Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.04.2025. Heute vor hundert Jahren wurde Hans Rosenthal geboren. Das ZDF würdigt den Moderator mit einem Biopic von Oliver Haffner, das die Welt als Momentaufnahme eines Lands im Umbruch empfiehlt. Mohammad Rasoulof wird weiter Filme über den Iran und die Lügen des Regimes machen, berichtet er der FAZ, zur Not von Deutschland aus. Die deutschen PEN-Dependancen sollen amerikanischen Autoren Asyl anbieten, schlägt Nora Gomringer ebenfalls in der FAZ vor. Nacktheit und geistliche Musik passen erstaunlich gut zusammen, lernt die FR in einem humorvollen Tanzstück von Emese Cuhorka und Csaba Molnár.
01.04.2025. Die SZ legt in Rom den Menschendenker Caravaggio hinter dem Rebellen frei. Die FR betrachtet in Berlin fasziniert launische Streptomyceten auf Erbsenpflanzen, die Kathrin Linkersdorff auf Fotografien bannt. In der NZZ ruft der Filmproduzent Martin Moszkowicz dazu auf, mehr in deutschen Film zu investieren, auch weil er gern mehr verdienen würde. FAZ und FR trotzen in Frankfurt dank Daniela Löffler mit Aribert Reimanns letzter Oper dem Tod. Die SZ verneigt sich vor der norwegischen Virtuosin Vilde Frang, die Robert Schumanns Violinkonzert von 1853 die lange versagte poetische Noblesse zurückgab.
31.03.2025. "Die Hölle ist eine Zirkusmanege", erkennt die FAZ in Claudia Bauers Münchner Inszenierung von "Warten auf Godot". Die Welt ermutigt die Theaterwelt, sich an Leoš Janáčeks Opern heranzutrauen: Es lohnt sich! Die NZZ widerspricht dem Feuilleton-Tenor: Kristine Bilkau hat den Leipziger Buchpreis durchaus verdient, findet sie. Israels elektronische Musikszene sieht sich seit dem 7.Oktober einem Boykott ausgesetzt, den sie so noch nicht erlebt hat, berichtet Zeit Online.
29.03.2025. Die nachtkritik bestaunt die Kunst des Ertrinkens in Ivan Uryvskyis Inszenierung der "Hexe von Konotop" beim Europäischen Theaterfestival in Stuttgart. Die FAS freut sich über die Aufbruchstimmung in der polnischen Kunstszene. Die Jungle World bringt anlässlich der Leipziger Buchmesse einen Schwerpunkt zu Manga- und Anime-Literatur - die allerdings nicht ganz so feministisch ist wie erhofft. Im Interview mit der FAZ spricht der syrische Künstler Bilal Shourba über Kunst und den Bürgerkrieg. Außerdem bewundert die FAZ den "Alleskönner" Igor Levit.
28.03.2025. Die Zeitungen verurteilen einstimmig das Urteil zu fünf Jahren Haft, das in Algerien über Boualem Sansal gesprochen wurde. Möglicherweise gibt es aber Hoffnung auf Begnadigung, meint die Welt. Der Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse an Kristine Bilkau ist für die Kritiker eine Überraschung. Den Sachbuchpreis erhält Irina Rastorgueva, Thomas Weiler wird in der Sparte Übersetzung ausgezeichnet. Emsige Tänzer machen die FR auf dem Tanzmainz-Festival munter. Artechock und SZ sind sich einig, dass Gilles Lelouches Film "Beating Hearts" ziemlich wuchtig daherkommt.
27.03.2025. Aktualisiert: Boualem Sansal wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Die taz kann nur hoffen, dass die Kultur auch künftig so struppig bleibt, wie sie sich zum Auftakt der Leipziger Buchmesse präsentiert. Viel konnte das Buch allerdings nicht gegen den globalen Siegeszug der Autokraten ausrichten, seufzt der Tagesspiegel. Nicht ganz einig sind sich die Filmkritiker über Joshua Oppenheimers "The End", der Tilda Swinton in einem postapokalyptischen Bunker verdrängte Traumata besingen lässt. Monopol hört in Ravensburg den stummen Aufschrei in den im Mund zugerichteten Kaugummi-Plastiken von Alina Szapocznikow. Und die FAZ fragt sich, weshalb die deutsche Automobilindustrie nur megalomane Schwellkörper oder depressive Fische produziert.
26.03.2025. Claus Leggewie sieht im Perlentaucher erste Anzeichen dafür, dass Boualem Sansal frei kommen könnte. Die FAZ berichtet von einem Literaturskandal in Estland, wo ein preisgekrönter Essay als KI-Schöpfung enttarnt wurde. Die taz lernt in Karlsruhe von der brasilianischen Künstlerin Lenora de Barros, was Sprache mit Körperlichkeit zu tun hat. Die FAZ verteidigt das Bayerische Nationalmuseum gegen Antisemitismusvorwürfe. Ein Boykott amerikanischer Kulturinstitutionen trifft genau die Falschen, vermutet Backstage Classical. Kurdwin Ayubs Film "Mond" feiert weiblichen Mumm, freut sich die taz.
25.03.2025. Die NZZ lauscht in Beat Furrers Oper "Das große Feuer" hingerissen den Stimmen des Waldes, der Tiere und sogar der Wolken. Schon wieder ein Skandal in der Bayerischen Kunstwelt, berichtet die SZ: Auf dem Cover des Programms des Nationalmuseums prangte eine antisemitische Darstellung des Judas. In der NZZ fragt sich der Schriftsteller Davide Coppo, ob die Miniserie "M. Der Sohn des Jahrhunderts" über Mussolini nicht etwas zu viel Identifikationsfläche mit dem Diktator bietet.
24.03.2025. Die SZ begegnet im Folkwang Museum der zutiefst widersprüchlichen Alma Mahler, die von Oskar Kokoschka in Hunderte Bilder gebannt wurde. In Barry Levinsons Mafia-Epos "The Alto Knights" darf Robert de Niro gleich zwei Mafiabosse spielen - originell ist keiner von beiden, seufzt die FAZ, die SZ bekommt indes nicht genug von De Niros Schauspielkunst. Die Nachtkritik fühlt sich mit Tom Kühnels Dresdner Adaption von Hans Falladas Roman "Bauern, Bonzen und Bomben" fatal an die Gegenwart erinnert.
22.03.2025. Ukrainer und Belarussen wissen es seit den Neunzigern: Ein Imperium will immer weitere Länder erobern, sagt Alhierd Bacharevič, der in Leipzig den Preis für Europäische Verständigung erhalten wird, im FAZ-Gespräch. Die Literaturkritiker versuchen das Erfolgsgeheimnis norwegischer Literatur zu lüften: Sind es die vielen Fjorde oder ist es doch eher die üppige Förderung, fragen sie. taz und Berliner Zeitung verlieren sich im Gropius Bau, wo Vaginal Davis mit Eyelinern, Lippenstiften und Penissen die Wahrheit ans Licht bringt. Die Welt fragt: Kommt die Architektur an ihr Ende?