Efeu - Die Kulturrundschau

Drei Stunden Nicht-Identifikation

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16.07.2026. Die Filmkritiker sind sich uneins über Christopher Nolans "Odyssee"-Verfilmung: Einen erfreulich nahe an Homer angelegten Horrortrip erlebt die SZ. Der Perlentaucher wird noch einmal an die vergangene Glorie Hollywoods erinnert. Die Welt vermisst allerdings den Sex. Der Guardian erkennt in einer Enid-Marx-Ausstellung, wie lang die Briten in der Tube unbemerkt auf Botschaften über afrikanische Kunst saßen. Die Zeit amüsiert sich in Essen mit Gustave Courbet, der sich auch mal als Leiche oder Forelle malte. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2026 finden Sie hier

Film

Matt Damon als Odysseus in "Die Odyssee" von Christopher Nolan

Mit Christopher Nolans "Odyssee"-Verfilmung startet heute der (insbesondere von darbenden Kinobesitzern) wohl am meisten erwartete Film des Jahres in den Kinos. Perlentaucher Kamil Moll ist zwar kein Freund des "zum Weihevollen" neigenden Regisseurs, doch überzeugt ihn dessen Homer-Adaption auf ganzer Linie: "Mit geradezu kindlicher Demut (...) inszeniert Nolan die Etappen von Odysseus' Irrfahrt als ein Füllhorn staunenswerter Attraktionen. Auf überwiegend praktische Effekte zurückgreifend, schwelgt der Film in Abenteuerszenarien." Aber es ist "auch ein Werk sehnender Nostalgie: In der Form eines Monumentalfilms sucht der Film nach jener überlebensgroßen, dekadent überproduzierten Glorie Hollywoods, die zwischen drohender KI-Übernahme der Produktionsabläufe und stetigen Übernahmen von altehrwürdigen Filmstudios längst der Vergangenheit angehört. Es ist der Beweis dafür, dass selbst als Technokraten verrufene Künstler wie Nolan ins grenzenlose, schwermütige Träumen geraten können, wenn sie mit der eigenen Ersetzbarkeit konfrontiert werden." Eine "Wohltat" ist dieser Film im schwer in der Krise befindlichen Blockbusterkino auch deshalb, schreibt Lukas Foerster auf critic.de, weil er "sich in seiner eigenen Erzählwelt von der ersten bis zur letzten Sekunde pudelwohl fühlt".

Diese Variante des Stoffs "ist keine ruhmreiche Heldenstory (..), sondern ein düsterer Horrortrip durch eine Albtraumwelt", warnt David Steinitz in der SZ all jene, die auf farbenfrohes Kintopp wie einst bei Kirk Douglas hoffen. Staunenswert findet er, wie nah Nolan seinen Film an Homers komplex geschachtelte Vorlage anlehnt: Er "war schon immer fasziniert vom Thema Zeit, wie sie sich strecken und komprimieren lässt, und wie ihr unerbittliches Ticken all unser Tun und Handeln, unser Glück und Unglück bestimmt." Seine Filme "sind wilde Meditationen über das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und die verlockende Vorstellung, die Reihenfolge dieses Dreiklangs beeinflussen zu können."

Traumatisierte Griechen: Die Schlacht von Troja

Andreas Kilb staunt in der FAZ, wie Nolan, der auf computergenerierte Effekte bekanntlich nur selten zurückgreift, "fast durchgängig auf die Suggestionskraft des Wirklichen" setzt. Dass Odysseus nun ein traumatisierter "Kriegsveteran ist, habe "sehr viel mit der Realität unserer Zeit zu tun, in der die Kriege von Putin und Trump und die Massaker der Warlords in Afrika jede Illusion von Heldentum und Waffenruhm zerstört haben". Dieser Odysseus "lädt nicht zu Identifikation ein", seufzt Jens Jessen in der Zeit, "und fast drei Stunden Nicht-Identifikation sind eine lange Zeit im Kino". In der Welt vermisst Jan Küveler den Sex: Bei Homer vögelt sich Odysseus jahrelang durchs Mittelmeer, bei Nolan ist er "ein zölibatärer Trauerkloß". Und angesichts dessen, "dass in den vergangenen 20 Jahren ein ganzes literarisches Subgenre mit feministischen Interpretationen griechischer Mythen entstanden ist - Referenzwerke sind hier Margaret Atwoods 'The Penelopia' von 2005 und die Romane von Madeline Miller, 'Das Lied des Achill' (2011) und 'Ich bin Circe' (2018) -, mutet Nolans klassizistische Bearbeitung zerknirschter männlicher Heldenmythen anachronistisch an", findet Andreas Busche im Tagesspiegel. Besprochen wird der Film außerdem in FR, taz, Standard und NZZ.

Weitere Artikel: Im FAZ-Gespräch verrät Roland Emmerich, dass er gerade Experimente mit KI durchführt, um zu sehen, ob die Technologie auch für einen großen, emotional tragenden Film taugt: "Grundsätzlich sehe ich KI nicht als Bedrohung, sondern als Chance." Im Tagesspiegel schreibt Andreas Busche über die Schauspielerin Laura Tonke, der das Berliner Kino Arsenal eine Werkschau widmet.

Besprochen werden Eva Müllers und Isabel Schneiders Dokumentarfilm "Was haben wir gelacht" über den Sexismus im Comedy-TV der Neunziger, bei dem sich FR-Kritiker Daniel Kothenschulte allerdings auch sehr darüber ärgert, dass der Film in seiner gut gemeinten Zuspitzung zahlreiche auch damals schon gefeierte Pionierinnen der TV-Komik endgültig unsichtbar macht, die DVD-Ausgabe von Amy Wangs "Slanted" (taz) und die vom ZDF gezeigte neue Version der "Forsytes" (Welt).
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Literatur

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Für die Zeit hat Adam Soboczynski Heinz Strunk in Hamburg besucht, der in seinem neuen Roman "Memories of Heidelberg" ein mittelaltes Ehepaar aus Oldenburg im Moment des In-die-Brüche-Gehens ihrer Beziehung in die beschauliche Stadt am Neckar reisen lässt. Von dort berichtet auch Jan Wiele in der FAZ, der die Poetikvorlesungen des Schriftstellers Clemens Meyer besucht hat, dessen sich offenbar beeindruckend verzettelnde Vorträge wiederum "Züge von dadaistischer Bewusstseinsstromliteratur" aufweisen: "Die ausgestellte Kauzigkeit ist vielleicht eine Rolle, aber es macht Spaß, Meyer darin aufgehen zu sehen." Anlässlich des Kinostarts von Christopher Nolans "Odyssee" (hier unsere Kritik) reicht Matthias Heine in der Welt einen Überblick über die gängigsten Übersetzungen des Homer'schen Epos auf dem deutschen Markt.

Besprochen werden unter anderem Lily Kings "Herz Königs" (FR), Megan Nolans "Kleine Schwächen" (taz), Margaret Laurences "Glücklichere Tage" (Zeit) und Benjamin Maacks Depressionstagebuch "Bewerbungen um einen Job als Mensch" (FAZ).
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Kunst

Von den späten Dreißigern bis in die 1960er zierten ihre Stoffdesigns die Sitzbezüge der Londoner Tube, heute ist sie weitgehend vergessen. Umso dankbarer ist Joanna Moorhead im Guardian, dass das Compton Verney im britischen Warwickshire Enid Marx nun eine Ausstellung widmet. Kuratorin Az Crawford erklärt, warum er Marx' Entwürfe eher als Kunst denn als Design betrachtet: "Sie nannte das Muster 'Shield', da es von afrikanischen Motiven inspiriert war, die Marx im British Museum gesehen hatte. Dort verbrachte sie viele Stunden, ebenso wie im V&A, wo sie sich besonders für indische Holzschnitte und deren Geschichte interessierte. 'Sie wurde vom Kubismus und Purismus beeinflusst - doch mehr als alles andere prägten die ethnografischen Ausstellungen, die sie in den Londoner Museen sah, ihr Werk', sagt Az Crawford, die Kuratorin der Ausstellung....Ihre Muster sind unglaublich reichhaltig. Man tat sie als rein dekorativ ab, doch tatsächlich nahm sie die Abstraktion sehr ernst und verarbeitete Botschaften über afrikanische Kunst, koloniale Einflüsse und die Art und Weise, wie eine Kunstform von einer anderen beeinflusst wird."

Gustave Courbet: L'Homme à la pipe / Der Mann mit der Pfeife, um 1849 © Musée Fabre de Montpellier Méditerranée Métropole / Foto Frédéric Jaulmes

"Wie unernst, überdreht und grundlos absurd" Gustave Courbet sein konnte, kann Hanno Rauterberg (Zeit) erst jetzt dank der großen Ausstellung im Essener Folkwang Museum feststellen. Vor allem liebte der Franzose das Maskenspiel: "Rund 50-mal hat er sein Gesicht in Szene gesetzt (nur Rembrandt war noch ichbezogener). Und fast immer verfiel er auf andere Ideen. Auf dem einen Bild spielt er Cello, hingebungsvoll, obwohl er kein Cello spielen konnte. Auf dem nächsten zeigt er sich als Leiche, schwer verwundet, ohne dass zu erkennen wäre, für welches höhere Ziel er sich verkämpft haben könnte. Auch als zerfurchter Grübler tritt er auf. Als heiterer Freigeist, einen Sonnentupfer auf der Nase. Als Reiter, als Prophet oder, wenn ihm danach war, als Forelle, blutig und leblos, die straffe Angelschnur noch im Fischmaul. Rasch versteht man: Courbet gibt es nicht. Es soll ihn nicht geben, nicht im Singular. Und er versucht alles Mögliche, um sich selbst zu entkommen, jeder Festlegung und Erwartung."

Weiteres: Der argentinische Fotograf Tomas Saraceno zeigt aktuell im Münchner Haus der Kunst in der Ausstellung "Verwobene Welten" Arbeiten, die in Zusammenarbeit mit den indigenen Gemeinschaften von Salinas Grande in den argentinischen Anden entstanden sind. Im taz-Gespräch mit Eva-Christina Meier erklärt er, dass das eigentliche Problem des Lithiumabbaus in der Gegend die Verschmutzung des Wasser ist. Nicht nur die Provenienzforschung in Bayern will Kunstminister Markus Blume reformieren, einen Tag später verkündete er auch, die 18 bayerischen Staatsmuseen ab 2029 wie eine Holding als Anstalt des öffentlichen Rechts organisieren und auf zehn Player reduzieren zu wollen, berichtet Stefan Trinks in der FAZ. Laut der Internetseite Phutorial machen Menschen 5,3 Milliarden Fotos pro Tag, weiß der Schriftsteller Norbert Zähringer in der Welt - und vergleicht das Fotografieren von Essen, Kunst etc. mit der Trophäensammlungen von Großwildjägern. Besprochen werden außerdem Fotografien von Grit Schwerdtfeger in der Frankfurter Galerie Sillem (FR).
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Musik

Besprochen werden Melvin Gibbs' Buch "How Black Music Took Over the World" (NZZ) und Helene Fischers Auftritt in Zürich (NZZ).
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Bühne

Nachdem Markus Hinterhäuser als Intendant der Salzburger Festspiele abgesetzt wurde, übernimmt nun bis Herbst 2027 Karin Bergmann interimsweise die Intendanz. Sie wolle sich stets fragen: "Was wird Hinterhäuser dazu sagen?", verkündete sie bei der Pressekonferenz (unsere Resümees) - allein der will nicht mehr mit ihr sprechen, wie sie heute im SZ-Gespräch mit Egbert Tholl erzählt (und das, was er zu ihr sagte, möchte sie lieber nicht wiedergeben). Neben Mutmaßungen von Bergmann und Tholl über die Gründe für Hinterhäusers Rauswurf verkündet Bergmann, sie stehe dezidiert nicht über 2027 hinaus als Intendantin zur Verfügung, Pläne für die Festspiele hat sie dennoch: "Ich finde es großartig, dass wir heuer zwei Uraufführungen haben, aber wann hat man das schon mal in der Liga von Autoren wie Peter Handke und Elfriede Jelinek? Uraufführungen für ein Festival zu finden, ist nicht so leicht. Ich träume im Moment von großen Stoffen. Ich möchte, wie es früher hier auch der Fall war, auf große österreichische Stoffe zugehen, von den Klassikern der Moderne wie Schnitzler oder Horváth bis zu Raimund oder Nestroy, die, bringt man sie in eine zeitgenössische Form, für Salzburg hochattraktiv sein können."

Weitere Artikel: Von einem weiteren Rauswurf berichtet, ebenfalls in der SZ, Dorion Weickmann: Das Bayerische Staatsballett hat seinen Startänzer Julian MacKay rausgeschmissen, offenbar gab es Streitigkeiten über die Besetzungspolitik von Ballettdirektor Laurent Hilaire, ist zu erfahren. In der FAZ gratuliert Frauke Steffens dem Dramatiker Tony Kushner zum Siebzigsten.

Besprochen werden Johanna Wehners Inszenierung der Händel-Oper "Alcina" an der Bayerischen Staatsoper (FAZ, mehr hier) und Cornelia Rainers Inszenierung von Joseph Roths "Radetzkymarsch" beim Festival der Macht im Gailtal in Kärnten (nachtkritik).
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