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06.07.2026. Fast hypnotisiert betrachtet die NZZVilhelm Hammershøis stille Bilder in Zürich. In Stuttgart schwanken Schillers "Räuber" für die Kritiker irgendwo zwischen feministischen Impulsen und abgenutzten Visuals. Die SZ freut sich über einen lärmfreien Entwurf Max Hackes für das Berliner Haus der Jugend. Taz und Zeit werden sich beim neuen Madonna-Album nicht einig. Die FAZ kritisiert den Begriff des "Incel Horror". Braucht man wirklich die Genre-Bezeichnung "Weird Girl-Fiction", fragt die Zeit. Die Fashion Week war dieses Mal wieder sehr berlinig, findet der Tagesspiegel.
Vilhelm Hammershøi: Interieur. Strandgate 30. Bild: Wikimedia Commons.
Vilhelm Hammershøi war schon zu Lebzeiten aus der Zeit gefallen, weiß Philipp Meier in der NZZ, aber vielleicht kommt die Ausstellung "Hammershøi. Maler des stillen Klangs" im Kunsthaus Zürich gerade deshalb zum rechten Augenblick. Seine Bilder zeigen wenig und zwingen zum Innehalten: "In 'Interieur. Strandgade 30' (1905-1909) stehen Möbel an die Wand gerückt beisammen wie Reisende in einer Wartehalle. In ihrem möbelhaften Schweigen künden sie vom Umzug des Künstlers: ein Schrank, ein Stuhl, ein Büchergestell, ein Sekretär - mit so viel Charakter und Eigenleben, dass sie es wert waren, wie Menschen porträtiert zu werden. Der gemalte Raum vibriert hier als Zusammenspiel rechteckiger Flächen in unterschiedlichen Brauntönen. Denn in diesem stillen Möbel-Stillleben hat Hammershøi selbst dieLuft gemalt. Sie flimmert hier wie in den meisten seiner Bilder. Man sieht sie nicht und sieht sie doch. Zustande kommt dieser Effekt durch eine impressionistische Pinselführung lauter kleiner Striche. Hinzu kommt die gedämpfte Farbpalette, die alles in Dunst zu tauchen scheint."
Weiteres: Der Teppich von Bayeux wird im British Museum ausgestellt und das Haus kann sich auf einen Besucheransturm einstellen, meldet die FAZ. Anika Meier unterhält sich für Monopol mit dem Maler Friedrich Kunath über die Bar, die er in sein Atelier in Los Angeles gebaut hat.
Besprochen werden: Die Ausstellungen "Draußen … Im Museum" im Brücke-Museum (Tagesspiegel) und "Saâdane Afif. Five Preludes" im Hamburger Bahnhof (Tagesspiegel).
Auf der Bühne des Schauspiels Stuttgart ist es mal wieder Zeit für Schillers "Räuber", hier inszeniert von Sebastian Pucher. Dem Schiller-Text sind patriarchatskritische Elemente von Thomas Melle beigefügt, weißNachtkritikerin Verena Großkreutz: "Zeitlich verorten lässt sich die Inszenierung nicht. Sie will offenbar die Schiller-Melle-Sprache sprechen lassen. Die Kostüme von Annabelle Witt bieten einen unisexen Mix aus queerer Buntheit, Anzügen, Westernstiefeln, futuristischen Schulterpolstern, barocken Rüschen, Pelzkragen. Auch die Frisuren: gewagt. Das Bühnenbild von Nina Peller lässt Assoziationen freien Lauf: ein Unort, ein stillgelegtes Bergwerk vielleicht mit Blick auf einen nur grau scheinenden Riesenmond. In der Mitte, auf der Drehscheibe, zwischen gestapelten Rundsteinen, thront ein Felsmonument."
tazler Björn Hayer hingegen findet die Bilder eher etwas abgedroschen: "Insgesamt also eine solide, wenn auch unpassionierte Realisierung des Stoffs. Sie setzt auf stimmungsvolle Effekte. Zum Beispiel tritt die Räuberbande nach der Pause als Hardrock-Band mit Flammenspiel auf. Ebenso trägt die durchweg düster-psychedelische Musik zu einer atmosphärischen Dichte bei. Gleichwohl gelingt es der Regie kaum, das Stück jenseits recht abgegriffener Bilder zu transzendieren. Wir bekommen vor allem Schaufenstertheater geboten, hell ausgeleuchtet, ohne besondere Überraschungen oder ungewöhnliche Perspektiven auf einen häufig aufgeführten Klassiker."
Weiteres: Alina Götz besucht für die taz die Wilde Bühne in Bremen, an der Suchtkranke unter der Voraussetzung Theater spielen können, dass sie clean sind. Lothar Müller trauert in der SZ um den Dramatiker Dieter Sturm.
Besprochen wird: Mozarts "Zauberflöte", inszeniert von Clément Cogitore, und Strauss' "Frau ohne Schatten", inszeniert von Klaus Mäkelä, auf dem Opernfestival in Aix-en-Provence (Welt), "Zwanzig Minuten" im Theater Thikwa in Berlin, Regisseurin ist Judith Kuckart (taz), Francesco Filideis Kammeroper "Accabadora", uraufgeführt in Aix-en-Provence unter der Regie von Valentina Carrasco (FAZ), "Maldoror" nach Roberto Bolaño und Lautréamont auf dem Festival d'Avignon, Bearbeitung und Regie von Julien Gosselin (Nachtkritik).
Der Architekt Max Hacke soll in Berlin das "Haus der Jugend" entwerfen, Peter Richter ist in der SZ bei dem Entwurf überzeugt, dass sich die Nachbarn keine Sorgen um Lärm machen müssen: "Die sehen dann von der Straße aus nur eine Fassade, die aus einem Stahlgerüst besteht, das mit Recyclingmaterialien von Abbruch-Baustellen gefüllt werden soll, von den Nutzern mit ihren Plakaten bepflastert und mit Pflanzen überwuchert werden möge. Von dem internen Vorplatz, der architekturtypologisch etwas von Atrium, Aula und Klosterhof gleichzeitig hat, geht es dann in die Werkstatt- und Seminarräume und schließlich in den Keller, wo die Konzerte stattfinden, der Punkrock, der Lärm. Die Bässe werden vom Erdreich geschluckt, der Rest bleibt, so der Plan, hinter Schallschutzschleusen mit mehreren Türen."
Das neue Madonna-Album "Confessions II" hält das Feuilleton weiterhin in Beschlag (hier unser erstes Resümee). tazlerin Juliane Liebert gönnt ihr zwar allen Erfolg, den Madonna insbesondere auch bei der internationalen Popkritik damit einfährt, fragt sich beim Hören aber auch, ob sie "das gleiche Album bekommen hat wie die Bejubelnden. ... Wenn da nicht 'Madonna' draufstünde (...), würde dieses doch eher mittelmäßige Trance-House-Pop-Wannabe-Taschenfeuerwerk derart gefeiert werden?. ... Das ist kein guter Pop, kein guter House, von Trance ganz zu schweigen. Da hilft es nichts, sich mit allen Wassern der Populärkritik zu waschen und sich beide Augen und Ohren zuzuhalten und heftig zu den sich stetig erneuernden Göttern des Pop zu beten: Aber sie ist doch eine Ikone! Ja, es klingt besser als bei ihren letzten zwei Alben. Und? Nach zwei Tagen Magendarm ist der Stuhlgang am dritten Tag meistens auch weniger flüssig."
Jens Balzer widerspricht auf Zeit Online: Dieses Album "handelt von der Erinnerung, vom Gedächtnis, vom Verschwundenen, von Freunden. Es ist manchmalnostalgisch, aberniemuseal, dazu sind die Beats zu lebendig und druckvoll, 'Confessions II' ist vor allem ein hervorragend tanzbares House-Music-Album geworden mit gelegentlichen Trip-Hop- und EDM-Ausflügen. ... Es macht wirklich sehr großen Spaß, sich das anzuhören, und man freut sich vor allem über die - nennen wir es ruhig - Demut, mit der Madonna sich auf 'Confessions II' inszeniert: Sie tritt nicht als Diva auf oder als Queen, sondern als Teil einer Geschichte, von der sie natürlich weiß, wie entscheidend sie diese mitgeprägt hat, aber in der sie auch immer wieder aufgeht als ein Bestandteil, der kleiner ist als das Ganze."
Weiteres: Für Jan Küveler (Welt) ist TaylorSwift, die am Wochenende geheiratet hat, "der Weltgeist im Reinigungswagen, Symptom eines ausgelaugtenWestens, dessen einzige Antwort auf die Herausforderungen der Zeit darin besteht, ihnen selbstgebastelte Freundschaftsarmbändchen entgegenzustrecken". In der SZ begeistert sich Jakob Biazza für den Rumsbums-Techno des Berliner Duos Brutalismus3000, das "Gabber und Hardstyle sehr ambitioniert mit Elementen aus Punk und Wave kombinieren" und damit etwa in Los Angeles binnen kurzem 4000 Tickets verkauften. Der SchriftstellerAndreasMaier berichtet in der FAZ vom ZZ-Top-Konzert in Friedberg, wo ihn gerade das Desinteresse der Band am Publikum fasziniert: "Das, genau das, war immer die Idee von Rock." Joachim Hentschel plaudert für die SZ mit Ian Gillan, der mit seiner Band DeepPurple gerade mal wieder ein neues Album veröffentlicht hat.
Besprochen werden ein Konzert von AnnenMayKantereit in Frankfurt (FR), das Konzert des KammerchorsStuttgart beim Rheingau Musik Festival (FR) und ein Konzert der Akkordeonistin KsenijaSidorova mit der Robert-Schumann-Philharmonie unter Leitung von BenjaminReiners (Welt).
Szene aus "Obsession" Kira Kramer hält in der FAZ wenig davon, Curry Bakers derzeit vieldiskutierten Horrorfilm "Obsession" (unsere Kritik), in dem das Grauen aus dem Anspruchsdenken eines Mannes an den Körper einer Frau erwächst, als Schlüsseltext eines "IncelHorror"-Subgenres zu deuten, wie dies in Online-Diskursen bereits geschieht. Denn "wer den Schrecken Incel Horror tauft, adressiert das männliche Anspruchsdenken an eine Randgruppe: eine geächtete Internetsubkultur, weit weg vom Alltag zwischengeschlechtlichen Zusammenlebens." Doch "für Frauen ist das Anspruchsdenken von Männern, das der Begriff Incel Horror in dunkle Foren auslagert, im Gegenteil geradezu gewöhnlicher Alltag - und der Film 'Obsession' zeigt genau das: Bear besitzt keinManifest, keineForenhistorie, keineIdeologie."
Weitere Artikel: Wer die USA verstehen will, sollte nochmal OliverStones Kriegsheimkehrer-Drama "Geboren am 4. Juli" aus den Achtzigern sehen, schlägt Valerie Dirk im Standard vor. Andreas Busche (Tsp) und Jürgen Kaube (FAZ) gratulieren SylvesterStallone zum 80. Geburtstag. Besprochen wird DanielRohers Heist-Movie "The Piano Tuner" mit DustinHoffman (taz).
Erobern die "WeirdGirls" wirklich die Literatur oder handelt es sich nur um einen Marketinghype, fragt sich Maja Goertz auf Zeit Online. Im Mittelpunkt der so gelabelten Romane stehen unglückliche, nicht immer ganz sympathische junge Frauen, die von "gesellschaftlich erwarteten Verhaltensweisen" abweichen, wobei "die Geschichten oft ins Surreale kippen. ... Aber reicht das schon für ein Genre?" Oft geht es in den Romanen und Geschichten um abjekte Erfahrungen oder existenzielle Krisen. "Dass die entsprechenden Protagonistinnen 'Weird Girls' genannt werden, hat durchaus einen unguten, stigmatisierendenBeigeschmack. Doch dass diese Themen auf bizarre, surreale, metaphernreicheArten erzählt werden und sich die Protagonistinnen gesellschaftlich nicht akzeptiert verhalten - ist das nicht weniger ein Genre als vielmehr die Freiheit des Geschichtenerzählens?" Goertz nennt unter anderem MonikaKims"Das beste sind die Augen", Gráinne O'Hares "Thrist Trap", Mona Awads "Bunny", Verena Keßlers"Gym", Madeline Cashs"Verlorene Schäfchen",Rachel Yoders "Nightbitch", Olivie Blakes "Girl Dinner" und Ottessa Moshfeghs"Mein Jahr der Ruhe und Entspannung", die sich als "weird girl fiction" diskutieren lassen. Auch die Romane von SayakaMurata könnte man in diesem Kontext sicher erwähnen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weiteres: Sylvia Staude spricht für die FR mit OliverBottini über dessen CumEx-Krimi "Die Summe aller Dinge". Rahel Bueb berichtet in der taz von der Verleihung des Internationalen Literaturpreises an AndrásVisky für seinen Roman "Die Aussiedlung" und dessen Übersetzerin TimeaTankó. In Tokio bildeten sich lange Schlangen, als dort HarukiMurakamis neuer Roman "Die Geschichte von Kaho" erschienen ist, berichtet David Pfeifer in der SZ. Zu allgemeinem Erstaunen führte insbesondere der Umstand, dass Murakami - dessen Romane zuweilen auch einmal ganz ohne weibliche Figuren auskommen - erstmals eine weibliche Erzählfigur präsentiert. Jan Küveler reicht in der Welt zum 250-jährigen Bestehen der USA zehn Schlüsseltexte zum besseren Verständnis der Nation. In der FAZ-Reihe zur Geschichte der USA im Spiegel ihrer Literatur widmet sich Jürgen Kaube heute dem lyrischen Werk von EmilyDickinson.
Besprochen werden unter anderem der von Annika Reich und Mirjam Wittig herausgegebene Band "Wenn ich deine Worte lese, finde ich den Weg zurück nach Hause" mit Briefen von Autorinnen im Exil (Zeit), der von Horst Lauinger und Stefan Wagner herausgegebene Band "I Have a Dream" mit zahlreichen Reportagen, Essays, Storys und Gedichten über die USA (Standard), RachelKhongs "Real Americans" (Standard), RonjavonRönnes "Alles Liebe" (NZZamSonntag), MiroslavHlaucos "Pfingsten" (NZZ), SydneySmiths Bilderbuch "Mit dem Sturm um die Wette rennen" (SZ) und neue Krimis, darunter MaciejSiembiedas "Katharsis" (FAZ).
Grit Thönnissen resümiert im Tagesspiegel die Sommerausgabe der FashionWeekBerlin, die sich diesmal ganz besonders ernst und von ihrer berlinigsten Seite zeigte: "Da war kein Schweben in elfengleichen Kleidern zu sehen. Die Models marschierten, oder schritten betont langsam mit abwesenden Gesichtern, aber zumindest cool zu harten Bässen wie bei Haderlump im Ballsaal des Adlon, oder zu den lang gezogenen Klängen eines Kontrabasses bei Milk of Lime. Die Accessoires schienen eine Aufforderung zum Zündeln zu sein. ... Angesichts steigender Temperaturen, hätte man mehr luftige Entwürfe erwartet. Aber Leder scheint das Material zu sein, mit dem uns die Designer durch die Krise bringen wollen. Kaum eine Kollektion kam ohne Lederjacken aus, mal wie bei Unvain unterkühlt in hellem Beige, oder aus recyceltenResten zu einem Patchworkmuster zusammengesetzt bei SF1OG. Wer die Welt retten will, muss beim Ressourcenverbrauch anfangen."
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