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13.02.2026. Besonders glücklich sind die Filmkritiker nicht, dass Tricia Tuttle die Berlinale mit Shahrbanoo Sadats Feelgood-Komödie aus Afghanistan eröffnet. Herbert von Karajan war kein glühender, aber doch ein von Hitler wenig geschätzter Formalnazi, hält Michael Wolffsohn in der FAZ fest. Die FR lernt in Frankfurt die Chancen von KI in der Kunst kennen. Und alle Zeitungen trauern um Cees Nooteboom, der uns zeigte, wie schön es ist, die Couch zu verlassen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Dirigent Herbert von Karajan wurde 1935 Mitglied der NSDAP, weiß man. Aber wurde er Mitglied aus Karrieregründen oder weil er ein in der Wolle gefärbter Nazi war? Das hat Michael Wolfssohn in seinem Buch "Genie und Gewissen: Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus" untersucht. Im Interview mit der FAZ gibt er eine klare Antwort: Nein, Karajan war kein glühender Nazi. "Ein Formalnazi ja. Aber entscheidend ist die Frage: War Karajan auch ein Gesinnungsnazi? Die Deutschen strömten ab März 1933 aus Opportunismus in die NSDAP. Karajan war Österreicher und hätte das nicht tun müssen. Aber er war seit 1929 berufstätig in Deutschland - und zwar als Kapellmeister in Ulm. Diese Stelle war gefährdet. Er suchte sich durch die Parteimitgliedschaft abzusichern. ... Vom Naziregime konnte er trotz seiner NSDAP-Mitgliedschaft kaum profitieren. Adolf Hitler mochte ihn als Dirigenten nach einer verunglückten Aufführung von Richard Wagners 'Meistersingern' am 2. Juni 1939 überhaupt nicht. Er war so erbost, dass er erklärte, nie wieder eine Vorstellung zu besuchen, in der Karajan dirigierte." Mehr zum Buch bei backstage classical.
"Er war mitreißend, ohne Verführer zu sein", schreibt Regine Müller in der NZZ über den Dirigenten und Bach-Spezialisten Helmuth Rilling, der im Alter von 92 Jahren gestorben ist. "Seine spontanen Eingebungen waren berüchtigt: In den größten Momenten folgte Helmuth Rilling seinem untrüglichen Instinkt für die Spannung, die in der Luft lag", wie 1984 "bei einem Konzert mit Bachs h-Moll-Messe in Weimar im Rahmen einer DDR-Tournee, die von offizieller Seite argwöhnisch beäugt wurde. Die Stimmung im ausverkauften Saal knisterte. Im 'Crucifixus' ließ Rilling plötzlich die Arme sinken. Er dirigierte nicht mehr, sondern stand still. Nur mit den Augen kommunizierend, verkörperte er Schmerz und Leid in völliger Bewegungslosigkeit. Und Bachs Partitur spielte sich sozusagen von selbst. Über den bohrenden Vierteln des Ostinato-Basses versickerte das Geschehen schließlich im Pianissimo auf die Worte 'et sepultus est'. Das folgende 'Et resurrexit' - nun wieder unter explosiver Leitung Rillings - gelang triumphaler denn je."
Als interessiert, bodenständig und zielstrebig beschreibt Gerald Felber den Dirigenten in der FAZ. Und auch er erinnert sich an ein Konzert mit Bachs h-Moll-Messe, diesmal in Dresden: "ein langer Frühlingsabend, der gerade dadurch unvergesslich bleibt, weil hier die Geister lustvoller Lebenszugewandtheit und metaphysischer Entgrenzung in unvergesslicher Weise zueinander fanden und damit die DDR-typischen Verklemmungen gegenüber dem geistlichen Bach subtil unterliefen." In der SZ würdigt ihn Helmut Mauró.
Hier der erste Teil eines Gesprächskonzerts mit Rilling zur h-moll-Messe:
Weiteres: In der NZZsieht Marco Frei den kommenden Bayreuther Festspielen guter Dinge entgegen, denn dort wird NathalieStutzmann dirigieren, die ihn aktuell an der Bayerischen Staatsoper gerade mit Charles Gounods "Faust"-Oper sehr überzeugt hat. Josef Engels spricht in der Welt mit dem Jazzmusiker NilsLandgren. Joachim Hentschel macht sich in der SZ Gedanken darüber, wie KidRock zum Aushängeschild der MAGA-Bewegung wurde. Besprochen werden ein Auftritt von Raye in Zürich (NZZ) und ein Konzert der HR-Bigband mit RichardBona (FR).
Auf der Suche nach den letzten verbliebenen guten Männern in Afghanistan: "No Good Men" von Shahrbanoo Sadat (auch rechts im Bild) Die Berlinale wurde mit ShahrbanooSadats kurz vor der erneuten Machtübernahme der Taliban in Afghanistan spielender Romantic Comedy "No Good Men" eröffnet. Der Titel ist Programm: Eine TV-Reporterin, gespielt von der Regisseurin selbst, fängt auf den Straßen Kabuls Stimmen von Frauen ein, die allesamt gut ohne die Männer auskommen könnten - weil es im Land einfach keine guten Männer gibt. Bis die Reporterin schließlich selbst auf einen Mann trifft, der sie allmählich vom Gegenteil überzeugt. "In der Theorie ist 'No Good Men' der perfekte Berlinale-Film, eine Feelgood-Komödie vor dem Hintergrund eines politischen Konflikts", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Festivalleiterin Tuttle "geht mit diesem Statement, das bewusst die Erwartungen an einen Eröffnungsfilm unterläuft (Stars!), allerdings auch ein Wagnis ein. Hohe Anforderungen an die Filmkunst stellen sich zu diesem Zeitpunkt aber ohnehin noch nicht, es geht vielmehr darum, ein positives Zeichen für die nächsten zehn Tage zu setzen." Und so "lässt sich zumindest schon mal konstatieren, dass diese Berlinale sich etwas anders präsentiert als die früheren Ausgaben".
Wie die Regisseurin ihren schweren Stoff humoristisch unterfüttert, "soll den Film womöglich davor bewahren, lediglich plattes Betroffenheitsdrama zu bieten", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz, aber das glücke nicht so richtig: "Wenn die Lage ernst wird, gibt es für Witz nur noch wenig Raum, und nach und nach schleichen sich auch Töne in den Film, die an eine triefige Seifenoper denken lassen. Das wirkt besonders dort deplatziert, wo die realen Geschehnisse an völlig andere Bilder denken lassen, insbesondere an die verzweifelter Menschen, die am Flughafen von Kabul im August 2021 über das Rollfeld rannten, in der Hoffnung, irgendwie noch mit einer der startenden Militärmaschinen fliehen zu können."
Der Film "ist ein Musterbeispiel für die Stärken der Berlinale - und ihre Schwächen", hält Andreas Kilb in der FAZ fest. Den politischen Anspruch des Festivals erfüllt die Regisseurin glänzend, doch "die Dialoge wirken aufgesagt, die Wendungen des Geschehens erzwungen, die Bilder fließen nicht, sondern stolpern von Ort zu Ort". Es werden "wohl viele Filme dieser Berlinale ähnliche Probleme haben", vermutet Kilb vorab. "Das liegt nicht an handwerklichen Unsicherheiten von diesem und jener oder am fehlenden Geschmack der Auswahlkomitees, sondern an der prekären Lage des Festivals insgesamt", denn dessen internationale Konkurrenz "hat die Berlinale seit Jahren immer deutlicher abgehängt". Ja, "es gab Zeiten, da wurde die Berlinale von den Coen-Brüdern eröffnet (mit 'Hail Caesar', 2016) oder von Wes Anderson (mit 'Grand Budapest Hotel' 2014 und 'Isle of Dogs' 2018)", mosert David Steinitz im Dauerloop zum x-ten Mal in der SZ.
Mehr zum Festival: Claudia Lenssen (taz), Christiane Peitz (Tsp) und Olaf Möller (critic.de) werfen Blicke in die Berlinale-Retrospektive, die dem Kino der Neunziger gewidmet ist. Besprochen wird RafaelManuels im Debüt-Wettbewerb "Perspectives" gezeigtes Drama "Filipiñana" (taz). Und unverzichtbar für den schnellen Überblick: der sich rasant füllende Kritikerspiegel von critic.de.
Abseits der Berlinale: Christian Schachinger gratuliert im Standard den Muppets zum Fünfzigsten. Besprochen werden SönkeWortmanns "Die Ältern" (Perlentaucher) und Alina Cyraneks Dokumentarfilm "Fassaden" über häusliche Gewalt (SZ).
Da ist der Sammlerin Julia Stoschek und ihrem Kurator Udo Kittelmann ein "Geniestreich" gelungen, schwärmt Jürgen Schmieder (SZ) nach dem Eröffnungsabend der Videokunst-Ausstellung "What a wonderful World: An Audiovisual Poem" in der Stoschek-Foundation in Los Angeles: "Da treffen sich zum Beispiel im Keller auf drei Leinwänden, erstens, 'Un chien andalou' von Luis Buñuel, dann 'Waves' von Anne Imhof (eine Frau peitscht das Meer aus, als hätte Xerxes sie damit beauftragt) und schließlich das berühmte 'Barbed Hula' von Sigalit Landau, der blutige Hula-Hoop mit Stacheldraht, und im Hintergrund rollen auch hier so stoisch die Wellen ans Land wie drüben bei den Surfern in Venice Beach. Und dann: Lässt man sich von einer pink glitzernden Diskokugel und Britney Spears' Bathtub-Song in Robert Boyds Vier-Bildschirm-Installation 'Xanadu' von 2006 locken wie in das Horrorhaus, von dem man im Film immer vorher schon weiß, dass am Ende nur Leid und Pein auf einen warten."
Weitere Artikel: Die Erbengemeinschaft des jüdischen Tenors Alfred Strauss und die Stadt Düsseldorf haben sich in einem Restitutionsverfahren darauf geeinigt, das Gemälde "Christus am Ölberg" von Lucas Cranach dem Älteren zu verkaufen: Drei Viertel des Erlöses erhält die Erbengemeinschaft, ein Viertel die Stadt Düsseldorf, meldet die FAZ.
Cees Nooteboom, 2015. (Bild: Mikel López González, CC BY-SA 2.0) "Wer war CeesNooteboom", fragt sich Paul Jandl in seinem NZZ-Nachruf auf den großen niederländischen Reise-Schriftsteller. "Ein verkappter Romantiker, der mit seinen Figuren gleich selbst ins Staunen hineinfiel? Oder ein ausgefuchster Postmodernist, der aus dem unschuldigsten aller Gefühle die nüchternsten Funken schlug? Die literarische Postmoderne lebte von Vexierbildern und Verrätselungen. Vom Spiel mit Identitäten. Genau dieses Spiel hat Nooteboom in seinen Romanen und Erzählungen immer wieder getrieben."
"Was er sah, hörte, roch, anfasste, verwandelte er in Literatur", schreibt Arno Widmann in der FR. Sein Werk war "überquellend von Weltwissen. Er hat es sich angelesen, angeschaut und angelaufen." Und er war "ein Scout. Er war unterwegs in der Welt und erzählte von dem, was dort war, von dem, was die Menschen dort schrieben, dachten und malten. Ich konnte auf meiner Berliner Couch liegen bleiben, blättern und lesen und durch Cees Nootebooms 'Mönchsauge' - so der Titel eines 2018 erschienenen Gedichtbandes - hindurch auf die Welt blicken." Noteboom zeigte seinem Publikum, "wie schön es ist, die Couch zu verlassen, sich hineinzubegeben in Wetter und Wind, in Gewitter und Sturm, ins Dunkle und ins Licht. Aber wir Nooteboom-Fans lieben es, ihn hinauszuschicken ins Fremde, ins Vertraute, ins Schöne und Abstoßende."
"Die Verknüpfung von Schwermut und Leichtigkeit war von vornherein der Stil Cees Nootebooms gewesen", hält Thomas Steinfeld in der SZ fest. "Seine Beschreibungen unserer Wirklichkeit zielen aufs Transzendente, ohne je mit dem Okkulten zu flirten", notiert Tilman Spreckelsen in der FAZ. Nootebooms bereiste und beschrieb die Welt, "als wollte er ausmessen, dass sie für ein Leben immer noch nicht groß genug ist", schreibt Dirk Schümer in der Welt. Im Tagesspiegel schreibt Gerrit Bartels den Nachruf. Auf Zeit Online verabschiedet sich der frühere Verleger und Schriftsteller MichaelKrüger mit persönlichen Erinnerungen von diesem "lieben Freund".
Übrigens: Das gab es noch nie in der Geschichte des Perlentaucher: In keiner der vom Perlentaucher ausgewerteten Zeitungen - FAZ, FR, NZZ, SZ, taz, Welt, Zeit - gibt es auch nur eine einzige Buchkritik, nicht eine! Würden wir nicht seit einigen Jahren zusätzlich die Kritiken von Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur auswerten, stünden wir zum ersten Mal ohne "Bücherschaudes Tages" da.
Szene aus "Auf allen Vieren". Foto: Mayra Wallraff Mit der Übersetzung von Miranda Julys Roman "Auf allen Vieren" über eine Mittvierzigerin, die sich sexuell befreit, kam die Menopausen-Literatur auch nach Deutschland, nun bringen die Regisseurinnen Sabine Auf der Heyde und Holle Münster den Roman auf die Bühne der Berliner Sophiensäle. Die Inszenierung gerät mitunter "sperrig", für Spaß aber sorgen die Schauspielerinnen Meike Droste und Fritzi Haberlandt in Personalunion, atmetNachtkritikerin Elena Philipp auf: Zum Beispiel wenn die beiden "die sich aufbauende sexuelle Spannung zwischen der Hauptfigur und dem Tankstellenmitarbeiter Davey illustrieren. Mit flatternden Händen, zuckenden Beinen und gestelztem Gang verlieren sie sich in einem Balztanz - vor einer Tulpentapete, die in der Projektion zu einem drogenrauschartigen Farbflimmern verläuft (Video: Isabel Robson). Die intime Szene, in der Davey der älteren Liebhaberin und als Künstlerin bewunderten Frau einen Tampon einführt, performen Droste und Haberlandt in eingefrorener Schoß-Sitz-Pose vor den Bildern von Schnecken-Sex."
Weitere Artikel: Was für eine Entdeckung, freut sich Hannah Schmidt auf Zeit Online, nachdem sie 130 Jahre nach deren Entstehung die feministische Oper "Die Fritjof-Saga" der schwedischen Komponistin Elfrida Andrée auf der Bühne des Aalto Theaters in Essen sehen konnte: Ein "feministischer Gegenentwurf" zum Parsifal, so Schmid, allein die Inszenierung von Anika Rutkofsky überzeugt nicht, seufzt sie. Im FR-Interview mit Sylvia Staude erzählt Samuel Wuersten, Leiter des gerade stattfindenden Holland Dance Festivals (mehr hier) unter anderem über den Nachwuchs in den Niederlanden und Tanz in der deutschen Provinz. Simon Strauss porträtiert in der FAZ die Schauspielerin und Regisseurin Julia Riedler, die gerade den Hamlet in Freiburg inszeniert.