Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
04.12.2024. Wird die Volksbühne bald abgewickelt? Die SZ zumindest befürchtet dies, nachdem Ida Müller und Vegard Vinge ihre Interimsintendanz abgesagt haben. Dass der verantwortliche Kultursenator Joe Chialo die eskalierende Krise der Berliner Kulturszene schulterzuckend abtut, ist skandalös, findet die FAZ. Kazuhiro Sodas Dokumentarfilm "Die Katzen vom Kogoku-Schrein" glänzt mit pittoresk herumliegenden Vierbeinern, freut sich die taz. Die SZ erkennt in den Impressionisten angesichts einer Ausstellung in der Alten Nationalgalerie die Apple-Watch-Träger des 19. Jahrhunderts. Wenig Verständnis hat sie dafür, dass "Dark Romance"-Romane aus Schulbibliotheken verbannt werden sollen.
03.12.2024. Die FAZ lässt sich von brennenden Insektenarmen in einer David-Lynch-Ausstellung in Oldenburg umarmen. Bei aller Vorfreude über die Wiedereröffnung von Notre Dame würde die FAZ zudem ganz gerne wissen, weshalb sich weder Staat noch Klerus für die Brandursache interessieren. In der taz blickt die Schriftstellerin Verena Boos in Nischen der deutschen Geschichte, die in Spanien bekannter sind als hierzulande. Die NZZ ist entsetzt, dass das LWL Münster Otto Mueller als Rassisten und Sexisten präsentiert. Fünf NobelpreisträgerInnen haben den Aufruf für Boualem Sansal inzwischen unterzeichnet.
02.12.2024. Kamel Daoud schildert in Le Point die Schikanen, denen er seit seinem neuesten Roman "Houris" ausgesetzt ist. Darf man Botho Strauß zum Geburtstag gratulieren, obwohl ihm vorgeworfen wurde, "rechts" zu sein? Der Schauspieler Jens Harzer erklärt im SZ-Interview, warum er die Vorwürfe für unsinnig hält. Die Kritiker bewundern an der Schaubühne die Verwandlungskunst von Anna Schudt und Jörg Hartmann in Maja Zades "changes". Die Filmkritiker trauern um Karin Baal, einen der größten Stars des deutschen Nachkriegsfilms.
30.11.2024. Boualem Sansal "erleidet diese Haft als Symbol unserer Freiheit, also sind alle aufgefordert, ihn zu verteidigen", ruft die SZ noch einmal ins Gedächtnis. Jemand sollte Nan Goldin erklären, dass ihre Privatmeinung noch keine Politik ist, meint die FAZ. In der Berliner Zeitung glaubt Barrie Kosky, die CDU bestrafe die Komische Oper für ihre DDR-Geschichte und Diversität. Die FAZ bewundert in München die ekstatischen Blumensymphonien der Barockmalerin Rachel Ruysch, die das halbe aristokratische Europa einst mit Stillleben belieferte. Wenn Martina Hefter ihren Buchpreisroman "Hey, guten Morgen, wie geht's dir" auf die Bühne in Leipzig bringt, wird's der nachtkritik doch zu politisch korrekt.
29.11.2024. Boualem Sansal wird vorerst nicht Mitglied der Académie française, wie RTL.fr meldet. Pascal Bruckner NZZ erklärt, warum der Fall sich zu einer Staatsaffäre entfalten könnte. Immerhin liefern die Musiktage Weingarten noch horizonterweiternde Musik von Hilda Paredes, viele Festivals bieten laut FAZ mittlerweile wenig Inhalt. Nan Goldin äußert sich nach ihrer Rede in der FR zum ersten Mal selbst und beklagt Zensur seitens der Neuen Nationalgalerie. Die "Groteske der teigigen Körper" bestaunt die Berliner Zeitung bei Louise Bonnet.
28.11.2024. Der Börsenverein und der Perlentaucher lancieren einen Aufruf zur Solidarität mit Boualem Sansal. Öffentliche Freiheiten werden in Algerien mit Füßen getreten, erklärt Xavier Driencourt, einst französischer Botschafter in Algerien in Le Point. In einer von der SZ dokumentierten Rede wütet Maxim Biller gegen den Literaturbetrieb seit 1933: Überall nur Gesinnung, Schuld sind alte Nazis und neue Linke, meint er. Nach zwei Jahren macht das Humboldt Forum auch was richtig, freut sich der Tagesspiegel: Artefakte in der Ausstellung "Geschichte(n) Tansanias" wurden Ritualen unterzogen. Und die Filmkritiker verirren sich wie Fische im Wasser in einer Hongkonger Hochhaussiedlung in Soi Cheangs "City of Darkness".
27.11.2024. Friedenspreisträger Boualem Sansal steht in Algerien wegen seiner Äußerungen zur algerischen Geschichte vor Gericht. Man muss Sansals Thesen nicht zustimmen, um ihn gegen solche Angriffe zu verteidigen, kommentiert Claus Leggewie im Perlentaucher. Nichtjüdische Israelhasser brauchen jemanden wie Nan Goldin, um ihrem Antisemitismus einen Koscher-Stempel zu verschaffen, meint Michael Wolffsohn in der NZZ. Die FAZ besucht das Schwetzinger Winterbarockfestival und hört ein ganzes Rokokotheater vor Liebesglut glühen. Die SZ deliriert sich beglückt durch den Disco-Funk-Schwof des neuen Father-John-Misty-Albums. monopol würdigt die generösen, spielerischen Bauten der Turiner Architekten Sergio Jaretti und Elio Luzi.
26.11.2024. Die Feuilletons diskutieren weiter über das Symposion zur Nan-Goldin-Ausstellung. In London mussten mehrere Veranstaltungen zur Veröffentlichung von Joe Mulhalls Buch "Rebel Sounds" aus Angst vor rechtsradikalen Attacken abgesagt werden, berichtet die NZZ. Yan Feis und Peng Damos Film "Successor" zeichnet ein sehr düsteres China-Bild - obwohl er von der chinesischen Propagandaabteilung stammt, staunt die taz. Die Welt badet bei Romeo Castelluccis Amsterdamer Inszenierung von "Le Lacrime di Eros" zu barocken Klängen im Blut.
25.11.2024. Bei der Eröffnung der Nan-Goldin-Retro in Berlin kam es zum erwarteten Eklat: "Why can't I speak, Germany", fragte die Künstlerin - während sie eine Rede hielt, staunt die SZ. Zeit Online lobt Direktor Klaus Biesenbach, der seine Rede zweimal halten musste, weil er beim ersten Mal niedergebrüllt wurde. Die NZZ schreibt zum Siebzigsten des Regisseurs Emir Kusturica, der sich bei Russland einschmeichelt. Außerdem hatten die Kritiker einen tollen Theaterabend mit Tom Kühnels und Jürgen Kuttners Thomas-Brasch-Revue am Deutschen Theater.
23.11.2024. Die FAZ entschließt sich, die politische Aufregung um die Nan-Goldin-Ausstellung kurz zu vergessen und sich stattdessen ihre Kunst anzuschauen. Die Nachtkritik sucht in Nurkan Erpulats Berliner Version von Nora Abdel-Maksouds Komödie "Café Populaire Royal" die rußverschmierten Arbeiter. Auch nicht-lebendige Dinge können handeln, versichert uns die Künstlerin Agnieszka Kurant in der taz. Das neue Jaguar-Rebranding macht aus einem "Rooooooaaaarrrrr" ein "Miau", schimpft die SZ.