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10.10.2025. Zufrieden quittieren die Literaturkritiker den Literatur-Nobelpreis für den ungarischen Schriftsteller László Krasznahorkai - auch weil die Jury "beinharte Literatur" aus dem ebenso "fruchtbaren wie wagemutigen Mitteleuropa" auszeichnet. Die FAZ erkennt in Frankfurt: Suzanne Duchamp musste sich hinter ihrem Bruder Marcel wahrlich nicht verstecken. Artechock berichtet, wie deutschen Filmemachern das Drehen in Israel und den arabischen Nachbarstaaten madig gemacht wird. Und die nachtkritik pilgert zum Marthaler-Gottesdienst nach Hamburg.
László Krasznahorkais Werk ist von der Melancholie über die "BrüchigkeitdereigenenExistenz" geprägt, aber auch vom "Staunen über den Zustand der Welt", schreibt Tilman Spreckelsen in der FAZ. "Beides geht in vielen seiner Romane und Erzählungen einher mit der nervösen Unruhe derjenigen, die sich nicht damit abfinden wollen, irgendwann einmal vor Trümmern zu stehen." So gesehen ist die Entscheidung ja vielleicht doch politisch und zwar dahingehend, "dass uns in einer Zeit, die von politischen Machtdemonstrationen geprägt ist, die Lektüre von Krasznahorkais Romanen eine Perspektive auf die Endlichkeit solcher Erscheinungen und die Möglichkeit beharrlichen Widerstands eröffnet."
Seine Romane "bewegen sich an der Grenze von Realem und Fantastik", schreibt David Hugenduck auf Zeit Online, und "werden bevölkert von etlichen verschlungenen Erzählstimmen, Gedankenströmen, von rasend tragikomischen und aufs Bitterste vereinsamten Figuren. Sie leben in dunklen Zerrbildern der Wirklichkeit, in überzeitlichen Panoramen, sie geraten in eigenwillige mythische Landschaften. ... Unsere Realität wird in dieser Literatur vom Rand des Wahnsinns aus betrachtet. Sie ist anmutig durch die Vielstimmigkeit, die Wiederholungsschleifen und Motivketten. Wir geraten in einen Erzählfluss, der niemals zu versteinern droht oder in lähmender Unverständlichkeit vertrocknet, und manchmal stoßen wir auf Sentenzen, die aus dieser Prosa herausragen wie Granitblöcke."
"Für Krasznahorkai ist die Kunst ein Feld des Widerstands und des konsequenten Außenseitertums, da wir keine brauchbaren Konzepte für die sogenannte 'Realität' besitzen", schreibt Marcel Inhoff in der taz. "Verliebt ist er einzig in die immer wieder neu gesuchte und durch das Schreiben erlangte Absolutheit seiner Einsamkeit", hält Wilhelm Droste in der NZZ fest. In diesen "Erzählkosmos ... dringt kaum ein Licht", schreibt Ronald Pohl im Standard. Weitere Würdigungen im Tagesspiegel und in der Welt. Und Ronald Pohl sorgt im Standard schon mal für Katerstimmung: Nichts verweht so leicht wie Ruhm, schreibt er, ein ansehnlicher Teil der Preisträger aus der Geschichte des Literaturnobelpreis ist seit langem vergessen. Weiteres: Peter Körte führt in der FAZ (online nachgereicht) durch Krimi-Neuerscheinungen. Besprochen werden unter anderem IreneDisches "Prinzessin Alice" (Freitag), BenjaminWoods "Der Krabbenfischer" (NZZ), PhilippTheisohns Biografie über den Schweizer Dichter ConradFerdinandMeyer (FAZ) und JehonaKicajs "ë" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bestellen Sie bei eichendorff21!In ihrer Zeit brachte es Marcels Schwester Suzanne Duchamp zu einigem Ruhm, schnell geriet sie aber in Vergessenheit. Nun widmet ihr die Frankfurter Schirn eine erste große Einzelausstellung und Stefan Trinks (FAZ) bemerkt, dass sich die Malerin keineswegs hinter ihrem Bruder zu verstecken braucht. Zu sehen sind frühe kubische Stadtveduten, gemalte Readymades und Schrift-Material-Collagen, die Hannah Höchs Collagen ebenbürtig sind, so Trinks: "Das äußert sich in seltener Klarheit auf der in mehrfacher Hinsicht verstörenden Collage 'Vergessene Ariette der benommenen Kapelle' von 1920. Die zwei Jahre zuvor vollzogene Metamorphose von Ballons in Vollmonde und jene der explodierenden Sterne in bunte Lichtreflexe im Bild entsprachen Duchamps großem Faible für den poetisch gestirnten Himmel über uns. Diese ausgeprägte Astrophilie kehrt in 'Ariette' wieder als dichtes Sternregen-Feuerwerk, das als Vexierbild indirekt den amorphen Körper eines Bogenschützen mit den Gesichtszügen ihres Mannes Jean inklusive eines echten Glasauges bildet. Der Pfeil der surreal quer durch das Bild gespannten Bögen peilt eine Zielscheibe an, die Crottis Hinterkopf anstelle eines Ohres bedeckt." Den Katalog zur Ausstellung haben wir bereits in unserem Bücherbrief August empfohlen.
Ernst Ludwig Kirchner, Akrobatenpaar - Plastik, 1932-1933, Kirchner Museum Davos, Schenkung Nachlass Ernst Ludwig Kirchner 1990. Foto: Jakob Jägli Obwohl nahezu gleich alt, begegneten sie einander nie - Ernst Ludwig Kirchner wünschte sich allerdings, einmal gemeinsam mit Picasso ausgestellt zu werden. Den Wunsch hat ihm das LWL-Museum in Münster nun erfüllt, und Alexander Menden (SZ) erkennt in Kirchners Werk zwar Picassos Einfluss, schlechter weg kommt der deutsche Expressionist dabei aber nicht: "Tatsächlich wirkt er in der Frühphase seines Schaffens teils sogar risikofreudiger als Picasso. Während dieser 1901 einen weiblichen liegenden Akt ganz impressionistisch und frontal malt, wagt Kirchner 1904 im gleichen Sujet eine unkonventionellere, unidealisierte Rückenansicht. Allerdings muss man dabei im Hinterkopf behalten, dass Kirchner damals noch immer Architekturstudent war und gerade erst ein Interesse für das Werk Kandinskys und die französischen Neoimpressionisten entwickelte, während Picasso bereits erste Ausstellungen in Paris gehabt hatte."
Harald Fidler berichtet im Standard vom Dilemma, in dem sich der ORF derzeit befindet: Einerseits wächst aus der Politik der Druck, den EurovisionSongContest abzusagen, sollte Israel von der Teilnahme ausgeschlossen werden - andererseits wäre dann auch eine Strafe von 40MillionenEuro fällig. Eine Stude hat ergeben, dass der Hiphop der Gegenwart im Vergleich zum Hiphop der Nullerjahre stilistisch immer enger wird, berichtet Fabio Lüdl im Tagesanzeiger. Besprochen werden die Compilation "Beton-Pop" (taz), Cate Le Bons Album "Michelangelo Dying" (FR), ein Sting-Konzert in Köln (FR) und Sam Prekops neues, am Postrock der Neunziger geschultes Synthesizer-Album "Open Close" (taz).
Hanns-Georg Rodek spricht im Filmdienst mit dem israelischen Regisseur NavadLapid, dessen neue Nahost-Satire "Yes" im November in die Kinos kommt. Eigentlich hätte der Film ohne weiteres in Cannes im Wettbewerb laufen können, Gerüchten zufolge wurde er aber wohl bewusst in eine Nebenreihe und ans Ende des Festivals gestellt. Der Regisseur ist sich sicher, "dass der bestimmende Faktor Angst war. Angst vor dem Film, Angst davor, dass er einen der großen Preise gewinnen könnte. Angst vor dem, was ich bei der Preisverleihung sagen könnte. Vor einem Eklat wie bei der Berlinale 2024. Ich hoffe nicht, dass sich die Regeln in Cannes geändert haben, dass man dort nurnoch 'sichere' FilmeüberalteKonflikte sieht, von denen man schon in Geschichtsbüchern lesen kann. Zu Mut gehört auch Risiko. Wenn Cannes Jafar Panahis 'Ein einfacher Unfall" die Goldene Palme gibt, geht niemand ein Risiko ein - außer Panahi selbst. Das Festival hat keine Ayatollahs als Sponsoren, die es verlieren könnte. Die Entscheidung über 'Yes' hingegen beinhaltete ein Risiko, nämlich das erheblicher Kritik."
"Südsee" von Henrika Kull Auf Artechockempfiehlt Rüdiger Suchsland den aktuell in der ARD-Mediathek stehenden Film "Südsee", den die Berliner Regisseurin HenrikaKull noch vor dem 7. Oktober in Israel gedreht hat. Mit dem Terroranschlag bekam man dann Bammel, der Film wurde von Festivals unter fadenscheinigen Begründungen ausgeladen (mehr dazu bereits hier). Eine Tendenz, die sich auch darin zeigt, dass "- unter dem Vorwand, es sei doch gerade so gefährlich dort unten -, versucht wird, deutschen Filmemachern das Drehen vor allem in Israel, aber mitunter auch in den arabischen Nachbarstaaten, madig zu machen, oder es gleich zu verhindern. Bei Hochschulfilmen kann man einen Israeldreh einfach verbieten, und genau das passiert gerade auch, so wie Austauschprogramme und Forschungsstipendien an den Universitäten gerade heruntergefahren und gestoppt werden, wo es nur rechtlich möglich ist. Der in vielem antiisraelisch bis antisemitisch gestimmte Wissenschaftsbetrieb leistet hier gerade ganze Arbeit für die eigenen politischen Ziele, und das viel wirksamer als bei jeder der täglichen Pali-Demos."
Weiteres: Valerie Dirk unterhält sich im Standard mit der Femen-Aktivistin Alexandra Shevchenko, die durch ArashT. Riahis und VerenaSoltiz' Dokumentarfilm "Girls & Gods" über Religion und Feminismus nachdenkt. Gunnar Hinck freut sich in der taz, dass mit FatihAkins (in der FAZbesprochenem) Film "Amrum" die nordfriesischeSprache im Kino zu hören ist. In der NZZspricht Tobias Sedlmaier mit ChristianPetzold über dessen aktuellen Film "Miroirs No. 3" (hier mehr zum Film).
Besprochen werden HélèneCattets und BrunoForzanis Italokino-Hommage "Reflections in a Dead Diamond" (Perlentaucher), KathrynBigelows Atomkriegsfilm "A House of Dynamite" (FAZ, unsere Kritik), RaduJudes "Kontinental '25" (Tsp) und Joachim Rønnings SF-Film "Tron: Ares" (SZ).
Szene aus "Bevor ich es vergesse". Foto: Armin Smailovic Für den SZ-Kritiker Egbert Tholl ist Wiebke Puls ohnehin seit zwanzig Jahren ein "Ereignis" im Ensemble der Münchner Kammerspiele - und das bleibt sie auch, wenn sie nun Anne Paulys 2019 erschienenen Roman "Bevor ich es vergesse" auf die Bühne bringt. Puls hatte den autofiktionalen Text über Paulys Erinnerungen an ihren flamboyanten und geistreichen, aber auch versoffenen und gewalttätigen Vater bereits als Hörbuch eingelesen, nun überzeugt sie auf der Bühne: "Wiebke Puls spielt manchmal völlig für sich, da schaut man Anne einfach gern zu. Mehr noch redet sie mit dem Publikum. Dann gibt es diese unfassbaren Momente, in denen man völlig machtlos ist, in denen man glaubt, in Annes Geschichten hineinzufallen, weil man sie kennt, bis ins Detail." Auch Nachtkritikerin Christine Wahl erlebt "Ausnahme-Schauspiel vom Feinsten": "Wie intensiv und genau sie in ihrem Gesicht etwa - weil Tragödie und Komödie ja auch (oder gerade) bei den letzten Dingen bekanntlich nahe beieinanderliegen - einen Wein- zu einem Lachkrampf mutieren lässt und wieder zurück, wie lakonisch sie die Vitrinenschrankfunde kommentiert, ohne dabei auch nur eine Sekunde den Schmerz über den Verlust des geliebten Menschen vergessen zu machen."
Szene aus "Mein Schwanensee". Foto: Matthias Horn Christoph Marthaler vollendet seine Trilogie am Hamburger Schauspielhaus mit dem Stück "Mein Schwanensee" und Nachtkritikerin Katrin Ullmann ist geradezu beseelt: Erscheinen ihr die Abende der "Melancholie-Regie-Legende" doch immer wie Gottesdienste. So auch diese Inszenierung, die zwar wenig Tschaikowski und eher schwache Texte von Elfriede Jelinek im Fitnessstudio präsentiert, aber durch die Schauspieler besticht: "Unbeirrbar singen, summen, schreiten und sprechen sich die Spieler durch diesen Abend. In immer wieder hochplätschernden Wellen voll feinstofflicher Komik. Nur minimal agieren sie dafür zwischen Turngeräten und Klavieren, blicken mal auf die Kanzel und mal auf ein - man muss die Augen beim Blick auf die Trainingsbank an der Bühnenrückwand nur ein bisschen zukneifen - Kreuz. Glockenhelle Stimmen, feine Rhythmik und immer wieder rätselhaftes Innehalten: 'Mein Schwanensee' ist eine typische, hochmusikalische, Marthaler-Andacht."
Besprochen wird außerdem "Blinded by Delight" - eine Grand Show von Oliver Hoppmann und Berndt Schmidt am Friedrichstadt Palast Berlin (nachtkritik).
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