Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Auf Kante nähen

16.12.2024. Die iranische Sängerin Parastoo Ahmadi, die ein Konzert ohne Kopftuch gab, ist nach ihrer Verhaftung wieder frei, berichtet unter anderen die taz. Die FAZ staunt im niederländischen Wassenaar über die Keramik-Figuren von Musiker Nick Cave, der sich selbst zum Teufel macht. Yael Ronen breitet mit ihrem neuen Stück "Replay" in Berlin ein großes Geschichts-Tableau vor den Kritikern aus, die damit aber nicht ganz glücklich werden.

Kleine Schnittchen der Theorie

14.12.2024. PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel mahnt im SZ-Gespräch mit Blick auf den aktuellen Streit um eine Nahostkonflikt-Resolution, sich mehr auf Gemeinsamkeiten als auf Unterschiede zu konzentrieren. Saba-Nur Cheema und Meron Mendel attestieren der Pro-Palästina-Fraktion um Per Leo in der FAZ hingegen Eitelkeit und Narzissmus. Die Kritiker nehmen mit "Der Schnittchenkauf" an der Volksbühne endgültig Abschied von René Pollesch. Und die Filmkritiker trauern um den Regisseur Wolfgang Becker, der die "Jammerzeit" des deutschen Kino der Neunziger beendete.

Gegen den gefürchteten Geist aus den Mauern

13.12.2024. "Wie schwierig es ist, ein Schriftsteller und zugleich ein freier Algerier zu sein", erinnert Kamel Daoud in seiner Le Point-Kolumne, in der er Boualem Sansal gegen Vorwürfe des Rechtsextremismus verteidigt. Auch dessen Anwalt fordert eine "Schriftstellerfront für die Meinungsfreiheit." Die NZZ findet in Zürich "letzte Zuflucht bei der Malerei" in den Werken des Kanadiers Matthew Wong und seines Seelenverwandten Vincent van Gogh. Die Berliner Zeitung macht sich Sorgen um die Zukunft der Volksbühne. Artechock möchte verstehen, was "europäischer Film" heutzutage bedeutet. Raven ist politisch, lernt die taz von georgischen DJs.

Was hast du getan, als die Welt brannte?

12.12.2024. Boualem Sansal bleibt weiterhin in Haft, sein Anwalt durfte nicht nach Algerien einreisen, meldet Le Point. Derweil zerlegt sich der PEN Berlin weiter selbst: Im Freitag führt Jörg Phil Friedrich der Gruppe um Per Leo nochmal vor Augen, welche zwielichtigen Gestalten sie da als Kollegen bezeichnen. In der Berliner Zeitung meint Deniz Yücel: Das ist Demokratie. Die Zeit notiert in Mannheim: Die Neue Sachlichkeit ist die Kunst der Stunde, warnt aber vor der Agonie der Zeitgenossen. Außerdem reibt die Zeit Balzac mit Balsamico ein. Die Welt rauft sich die Haare, wenn Rosa von Praunheim in Berlin Alice Weidel als Hitler gegen Sahra Wagenknecht als Stalin mit Pimmelwürsten kämpfen lässt.

Bis die Finger blutig sind

11.12.2024. Amnesty International bekleckert sich in Sachen Boualem Sansal nicht gerade mit Ruhm, kritisiert lejournal.info. Die Kampagne für Sansal wird intensiviert. Die Feuilletons laben sich an Jon M. Chus Filmmusical "Wicked" - drüber, aber toll, findet der Tagesspiegel. Der Streit um die Nahostkonflikt-Resolution des PEN Berlin eskaliert - unnötigerweise, findet die Zeit. Jetzt sind Teile der propalästinensischen Fraktion ausgetreten. Amoaka Boafas Kunst zerlegt Klischees schwarzer Macho-Männlichkeit, freut sich die taz in einer Ausstellung im Wiener Belvedere. Elfriede Jelinek fällt nicht viel Erhellendes zu Trump ein, ärgert sich die FAZ in der Premiere von "Endsieg" am Schauspielhaus Hamburg.

Die Wollust lüpft ihr knisterndes Gewand

10.12.2024. Auf Zeit Online erklärt der nach Deutschland geflohene Schriftsteller Ahmad Katlesh, was es bedeutet, erstmals nach zwölf Jahren wieder Sehnsucht nach der Familie in Syrien empfinden zu dürfen. Die FAZ staunt in Maastricht, wie vertraut ihr die sieben Todsünden sind. Der Tagesspiegel bewundert im Berliner Brücke-Museum die kraftvoll gewirkten Harmonien der Davoser Weberin Lise Gujer. Und der Perlentaucher publiziert den Text der PEN-Berlin-Schriftsteller, die sich von der Resolution zum Nahost-Konflikt distanzieren.

In einer Welt ohne David Mayer

09.12.2024. Am Samstagabend hat Han Kang ihre Nobelpreisrede gehalten, die die FAZ abdruckt. In der taz spricht die Literaturwissenschaftlerin Marion Eggert über die Rolle von Trauma und Gewalt im Werk der südkoreanischen Schriftstellerin. Die Verleihung des Europäischen Filmpreises für die beste Dokumentation an Basel Adras und Yuval Abrahams Film "No Other Land" zeigt es mal wieder: Israelkritik ist angesagt, hält die NZZ fest. Die FAZ berichtet außerdem über einen kuriosen Fall von Befehlsverweigerung bei ChatGPT.

Nominalistische Zauberkunst

07.12.2024. Die FAZ bestaunt im Berliner Kupferstichkabinett Meisterwerke der grafischen Lichtmalerei vor den Impressionisten. In der Berliner Zeitung erklärt die Fotografin Rinko Kawauchi, wie das Fragment sie im Jetzt verwurzelt. Im Filmdienst findet Regisseur Omer Fast, dass Identität überschätzt wird: Maske tragen ist auch okay. Die taz schwärmt von der großen Ästhetik der Depression in den Kunstliedern von Anja Plaschg. Die FAS porträtiert die Künstlerin Karimah Ashadu.

Modellanordnung menschengemachten Übels

06.12.2024. Die FAZ betritt mit der Kunst von Almut Heise das Uncanny Valley. Wie Kunst und Identitätssuche auch in der Diktatur funktionieren können, lernt Monopol von Ana Lupas. Die nachtkritik entdeckt das klimakritische Potenzial von John Steinbecks Roman "Früchte des Zorns" in einer Theaterinszenierung von Max Lindemann. Die Académie Goncourt setzt ihren Preis für algerische Literatur im nächsten Jahr aus, Grund ist das Verbot von Kamel Daouds ebenfalls nominiertem Buch in Algerien. Laura Nyro war so etwas wie eine Prototyp-Songwriterin der sechziger Jahre, staunt die taz. Und Nan Goldin hat ihr Dia doch noch reingekriegt.

Es gibt hinter allem einen Plan

05.12.2024. Welt und taz resümieren einen Abend im Literaturhaus Leipzig, bei dem auch die Frage diskutiert wurde, wie weit Boualem Sansal rechts steht. Ganz gleich, wo ein Schriftsteller steht, er muss sich frei äußern dürfen, hielt Najem Wali fest. In Le Point berichtet Kamel Daoud indes von der Hasskampagne, der er in Algerien ausgesetzt ist: "Tausende von Menschen zu töten ist akzeptabel, während das Schreiben eines Buches zu einem Verbrechen wird." Die Zeit warnt vor: Notre Dame wird für viele Besucher ein ästhetischer Schock. Monopol lässt sich in Wien hypnotisieren von der kinetischen Kunst Liliane Lijns.