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07.07.2026. Die FAZ staunt in Potsdam über die "Lichtmalerei" des Anarchisten Paul Signac, der statt Arbeitern lieber Küsten malte. Der NZZ läuft bei Nikolaus Habjans Inszenierung einer Opernfassung des Dürrenmatt-Stücks "Der Besuch der alten Dame" in München ein Schauer über den Rücken. Der Tagesspiegel vertieft sich in einer Retrospektive im Kino Arsenal in Berlin in die Filme des Eigenbrötlers Jean Eustache. Die taz wundert sich bei der Fashion Week in Berlin über Barock-Vibes.
Paul Signac: Sonntag, 1888-1890, Privatsammlung. Foto: Museum Barberini Dass sich der Pointillist Paul Signac der anarchistischen Bewegung zugehörig fühlte, kann FAZ-Kritiker Andreas Kilb zumindest an seinen Sujets nicht erkennen, wenn er durch die Ausstellung "Symphonie der Farben. Paul Signac und der Neoimpressionismus" im Museum Barberini in Potsdam schlendert. Seine "Lichtmalerei" zeigt "Klippen, Wolken, Hafenmauern und schimmernde Wellen", aber auch eines der wenigen Interieurs ist zu sehen, erklärt Kilb, das Bild "Sonntag" von 1890: "Der Mann im Gehrock, der rechts das Kaminfeuer schürt, und die von ihm abgewandte Frau im weinroten Kleid im Hintergrund sind so dicht in die ornamentalen Oberflächen ihres bürgerlichen Wohnzimmers eingewoben, dass sie selbst wie Mobiliar wirken. Jeden Moment erwartet man, dass die Textur des Bildes reißt wie in einem Clip von Monty Python und ein grüner Dinosaurier oder Winston Churchill auf einem Dreirad zum Vorschein kommt. Das Porträt, das Van Rysselberghe von Signac am Steuer seines Segelboots gemalt hat, ist dagegen fast fotorealistisch, es erinnert an eine Filmszene von René Clair oder Jean Renoir."
In der FRerinnert die Kunsthistorikerin Karoline Hille an die Ausstellung "Women Artists: 1550-1950", die 1976 im Los Angeles County Museum stattfand und sich zum ersten Mal weltweit in aller Ausführlichkeit Künstlerinnen widmete: "Die Malerinnen der frühen Neuzeit, von Renaissance, Barock und Klassizismus, haben im Rückblick betrachtet eines gemeinsam: Sie waren zu Lebzeiten anerkannt und erfolgreich, wurden von den Zeitgenossen bewundert und leisteten mit ihren großartigen Werken einen maßgeblichen Beitrag zur Kunstgeschichte. Aber jede von ihnen geriet nach dem Tod, spätestens jedoch im 19. Jahrhundert in Vergessenheit. Denn niemand sammelte die Bilder und Briefe, Inventare und sonstige wichtige Quellen."
Weitere Artikel: In der NZZ erläutert Rico Bandle die Hintergründe eines Erbschaftstreits um den verstorbenen Kunstsammler Werner Merzbacher, der überraschend seine Vermögensverwalterin als Erbin eingesetzt hatte. Hubertus Butin ist in der FAZ genervt von SchauspielerInnen, die auf den Kunstmarkt drängen und trotz wenig bis keinem Talent hohe Auktionssummen erzielen und Einzelausstellungen erhalten (am schlimmsten findet Butin Adrien Brodys Werke). Besprochen wird die Ausstellung "Helga Paris - Häuser und Gesichter Halle 1983-1985 im Kunstmuseum Moritzburg (FAZ).
Weitere Artikel: Michael Bartsch resümiert für die taz das Festival "Theater der Welt" in Chemnitz. Besprochen werden Edvin Revazovs Choreografie "Waiting for Godot - In the Small Moments We live" am Ernst Deutsch Theater in Hamburg (alle Tänzer sind aus der Ukraine geflohen, erklärt Dagmar Leischow in der taz), Philipp Preuss' Inszenierung von "Circus Oresteia" im Theater an der Ruhr in Mühlheim (SZ) und Stefan Puchers Inszenierung von Schillers "Räubern" am Schauspiel Stuttgart.
Es war "eine Erfahrung fürs Leben", die sich FAZ-Kritikerin Lotte Thaler bei den von YannickNézet-Séguin kuratierten FestspielenBaden-Baden bot: Das LondonSymphonyOrchestra spielte zweimal auf - einmal von Nézet-Séguin selbst dirigiert, einmal von Antonio Pappano. Und das Orchester wirkte wie ausgewechselt: "Alles, was man bei Nézet-Séguin am ersten Abend an orchestraler Balance, Sensibilität, Rücksicht bewundert hatte, schien bei Pappano wie weggeblasen. Schon die Idee, BeethovensViolinkonzert mit der Solistin VildeFrang in maximaler Orchesterbesetzung mit sechs Kontrabässen aufzuführen, wirkte befremdlich und nicht mehr zeitgemäß. Umso mehr, als das Orchester bestenfalls als 'routiniert' durchging, lieblos bis in die knallige Pauke hinein, indifferent der Solistin gegenüber, von kammermusikalischer Interaktion, wie sie kürzlich Isabelle Faust mit dem Balthasar-Neumann-Orchester vorgemacht hatte, kaum eine Spur."
Weiteres: Michael Stallknecht berichtet in der FAZ vom Bamberger Dirigentennachwuchs-Wettbewerb "The Mahler Competition", bei dem sich das Publikum am Ende für den Polen JakubPrzybycień entschied, während der Bayerische Rundfunk am Ende den bereits im Semifinale ausgeschiedenen OliverCope auf den ersten Platz hob. Günter Platzdasch resümiert in der FAZ das 34. Rudolstadt-Festival.
Besprochen werden das neue Madonna-Album "Confessions II" (FR, mehr dazu bereits hier und dort), der Auftritt von Víkingur Ólafsson beim Klavierfestival Ruhr (FAZ), das Konzert des Fauré Quartetts beim Rheingau Musikfestival (FR), ein Schottenfolk-Konzert von Skelpt beim Rheingau Musikfestival (FR) neue Alben von Progrock-Helden wie Yes und Soft Machine (Standard) und "Inferno", das neue Album von Boards of Canada ("Ambient-Flächen, surreale Melodien und treibende Drums schaffen einen Trip, der zwischen Ernsthaftigkeit und Hoffnung hin und her springt und dabei nichts anderes als Freude bereitet", schreibt Jonathan Weckerle in der Jungle World).
"La Maman et la Putain" von Jean Eustache Das Berliner Kino Arsenal zeigt eine Retrospektive der Filme von JeanEustache. Die erste Generation der NouvelleVague beäugte ihn skeptisch, für die zweite rund um Pialat, Garrel und Co. war er zu eigenwillig, um voll dazuzugehören, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel über diesen Eigenbrötler. Dessen "La Maman et la Putain" sorgte in Cannes für einen handfesten Skandal, gewann dann aber doch den Großen Preis. "Eustaches autobiografische Filme sind keine klassischen Bildungsromane, es geht nicht um Entwicklung oder Läuterung, sondern um das Aufzeigen von Klassenunterschieden und -missverständnissen. Sie ähneln darin den Erinnerungen Didier Eribons an sein Aufwachsen in der französischen Provinz. In seiner ungerührten Offenheit - über die Männlichkeitsbilder, mit denen er aufwuchs; die süffisante Skepsis gegenüber dem intellektuellen Kosmopolitismus seiner Regie-Vorbilder - hat sich sein schmales Werk seit der Wiederentdeckung vor gut 25 Jahren als heilsame, wenn auch nicht immer mehrheitsfähige Zumutung seinen Platz im Kanon des Autorenkinos (ein Begriff, den er hasste) verdient."
Weiteres: Arabella Wintermayr freut sich in der taz darüber, dass JaumeClaretMuxart beim FilmfestMünchen mit "Strange River" den Wettbewerb für sich entscheiden konnte: Der Regisseur "hat einen wohltuend poetischen Film geschaffen, der sich ganz auf die Schönheit der Natur, des Unausgesprochenen und des Sehnens verlässt". David Steinitz schreibt in der SZ einen Nachruf auf Moritz de Hadeln, der von 1980 bis 2001 die Berlinale leitete. Besprochen wird TinaGharavis "Virginia Woolf's Night and Day" (Tsp).
Beate Scheder schlendert für die taz über die Fashion Week Berlin, wo unter anderem das Internationale Congress Centrum - Berlins schönste ungenutzte Architekturleiche - aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und unter anderem vom auf Männermode spezialisierten Kölner Modelabel Marke für ein Schaulaufen genutzt wurde. "'Relics & Remnants' heißt die neue Kollektion des Designers Mario Keine passenderweise. Rund um die 'Gehirn' genannte Lichtskulptur von Frank Oehring ließ er Models in Looks marschieren, die auf andere Weise ebenso aus der Zeit gefallen zu scheinen wie das Gebäude selbst. Inspiration dafür war, so ist nachzulesen, unter anderem Virginia Woolfs Zeitenwanderer Orlando. Dessen Wiedergänger steckte Keine in Looks, deren Silhouetten mal an die Hosenröcke der Rheingrafen des 17. Jahrhunderts, mal an Bomber- und Frackjacken, barocke Unterwäsche oder Hemden aus der Renaissance erinnerten. An Armen und Revers klimperten dazu üppige Bettelarmbänder und Perlenschnüre."
Für die FAZ resümiert Johanna Christner die Fashion Week. Die Kollektion "Lost to Virtue" von LauraGerte etwa zeigte "viel Haut und zelebriert Weiblichkeit. Röcke und Kleider aus aneinandergereihten Kordeln sollten aber nicht über die Hintergründe hinwegtäuschen, die sich die junge Designerin für ihre Kollektion 'Lost to Virtue' gemacht hat: Sie wurde inspiriert vom feministischen Manifest der 1882 geborenen Künstlerin Mina Loy. Ein zentrales Thema des Manifests ist die Zerstörung gesellschaftlich vorgegebener Werte, die Frauen an ihrer Selbstverwirklichung hindern. Weiße Kleider mit Rollkragen, die fast ganz die Füße bedecken und nur durch seitliche Cut-outs Haut blitzen lassen, stehen symbolisch für die Restriktionen. Je länger die Schau dauert, desto weniger Stoff ist zu sehen, die Kleider sind oft bauchfrei, Tops bedecken gerade noch so die Brust - symbolisch dafür, dass die alten Werte zerstört und die Frauen befreit werden konnten."
Das von Hildesheimer Studierenden organisierte Prosanova-Festival fand in diesem Jahr unter dem Motto "Zwischen Zungen" statt, entsprechend richtete sich die Aufmerksamkeit auf "körperliche Klänge, auf Sprache in ihrer fundamentalen Form" und darauf, wie vorgetragene Texte klingen, berichtet Eva Goldbach in der FAZ. Die Texte pendeln zwischen zwischen "Pop und Affirmation in der postdigitalen Welt einerseits, autofiktionalen Geschichten über Herkunft, Klasse und Geschlecht andererseits. Eindrücklich gelingt das OlgaHohmann, deren Performance musikalisch begleitet wird und Tonleiter, Walgesang und weitere Geräusche, darunter ein schleimiges Räuspern, zusammenbringt. Gedankenstromgeleitet und assoziativ erzählt sie von der Logopädie und von Kindheitserinnerungen. Die Stimme ist Mittel und Gegenstand selbst. ... MariusGoldhorn, SophiaEisenhut und RobinOgunmuyiwa lesen begleitet von grotesken Sounds. Sie gehen der Vorstellung einer totalen Zeitauflösung nach, die sich in der vollständigen Auflösung von Kohärenz im Text zeigt. Alles wird zu einem Vibe."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Weiteres: In der FAZ-Reihe zur Geschichte der USA im Spiegel ihrer Literatur widmet sich heute Stefana Sabin WaltWhitmans"Leaves of Grass". Besprochen werden neue Hommagen an altgediente Comic-Westernserien wie "LuckyLuke" und "Blueberry" (taz) und daneben vor allem Sachbücher, darunter ClaudiaWirsings "Anfang und Ursprung: Die klassische Metaphysik und ihre Kritik im 20. Jahrhundert" (FR), OddArneWestads "Der kommende Sturm. Der nächste grosse Krieg und wovor die Geschichte uns warnt" (NZZ) und VolkerDepkats "Die amerikanische Revolution" (FAZ).
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