Efeu - Die Kulturrundschau

Weder fluide noch flexibel

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17.07.2026. Die FAZ bewundert im Tel Aviv Museum Hunderte von Werken, die der Kunsthistoriker Karl Schwarz vor den Nazis rettete. Außerdem freut sie sich, dass Deep Purple so "unideologisch zeitlos" bleibt. Das ZDF hat einen Auftritt von Igor Levit und Danger Dan gecancelt, die Künstler für die Absage aber eigens anreisen lassen, kritisiert der Tagesspiegel. Die Welt ruft jenen, die von grünen Städten träumen, zu: Nicht Bäume, sondern Verdichtung bietet Kühlung.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2026 finden Sie hier

Musik

Ist das von der Kunstfreiheit gedeckt? Die Geschäftsleitung des ZDF hat einen gemeinsamen Auftritt von Igor Levit und Danger Dan jedenfalls kurz vor Aufzeichnung - die Künstler waren schon vor Ort - aus dem Programm der Satiresendung "Die Anstalt" genommen. Der geplante Song "Keine Angst" könne nach Ansicht des ZDF als Aufruf zur Gewalt verstanden werden, was gegen die Programmrichtlinien des Senders verstoße. Unter anderem werden in dem Song "Liebe Grüße an Lina, Gucci, Maja und Nanuk" gesendet, die wegen tätlicher Angriffe auf Rechtsradikale vor Gericht stehen. Hier das Statement der beiden Künstler auf Facebook



"Dass man bei den Öffentlich-Rechtlichen keine Grüße an gewalttätige Straftäter senden will, klingt erstmal nachvollziehbar", kommentiert Claudia Reinhard im Tagesspiegel, doch bleiben Fragen: "Levit und Danger Dan behaupten, der Songtext habe 'seit Wochen' beim ZDF gelegen. Der Hinweis des Senders auf eine 'intensive redaktionelle Bewertung, in die auch die Geschäftsleitung des ZDF involviert war', spricht ebenfalls für einen langen Vorlauf, auch wenn der Sender sich zu Details bislang nicht geäußert hat. Warum also die Musiker noch zur Aufzeichnung nach München reisen lassen, nur um ihnen vor Ort eine Absage ohne Begründung zu erteilen? Respektvolle Kommunikation und inhaltliche Auseinandersetzung sehen anders aus. Zumal die Redakteure der Sendung eigens für den Auftritt ein Rahmenprogramm, eine 'diskursive Befassung' konzipiert hatten - und sich nun auch von der Ausladung distanzieren."

Deep Purple machen einfach immer weiter. Mit "Splat" liegt nun nach wenigen Jahren erneut ein neues Album der Hardrock-Urgesteine rund um den Sänger Ian Gillan vor - aber sie bleiben wendig, staunt FAZ-Kritiker Jürgen Roth angesichts der auf engem Raum versammelten "Stile, Wendungen, Modulationen, Harmoniewechsel" - ja geradezu ein "Fundus an Formen" öffne sich hier. "Deep Purple sind ein Amalgamierorganismus, ein überquellendes Archiv voller Patterns und Optionen. Doch bei allen Anklängen und freundlichen Referenzen verkörpern sie ein Genre sui generis. ... Die angstfreien 'lucky buggers' (Gillan) kultivieren eine Haltung von gewissermaßen philologischer, unideologischer Zeitlosigkeit und synthetisieren in ihrer konstruktiven Gedankenlosigkeit oder vermittelten Authentizität nach Belieben - und sei es, dass dabei schließlich Jazz-Metal herauskommt."



Karoline Gebhardt hört für die taz sehr gerne Hanna Fearns' neues Album "Are you alright?", das vom Country her kommt, der sich in seinen avancierteren Neuerscheinungen von den amerikanischen Wurzeln aber zusehends löst. "Im Laufe des Albums findet ein sukzessiver Schlagabtausch zwischen Melancholie und Mystik statt - es wird düster." Das "Album schwebt in somnambulen Sphären. Die Hallräume und das zurückgenommene Tempo verleihen einigen Stücken eine nächtliche Atmosphäre. In diesem Zwielicht entfaltet die Musik eine Stimmung, die an Sofia Coppolas sehnsüchtige Bildwelten ebenso erinnert wie an die traumlogische Fremdheit von David Lynch - als würden Mazzy Star einen Auftritt in 'Twin Peaks' haben."



Weiteres: Stefan Scholl resümiert in der FR die Causa Currentzis im Klassikbetrieb. tazler Oliver Tepel wappnet sich mit neuen Sounds aus Brasilien für die Hitzewellen dieses Sommers. Auf Zeit Online porträtiert Ines Pasz den Dirigenten Rubén Dubrovsky. Dennis Sand erinnert in der Welt an die wieder reformierten Texas is the Reason, die in Neunzigern zur Speerspitze des Emocore zählten, sich aber nach nur einem Album auflösten. Besprochen werden ein Auftritt von Wolf Alice in Wien (Standard) und Kelelas neues Album "New Avatar" (FR, SZ).

Archiv: Musik

Film

Menschen in Russland: Lena Karbes "Innere Emigranten"

Lena Karbes Dokumentarfilm "Innere Emigranten" versucht anhand des Porträts dreier ehrenamtlich arbeitender Psychologen zu ergründen, wie es Menschen in Russland mit dem Krieg geht, schreibt Lukas Pazzini im Perlentaucher. "Um den Krieg gehe es nur in wenigen Fällen, sagt einer der Psychologen. Es gehe um Persönliches, private Tragödien. Die wenigsten wollen über den Krieg sprechen. Was genau sie sich von dieser Betreuung fremder Menschen erhoffen, ist den Psychologen selbst nicht klar. Karbe filmt keine Helden, sondern Menschen, die im Kleinen versuchen, Gutes zu bewirken. Gegen Putin sind zwar alle drei. Sie wissen aber auch, dass sie das Herrschaftssystem mit ihrer Arbeit nicht stürzen können. Karbe lässt ihre Protagonisten sprechen, sie selbst fügt diesem Sprechen keine eigenen Deutungen hinzu. Es wird dem Zuschauer überlassen, was er von dieser Art des Widerstands, diesen 'inneren Emigranten', hält."

Rüdiger Suchsland sieht auf Artechock durchaus Parallelen zwischen dem Fall Julian Nagelsmann im deutschen Fußball und der deutschen Filmbranche: Dem nunmehr Ex-Trainer der Nationalmannschaft der Männer "hat man zu Recht vorgeworfen, dass auf Ratschläge Dritter, auf Urteile von Experten, und Stimmungen unter Fans und Berichterstattern nicht hören wollte. ... Auch im Kino wünschte man sich eine grundsätzliche Reorganisation und einen Neuaufbau. Die Filmausbildung muss besser werden. Weniger differenziert und verspartet, sondern grundsätzlicher auf eine (andere) Idee von Kino ausgerichtet. Deutschland muss seine Vorstellung von Kino und von 'guten Filmen' neu justieren, muss von Frankreich, von Hollywood, von Lateinamerika und von Asien lernen, was erfolgreiches und schönes Kinos ausmacht. Daraus ist die Idee eines deutschen Films zu entwickeln: Wie wollen wir erzählen? Was sind deutsche Bilder? Oder europäische?"

Weitere Artikel: "Der Mangel an Kreativität, der durch die bloße Zurschaustellung moderner Technik kompensiert werden soll, passt überdies erschreckend gut zu den aktuellen Entwicklungen", schreibt Christoph Dobbitsch im Filmdienst zur Welle an Live-Action-Remakes, mit denen Disney seit einigen Jahren seinen Klassikerfundus erneut auswertet: "Da KI-Bildgeneratoren schon jetzt aus jedem Foto einen Disney-Cartoon erzeugen können, scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch Live-Action-Remakes ähnlich simpel produziert werden könnten." Michael Ranze resümiert im Filmdienst das Filmfestival in Karlovy Vary. Christian Horn (hier) und Christian Exner (dort) blicken im Filmdienst auf Naturdarstellungen im Kinder- und Jugendfilm.

Besprochen werden die Ausstellung, Filmreihe und Gesprächsveranstaltung "Inventing Queer Cinema" in der Deutschen Kinemathek in Berlin ("sehenswert", freut sich Fabian Tietke in der taz), Christopher Nolans "Die Odyssee" (Artechock, unsere Kritik), Isabel Schneiders und Eva Müllers Dokumentarfilm "Was haben wir gelacht" über den Sexismus in der TV-Comedy der Neunzigerjahre (SZ) und die ARD-Serie "Surface" (FAZ).
Archiv: Film

Kunst

Richard Dadd: Titania Sleeping. Paris, Musée du Louvre, Department of Paintings. © GrandPalaisRmn (musée du Louvre) / Jean-Gilles Berizzi

Einst gefeiert, wird der britische Maler Richard Dadd heute vor allem mit der Ermordung seines Vaters in Folge einer Psychose und seinem anschließenden Aufenthalt im Bethlem-Krankenhaus in Verbindung gebracht. Umso dankbarer ist Florence Hallett (Guardian) der Londoner Royal Academy, dass sie Dadds Werk auch jenseits von Krankheit und Kriminalität in den Blick nimmt: So konzentriere sie sich etwa auf "sein anhaltendes Interesse an Shakespeare, dessen Geschichten er zu kunstvoll ausgearbeiteten Fantasien umschrieb - ganz im Einklang mit seiner frühen Entscheidung, sich auf fantasievolle Themen zu spezialisieren. Wurde Dadd's Rückzug ins Märchenreich bisher als Symptom seiner Realitätsferne verstanden, so legt eine Perspektive in der Ausstellung, die 'Titania Sleeping' (erstmals 1841 in der RA ausgestellt) in Sichtweite von 'The Fairy Feller's Master Stroke' platziert, nahe, dass eine solche Lesart allzu vereinfachend ist."

Quinh Tran trifft sich für die FAZ mit Noa Rosenberg, einer der Kuratorinnen der aktuellen Ausstellung "Year Zero" im Tel Aviv Museum, die die Geschichte der Sammlung erzählt, die aus etwa achttausend Werken besteht, die im Zweiten Weltkrieg gerettet werden konnten, vor allem dank des deutsch-israelischen Kunsthistorikers Karl Schwarz: "Aus Tel Aviv schickte er Briefe an jüdische Sammler in ganz Europa und bot das neue Museum zunächst als vorübergehenden sicheren Hafen an, bis der Krieg vorbei sein würde. Wie viele er versendete und wie viele Briefe ihre Empfänger noch erreichten, wird sich wohl nie nachvollziehen lassen. Aber die Weitsicht Schwarz hat durch die Rettung von Kunstwerken vor den Nazis den Grundstock des Museums geschaffen. Schon im September 1933, kurz vor der Flucht nach Großbritannien, ließ etwa der Kunstmäzen und Unternehmer Erich Goeritz achthundert Werke aus seiner Sammlung nach Tel Aviv bringen. Davon sind in der Ausstellung unter anderem ein Selbstporträt, Papierarbeiten von Max Liebermann und Lovis Corinth sowie frühe Werke Alexander Archipenkos zu sehen."

Besprochen wird außerdem Velimir Iliševićs Ausstellung "The longer Part of the Gaze" Galerie ADAMA Berlin (taz).
Archiv: Kunst

Literatur

Heinz Strunk sieht seinen neuen Roman "Memories of Heidelberg" über ein am Rande des Kollaps befindliches Ehepaar auf Reisen zum einen in der Tradition von Elfriede Jelinek, zum anderen in der der "Weird Fiction", räumt er im FAZ-Gespräch ein: Letzteres ist "eine Mischung aus Horror und Seltsamkeit. Es bleibt ja bis zum Ende offen, was eigentlich dazu führt, dass diese Ereignisse auf dem Schiff so eskalieren und man diesen beiden harmlosen älteren Leuten, die sich gut benehmen und nur einmal etwas mit dem Ossobuco rumkleckern, plötzlich nach dem Leben trachtet."

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Weiteres: Benita Berthmann und Lukas Pazzini sprechen im Perlentaucher-Podcast "Bücherbrief Live" mit unser Lyrikkolumnistin Marie Luise Knott über deren aktuelles Buch "Die Gesänge der Tagtigall". Wolfgang Matz porträtiert in der FAZ den französischen Literaturwissenschaftler Antoine Compagnon. In der FAZ-Reihe über die Geschichte der USA im Spiegel ihrer Literatur befasst sich Tilman Spreckelsen mit Carson McCullers' "Das Herz ist ein einsamer Jäger".

Besprochen werden unter anderem Martin Piekars "Vom Fällen eines Stammbaums" (FR) und Toni Riveras Krimi "Die Familie sehen und sterben" (FR). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Strunk, Heinz

Architektur

Begrünte Dächer, viele Bäume, Schatten und Wasser - Politiker und Architektinnen preisen die "grüne Stadt" als neues "himmlisches Jerusalem", aber das ist alles "Augenwischerei", ärgert sich Dankwart Guratzsch in der Welt. Denn mal abgesehen davon, dass niemand die Kosten realistisch einschätzt und die Effekte Studien zufolge sehr gering sind, bietet die beste Kühlung immer noch die städtebauliche Dichte: "Die Auflockerung und Auflösung der Städte, von der die Vordenker der Architekturmoderne von Ernst May bis Le Corbusier einst geträumt haben, erweist sich heute als folgenschwerer Fehler, dessen Wiedergutmachung Milliarden von 'Sondervermögen' schluckt. Und die 'grüne Stadt' ist drauf und dran, in dieselbe Falle zu tappen. Das kann die Gesellschaft noch teuer zu stehen kommen. Jeder Quadratmeter Innenstadt, der freigeräumt oder begrünt wird, wird mit der doppelten und dreifachen Quadratmeterzahl neu versiegelter und bebauter Fläche am Stadtrand erkauft. Denn irgendwo müssen die durch 'Auflockerung' verdrängten Stadtbewohner ja untergebracht werden. Gelingt das nicht in der dicht bebauten Innenstadt, kann es nur am Stadtrand geschehen."
Archiv: Architektur
Stichwörter: Städtebau, Grüne Stadt

Bühne

Szene aus "La Parabole du Suem". Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Rebecca Chaillon gilt als angesagteste Theatermacherin Frankreichs, sie selbst bezeichnet sich als "schwarze, fette, kinderlose, alternde Lesbe", weiß Jakob Hayner (Welt). Wenn sie beim Festival d'Avignon mit "La Parabole du Seum" den Aufstand der Dicken auf der Bühne probt, stehen die Zuschauer zunächst Schlange, um dann zu buhen, erlebt Hayner. Es mag zwar ganz lustig sein, wenn sich das mehrgewichtige, halbnackte Ensemble mit Wackelpudding beschmiert oder den "fetten Austausch" beschwört, die Idee, die Dicken zum neuen revolutionären Subjekt zu machen, findet Hayner dann aber doch recht schlicht: "Weder fluide noch flexibel, findet der neoliberale Leistungsimperativ am dicken Körper seine absolute Grenze, so wird es einem grob erzählt. So ähnlich hatte man unter Linken bereits vor ein paar Jahren die Depressiven als Kämpfer im seelischen Generalstreik verklärt. Wer in der Konkurrenzgesellschaft unter die Räder kommt, wird zugleich für deren Ende sorgen, verheißt die heute ins Kulturelle gewendete Verelendungstheorie. Geholfen ist mit solchen Träumereien in Wirklichkeit niemandem."

Weitere Artikel: Im nachtkritk-Interview mit Esther Slevogt zieht Holger Schultze, scheidender Intendant des Theaters Heidelberg, Bilanz. Besprochen wird außerdem Thaddeus Strassbergers Inszenierung der Puccini-Oper "Tosca" bei den Opernfestspielen St. Margarethen (Standard) und Philipp Hauß' Adaption von Tolstois "Krieg und Frieden" bei den Festspielen Reichenau (Welt).
Archiv: Bühne
Stichwörter: Chaillon, Rebecca