Im Kino
Nicht zähmbarer Schrecken
Die Filmkolumne. Von Karsten Munt
23.06.2026. Erst traut sich Bear nicht, Nikki seine Liebe gestehen. Als sie trotzdem seine Freundin wird, verwandelt sie sich in das groteske Abbild seiner Begierde. Curry Bakers Überraschungshit "Obsession - Du sollst mich lieben" kommt nie zur Ruhe und ist ein wunderbares Stück Horrorkino.
Er bekommt die Worte einfach nicht heraus. Den ganzen Abend hat Bear (Michael Johnston) versucht, Nikki (Inde Navarrette) seine Liebe zu gestehen. Beim gemeinsamen Abend in der Bar waren es noch der beste Freund Ian (Cooper Tomlinson) und der Barkeeper, die ihm in die Parade gefahren sind. Aber selbst jetzt, wo Nikki neben ihm im Auto sitzt und nur darauf wartet, dass er ihr sagt, was er sagen möchte, bekommt Bear kein Wort heraus. Schon gar nicht das am Morgen mit einer zu Tränen gerührten Kellnerin geprobte Liebesbekenntnis. Die gute Freundin versucht ein letztes Mal, ihn zu entlasten: Sie fragt ihn direkt, ob er Gefühle für sie habe. Nichts. Bear druckst herum. Bear bleibt ein Feigling.
Aber einen Joker hat er noch: den Wunschzweig, den er Nikki anstatt der ursprünglich angedachten Halskette im örtlichen Esoterikladen gekauft hat. Ohne mit der Freundin je von seiner Liebe zu ihr gesprochen zu und ihre Seite gehört zu haben, wünscht er sie sich einfach von ihr, während er den Zweig zerbricht. Wenige Momente später sitzt die Freundin wieder neben ihm, will bei ihm übernachten, nicht mehr nach Hause gehen, ihn nie wieder von seiner Seite lassen.
Bear bekommt die Beziehung, die er wollte. Nur nicht die Frau, die Nikki einmal war. Nikki ist nicht mehr schlagfertig, nicht mehr cool, smart oder empathisch. Die Macht des Wunsches löscht alle Spuren ihrer Persönlichkeit, verwandelt die junge Frau in ein groteskes Abbild von Bears Begierde. Er selbst kann sich damit erstaunlich gut abfinden. Nikkis plötzlichen Sinneswandel und das seltsame Verhalten am gleichen Abend erklärt noch der angebliche MDMA-Rausch. Im Anschluss ist Bear zu sehr damit beschäftigt, Nikki seine Lieblingsfilme, seine Lieblingswitze und seinen Sex aufzuzwingen. Mit diesen Momenten, in denen das alles wie der Missbrauch wirkt, der es tatsächlich ist, beginnt der Horror. In ihnen stockt Nikkis manische Hingabe für einige Sekunden und ihr wahres Ich kehrt zuckend und schreiend in ihren Körper zurück. Desorientiert, panisch und hilflos erscheint sie, bis das Leben wieder aus ihr weicht und sie sich magisch sediert Bear hingibt.

Filmemacher Curry Barker beherrscht den Horror, der hier durchbricht, ziemlich gut, weiß seine Erzählung auf immer neue Arten über die Grenzen sozialer, ethischer und intimer Übereinkünfte zu stoßen. "Obsession - Du sollst mich lieben" ist weniger eine "The Monkey's Paw"-Adaption oder eine "Careful what you wish for"-Erzählung als die Geschichte eines Mannes, der eine Liebe an sich reißt, die ihm nicht zusteht. Dass Bear dabei eben nicht der mit Doppelherz gefütterte Prolet ist, sondern ein fickriger, verklemmter Heuchler, der seiner Angebeteten seine Besessenheit aufbürdet, gibt der Missbrauchs-Beziehung umso mehr Chancen, in bizarrste Abgründe vorzudringen.
Den Ton halten kann "Obsession" nicht. Die herbeigewünschte abusive relationship wird schnell zur grotesken Horror-Beziehung, in der Bear nicht mehr nur mit einer willenlosen Nikki, sondern buchstäblich mit einem Ungeheuer zusammenlebt. Die erbärmliche und beängstigende Energie, die anfangs noch unter der erzwungenen Liebe liegt, weicht bald einer Mixtur aus allen Stimmlagen von Melodrama und Horror. Nikki verwandelt sich von der überbedürftigen Freundin in eine sich selbst verletzende Freundin, eine bedrohlich-gewalttätige Freundin, und zu guter Letzt in eine dämonisch besessene Freundin, die sich selbst zerstört und mordend durch Bears Leben zieht. Dass Nikki ab diesem Moment nicht mehr als kohärente Figur funktioniert, ist zugleich emblematisch für den Film selbst, der den eigenen Schrecken nicht wirklich gezähmt bekommt.
Die in fauligem Braun gehaltenen und stets mit langen Brennweiten geschossenen Bilder geben der Ästhetik etwas Fahriges, der "Twilight Zone"-artigen Prämisse geht über die Spielfilmlänge sukzessive der Plot aus und nicht jede Situation profitiert davon, dass Barker den Ton nicht halten, sondern immer wieder möglichst überraschend neu anschlagen will.
Trotzdem steckt in all der Disparität ein wunderbares Stück Horrorkino, das einen nie wirklich zur Ruhe kommen lässt. Jeder Blick, den Bear auf Nikki wirft, droht eine neue Facette des Albtraums zu offenbaren. Besonders dort, wo das Paar gemeinsam in der Öffentlichkeit auftritt, weiß Barker das soziale Unbehagen ziemlich einfallsreich mit den Auswüchsen von Nikkis Besessenheit zu kreuzen - aus Cringe mach Schrecken. Viel verdankt der Film seinen HauptdarstellerInnen. Michael Johnston entzieht Bear in seinem Wunschalbtraum sukzessive alle Lebensenergie und widersteht dabei jeder Gelegenheit, der Figur ein Charisma zu schenken, das sie nicht verdient hat. Inde Navarrette hat hingegen sichtbar Spaß dabei, das geforderte Affekt-Roulette vom Komischsten bis zum Bittersten mitzugehen. "Obsession" schlägt in beide Richtungen voll aus - ohne jede Balance.
Karsten Munt
Obsession - USA 2025 - OT: Obsession - Regie: Curry Baker - Darsteller: Michael Johnston, Inde Navarette, Cooper Tomlinson, Megan Lawless - Laufzeit: 109 Minuten.
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