mit Notizen beworfen wurde. Monopol erzählt die absurde Geschichte der russischen Spionin Anna Dulzewa, die als argentinische Kunsthändlerin durch Europa reiste und deren Kinder nicht mal wussten, wer Putin ist. Die Welt applaudiert Robert Carsens genderfluide besetzter Inszenierung von Mozarts "La Clemenza di Tito" in Salzburg.
07.08.2024. Die FAZ ist beeindruckt von Viggo Mortensens Western "The Dead don't hurt", der die Männlichkeitsbilder des Genres subtil unterwandert. Die SZ spekuliert über die Bedeutung des neuen Banksy-Werks in London: Geht es um die Wohnungskrise? Nein, um Palästina, denkt die Berliner Zeitung. In der Zeit erklärt der Autor Dave Eggers, warum er für sein neues Buch ausführliche Interviews mit Tieren geführt hat. Die FAZ sieht beim Garsington Opera in London Jean-Philippe Rameaus "Platée" als Parodie des gewollt kitschigen Fernsehkults um Schönheit, Liebe und Ruhm.
06.08.2024. Nach einigen Highlights fällt Valentin Schwarz' "Ring des Nibelungen" in Bayreuth beim Publikum erneut durch, bedauert die FAZ, die immerhin ein paar berührende Momente gesehen hat. Die taz lernt in einer Londoner Ausstellung, dass die "Tropische Moderne" keineswegs eine antikolonialistische Strömung war. Die nachtkritik ergründet die Verquickungen von Journalismus und Theater. Der Schauspieler und Gewerkschafter Heinrich Schafmeister zeichnet in der SZ ein düsteres Bild von der Situation deutscher Schauspieler.
05.08.2024. Die Kritiker überschlagen sich in ihrem Lob für Krzysztof Warlikowskis Aufführung von Mieczysław Weinbergs Oper "Der Idiot" in Salzburg: ein "Triumph" jubelt die FR, ein "Meisterwerk" die SZ. Die taz begegnet im Freud-Museum in Wien dem Unheimlichen im Heimeligen. Der russische Pianist Pawel Kuschnir ist den Folgen seines Hungerstreiks erlegen, meldet die FAZ. Eine Nummer zu groß findet Zeit Online das Adele-Konzert in München: "Intimität und Größe" standen dort in keinem Verhältnis. "Völlig verrückt, aber irre berührend" urteilt hingegen die SZ.
03.08.2024. Als Künstler in Russland hat man nur drei Möglichkeiten, sagt der Schriftsteller Michail Schischkin in der NZZ: patriotische Lieder singen, schweigen oder emigrieren. SZ und nachtkritik applaudieren Anna Bergmanns rasanter und starbesetzter Inszenierung des "Zerbrochnen Krugs" in Telf, bei der das Bühnenbild von Tobias Moretti im LKW hereingefahren wird. Der Dramaturg Stephan Knies rät in Backstage-Classical dazu, sich bei der Debatte um François-Xavier Roth ein bisschen zu beruhigen. Die FAZ denkt mit dem Werk von Michael Bielicky über die Anfänge der Gaming-Kunst nach.
02.08.2024. Die Zeitungen gratulieren James Baldwin, der "Pop-Ikone der schwarzen Bürgerrechtsbewegung" zum Hundertsten. Die taz entdeckt den Avantgardisten Paul Goesch wieder, der Opfer der NS-Euthanasie wurde. Die neue israelische Nationalbibliothek überzeugt die FAZ mit ihrer schwebenden Architektur, die Raum lässt für Erinnerung. Mit dem Ziel, "kein Konzert ohne Komponistin" zu veranstalten, hat das Deutsche Symphonie-Orchester in der letzten Saison sagenhafte 90 Prozent Auslastung erzielt, jubelt der Tagesspiegel. In der SZ erklärt Salzburgs Schauspieldirektorin Marina Davydova, weshalb Russland für sie weiterhin wichtig ist.
01.08.2024. Die Filmkritiker amüsieren sich bestens mit Pawo Choyning Dorjis Komödie "Was will der Lama mit dem Gewehr?" über den Kulturclash in Bhutan. Die taz lernt in Rostock, dass die DDR-Regierung zumindest künstlerisch ein Auge zudrückte, wenn es darum ging, Einfluss in Skandinavien zu nehmen. Die FAZ versucht auf zwei Seiten, das Ausstattungsuniversum von Ikea zu ergründen. Adele zu Ehren hat München ein Stadion errichtet, das nach zehn Konzerten wieder abgerissen wird: Nachhaltigkeit ist hier wohl ein Fremdwort, ärgert sich Berthold Seliger im Tagesspiegel.
31.07.2024. Die pure Verzauberung erlebt eine hingerissene SZ beim diesjährigen, von Simone Young herausragend dirigierten, "Ring" in Bayreuth. "Shahid"-Regisseurin Narges Kalhor erklärt der taz, was es mit dem von ihr entwickelten Cinemigrante auf sich hat. Die taz lässt sich außerdem in einer Yoko Ono-Ausstellung in London auffordern, Schamhaare zu rauchen und auf Gemälde zu treten. Die SZ belegt Düsseldorf angesichts des drohenden Abrisses einer Günter-Fruhtrunk-Fassade mit dem F-Wort.
30.07.2024. Der Tagesspiegel pilgert in die Berliner St. Matthäus-Kirche, um in bester Fluxus-Manier Reliquien zu zerstören. Die FAZ feiert mit einer monumentalen Kandinsky-Ausstellung die Neueröffnung der einstigen "Hermitage Amsterdam" nach der Trennung vom Mutterhaus in Sankt Petersburg. In der NZZ beklagt Bernd Buder den stillen Boykott noch der diversesten israelischen Filmszene. Die SZ ist dankbar, dass bei der Neuauflage von Romeo Castelluccis "Don Giovanni" in Salzburg diesmal nur die Puppen kopulieren. Die taz bezweifelt, dass Berlin eine Internationale Bauausstellung stemmen kann. Und alle trauern um Edna O'Brien, die große Chronistin irischen Lebens.
29.07.2024. Thom Luz' Adaption von Stefan Zweigs historischen Miniaturen "Sternstunden der Menschheit" bei den Salzburger Festspielen fällt bei den Kritikern weitgehend durch: Die FAZ sieht immerhin starke Schlussszenen. Alle trauern um den Komponisten Wolfgang Rihm: Er sprengte den Mythos vom Originalgenie in die Luft, erinnert die NZZ. Die SZ wird ihn als "lichten Romantiker" vermissen. Hollywood hat einen neuen Schauspielstreik, diesmal in der Gamesbranche, berichtet die SZ außerdem.