Efeu - Die Kulturrundschau
Etwas vernebelte Zwischenwelt
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18.06.2026. Über die Absage einer Veranstaltung mit Michel Friedman bei den Festspielen Bayreuth wird weiter diskutiert: Die FAZ findet die Aufregung übertrieben, die Zeit sieht hier statt Antisemitismus eher Unprofessionalität. FAZ und FR stoßen im Städel Frankfurt fast mit der Nasenspitze auf die Druckgrafiken Pieter Bruegels des Älteren. Die SZ ist fasziniert von Wolf Gaudlitz' Film "Blaue Wüste", der den Versuch festhält, Wasser in die Wüste zu tragen - und jahrelang nicht gezeigt wurde.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
18.06.2026
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Bühne
Es wird weiter über die Absage einer Veranstaltung zum 150. Jubiläum der Bayreuther Festspiele diskutiert, bei der Michel Friedman reden sollte: Man wollte sich mit dem Antisemitismus Wagners auseinandersetzen, im Endeffekt wurde das Ganze aber abgesagt, die Festivalleitung meldete "Sicherheitsbedenken" an. Die SZ druckt heute das große Friedman-Interview, aus dem wir gestern schon zitierten (unser Resümee).
In der Zeit sehen Christine Lemke-Matwey und Florian Zinnecker nach Telefonaten mit der Festivalleiterin Katharina Wagner und dem interimistischen Geschäftsführer Heinz-Dieter Sense die Ausladung vor allem als Zeichen allgemeiner Unprofessionalität und Organisationsschwierigkeiten. Zu diesen gehöre "auch, dass es von Christian Thielemanns Seite offenbar nie eine Zusage zu der Veranstaltung mit Friedman gegeben hat. 'Ich erinnere mich', sagt der Dirigent am Telefon, 'dass von einer Gedenkveranstaltung gesprochen wurde. Ich hätte das auch gene gemacht, natürlich, habe aber sofort kommuniziert, dass ich zwischen meinem Konzert mit Beethovens Neunter am 25. Juli und dem Auftakt des neuen Rings mit Rheingold am 27. Juli nicht kann.' Das wäre ihm schlicht zu viel geworden. 'Und daraufhin habe ich nichts mehr gehört.' Es mag Gründe gegeben haben, Thielemann nicht mit allen planerischen Winkelzügen zu belasten - nach einer adäquaten Kommunikation unter Bayreuths Protagonisten aber klingt das nicht."
In der FAZ findet Jan Brachmann die Aufregung reichlich übertrieben. Es stimme außerdem überhaupt nicht, dass sich die Festspiele nicht "ernsthaft" mit Wagners Antisemitismus auseinandersetzen würden. Das passiere schon im "Richard-Wagner-Museum, das den Antisemitismus Wagners so deutlich benennt, dass amerikanische Wagner-Fans, die davon bislang nichts wussten, häufig Weinkrämpfe nach dem Besuch bekommen; in der Ausstellung 'Verstummte Stimmen', die im Garten vor dem Festspielhaus seit 2015 an verfolgte und ermordete jüdische Mitwirkende der Bayreuther Festspiele erinnert; in Barrie Koskys Inszenierung von Wagners 'Die Meistersinger von Nürnberg', die gedankenklar die Linie von Wagners Haus Wahnfried zum Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg, vom diskriminatorischen Salon-Antisemitismus zum industriell betriebenen eliminatorischen Antisemitismus der Nazis zog."
"Antisemitismus? Wohl eher nicht," meint auch Axel Brüggemann bei Backstage Classical und teilt auch gegen die SZ aus: "Die Festspiele und ihr wissenschaftliches Umfeld lassen sich in den letzten zwanzig Jahren durchaus als Vorbild dafür verstehen, Kunst und ihre Geschichte zu kontextualisieren. Ihr einziger Fehler ist vielleicht, dass Michel Friedman dabei bislang keine Rolle gespielt hat." In der SZ hält Nils Minkmar die Absage dagegen für ein fatales politisches Signal. Es sei eine "redliche" Bestrebung gewesen, Wagners Antisemitismus zu thematisieren, "aber es ist viel schlimmer, so etwas dann wieder abzusagen, und es ist noch viel, viel schlimmer, zu sagen, man begehe das alles dann halt später 'mit wem auch immer'." In der Welt erklärt Manuel Brug, dass die von der Festivalleitung angegebenen Gründe für die Absage durchaus valide sind, so habe das Festival seit den Anschlägen im Pariser Bataclan ein strenges Sicherheitskonzept.
Weitere Artikel: Statt unbezahlbare Neubauten zu planen, sollte man Opern- und Theaterbauten lieber renovieren, meint Klaus Englert in der taz mit Blick auf die gescheiterten Pläne für eine neue Düsseldorfer Oper (unsere Resümees). Katrin Ullmann besucht für die taz die erste Tanztriennale in Hamburg. Besprochen wird Paul Currans Inszenierung von Giuseppe Verdis "La Traviata" in der Arena di Verona (NZZ).
In der Zeit sehen Christine Lemke-Matwey und Florian Zinnecker nach Telefonaten mit der Festivalleiterin Katharina Wagner und dem interimistischen Geschäftsführer Heinz-Dieter Sense die Ausladung vor allem als Zeichen allgemeiner Unprofessionalität und Organisationsschwierigkeiten. Zu diesen gehöre "auch, dass es von Christian Thielemanns Seite offenbar nie eine Zusage zu der Veranstaltung mit Friedman gegeben hat. 'Ich erinnere mich', sagt der Dirigent am Telefon, 'dass von einer Gedenkveranstaltung gesprochen wurde. Ich hätte das auch gene gemacht, natürlich, habe aber sofort kommuniziert, dass ich zwischen meinem Konzert mit Beethovens Neunter am 25. Juli und dem Auftakt des neuen Rings mit Rheingold am 27. Juli nicht kann.' Das wäre ihm schlicht zu viel geworden. 'Und daraufhin habe ich nichts mehr gehört.' Es mag Gründe gegeben haben, Thielemann nicht mit allen planerischen Winkelzügen zu belasten - nach einer adäquaten Kommunikation unter Bayreuths Protagonisten aber klingt das nicht."
In der FAZ findet Jan Brachmann die Aufregung reichlich übertrieben. Es stimme außerdem überhaupt nicht, dass sich die Festspiele nicht "ernsthaft" mit Wagners Antisemitismus auseinandersetzen würden. Das passiere schon im "Richard-Wagner-Museum, das den Antisemitismus Wagners so deutlich benennt, dass amerikanische Wagner-Fans, die davon bislang nichts wussten, häufig Weinkrämpfe nach dem Besuch bekommen; in der Ausstellung 'Verstummte Stimmen', die im Garten vor dem Festspielhaus seit 2015 an verfolgte und ermordete jüdische Mitwirkende der Bayreuther Festspiele erinnert; in Barrie Koskys Inszenierung von Wagners 'Die Meistersinger von Nürnberg', die gedankenklar die Linie von Wagners Haus Wahnfried zum Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg, vom diskriminatorischen Salon-Antisemitismus zum industriell betriebenen eliminatorischen Antisemitismus der Nazis zog."
"Antisemitismus? Wohl eher nicht," meint auch Axel Brüggemann bei Backstage Classical und teilt auch gegen die SZ aus: "Die Festspiele und ihr wissenschaftliches Umfeld lassen sich in den letzten zwanzig Jahren durchaus als Vorbild dafür verstehen, Kunst und ihre Geschichte zu kontextualisieren. Ihr einziger Fehler ist vielleicht, dass Michel Friedman dabei bislang keine Rolle gespielt hat." In der SZ hält Nils Minkmar die Absage dagegen für ein fatales politisches Signal. Es sei eine "redliche" Bestrebung gewesen, Wagners Antisemitismus zu thematisieren, "aber es ist viel schlimmer, so etwas dann wieder abzusagen, und es ist noch viel, viel schlimmer, zu sagen, man begehe das alles dann halt später 'mit wem auch immer'." In der Welt erklärt Manuel Brug, dass die von der Festivalleitung angegebenen Gründe für die Absage durchaus valide sind, so habe das Festival seit den Anschlägen im Pariser Bataclan ein strenges Sicherheitskonzept.
Weitere Artikel: Statt unbezahlbare Neubauten zu planen, sollte man Opern- und Theaterbauten lieber renovieren, meint Klaus Englert in der taz mit Blick auf die gescheiterten Pläne für eine neue Düsseldorfer Oper (unsere Resümees). Katrin Ullmann besucht für die taz die erste Tanztriennale in Hamburg. Besprochen wird Paul Currans Inszenierung von Giuseppe Verdis "La Traviata" in der Arena di Verona (NZZ).
Architektur
In der SZ freut sich Gerhard Matzig, dass es zumindest Pläne gibt, das in die Jahre gekommene Arabellahaus in München nicht abzureißen, sondern vom Architekten Andreas Hild umbauen zu lassen (mehr hier). Ein große Chance, so Matzig: "Man sollte sie ergreifen - und dann hoffen (oder gerne sich garantieren lassen), dass der Investor nicht aus Kostengründen alles wieder kassiert, was das Projekt so überzeugend macht: ein öffentlich begehbarer Alpenblick, eine Centre-Pompidou-Rolltreppe, kulturelle Nutzungen, ein Hybrid aus Wohnen und kleinteiligem Gewerbe, dazu wie gehabt Praxen und Hotelnutzungen, eine Öffnung samt Terrasse, endlich eine organisch anmutende Anbindung an den Stadtraum, ein Begrünen von Parkplätzen. Wenn das alles gelingt, dann ist München um eine Sehenswürdigkeit reicher, die beweist, dass sich Baukultur, Ästhetik, Ökologie und Immobilienwirtschaft nicht ausschließen."
Kunst

Mit großer Begeisterung studiert FAZ-Kritiker Stefan Trinks die Druckgrafiken von Pieter Bruegel dem Älteren, die das Städel Frankfurt in einer Ausstellung zeigt. Da lohnt es sich, ganz genau hinzusehen: "Was bei allen Grafiken Bruegels verfängt ist die erstaunliche haptische Sinnlichkeit der Blätter. Nicht nur in den Allegorien der 'Fünf Sinne' nach Vorlagen des Manieristen Frans Floris, wo etwa beim TACTUS ein Falke schmerzhaft in die Hand der weiblichen Personifikation des Tastsinns hackt, sondern auch in Bruegels Kupferstich der 'Schule von Athen' nach Raffael tritt die polysensuale Kraft der Grafik deutlich zutage: Die Philosophenanhäufung in samtigen Schwarztönen schwitzt geradezu vom angestrengten Denken."
"Da ist was los!" ruft auch Lisa Berins freudig in der FR: "Überall schlüpfen groteske Kreaturen aus Eiern und Ritzen, ziehen Fratzen, scheinen Zwielichtiges im Sinn zu haben. Längst haben sie die surrealen Landschaften eingenommen. Dazu tosende Meere, Rauchsäulen, Kampfszenen. Und die Menschen(...) - sind verloren! Ein merkwürdiges, echsenartiges Wesen schleicht durch ein Bild, es ist offensichtlich wehrhaft, denn es trägt ein Messer am Hut. Da liegt ein riesiger gestrandeter Fisch, der kleinere Fische ausspuckt, die kleinere Fische ausspucken, die kleinere Fische ausspucken."
Auußerdem: In der FAZ ist Bettina Wohlfarth nicht begeistert von der Verhüllungsaktion "La caverne du Pont Neuf" des Streetart-Künstlers JR: Der im Sinne Christos eingepackte Pont Neuf in Paris ist für sie wenig "subversiv".
Musik
Für die Art, wie die Wiener Philharmoniker zu Neujahr Florence Prices als Entdeckung annoncierte Komposition "Rainbow Waltz" aufgeführt haben, hagelte es Kritik - das Stück sei in dem an einen Wiener Walzer erinnernden Arrangement kaum wiederzuerkennen, hieß es. "Der Vorwurf lautete: Eine Komponistin - im Neujahrskonzert bisher marginalisiert - eine afroamerikanische Komponistin, bisher von den Philharmonikern nie gespielt, wurde durch das 'Arrangement', das ihrem Original nicht gerecht wurde, nochmals marginalisiert", schreibt der Komponist Alexander Strauch auf Backstage Classical, der das Stück nun neu und möglichst werkgerecht zu arrangieren versucht hat. "Der erste Blick in die Noten bestätigte: Nein, das ist kein Wiener Walzer! Es gibt keine langsame Einleitung, das Werk selbst ist eher knapp gehalten. Das Thema des Walzers ist breit und majestätisch, schwingt sich über erweiterte chromatische Harmonik schnell auf, ebbt und staut sich stark bremsend, um dann nochmals loszulegen und den Teil leise zu beenden."
Weiteres: Im Tagesspiegel geht Tobias Langley-Hunt dem viralen TikTok-Hype um Kitschkriegs Song "Gut genug" auf den Grund. Besprochen wird das neue Album der Rolling Stones (NZZ).
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Literatur
Die Zeit blickt mit einem Schwerpunkt zurück auf hundert Jahre Ingeborg Bachmann. "Ihre übergroße Verwundbarkeit, ihre Nervenkrisen, ihre grandiosen Selbstinszenierungen als Diva der Dichtkunst und als atemlos hilfloses Geschöpf waren ihre Antwort auf den Umstand, dass eine Frau wie sie in der allerletzten Epoche ungebrochener Männerherrschaft einfach noch nicht vorgesehen war", schreibt Iris Radisch in der Einleitung. Adam Soboczynski schreibt über Bachmanns Werk: "Etwas Wahrhaftiges zu finden, etwas Greifbares und Liebevolles im nahenden Schrecken, ist die letzte Hoffnung in diesen Wort- und Seelenlandschaften." Jolinde Hüchtker sichtet neue Veröffentlichungen über Bachmann. Volker Weidermann blickt auf Bachmanns Aufarbeitung ihrer NS-Familiengeschichte. Regina Schelling und Sandra Hüller sprechen über ihren gemeinsamen Porträtfilm über Bachmann, der nächste Woche in die Kinos kommt.
Weiteres: Judith von Sternburg berichtet in der FR von Joshua Groß' Poetikvorlesung in Frankfurt. In der FAZ-Reihe zum 250-jährigen Bestehen der USA im Spiegel der Literatur des Landes schreibt Andreas Platthaus über das Expeditionstagebuch von Meriwether Lewis und William Clark aus dem Jahr 1814. Jobst Welge gratuliert in der FAZ der Schriftstellerin Lídia Jorge zum 80. Geburtstag. Besprochen werden unter anderem Stefan Müller-Doohms "Frankfurt als geistige Lebensform: Erinnerungen und Essays" (FR) und Katrin Zipses "Moosland" (FAZ).
Weiteres: Judith von Sternburg berichtet in der FR von Joshua Groß' Poetikvorlesung in Frankfurt. In der FAZ-Reihe zum 250-jährigen Bestehen der USA im Spiegel der Literatur des Landes schreibt Andreas Platthaus über das Expeditionstagebuch von Meriwether Lewis und William Clark aus dem Jahr 1814. Jobst Welge gratuliert in der FAZ der Schriftstellerin Lídia Jorge zum 80. Geburtstag. Besprochen werden unter anderem Stefan Müller-Doohms "Frankfurt als geistige Lebensform: Erinnerungen und Essays" (FR) und Katrin Zipses "Moosland" (FAZ).
Film

Josef Wirnshofer staunt in der SZ über Wolf Gaudlitz' Film "Blaue Wüste", den der bayerische Filmemacher nach der Premiere beim Filmfest München in den frühen Neunzigern jahrzehntelang nicht zeigte, nur um ihn jetzt doch noch in die Kinos zu bringen. Geschrieben unter dem Eindruck der deutschen Wiedervereinigung handelt der Film vom Versuch eines Filmteams mit Gaudlitz an der Spitze, Wasser in die Wüste zu tragen. Zu sehen ist "ein Film im Film, womit sich alles Weitere in einer sanft verspulten, manchmal auch etwas vernebelten Zwischenwelt abspielt. ... Vor allem aber ist es ein tiefes und immer tieferes, oft auch poetisches Schürfen nach Bildern. Manches, das die Kameramänner Pascal Hoffmann und Matthias Fuchs einfingen, schimmert ganz leise, ganz unaufgeregt. Die saphirblauen Nächte in der Wüste, der Gleitschirmflieger starrt benommen in den Himmel und versichert sich mit einem Schluck Bier, dass er noch lebt. Dann wieder strahlen die Dünen so hell und intensiv, als wären ihre Konturen mit dem Rasiermesser gezogen."
Weiteres: Überaus reizvoll findet es Philipp Stadelmaier im Filmdienst, dass das Österreichische Filmmuseum in einer gemeinsamen Reihe die auf den ersten Blick nicht viel miteinander teilenden Filme von Stanley Kubrick, Shirley Clarke und Michael Roemer zueinander in Beziehung setzt. In einem großen Zeit-Gespräch spricht die Schauspielerin Sibel Kekilli über Gewalterfahrungen in ihrer Familie (unser Resümee in der Debattenrundschau). Besprochen werden Kane Parsons' "Backrooms" (FR, Tsp, Welt) und Michael Sarnowskis "The Death of Robin Hood" (FR, taz, Standard).
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