Efeu - Die Kulturrundschau

Lost in the Nineties

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12.02.2026. Heute Abend beginnt die Berlinale: Die afghanische Regisseurin Shahrbanoo Sadat, deren Film "No Good Men" das Festival eröffnet, erzählt im ND-Interview, das ursprünglich niemand eine afghanische Romcom wollte. Die SZ ist schon vor Beginn im Berlinale-Blues, denn: wo sind die Stars? FAZ und FR rätseln in der Schirn über die Verquickung von Technik und Religion in den Werken Thomas Bayrls. Sandra Hüller erzählt in der Zeit, wie es sich mit Penis-Attrappe in der Hose läuft. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.02.2026 finden Sie hier

Film

Eine romantische Komödie in Kabul: "No Good Men" von Shahrbanoo Sadat eröffnet die Berlinale

Heute Abend beginnt die Berlinale. Als Eröffnungsfilm läuft Shahrbanoo Sadats zwar in Deutschland gedrehter, aber im Kabul am Vorabend der erneuten Machtübernahme der Taliban spielender "No Good Men". Der autobiografisch grundierte Film der 2021 aus Afghanistan nach Deutschland geflohenen Regisseurin erzählt von einer TV-Kamerafrau, die zusehends an den Männern im Land und deren schäbigen Verhalten gegenüber Frauen verzweifelt.

"Als afghanische Filmemacherin bin ich von verschieden Erwartungen umgeben", erzählt Sadat im großen ND-Interview: "Die Afghanen erwarten von mir, dass ich ein positives Bild des Landes zeige. In Europa erwartet man wiederum, dass ich politische oder feministische Filme mache. ... Als ich diese Idee hatte, eine romantische Komödie zu machen, dachte ich, dass alle die Idee toll finden und sie begrüßen. Interessanterweise haben viele europäische Filmförderungen mir zurückgeschrieben, dass es für sie unangemessen sei, eine Romcom zu fördern, während die politische Lage Afghanistans so problematisch sei. Diese Briefe habe ich an meinen Kühlschrank geklebt." Der Film sollte zunächst in Jordanien und Griechenland gedreht werden, was aber an der Finanzierung scheiterte, verrät Sadat im Tagesspiegel-Gespräch. "Also mussten wir kreativ werden: Wir drehen in Deutschland", in einem ehemaligen Stasigebäude in Berlin-Hoppegarten, um genau zu sein.

Und das Festival im Allgemeinen? Der "endgültige Berlinale-Blues" befällt SZ-Kritiker David Steinitz gleich zu Beginn, weil Tricia Tuttle in ihrem zweiten Jahr als Festivalleiterin schon wieder kaum Stars und funkelnde Weltpremieren (und wenn, dann "eher aus den äußeren Grenzbereichen des Indie-Kinos") an die Spree bringt. Dabei hatte man sich doch gerade das von ihr erhofft, nachdem man Carlo Chatrian als Leiter aus dem Amt gemobbt hatte. Dies "verstärkt den Effekt, dass die begehrten Filmemacher lieber woanders hingehen. Für die Zukunft ist das eine gefährliche Dynamik. Denn ein Festival, das vor allem Hardcore-Cineasten bedient, wird in Zeiten klammer Kassen und politischer Kampfparolen aus allen Lagern immer mehr in Rechtfertigungsnot kommen." Tim Caspar Boehme sieht in der taz auch den Potsdamer Platz zunehmend als Hypothek: Nicht nur ist die Architektur hier "freudlos", auch ist von der einstmals hohen Kinodichte an diesem Ort kaum mehr etwas geblieben. 

Dass es der Berlinale vielleicht ja gar nicht mehr sooo sehr um die "großen Namen" geht, kann man dem SZ-Interview mit Leiterin Tricia Tuttle entnehmen, denn mit Namen, die die Augen alteingesessener Filmkritiker zum Leuchten bringen, holt man sich eher kein Nachwuchs-Publikum heran. "Wir arbeiten viel mit Tiktok und auch mit dem Team von Letterboxd zusammen. Sie unterstützen uns dabei zu verstehen, was auf ihren Plattformen funktioniert, um Interesse an der Berlinale zu wecken. Oft geht es darum, Teil eines Gesprächs zu sein, statt einfach nur unsere Sichtweisen zu verbreiten. Wir haben als Festival die Aufgabe, die jungen Erwachsenen auch dazu zu bringen, zum Festival zu kommen."

Die Retrospektive ist in diesem Jahr dem Kino der Neunziger gewidmet. Mehr als ein "Kuddelmuddel", in dem "recht viel Ungleiches zusammenkommt", ist daraus aber nicht geworden, schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock. Die Retro tue "so, als gäbe es kein Skandinavien. Keinen Lars von Trier, kein Dogma 95 - lost in the Nineties ist diese Retrospektive. Als gäbe es kein Afrika und als würde der ganze asiatische Kontinent nicht existieren - die 90er Jahre waren aber nicht zuletzt, und das auch in Berlin auf der Berlinale, die Entdeckung Asiens, also des asiatischen Kinos." Auch Ralf Krämer vom Freitag vermisst so gut wie alles, was in den Neunzigern für Furore gesorgt hat. Aber vielleicht spricht aus dieser Zusammenstellung ja gerade "jene gewisse Orientierungslosigkeit", die für das Jahrzehnt typisch waren. Im ND wirft Christof Meueler Schlaglichter auf einzelne Filme der Retro.

Sandra Hüller im Wettbewerbsfilm "Rose"

Mehr von der Berlinale: "Jetzt verstehe ich, warum Männer so gehen, wie sie gehen", sagt Sandra Hüller im Zeit-Gespräch, da sie für den Berlinale-Wettbewerbsfilm "Rose" als Frau, die sich als Mann ausgeben muss, fortlaufend eine Penisattrappe in der Hose tragen musste. Andreas Busche (Tsp) und David Steinitz (SZ) schreiben über Michelle Yeoh, die in diesem Jahr den Goldenen Ehrenbären erhält. Robert Ide und Christiane Peitz sprechen im Tagesspiegel mit Wim Wenders, der in diesem Jahr die Jury leitet. Nadine Lange gibt im Tagesspiegel einen Überblick über die queeren Filme im Programm. Ralph Trommer empfiehlt in der taz Georg Wilhelm Pabsts Stummfilm "Geheimnisse einer Seele", der als restaurierte Fassung in den Berlinale Classics zu sehen ist. Michael Meyns wirft für die taz einen Blick ins Programm der "Woche der Kritik", die die Berlinale als von Filmkritikern organisierte Alternativveranstaltung flankiert.

Abseits der Berlinale: Dunja Bialas berichtet für Artechock hier und dort vom Internationalen Filmfestival Rotterdam. In seiner "Cinema Moralia"-Kolumne auf Artechock ärgert sich Rüdiger Suchland unter anderem darüber, wie die deutschen Filmförderanstalten ihre beschönigten Zahlen als Erfolgsgeschichte verkaufen. Die Agenturen melden, dass der Schauspieler James Van Der Beek im Alter von 48 Jahren seiner Krebserkrankung erlegen ist.

Besprochen werden Arab und Tarzan Nassers "Once Upon A Time in Gaza" (Perlentaucher, Artechock, FAZ), Emerald Fennells "Wuthering Heights" (Standard, FR, NZZ, Artechock), Scandar Coptis "Happy Holidays" (Artechock), Bart Laytons "Crime 101" (Artechock), Sönke Wortmanns "Die Ältern" (Welt), die spanische Netflix-Serie "Salvador" (taz), eine Amazon-Doku über König Charles (NZZ) und Martin Walders Buch über die Filme des Schweizer Regisseurs Richard Dindo (NZZ).
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Literatur

Cees Nooteboom hat die Literatur, auch in Deutschland, seit den siebziger Jahren mitgeprägt. Die Nachrufe in den Zeitungen werden erst morgen folgen. "Abschied" hieß einer seiner letzten Bände mit Gedichten aus der Corona-Zeit. "Blind lauf ich weiter, ein fahler Hund / in der Kälte. Hier muss es sein, / hier nehm ich von mir Abschied / und werde dann langsam // niemand." Hier die Liste seiner Bücher im Perlentaucher. Foto: Hpschaefer unter Creative Commons-Lizenz bei Wikimedia Commons.



Die Agenturen melden, dass der Schriftsteller Cees Nooteboom gestorben ist. Der Literarischen Welt verrät der Journalist Philipp Peymann Engel (online nachgereicht), welche Lektüren ihn besonders gesprägt haben. Besprochen werden unter anderem Patricia Cleveland-Pecks und David Tazzymans Kinderbuch "Dürfen Elefanten mit dem Bus zu ihren Tanten" (FR), Ece Temelkurans "Nation of Strangers" (Zeit) und Junko Takases "Richtig gutes Essen" (FAZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau.
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Stichwörter: Nooteboom, Cees

Kunst

Thomas Bayrle. Fröhlich Sein!, 2026, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2026, Foto: Norbert Miguletz

Gebannt betrachtet Stefan Trinks für die FAZ die komplexe "Verquickung aus Moderne und menschheitsalten religiösen Motiven", die das Werk des Pop-Artists Thomas Bayrle bestimmt. Die Frankfurter Schirn zeigt in der Ausstellung "Fröhlich sein!" Kunstwerke aus den letzten zwanzig Jahren, in denen Technik und Religion eine seltsame Symbiose eingehen: Übereinandergetürmt stehen "drei nachtschwarze Autoreifen, während ein vierter sich wie ein Kopf aus dem anthropomorphen Reifenkörper à la Arcimboldo erhebt. Das Profil der Reifen jedoch ist ein tief eingeschnittenes Muster aus griechischen Kreuzen. Den Reifenseiten dagegen ist als erhabenes Relief abermals das Ave-Maria eingeschrieben. Wie eine modernisierte tibetanische Gebetsmühle hinterlässt diese Reifenskulptur in der Phantasie mit jeder Umdrehung einen prägenden Eindruck auf ihrem Weg, begleitet vom ebenfalls imaginierten Singsang des meditativen Mariengebets."

In der FR ist Lisa Berins ein bisschen ratlos, meint das aber nicht böse. Es ist weniger der Inhalt, der hier zählt, wird ihr bewusst: "Vielmehr als am spirituellen Gehalt ist Bayrle nämlich an der konzeptionellen Form, der Ästhetik, dem Muster und vor allem der Wiederholung interessiert: an dem Repetitiven der Religion, dem Gebetsmühlenartigen, Rhythmischen. Dem immer wiederkehrenden Gleichen, das sich zu einem größeren Etwas zusammensetzt (...) Bayrles Werke weisen immer wieder bestimmte Raster auf - auf deren Grundlage dennoch Individualität möglich ist."

Weiteres: Das Britisch Museum hat sich ein spektakuläres Stück aus der Tudor-Zeit, ein verziertes Herzmedaillon, für 3,5 Millionen Pfund gesichert, berichtet Gina Thomas in der FAZ. Besprochen werden eine Ausstellung von Asta Gröting mit dem Titel "Herz" in der Galerie Carlier/Gebauer in Berlin (tsp), die Ausstellung "Rolf Nesch, Nadira Husain, Ahmed Umar: 'Prägungen und Entfaltungen'" im Kunstmuseum Stuttgart (taz) und die Ausstellung "Metamorphoses" im Rijksmuseum Amsterdam (Zeit).
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Musik

Christian Wildhagen porträtiert in der NZZ die Geigerin Janine JansenBad Bunnys Superbowl-Auftritt "war im Grunde purer Castorf", schreibt Peter Kümmel in der Zeit. Hans-Jürgen Linke schreibt in der FR zum Tod des Posaunisten und Komponisten Uwe Dierksen.

Besprochen werden Michael Wolffsohns Buch "Genie und Gewissen", in dem der Historiker und Antisemitismusforscher Herbert von Karajans Verhältnis zum Nationalsozialismus analysiert (Zeit), und Megadeaths neues und angeblich auch letztes, kurzerhand nach der Band selbst benanntes Album, auf dem sich der Gitarrist Dave Mustaine final an seinen Konkurrenten Metallica abarbeitet, was aber "eitel, verzweifelt und ein bisschen dämlich" klingt, so SZ-Kritiker Peter Richter.

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Bühne

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Eine Geschichte mit Happy End erzählt Willi Winkler in der SZ. Kaum glauben konnte er beim Spaziergang über den Zürcher Friedhof Fluntern, auf dem viele bekannte Persönlichkeiten liegen, dass das Grab der Schauspielerin Therese Giehse dort aufgelöst werden sollte, weil niemand die Kosten für die Grabpflege übernehmen wollte. Im Endeffekt hat sich die Stadt dann aber doch schnell umentschieden: "Peter Stein antwortet nicht auf eine Mail, dafür reagiert Franz Xaver Kroetz sofort. Auf die Frage, ob er sich an den Kosten für die weitere Grabpflege beteiligen würde, knurrt es in seiner Antwort-Mail hörbar: 'Ich kann mir nicht vorstellen, dass das reiche Zürich sich die Schande antut und dieses Grab auflösen lässt.' Und siehe da, der Dichter hat wie immer recht. Bereits nach einer Woche kommt ein Bescheid von der Fachstelle Grabmal- und Friedhofkultur. Es war alles ein 'administratives' Missverständnis. 'Nicht nur aufgrund des Lebenswerkes und der bedeutenden Persönlichkeit der Verstorbenen, sondern auch durch das unter Denkmalschutz stehende Grabmal wird die Grabstelle sicher erhalten bleiben.'" Übrigens: Über das Leben der Giehse hat Barbara Yelin eine Graphic Novel veröffentlicht.

Besprochen wird Philipp Grigorians Inszenierung von Verdis Oper Luise Miller an der Staatsoper Wien (FAZ).
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