Verena Keßler

Gym

Roman
Cover: Gym
Carl Hanser Verlag, München 2025
ISBN 9783446281639
Gebunden, 192 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Glänzende Spiegel, definierte Körper, legere Flirts am Tresen. Die Protagonistin in Verena Keßlers knalligem Roman liebt ihren neuen Job im "Mega Gym". Es gibt keinen Leistungsdruck, keine Überstunden, dafür liebenswerte Kolleginnen und einen Chef, der stolzer Feminist ist. Alles perfekt, wäre da nicht die klitzekleine Lüge, zu der sie sich im Einstellungsgespräch hat hinreißen lassen. Sie habe kürzlich erst entbunden, hat sie behauptet, und jetzt wollen alle Babyfotos sehen und fragen ständig nach "dem Kleinen". Doch erst, als Bodybuilderin Vick auftaucht, wird klar, dass ein erfundenes Kind nicht das einzige Geheimnis dieser verschwiegenen Erzählerin ist. Eine Geschichte über Obsession, Ehrgeiz und die selbstzerstörerische Kehrseite schöner Oberflächen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.09.2025

Komisch, dass es so wenig zeitgenössische Romane gibt, die in Fitnessstudios spielen, wundert sich Rezensent David Hugendick, gut, dass Verena Keßler diese Lücke mit ihrem "auf erfreuliche Weise biestigen" Buch nun schließt. Ihre namenlose Protagonistin heuert mit der Notlüge in einem Gym an, sie habe kürzlich ein Kind geboren und sei auf diesen Job angewiesen. Zum Glück ohne Kulturwissenschafts-Jargon erzähle Keßler, wie ihre Figur sich selbst allmählich dem Körper-Optimierungswahnsinn hingebe, ihre Ernährung nur noch am Proteingehalt orientiere und Steroide spritze für möglichst überwältigendes Muskelwachstum. Für den Kritiker ergibt sich hier eine "Fallstudie des falschen Bewusstseins", die ironisch, humor- und tempovoll und mit Anklängen an Body Horror von einer Welt erzählt, in der übertriebener Ehrgeiz einem Menschen zeigt, dass nach zu viel Selbstoptimierung nichts mehr bleibt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.09.2025

"Potenzial verschenkt!", meint Rezensent Jakob Ballhausen. Verena Keßler wirft einen ironischen Blick auf die Optimierungskultur: Die ehemalige Unternehmensberaterin arbeitet im "Mega Gym" und setzt sich dort einem Konkurrenzkampf mit der Bodybuilderin Vick aus. Der Rezensent muss bei diesem Thema, der knallharten Optimierungslogik des Kapitalismus, an Bret Easton Ellis' Roman "American Psycho" denken. Nur - was hier zur bitterbösen und bluttriefenden Satire wird, kommt bei Keßler über die Banalität nicht ganz hinaus. Zwar bewirbt die Autorin selbst das Buch als "leichte Kost", aber dem Kritiker ist das dann doch ein bisschen zu viel des Klischees und der abgedroschenen Formulierungen. Vielleicht hätte sich Keßler auf das Thema der "Klassenfrage" konzentrieren sollen, überlegt der Rezensent. Denn die Protagonistin scheitert auch an ihrer Herkunft - den "Habitus der Elite" ihrer Konkurrenten hat sie nicht verinnerlicht. Aber ihr Fall ist tiefer: Sie hat sich bis nach ganz nach oben gekämpft, um dann zu merken, dass sie wieder ganz unten anfangen muss. Kapitalismuskritik gut und schön, meint Ballhausen, aber dann muss man sie auch konsequent durchziehen. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 02.09.2025

Sehr knapp, aber angetan bespricht Rezensentin Katharina Herrmann den neuen Roman von Verena Keßler, den sie ins neue Genre der "Weird Girl Fiction" einordnet. Denn auch hier wird eine Protagonistin zunehmend animalischer, erklärt die Kritikerin: Die namenlose Ich-Erzählerin fängt nach dem Knast an, in einem Fitnessstudio zu arbeiten, erfindet aber eine Mutterschaft, um eine Ausrede für Vergangenheit und Übergewicht zu haben und gerät zunehmend unter Leistungsdruck - bis sie sich so aufpumpt, dass ihr Traum, ein wilder Grizzly zu werden, nahezu wahr wird, resümiert die Kritikerin. Wie Keßler hier vom Ausbrechen aus stereotypen Weiblichkeitsbildern erzählt, mit Witz, Ironie, Tempo und viel Situationskomik, gefällt Herrmann ausgesprochen gut.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 23.08.2025

Die Ich-Erzählerin von Verena Keßlers neuem Roman ist eigentlich eher Couch Potato als Muscle Mommy, ergaunert sich aber mit einer Notlüge einen Job im Fitnessstudio: Sie erzählt Ferhad, dem Besitzer des "Mega Gym"; sie habe gerade erst entbunden, sei nun alleinerziehend, und erklärt damit ihre nicht allzu muskulöse Körperform, amüsiert sich Rezensent Jan Drees. Es wird dann ziemlich schnell stressig, den Job auszuführen, zu trainieren und die Lüge von der Mutterschaft nicht auffliegen zu lassen, erfahren wir, sie nutzt die Instagram-Bilder einer Bekannten, um deren Kind als ihres auszugeben. Keßler zeigt Drees eine ziemlich absurde, oft wahnhafte Welt der Fitness und Körperoptimierung und erinnert ihn an Mockumentaries.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.08.2025

Der neue Roman von Verena Keßler funktioniert für Rezensent Thore Rausch wie eine richtig gute Techno-Spinning-Class: perfekt durchgetaktet, klug konstruiert, "rasant, verschwitzt und keine Sekunde zu lang". Keßler erzählt darin locker und lakonisch von einer jungen Frau, die dem Versprechen der Leistungsgesellschaft verfällt und am Ende daran zerbricht. Keßler hat für diese Geschichte den idealen Handlungsort gewählt, lobt Rausch: Das Fitnessstudio. Hier findet die Protagonistin in ihrer Mid-Life-Crises erst neuen Lebenssinn und schließlich ihren Untergang. Denn am Ende ist doch immer irgendwer noch verbissener, noch radikaler, noch fitter, weiß Rausch. Dass die Belegschaft des Gyms, in dem die Heldin dank einer klitzekleinen Behelfslüge eine Anstellung findet, eher skizzenhaft erscheinen, erlebt der Rezensent nicht als Manko, zumal die Heldin dafür umso facettenreicher auftritt. Und diese Facetten sind dark! Keßler will offenbar testen, wie weit sich unser Mitgefühl ausdehnen lässt. Denn das Gym holt das Unsympathischste aus der Heldin heraus: Obsession, Neid, Narzissmus, Verlogenheit. Und trotzdem kommt der Rezensent nicht umhin, mit ihr mitzufühlen, schließlich hat sie es wirklich nicht gerade leicht - in dieser Welt, dieser Gesellschaft, die Keßler in ihrer ganzen Absurdität darzustellen weiß, so der hingerissene Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 16.08.2025

Richard Kämmerlings erkennt in Verena Keßlers Gym-Roman das Fitnesstudio als Symbol und Modell für allgemeine Meßbarkeit. Die Geschichte um eine Frau in der Midlife-Crisis, die nach dem Verlust von Job und Mann in einen wahren Fitnessrausch gerät, was laut Kämmerlings schließlich eine tiefe Persönlichkeitsstörung offenbart, erscheint dem Rezensenten als schonungslose Kritik an einer auf Konkurrenz angelegten Berufs- und Freizeitwelt. Ob die Lektüre ein Vergnügen oder eher eine Tortur ist, darüber lässt uns Kämmerlings leider weitgehend im Unklaren.