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30.10.2026. Der Standard bewundert in der Wiener Albertina Werke von über 130 teils vergessenen Künstlerinnen. Artechock fragt sich mit Blick auf die gigantische KI-generierte Mikrodrama-Industrie in China, ob die klassische Filmproduktion bald wirtschaftlich überflüssig wird. Die taz erlebt in Göttingen mit Schirin Khodadadian hautnah das Grauen der Anschläge aufs Bataclan. Die FAZ entdeckt im spanischen Faro Santander doch noch einen Funken David Chipperfield. Und alle trauern um Elke Sommer und Patrick Stewart.
Viel Häme ist in den letzten Tagen über ElonMusks Versuch, die "Odyssee" mit KI angeblich "historisch korrekt" zu verfilmen, ausgegossen worden: Das siebenminütige Onlinevideo ist an sich lachhaft und eigentlich kaum der Rede wert. Doch "dass die Bilder noch immer an den entscheidenden Stellen auseinanderfallen, sollte keinesfalls darüber hinwegtäuschen, wie schnell die Technologie voranschreitet", warnt Axel Timo Purr auf Artechock. "Denn was Musk hier präsentiert, ist in China längst Teil einer industriellen Realität. Dort hat sich in den vergangenen Monaten eine gigantische KI-generierteMikrodrama-Industrie entwickelt. Es handelt sich um kurze, überwiegend für Smartphones produzierte Serien, deren einzelne Episoden häufig nur ein oder zwei Minuten dauern. ... Nach Angaben der Financial Times waren bereits im ersten Quartal 2026 rund 95 Prozent der etwa 128.000 veröffentlichten chinesischen Kurzdramen KI-generiert. ... Die Konsequenzen sind drastisch. ... Die chinesische Entwicklung zeigt, dass die entscheidende Frage längst nicht mehr lautet, ob KI bereits große Filmkunst hervorbringen kann. Sondern ob sie billiggenug ist, um einen erheblichen Teil der bisherigen Filmproduktion wirtschaftlichüberflüssig zu machen." Über das Genre der Mikrodramen schrieb Tilman Baumgärtel vor einigen Monaten auch im Perlentaucher. Patrick Stewart, 2019 (Bild: Grag Skidmore, CC-BY SA 3.0)Captain, my Captain, seufzt es heute aus den Feuilletons: Der große PatrickStewart, der wohl charismatischste Captain, der je die Enterprise geflogen hat, ist tot. "Es war eine besondere Begabung dieses Mannes, dass man ihm dabei jedes Wort abnahm", schreibt Dennis Sand in der Welt. "Stewart konnte in einer futuristischen Uniform vor einem Androiden stehen und einer Szene das Gewicht eines klassischen Dramas verleihen. Als Picard verkörperte er die Hoffnung, dass sich Macht mit Bildung, BesonnenheitundGewissen ausüben lässt." Er "machte Anstand charismatisch. ... In seiner Gegenwart durfte jemand anderer Meinung sein, ohne deshalb zum Feind zu werden. Stewart machte daraus eine Haltung, die sich in einem Blick, einer Pause, einer kleinen Veränderung der Stimme mitteilte. ... Ein Shakespeare-Schauspieler in einer Weltraumserie, umgeben von blinkenden Konsolen, fremden Planeten und gelegentlich sehr erkennbar verkleideten Menschen: Das hätte leicht eine Geschichte gegenseitiger Peinlichkeit werden können. Stewart aber spielte, als verdiente diese Welt seinen vollständigen Ernst." Weitere Nachrufe schreiben Kathleen Hildebrand (SZ) und Tobias Sedlmaier (NZZ).
Auch die deutsche Schauspielerin Elke Sommer ist gestorben. Ihre Karriere begann selbst wie eine jener Komödien, wie sie im europäischen Nachkriegskino noch gedreht wurden, schreibt Andreas Kilb in der FAZ: Bei einem Strandurlaub in Italien gewann sie - in Berlin geboren, nach dem Krieg in Franken aufgewachsen - 1958 einen Schönheitswettbewerb, der Vittorio De Sica auf sie aufmerksam machte - der Rest ist Glam und Glitz. "Dass eine Filmkarriere in kürzester Zeit vom Strand in Viareggio über Italien, Deutschland, Frankreich und England ins MGM-Studio in Los Angeles führt, ist heute praktisch undenkbar. ... Als sie aus Rom zurückkam, gab ihr Georg Tressler eine Rolle in seiner Verfilmung von B. Travens 'Totenschiff', dann spielte sie die Freundin von Mario Adorf in 'Am Tag, als der Regen kam' und einen mannstollen Teenager in 'Das Mädchen und der Staatsanwalt', und weil Papas deutsches Kino offenbar für sie nicht abendfüllend war, drehte sie zwischendurch noch mit Richard Todd in London und mit Pierre Brice an der Côte d'Azur." Schließlich landete sie bei Blake Edwards und dem Rosaroten Panther - "nur Marlene Dietrich hatte Hollywood noch mehr bezirzt". Weitere Nachrufe schreiben Manuel Brug (Welt), Christian Schröder (Tsp) und David Steinitz (SZ).
In "Der Preis" spielte sie an der Seite von Paul Newman - hier der Trailer mit 60s-Charme:
Weitere Artikel: Fabian Lutz schreibt auf critic.de über den Experimentalfilmer PhilSolomon, an den die Viennale mit einem Schwerpunkt erinnert. Für Artechockvergleicht Abil Hasanov die neue, auf dem gleichnamigen Horrorroman von StephenKing basierende Amazon-Serie "Carrie" mit Brian de Palmas heute als Klassiker geltender Verfilmung aus den Siebzigern. Die allesamt 36-jährigen Schauspieler Callum Turner, Jack Lowden und Josh O'Connor gelten als die aussichtsreichen James-Bond-Kandidaten, berichtet Hanns-Georg Rodek in der Welt.
Besprochen werden Taika Waititis "Klara und die Sonne" nach dem gleichnamigen Roman von LiteraturnobelpreisträgerKazuoIshiguro (FR, Welt, Artechock), Ulrike Ottingers "Die Blutgräfin" mit Isabelle Huppert (Artechock, FAZ, mehr dazu bereits hier), Alauda Ruíz de Azúas "Glaube" (Standard), Éric Baudelaires auf der Viennale gezeigter Dokumentarfilm "Car la lune" über sehbeeinträchtigte Jugendliche (Standard), Lance Hammers Demenzdrama "Queen at Sea" mit Juliette Binoche (NZZ) und Sylvester StallonesAutobiografie "The Steps" (FAZ).
Emilie Mediz-Pelikan: Weiblicher Kentaur, 1895. Albertina, Wien Zwei Jahre Recherche stecken hinter der Schau "Her Story", mit der die Wiener Albertina Werke von über 130 Künstlerinnen ab dem 16. Jahrhundert aus dem eigenen Bestand würdigt, staunt Katharina Rustler im Standard: "Unter den 500.000 bereits in der Datenbank erfassten Werken (es ist erst die Hälfte der rund eine Million Objekte umfassenden druckgrafischen Sammlung des Museums) befinden sich lediglich 43.000 von Künstlerinnen." Besonders spannend findet Rustler den Fokus auf Druckgrafikerinnen des 16. Jahrhunderts, die nur am Rande einen Platz in der Kunstgeschichte fanden: "Man lernt meisterhafte Kupferstiche von etwa der Niederländerin Magdalena de Passe kennen, die als Wunderkind galt und bereits mit 14 Jahren in der Werkstatt ihres Vaters Werke stach und auch signierte. Oder die technisch versierten Stiche der Französin Claudine Bouzonnet-Stella, die nach dem Tod ihres Onkels dessen Druckgrafikwerkstatt übernahm und sie erfolgreich weiterführte.
Weitere Artikel: Documenta-Leiterin Naomi Beckwith hat vier neue Mitglieder in ihr kuratorisches Team für die 16. Ausgabe der Kasseler Ausstellung berufen, meldetMonopol. Das Kröller-Müller-Museum im niederländischen Otterlo beherbergt die zweitgrößte Van-Gogh-Sammlung weltweit, die im Wesentlichen der Sammlerin Helene Müller zu verdanken sind, weiß Andreas Hartmann in der FR und staunt über allerhand Entdeckungen.
Szene aus "Paris danach". Foto: Georges Pauly Schirin Khodadadian hat Laurent Gaudés Stück "Paris danach" über die Anschläge auf das Bataclan als deutsche Erstaufführung auf die Bühne des Theaters Göttingen gebracht und in der taz kann Jens Fischer das ganze Grauen nachempfinden: "Das siebenköpfige Ensemble ist ein Chor introspektiver Einzelstimmen, die zwar nur im Gesang zusammenfinden, aber als Gemeinschaft mit dem kollektiven Trauma umgehen müssen. Dabei lassen alle tief in ihr Gefühlschaos blicken. Die Täter bleiben konsequent gesichtslos. Neben Opfern kommen aber auch Augenzeugen, Angehörige der Toten und Überlebende zu Wort mit ihrem Schmerz, ihrer Scham und Trauer sowie der Frage, welchen Sinn das Davongekommensein hat. Jede:r wirkt nach den Erfahrungen der Anschläge sich selbst entfremdet."
Ganz beseelt berichtet Gina Thomas (FAZ) aus dem irischen Wexford, wo das dortige Festival für Opernraritäten sein 75. Jubiläum feierte und sich auch dieses Jahr treu blieb, etwa mit Gioachino Rossinis jugendlichem "Wurf, "L'equivoco stravagante" ('Das verrückte Missverständnis'), der drei Tage nach der Uraufführung in Bologna wegen Anzüglichkeit von der Zensur verboten wurde. Die Komödie um den Bauern Gamberotto (Stefan Astakhov in gekonnter Bass-Buffo-Manier), der eine gute Partie für seine bebrillte, blaustrümpfige Tochter will, birgt mit seinen zungenbrecherischen Ensembles die Keime für spätere Meisterwerke. Vor Darko Petrovics witzigem Bühnenbild aus kollagierten Buchdrucken des Rokokos macht Max Hoehn das Beste aus dem nicht grundlos unter den Tisch gefallenen Stoff."
Weitere Artikel: Gunda Bartels fragt sich im Tagesspiegel, wie es mit dem Theater des Westens nach dem Ende der Intendanz von Peter Plate und Ulf Leo Sommer weitergehen wird. Besprochen wird außerdem Dmitri Tcherniakovs Inszenierung der Rachmaninow-Trilogie unter dem Dirigat von Gianandrea Noseda am Opernhaus Zürich (NZZ).
In der Welterinnert Matthias Heine (online nachgereicht) an Morris, den Schöpfer von Lucky Luke. Besprochen werden unter anderem Ulf Erdmann Zieglers "Mann ohne Kind" (FR), Gilad Seliktars Comic "Das Geheimnis des Jüdischen Krankenhauses. Nach den Erinnerungen von Klaus Zwilsky" (Tsp), Bea Lemas Comic "Der Leib Christi" (FD), Meikel Mathias' Comic "Strong Men" (Intellectures), Artem Tschechs "Musik für einen Soldaten" (SZ), Philipp Ruchs historisches Sachbuch "Der Rückfall. Der rätselhafte Triumph der NSDAP am 14. September 1930" (FAZ) und Caroline Frasers Studie "Murderland" darüber, dass eine hohe Bleibelastung die Ursache dafür sein könnte, dass der pazifische Nordwesten in den USA auffällig viele Serienmörder hervorgebracht hat (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Als Projekt aus "viel Selbstverleugnung und einem genialen Einfall" bezeichnet Bernhard Schulz in der FAZ das Faro Santander, das einst Hauptsitz der spanischen Bank Santander war und das deren Chefin nun zum Kulturzentrum hat umbauen lassen. Um das denkmalgeschützte Gebäude, das aus zwei gleich großen Baukörpern besteht, die 1923 vom Architekten Javier González de Riancho mit einer monumentalen historistischen Fassade versehen wurden, umzugestalten, wurde David Chipperfield verpflichtet, der das äußere Erscheinungsbild kaum verändern durfte, den Bau aber dennoch komplett entkernen musste: "Chipperfield und die Bank, in welcher Reihenfolge auch immer, mussten denn auch die Kommune davon überzeugen, dass der sichtbarste Eingriff erstens notwendig und zweitens nicht störend, sondern vielmehr bereichernd sein würde. Es handelt sich um das vollverglaste Treppenhaus, das der Architekt vom ersten Obergeschoss an in den Torbogen hineingestellt hat. ... Schmale, beinahe filigrane Treppen zeichnen sich schon für den aufblickenden Passanten im Glascontainer ab, ganz unspektakuläre einläufige Treppen. Dass der Architekt ihnen eine freistehende, spiralförmige Treppe vom Eingangsfoyer hinauf ins erste Obergeschoss vorangestellt hat, mag dem Wunsch entsprungen sein, etwas Eigenes, dann doch Spektakuläres beizusteuern."
In der tazporträtiert Maxi Broecking die iranisch-stämmige Bassklarinettistin Shabnam Parvaresh, die das Sheen Trio um sich geschart hat. "In ihrem unnachahmlichen Sound tauchen persischeMaqam-Vierteltonskalen auf, Versatzstücke von Freejazz und freier Improvisation. Sheen ist der 16. Buchstabe des persischen Alphabets und entspricht in Farsi dem Laut 'Sh', dem Anfangsbuchstaben ihres Namens. Für die in Iran aufgewachsene und seit 2014 in Deutschland lebende 43-jährige Künstlerin ist die improvisatorische Freiheit des Jazz keine Selbstverständlichkeit. Gerade hat Shabnam Parvaresh 'Transitory' veröffentlicht, ihr zweites Album mit dem Sheen Trio. Wie der Titel andeutet, beruht die Musik auf einer persönlichen Erzählung des Übergangs in verschiedene Lebenswelten, voller biografischer Brüche und einem Leben in der Diaspora. Shabnam Parvaresh sieht sich mit ihrem Status als Exiliranerin auch als Stimme für diejenigen, die sich noch immer in Iran befinden." Hier ein Konzert-Ausschnitt:
Weiteres: Das Rapduo FelhurXAndro liefert mit "Bourgeois Jouissent" den Soundtrack zu den Protesten in Frankreich, von denen ein "GenZ regelt" genannter Ableger nun auch in Deutschland am Wochenende protestieren will, schreibt Bernhard Heckler in der SZ: "Inhaltlich ist der Song in weiten Teilen guter, alter, linkerElitenhass aus der Rollenprosa eines Vertreters der Arbeiterklasse, der Technokraten als neue Aristokraten benennt." In der FAZ gratuliert Gerald Felber dem Countertenor RenéJacobs zum 80. Geburtstag. Stephanie Grimm porträtiert in der taz die Berliner Musikerin Katharina Kollmann, die ihr bisheriges Soloprojekt Nichtseattle für ihr neues Album "Große Liebe" zum Quintett ausgebaut hat.
Besprochen werden TwinTemples Album "Doomed Lovers" (Standard-Kritiker Christian Schachinger hört "Vintage-Klänge aus der goldenen Zeit des Rock'n'Roll"), das neue Album von Nickelback (FR) und EvelynPlaschgs Album "Alphabet" (Standard-Kritiker Christian Schachinger hört "Musik auf dem Sprung von zeitgenössischer Elektronik zur sympathisch verpeilten Kammermusik").
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