Efeu - Die Kulturrundschau
Gut gemeinte Publikumsverachtung
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.12.2025. Die Welt staunt, wie es Eva Victor gelingt, das Trauma einer Vergewaltigung in ihrem Film "Sorry, Baby" in eine "leichtherzige Tragikomödie" zu verpacken. Die SZ ist entsetzt über die ARD-Serie "Mozart/Mozart", in der man fast keinen Mozart hören kann. Hyperallergic ergründet im Jüdischen Museum in New York die beunruhigenden Körperlandschaften der Malerin Joan Semmel. Im FAZ-Interview spricht sich die Schriftstellerin Linn Ullmann gegen Canceln in der Kunst aus.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
13.12.2025
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Film

Die Filmkritikerinnen sind erstaunt: Eva Victor (Regie und Hauptrolle) gelingt mit "Sorry, Baby" das Kunststück, einen Film über eine Vergewaltigung im Uni-Betrieb als "eine unfassbar humorvolle, mühelose und, ja, leichtherzige Tragikomödie" umzusetzen, wie Marie-Luise Goldmann in der Welt schreibt. "Das Heilen, nicht das Sich-Rächen ... steht im Vordergrund." Wie die Regisseurin "mit der Verletzung umgeht, hat man so noch nicht gesehen: Da ist kein Verdrängen, Ästhetisieren, Überdramatisieren. Weder nutzt Victor das Trauma als Kunstgriff, wie es Drehbuchwerkstätten als notwendiges, die Figuren charakterisierendes Plot-Element lehren. Noch schlachtet sie das Trauma als alles bestimmendes Hintergrundrauschen aus."
"Wie nebenbei erfindet der Film eine neue Art, von Trauma und möglicher Heilung zu erzählen", staunt auch Julia Dettke in der FAS. "Victor hebt die Geschichte aus dem Persönlichen heraus und erzählt davon als Phänomen, als zu lösendes Problem für alle. ... Das Opfer ist hier nicht die Expertin. Sie wird nicht über das Geschehene definiert, sie darf ratlos sein, erstaunt, sie darf sich unerwartet verhalten. Sie darf weiter beruflich erfolgreich sein" und "ebenso entgeistert sein wie wir, weshalb ihr all das widerfährt. Auch Eva Victors Film darf das. Und es gelingt ihm großartig."
So einen saftigen Verriss kriegt man nur noch selten serviert: Auf der Medienseite der SZ fällt Johanna Adorján beim Sehen der ARD-Serie "Mozart/Mozart" aus allen Wolken, welche offenbar aus nur gut gemeinten Gründen Mozarts Schwester Maria "Nannerl" Anna in den Fokus rückt. Aber so etwas Miserables hat Adorján schon lange nicht mehr gesehen. Zu bezeugen ist offenbar eine Kaskade aus nichts als schlechten Entscheidungen und gut gemeinter Publikumsverachtung. Und Mozarts Musik gibt es auch fast nicht zu hören. Die Serie "wirkt wirklich, als hätte man einfach Chat-GPT gefragt... Offenbar traut man heutigen Ohren das Ertragen klassischer Musik nicht zu. Kaum ertönt etwas von Mozart, werden schnell klebrige Synthesizer darübergelegt und Beats, und es klingt dann nach diesem unerträglichen irischen New-Age-Geheule von Enya ... Historiencontent für eine für dumm verkaufte Welt."
Weiteres: In der WamS spricht Martin Scholz mit der Schauspielerin Marion Cotillard. Christoph Dobbitsch führt im Filmdienst durch die Filme des Regisseurs Rian Johnson, der mit seinen cleveren, an Agatha Christie angelehnten "Knives Out"-Filmen gerade viel Erfolg hat und damit auch NZZ-Kritiker Tobias Sedlmaier überzeugt. Martin Zips gratuliert in der SZ dem Schauspieler Dick Van Dyke zum 100. Geburtstag. Marion Löhndorf schreibt in der NZZ zum Tod des Schweizer Filmproduzenten Arthur Cohn. Erik Winter schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf den Dokumentarfilmer Arne Birkenstock.
Kunst

Einem künstlerisch hochbegabten "Phantom" ist FAZ-Kritikerin Kerstin Schweighöfer in der Ausstellung "Meisterhaftes Mysterium" im De Lakenhal Museum in Leiden auf der Spur. Lediglich die Initialen I.S. stehen den Kunsthistorikern bei der Suche nach der Identität eines Malers (oder einer Malerin?) zur Verfügung, der wohl zu Rembrandts Zeiten gelebt hat und dessen Porträts nicht nur "von psychologischem Tiefgang geprägt sind", sondern auch vom "Clair obscur" eines Rembrandt: "So wie die Leidener Maler widmete sich auch I.S. immer wieder dem alternden Menschen. Und auch er vermeidet dabei - anders als etwa Vermeer - jegliche Idealisierung. Die Gesichter werden realistisch dargestellt, mit allen Unebenheiten und Falten. I.S. ging dabei sogar noch einen Schritt weiter als seine Leidener Kollegen, er malte noch feiner, noch eindringlicher, hyperrealistisch. 'Dadurch wirkt sein Werk modern', so Kuratorin van der Vinde."
Weiteres: In der WamS unterhält sich die Künstlerin Hito Steyerl mit Jakob Hayner über das Verhältnis von KI und Kunst. Besprochen wird die gemeinsame Schau der Künstler Jac Leirner und Rafa Silvares in der Galerie Esther Schipper in Berlin (tsp).
Literatur

Am 16. Dezember vor 250 Jahren kam Jane Austen auf die Welt, die taz würdigt sie mit einem bereits seit einigen Tagen gefütterten Schwerpunkt, zu dem heute weitere Artikel dazukommen: Katharina Granzin arbeitet sich lose durch Leben und Lebensumstände der britischen Schriftstellerin, Jenni Zylka sichtet zahlreiche Film- und Serienadaptionen. Roman Bucheli (NZZ) und Kathleen Hildebrand (SZ) verneigen sich ihrerseits vor Austen.
Weiteres: Die Literaturnobelpreisträgerin Han Kang folgt ihrer deutschen Lektorin Friederike Schilbach vom Aufbau Verlag zu Ullstein, berichtet Julia Encke in der FAS. Der Autor Jeremy Adler erinnert sich in "Bilder und Zeiten" der FAZ an seine Freundschaft mit dem tschechischen Schriftsteller Bohumil Hrabal, der stets "auf seinem Recht bestand, als Autor einen eigenen Standpunkt unabhängig vom Staat einzunehmen". Auch in "Bilder und Zeiten" liest sich der Schriftsteller und Historiker Felix Philipp Ingold durch Neuerscheinungen, die neue Erkenntnisse über Nabokov versprechen: Michael Maars "Das violette Hündchen" begegnet er mit vorsichtiger Skepsis, Boris Ostanins bislang nur auf russisch vorliegendem Konvolut von Materialien und Fundstellen hingegen mit entzückter Euphorie. Ebenfalls in "Bilder und Zeiten" notiert der chinesische Schriftsteller Shen Haobo Erinnerungsfragmente seiner ersten zwanzig Lebensjahre. In der FAZ gratuliert Michael Martens dem schwedischen Schriftsteller Richard Swartz zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden unter anderem Margaret Atwoods Memoiren "Book of Lives" (online nachgereicht von der WamS), Albert Ostermaiers Pasolini-Roman "Die Liebe geht weiter" (Standard), die Rilke-Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach (Welt), neue Kinder- und Jugendbücher, darunter Katharina Greves Comic "Meine Geschichte von Mutter und Tochter" (taz), Anna Prizkaus "Frauen im Sanatorium" (WamS), Lili Schnitzlers "Tagebücher. Gefährlich leben. Die letzten Jahre 1926-1928" (FAZ) und László Krasznahorkais "Zsömle ist weg" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Bühne

Alban Bergs Oper "Wozzeck" ist nach hundert Jahren an die Staatsoper Unter den Linden zurückgekehrt (unser Resümee). Im FAS-Interview mit Thomas Lindemann erklärt die Regisseurin Andrea Breth, was sie an dem Stoff so fasziniert. Das Stück sei "eine Metapher der Armut", Wozzeck "widerfährt eine regelrechte Entindividualisierung, er wird zur Kreatur heruntergezogen (...) Wir haben mit dem Bühnenbildner Martin Zehetgruber eine Drehbühne erschaffen, die wie ein ewiges Holzgefängnis aussieht. Die Räume sind winzig, getrennt durch Holzgitter, man kann immer alles sehen, es gibt kein privates Dasein. Und es dreht sich, weil Wozzeck immer gehetzt ist, er rennt und rennt, wie ein Hamster im Rad. Es wird nie besser, es wird immer schlimmer: Er taumelt von einer Arbeit zur nächsten und wird doch immer wieder versklavt. Alban Berg hat in der Oper wunderbare Zwischenspiele komponiert, die die Szenen voneinander trennen, und da wird es bei mir einfach schwarz. Da will ich nichts bebildert haben. So bleibt die blitzlichtartige, gruselige Kurzform der Oper erhalten: von einer Katastrophe in die nächste."
Besprochen werden Wolfgang Nägeles Inszenierung von Harrison Birtwistles Oper "Punch and Judy" mit der Oper Frankfurt (FR) und Caroline Stolz Inszenierung von Ray Cooneys Stück "Außer Kontrolle" an der Komödie Frankfurt (FR).
Musik
"Ceasefire now" wurde auf anti-israelischen Demonstrationen und Aktionen der jüngeren Zeit oft und laut gerufen, aber mit dem Waffenstillstand im Gazakrieg haben insbesondere auch in der dafür sehr anfälligen Popkultur die Proteste nicht einfach aufgehört, beobachtet Jens Balzer auf ZeitOnline. Im Gegenteil: Die Parolen werden martialischer und nähern sich damit der Hamas noch weiter an, der Protest scheint sich radikalisieren und verstetigen zu wollen. "Insofern ist es bei den Boykottkampagnen der vergangenen Jahre niemals nur um Frieden und Wohlergehen für die Menschen in der Levante gegangen. Vielmehr haben sie immer auch einen popkulturell vergemeinschaftenden Charakter besessen. ... Bei vielen Künstlern, die sich beteiligen, kann man nicht einmal verlässlich bestimmen, ob sie sich über den Konflikt informieren, ob sie aus echter Überzeugung handeln oder bloß in dem Gefühl, dass es irgendwie richtig ist. Man könnte es schärfer formulieren: Viele Künstlerinnen und Künstler sind Opportunisten. Oder man könnte es noch schärfer formulieren: Der Antisemitismus der Wenigen hat noch nie ohne das Mitläufertum der Vielen funktioniert."
Inspirierte Musiker schaffen Hommagen, KIs hingegen Plagiate - dass für den Einsatz letzterer größere Summen an jene Musiker, von denen in beiden Fällen gleichermaßen abgekupfert wurde, fließen sollen, findet Detlef Diederichsen in der taz daher nicht einsichtig. Zumal der Einsatz von Technologie und Algorithmen in der Musikproduktion die letzten Jahre ohnehin zum Standard wurde. Er empfiehlt, die allgemeine Aufregung einfach mal etwas runterzupegeln: "Das große Geschäft für KIs liegt in instrumentaler Friseursalon- und Fitnessstudio-Muzak. Kunst interessiert nur eine Minderheit. Das war aber schon immer so. Seit die Musik zu einem Wirtschaftszweig geworden ist, in dem sich viel Reibach machen lässt, war - Verzeihung - Scheißmusik die Norm und Kunst die Abweichung. Ob diese Scheißmusik nun von Menschen oder KIs produziert wird, ist doch eigentlich herzlich egal."
Weiteres: In der taz empfiehlt Ralph Trommer ein vom RBB online gestelltes Morricone-Konzert. Für eine "Bizarrerie" hält es Elmar Krekeler in der Welt, dass der Starpianist Lang Lang Rolf Zuckowskis Kinderlied "In der Weihnachtsbäckerei" aufgenommen hat.
Besprochen werden das neue Chicks-On-Speed-Album "HEARandNOWtopia" (FR), ein Schubert-Abend mit dem Klangforum Wien (Standard), das neue Album von Tame Impala (Jungle World) und das Weihnachtsalbum "Dunkle Magie" des österreichischen Indierockers Oehl ("ein Geschenk", freut sich Anna Weiss in der FAS).
Inspirierte Musiker schaffen Hommagen, KIs hingegen Plagiate - dass für den Einsatz letzterer größere Summen an jene Musiker, von denen in beiden Fällen gleichermaßen abgekupfert wurde, fließen sollen, findet Detlef Diederichsen in der taz daher nicht einsichtig. Zumal der Einsatz von Technologie und Algorithmen in der Musikproduktion die letzten Jahre ohnehin zum Standard wurde. Er empfiehlt, die allgemeine Aufregung einfach mal etwas runterzupegeln: "Das große Geschäft für KIs liegt in instrumentaler Friseursalon- und Fitnessstudio-Muzak. Kunst interessiert nur eine Minderheit. Das war aber schon immer so. Seit die Musik zu einem Wirtschaftszweig geworden ist, in dem sich viel Reibach machen lässt, war - Verzeihung - Scheißmusik die Norm und Kunst die Abweichung. Ob diese Scheißmusik nun von Menschen oder KIs produziert wird, ist doch eigentlich herzlich egal."
Weiteres: In der taz empfiehlt Ralph Trommer ein vom RBB online gestelltes Morricone-Konzert. Für eine "Bizarrerie" hält es Elmar Krekeler in der Welt, dass der Starpianist Lang Lang Rolf Zuckowskis Kinderlied "In der Weihnachtsbäckerei" aufgenommen hat.
Besprochen werden das neue Chicks-On-Speed-Album "HEARandNOWtopia" (FR), ein Schubert-Abend mit dem Klangforum Wien (Standard), das neue Album von Tame Impala (Jungle World) und das Weihnachtsalbum "Dunkle Magie" des österreichischen Indierockers Oehl ("ein Geschenk", freut sich Anna Weiss in der FAS).
Design
Mit Genuss liest tazlerin Brigitte Werneburg den kürzlich erschienen Prachtband "Costume Jewelry" zur Geschichte des Modeschmucks, in der sich allerlei "Kapriolen" finden: Dieser "Bildband strotzt vor Früchten und Blumen, Masken, Köpfen und Tieren, und natürlich ist auch der Weihnachtsbaum vertreten".
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