Im Kino

Doppelter Boden unter doppeltem Boden

Die Filmkolumne. Von Thomas Groh
09.10.2025. Eine Superschurkin namens Serpentik hört gar nicht mehr auf, sich zu häuten. Hélène Cattet und Bruno Forzani schlagen in "Reflection in a Dead Diamond" ein weiteres Mal auf berauschende Art eine Brücke zwischen Trivialkino und Experimentalfilm.

Fabio Testi war schon immer so etwas wie der italienische Sean Connery. Fabio wer? Freunde des europäischen Autorenfilms kennen ihn bestimmt aus "The Garden of the Finzi-Continis" von Vittorio de Sica, aus Chabrols Manchette-Verfilmung "Nada" oder aus "Nachtblende" von Andrzej Żuławski. Ein weitaus größerer Name ist Testi aber in der Fan- und Cinephilenkultur, die sich in den letzten Jahrzehnten ums italienische Genrekino der Sechziger bis Achtziger gebildet hat (in Magazinen wie der verflossenen "Splatting Image", in Online-Diskussionsforen, aber auch im echten Leben auf Analogfilm-Festivals wie Terza Visione im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt oder dem auf keine Spielstätte festgelegten Italo-Cinema-Festival).

In diesem Kontext hat Testi mit so ziemlich allem gedreht, was Rang und Namen hat: Dallamano, Fulci, Sollima, Castellari, Valerii, D'Amato - das Who-is-Who eines Kinos der einfachen Freuden, waghalsigen Inszenierungen, der knalligen Soundtracks und des rohen, hemdsärmeligen Charmes. Ein ekstatisches Kino, dessen Einfluss bis ins avancierte US-Kino von Tim Burton, Martin Scorsese und Quentin Tarantino, im hiesigen Kontext zu den Maverick-TV-Arbeiten eines Dominik Graf reicht (Tipp: die Folge "Nachtwache" aus "Der Fahner"). Aber und besonders auch zu Hélène Cattet und Bruno Forzani, einem französischen Film-Ehepaar, das sich seit seinem Langfilmdebüt "Amer" von 2009 in dieser Fankultur einen Namen gemacht hat.

In deren neuen Film "Reflection In A Dead Diamond" ist Testi nun endgültig der alternde Sean Connery und damit also James Bond (wenngleich er formal John D. heißt). Als Spion sollte er mit 70 eigentlich seinen Ruhestand in einem Prachthotel unter der sensationell strahlenden Sonne an der Côte d'Azur genießen - wenn, ja wenn da nicht diese rätselhafte Frau wäre, die sein Auge einfängt, ihn irritiert, wie bei Proust einen labyrinthischen Erinnerungsprozess in Gang setzt, in dem er sich selbst zusehends abhanden zu kommen droht, zumal sich auch in der Wirklichkeit die Ereignisse überschlagen. Sucht ihn hier eine alte Geschichte heim? Ist alles nur ein Traum gewesen, eine große Halluzination - oder ist das alles nur ein Film? Am Ende vielleicht sogar nur ein Fumetti, ein italienischer Agentencomic? Und wenn ja, wer spielt hier wen?


Die Zersplitterung eines Subjekts in tausend kleine Kristalle, in tausend kleine Diamanten, die sich immer und immer wieder nur in sich selber spiegeln - für das hochgradig formenbewusste Kino von Hélène Cattet und Bruno Forzani ein naheliegender Stoff.

Alle ihre Filme schöpfen beherzt aus dem Stil- und Formen-Fundus des europäischen und insbesondere italienischen Genrekinos, ohne dabei in epigonalen Tarantinismus zu verfallen: Während Tarantino den Fundus insbesondere des B-Movie- und Exploitation-Kinos klassizistisch veredelt, amalgamiert und die für diese Form des Kinos typischen handwerklichen Defizite durch professionelles Könnertum ausbügelt und damit auch der zur Geschlossenheit neigenden Hollywood-Filmform einverleibt, identifizieren und isolieren Cattet/Forzani gerade die markanten Stil-Partikel aus liebgewonnenen Filmzusammenhängen, amplifizieren sie ekstatisch und sprengen die Form damit immer wieder aufs Neue überraschend auf. Sie schaffen etwas, was unter der Oberfläche der avanciertesten italienischen Genrefilme immer schon schlummerte, aber selten manifest hervor trat: eine Brücke zu experimentell-avantgardistischen Filmkonzepten. Tarantino sucht die ikonische Überhöhung, die kulinarische Nostalgie, die weihevolle Andacht - Cattet/Forzani hingegen den totalen Filmform-Überschuss.

Damit schließt das Duo auch durchaus plausibel ans Kino-Rebellentum der frühen Film-Surrealisten an (dessen tschechischen Spätausläufer Jan Švankmajer sie in früheren Filmen bereits deutlich referenzierten).

Heißt konkret: Subjektivierungen der Filmform, krasse Dynamiken zwischen Panorama- und Detailaufnahmen (die fürs italienische Kino so typische Großaufnahme aufs Auge), hektische Schnittkaskaden, Farbspielereien und insbesondere akustische Close-Ups, die in ihrer fokussierten Konzentriertheit die rohe Materialität dieser Filmwelten mit den Ohren spüren lassen (heute nennt man das auf Youtube ASMR, mit "Amer" legten Cattet/Forzani den vielleicht ersten ASMR-Spielfilm vor) - all dies und noch viele weitere Formen des filmischen Exzesses dynamisieren das Geschehen von Anfang an und auf hohem Pulstempo bis zum Schluss.

Umso reizvoller, da dies in den Filmen der beiden regelmäßig in einem Setting geschieht, das in den Archiven der Kulturkritik lange unter "Trivialkino" abgelegt und keines Blicks mehr gewürdigt wurde: in diesem Fall dem EuroSpy-Film der Sechzigerjahre, der in seinen weniger exaltierten CopyCat-Vertretern eher zu einer gewissen gedehnten Langeweile neigte, und sehr konkret Mario Bavas Verfilmung der in Italien bis heute populären Comicreihe um den Superschurken Diabolik - die Superschurkin in diesem Film heißt Serpentik und was ihr Name bereits in Aussicht stellt, erfüllt sie auch im Film: Sie häutet sich immer wieder aus alten in neue Identitäten und wird konsequent von einer ganzen Reihe an Schauspielerinnen gespielt.

Die kräftigen Farben des sommerlichen Mittelmeer-Raums, abgefahrene Gadgets, wilde Kampfsequenzen und Intrigen, Verwandlungen, Häutungen am laufenden Meter: Für Cattet/Forzani erweist sich das Repertoire des EuroSpy-Kinos als kongenialer Stichwortgeber für einen wahren Bilderrausch-Remix, in dem unter jeder Identität und jedem Partikel der Realität immer schon ein doppelter Boden unter einem doppelten Boden zu liegen scheint. Wie die beiden dem für seine biedere Plotverhaftetheit oft getadelten Trivialkino jegliche Form der narrative Stringenz austreiben und zugleich auch jede "Spot the reference"-Nostalgie umschiffen, um etwas zu schaffen, was paradoxerweise gleichzeitig genuin eigen ist und doch als Zitat erkennbar bleibt, das ist schon eine wahre Schau. Und nicht zuletzt eine wohltuende Abwechslung im Gegenwartskino, das zwischen Superhelden-Bombast, Großkunst-Bombast und vor sich hin dümpelndem Best-Ager-Toscana-Arthouse kaum noch Raum für Exzess, Experiment und spielerischen Umgang mit den Filmmaterial mehr zu bieten scheint. Mag der ins Alter gekommene Fabio Testi an seinem großen Körper schon spürbar zu tragen haben, so ist dieser Film doch federleicht in seiner Geschwindigkeit, in seinem Rausch immer neuer Ideen.

Überhaupt: das Filmmaterial. Wie alle Filme des Duos ist auch dieser wieder auf Super16mm geschossen. Grob ist das Korn und satt ist das Blau des französischen Mittelmeers, das im wunderbaren Sommer eingefangen wurde und über das Attraktionswunder Kino in diesem grauen Herbst über die Leinwand direkt in unsere Augen gestrahlt wird. Lassen Sie dieses Blau in ihre Augen, schauen Sie in diesen Diamanten, verlieren sie sich selbst - im Kino, in Erinnerungen ans Kino, wie es mal war, wie es mal gewesen sein könnte.

Thomas Groh

Reflection in a Dead Diamond - Frankreich 2025 - OT: Reflet dans un diamant mort - Regie: Hélène Cattet, Bruno Forzani - Darsteller: Fabio Testi, Yannick Renier, Koen de Bouw, Maria de Medeiros, Thi Mai Nguyen u.a. - Laufzeit: 87 Minuten.