Bücherbrief

In betörendem Sinne parfümiert

11.08.2025. Viktor Remizov baut in seinem monumentalen Roman "Permafrost" an der Stalin-Bahn. Die Rezensenten scheuen den Tolstoi-Vergleich nicht, und sie lernen, was die scheinbar entrückte Vergangenheit der Gulags mit der Gegenwart zu tun hat. Es gibt ein paar andere sehr spannende Romane in diesem Monat wie Gaea Schoeters "Das Geschenk", das aus 20.000 botsuanischen Elefanten für Deutschland besteht. Und ein paar schwergewichtige Sachbücher über Hiroshima und Russland und über die Frage, warum die Kaffeemaschine mit "Barista"-Funktion bei der Fertigstellung ihrer Espressi Schuberts "Forelle" piepst.
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Weitere Anregungen finden Sie in den Notizen zu den Literaturbeilagen des Frühjahrs, Marie Luise Knotts Lyrikkolumne "Tagtigall", dem "Fotolot" von Peter Truschner, Angela Schaders Kolumne "Vorworte" und in den älteren Bücherbriefen.


Literatur

Gaea Schoeters
Das Geschenk
Roman
Paul Zsolnay Verlag.144 Seiten. 22 Euro

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Es ist ein ziemliches Paradox: Der vergangenes Jahr erschienene Roman "Die Trophäe" über einen Großwildjäger in Afrika der flämischen Schriftstellerin Gaea Schoeters wurde in den deutschen Medien kaum wahrgenommen, gelesen hat ihn offenbar dennoch jeder, staunt der FAZ-Kritiker Andreas Platthaus. Kein Wunder also, dass der Nachfolger nur ein Jahr später gleichzeitig auf Deutsch und Flämisch erscheint. Schoeters nimmt hier eine Meldung aus der Bild-Zeitung zum Ausgangspunkt ihres Romans: Nachdem in Deutschland über ein Einfuhrverbot von Jagdtrophäen diskutiert wurde, scherzte Mokgweetsi Masisi, der Präsident von Botswana, er werde zwanzigtausend Elefanten nach Deutschland schicken. Mit viel Lust am Fabulieren spinnt Schoeters daraus eine zwischen Satire und Dystopie schillernde Geschichte, lobt Paul Jandl in der NZZ: Die Dickhäuter sind plötzlich überall und sorgen für Chaos, aber auch für politische Verwerfungen: Elefantenquoten für die einzelnen Bundesländer werden festgelegt - die rechtspopulistische Opposition verkündet derweil, der Elefant gehöre zu Deutschland. Am Ende wird es dann vollends dystopisch, verrät Jandl, aber Schoeters liefert zu seiner Freude daneben witziges "zoologisches Kollateralwissen". Analogien zu heutigen Migrationsdebatten findet Jandl nicht, dafür viel Freude an abstrusen Einfällen, die manchmal gar nicht so weit von der Realität entfernt sind. In der SZ empfiehlt Gustav Seibt, dieses "knackig-kleine Gedankenspiel" gemeinsam mit Schoeters Debüt zu lesen. Nur dem FAZ-Rezensenten Andreas Platthaus ist der Roman bei aller Märchenhaftigkeit gelegentlich zu "moralinsauer".

Jonas Hassen Khemiri
Die Schwestern
Roman
Rowohlt Verlag. 736 Seiten. 26 Euro

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In der SZ empfiehlt ein begeisterter Alex Rühle diesen Roman des schwedisch-tunesischen Schriftstellers Jonas Hassen Khemiri: Er erzählt aus der Perspektive von Khemiris fiktionalisiertem Alter Ego Jonas die Geschichte der drei Schwestern Ina, Evelyn und Anastasia, die bei ihrer alleinerziehenden tunesischen Mutter in den Neunzigern in der schwedischen Drakenbergsiedlung aufwachsen. Jonas, selbst Sohn eines Tunesiers, wächst ebenfalls dort auf, fühlt sich schnell zu den Schwestern hingezogen - fortan sind die Lebensgeschichten der vier bis ins Jahr 2035 verflochten. Es ist kaum möglich, alle Themen dieses laut Rühle "furiosen" Romans wiederzugeben: Auf der privaten Ebene der Protagonisten geht es um Identität und Zuschreibungen, allerdings nie im Sinne von "autofiktionalem Ringelpiez", wie der Kritiker versichert. Darüber hinaus ist der Roman für ihn auch eine "Everything novel" a la Salman Rushdie: Skin-Gewalt, Gangsta-Rap und kurdische Hochzeiten spielen hier ebenso eine Rolle wie die Corona-Pandemie oder eine Edward-Said-Vorlesung, staunt der Rezensent. In der NZZ findet Paul Jandl: Khemiri braucht keine Vergleiche: Das wuchtige, von Ursel Allenstein "fabelhaft" übersetzte Buch glänzt aus sich selbst heraus, schon weil der Autor ein so genauer Beobachter ist. Migrationsgeschichte oder Herkunftsepos ist das Buch nicht, große Literatur schon, meint Jandl, dem auch die magischen Elemente im Roman gefallen. Kurz: Ein "berauschendes Leseerlebnis", versichert im Dlf Kultur Dirk Fuhrig.

Viktor Remizov
Permafrost
Roman
Europa Verlag. 1264 Seiten. 42 Euro

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Ganze sieben Jahre hat der russische Autor Viktor Remizov an seinem monumentalen Roman über Stalins größenwahnsinniges Eisenbahnprojekt geschrieben. Die "Stalin-Bahn" sollte 1.500 Kilometer lang werden und den Jenissej-Fluss mit dem Nordural verbinden. Bis zu 120 000 Gulag-Häftlinge arbeiteten unter mörderischen Bedingungen an dem gigantischen Bauvorhaben, das niemals fertig gestellt wurde. Selbst in Russland ist Remizovs Roman, der anhand der Schicksale des Gefangenen Gortschakow, des Schiffskapitäns Below und des Wärters Romanow, vom stalinistischen Totalitarismus erzählt, überraschenderweise zum Bestseller avanciert, obwohl in den Schilderungen der stalinschen Gewalt auch eine deutliche Kritik am heutigen Putin-Regime mitschwingt. Urs Hefter ist in der FAZ tief beeindruckt vom "unerbittlichen Scharfblick", mit dem Remizov die alles beherrschende Angst vor Denunziation, Verhaftung und Folter, aber auch die Hoffnung auf Menschlichkeit zeichnet, die der Autor mit den komplizierten, aber widerständigen Liebesgeschichten verknüpft. Dass seine Helden ihre Humanität nicht verlieren, ist für den Kritiker "ein Wunder", das er dem Autor jedoch abnimmt. Christoph Vormweg hebt im Dlf die gelungene Mischung zwischen Fakten und Fiktion hervor: Remizovs Schilderungen basieren auf ausführlichen Archivrecherchen und Gesprächen mit Zeitzeugen, deren literarische Transformation den Kritiker an Solschenizyns "Archipel Gulag" erinnert. Ulrich M. Schmid scheut in der NZZ nicht einmal den Tolstoi-Vergleich, so begeistert ist er von diesem veritablen Nationalepos. Vor allem aber lobt Schmid, dass Remizov seine Forderung, die Menschen in Russland müssten ihre staatsbürgerliche Verantwortung wahrnehmen, mit diesem Roman auf "höchstem moralischem und literarischem Niveau" ausdrückt.

Angela Carter
Die blutige Kammer
Erzählungen
Suhrkamp Verlag. 237 Seiten. 25 Euro

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Angela Carter wurde einst von der Times auf Platz zehn der 50 größten britischen Schriftsteller seit 1945 gewählt, in den letzten Jahren ist sie zumindest hierzulande ein wenig in Vergessenheit geraten. Umso schöner, dass nun eine Auswahl ihrer an Märchen angelehnten Erzählungen in der frischen Übersetzung von Maren Kames auch auf Deutsch vorliegen. Dlf-Kultur-Kritiker Maximilian Mengeringhaus wünscht sich nach der Lektüre dieses wunderbar klugen, "in betörendem Sinne parfümierten" Buches gleich den Beginn einer Carter-Renaissance. Denn hier wird nicht nur Schneewittchen "auf Links" gedreht oder Ritter Blaubart "bis zum Zerbersten" aufgeladen mit burlesken Schilderungen, sondern es werden Geschlechterrollen umgedreht: Endlich wehren sich die Frauenfiguren auch mal! Entsprechend annonciert Meike Feßmann in der SZ einen "großartigen feministischen Klassiker". Auch ihr gefällt, mit welcher Freude am Slapstickhaften und am Grotesken Motive der Grimm'schen Märchen "durch den Fleischwolf" gedreht werden. Großartig findet sie auch die Illustrationen von Julia Kissina. In der taz hebt Eva Behrendt besonders die launige Übersetzung von Maren Kames hervor, etwa wenn der gestiefelte Kater "wollüstig wie eine Lakritzschnecke" durchs Leben stapft. Diese höchst emanzipierte Mischung aus Horror, Porno und Märchen macht einfach großen Spaß, versichert sie.

Paul Theroux
Burma Sahib
Roman
Luchterhand Literaturverlag. 592 Seiten. 22 Euro

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Über George Orwells Zeit in Burma wissen wir längst durch seinen Roman "Tage in Burma" und durch Michael Sheldens Orwell-Biografie Bescheid. Und doch lohnt sich die Lektüre dieses Romans von Paul Theroux unbedingt, versichert uns nicht nur Marko Martin im Dlf Kultur: "Was für ein Buch", jubelt er, während er liest, wie aus dem jungen Eton-Absolventen Eric Blair der berühmte Schriftsteller George Orwell wurde. Vom Vater im Jahr 1922 ins damalige Burma zur Polizistenausbildung geschickt, fühlte sich der junge Blair fremd unter den britischen Kolonialherren, durchschaute zudem die Hierarchien nicht - passte sich aber zunächst an, indem er zahlreiche Affären mit einheimischen Frauen, Hausangestellten und Prostituierten einging und Auspeitschungen und Verhaftungen von einheimischen Straftätern befahl, resümiert der Kritiker. Auf knapp sechshundert Seiten zaubert Theroux eine spannende Mischung aus psychologischem Feingefühl, Präzision, temporeichen Dialogen, genauer Kenntnis des Landes und "sensualistischer Sensibilität". Für Martin schlicht ein "Meisterwerk". Auch im Dlf bewundert Rezensent Michael Schmitt, wie der Autor die Fakten aus dem Leben des jungen Orwell zu einer fesselnden Charakterstudie und einem wuchtigen Roman verarbeitet. Im Guardian betont Tim Adams, dass Theroux, der in den letzten Jahren des britischen Empires erwachsen wurde und kurz vor der Unabhängigkeit Malawis als Lehrer des Friedenskorps an einer Schule im ehemaligen Njassaland arbeitete, gelebte Erfahrungen in den Roman einbringt - und sich als genauso scharfer Beobachter des britischen Klassensystems erweist wie Orwell.


Sachbuch

Richard Overy
Hiroshima
Wie die Atombombe möglich wurde
Rowohlt Berlin Verlag. 240 Seiten. 24 Euro

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Innerhalb einer Sekunde zerstörte die Detonationswelle der von den Amerikanern am 6. August 1945 abgeworfenen Atombombe 80 Prozent der Innenstadt von Hiroshima, 70.000 bis 80.000 Menschen waren sofort tot. Der Historiker Richard Overy durchleuchtet in seinem neuen Buch die politischen Hintergründe, die zu den Bombenabwürfen (drei Tage später auch auf Nagasaki) führten, durch die schätzungsweise 140.000 Menschen unmittelbar oder an Folgeschäden starben. Einen lebendigen Eindruck der direkten Folgen vermittelt Overy dem FR-Kritiker Michael Hesse durch die blanken Fakten: zerfetzte Haut, schmelzende Organe, Schattenumrisse an Häuserwänden von Menschen, die durch die Explosion quasi verglühten. Zahlen liefert Overy auch; die Strahlung war neunhundertmal so stark wie die der Sonne, erfährt Hesse, und die Feuerstürme, die den Abwurf begleiteten, bis zu 60 km/h schnell. Cord Aschenbrenner lobt in der SZ die "dichte" und "souveräne" Analyse der Geschehnisse. Der Historiker widerspreche der gängigen These, dass allein die Atombombenabwürfe Japan zur Kapitulation zwangen. Overy zeigt, dass bereits die verheerenden Flächenbombardements, etwa die Operation Meetinghouse im März 1945 mit mehr als 100.000 Toten, eine Friedensfraktion in Japan entstehen ließ, die von den USA allerdings unbemerkt blieb, so Aschenbrenner. So korrigiere Overy vereinfachende Mythen, nach denen die Atombombe unausweichlich war. Eine präzise, gut recherchierte Dokumentation mit Zukunftsrelevanz verspricht auch Wolfgang Stenke im Dlf: Overy beleuchte in reflektierter Manier die Strategiedebatten und stütze sich dabei auch auf japanische Quellen, die die Forschung bisher vernachlässigte.

Andrey Gurkov
Für Russland ist Europa der Feind
Warum meine Heimat mit dem Westen gebrochen hat
Kiepenheuer und Witsch Verlag. 288 Seiten. 24 Euro

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Es ist vermutlich eines der größten Rätsel des russischen Kriegs gegen die Ukraine: Warum folgen so viele Russen, auch Auslandsrussen, blind Putins imperialen Wunschträumen und seinem Hass gegen den Westen? Der in Moskau geborene und in Köln lebende Journalist Andrey Gurkov analysiert die historischen, kulturellen, politischen und massenpsychologischen Gründe in diesem Buch - und zwar nüchtern und klug, wie uns Yelizaveta Landenberger in der taz versichert: Gurkov zeichnet zunächst die Spannungen zwischen europaphilen und slawophilen Kräften nach, die das Land schon lange bestimmen, um dann zu zeigen, wie unter Putin die autoritäre Slawophilie die Oberhand bekommen konnte. Illusionen macht er sich und uns dabei nicht: Auch nach Putin wird sich nicht viel ändern, zu sehr hängen die Russen am Großmachtnarrativ und am Imperialismus, liest die Kritikerin. Sollte man deshalb keinen Dostojewski mehr lesen? Doch, lesen soll man ihn schon noch, aber mit kritischem Blick. Opportunisten hingegen sollte der Westen die kalte Schulter zeigen, überhaupt müssen sich die Deutschen von ihrem "naiven" Russland-Bild verabschieden und aufrüsten, rät der Autor. Auch Ulrich M. Schmid lobt in der NZZ die "hellsichtige" Abrechnung des einstigen deutsch-russischen "Brückenbauers" Gurkov mit dem Putinismus. Nicht zuletzt, weil der Autor sowohl die Rolle der orthodoxen Kirche als Kriegstreiberin beleuchtet, und weil er erklärt, was alles unter das "Satanismus"-Narrativ der russischen Propaganda fällt: LGBTQ, die Nato, "Ökoterrorismus" und natürlich "ukrainischer Faschismus". Ein Gespräch mit Gurkov ist in der ARD-Mediathek zu finden.

Philipp Dorestal
Denker der Dekolonisation
Zur Aktualität von Frantz Fanon
Dietz Verlag. 184 Seiten. 18 Euro

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Vor etwas mehr als einhundert Jahren wurde der französischer Psychiater, Politiker und Schriftsteller Frantz Fanon geboren. Bis heute scheiden sich an ihm die Geister. Von den einen als Vordenker des antikolonialen Kampfes gefeiert, sehen die anderen in ihm einen Apologeten der Gewalt. Vor allem seine Schrift "Die Verdammten dieser Erde", 1961 mit einem geradezu fanatischen Vorwort von Jean Paul Sartre veröffentlicht, wurde von Linken in der ganzen Welt zur Bibel des antikolonialen Kampfes erhoben. Wie kann man seine Schrift heute bewerten? Dieser Frage widmet sich Philipp Dorestal in seinem Buch, das taz-Kritiker Jens Kastner mit Gewinn gelesen hat: Dorestal geht auf Querverbindungen der Arbeit Fanons zum Beispiel zum tunesisch-französischen Soziologen Albert Memmi ein und beleuchtet auch einen Punkt, der lange vernachlässigt wurde, so Kastner, nämlich die Rolle der Frauen in Fanons Schriften. Auch Claus Leggewie empfiehlt die Lektüre in der FR: Interessant findet er, dass sich Dorestal nicht nur mit den bekanntesten Werken, sondern auch mit Schriften Fanons auseinandersetzt, die bisher nicht auf Deutsch vorliegen und Neugier auf den "frühen" Fanon wecken. Und die Gewalt, die Fanon propagierte? Im Kontext der Zeit und angesichts der Brutalität des französischen Kolonialregimes in Frankreich findet Leggewie das verständlich. Fehlgeleitet sei jdoch der von Sartre "provozierte Anschluss" an Fanon durch Terrorgruppen wie die RAF: Fanons Ideen müssten "zeitgebunden" gelesen werden, eins zu eins auf heutige Verhältnisse lassen sie sich nicht übertragen, warnt Leggewie. Hingewiesen sei auch auf Adam Shatz' ebenfalls kürzlich erschienene Fanon-Biografie "Arzt, Rebell, Vordenker" (bestellen). 

Gabriel Yoran
Die Verkrempelung der Welt
Zum Stand der Dinge (des Alltags)
Suhrkamp Verlag. 185 Seiten. 22 Euro

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Wer kennt es nicht? Piepsende Waschmaschinen, unverständliche Bedienfelder, Smartphones, die schon kurz nach dem Kauf wieder veraltet sind. Der Unternehmer und Autor Gabriel Yoran fragt in seinem aktuellen Buch nach den Ursachen dieser Verkrempelung. "Konsum ist ein sadomasochistisches Unterfangen", lernt der NZZ-Rezensent Paul Jandl: Yoran führt uns ein in die Konsumpsychologie, die das Ziel verfolgt, Konsumenten in einen Verwirrungs- und Ablenkungszustand zu manövrieren, in dem sie bereit sind, Geräte zu erwerben, die ihre Aufmerksamkeit bündeln und dann recht bald wieder kaputtgehen, lernen wir. Dazu deckt Yoran den Mythos auf, Konsumentscheidungen seien individuell, vielmehr sind sie in hohem Maße von gesellschaftlichem Druck geprägt, liest der Kritiker. Eine Absurdität nach der anderen zählt der Autor auf, von überteuerten Kaffeemaschinen mit "Barista"-Funktion bis hin zu Waschmaschinen, die bei Ende des Waschgangs Schuberts "Forelle" piepen. Dabei schreibt er allerdings witzig und lebendig, freut sich Jandl. Auch SZ-Rezensent Bernhard Heckler lobt die sprachliche Brillanz und den "gekränkten Idealismus", mit denen Yoran in diesem "Wunder von einem Buch" beispielsweise beschreibt, wie moderne Duschköpfe uns "entwürdigende Körperpflegechoreografien" aufzwingen. In bester Tradition der Kritischen Theorie bietet der Autor allerdings keine Lösungen, aber "Entlastung durch Kritik", meint Heckler. Ein Buch, das zugleich Gegenwartsdiagnose und leidenschaftlicher Appell ist, "über unsere Kriterien neu nachzudenken", ergänzt Sylvia Staude in der FR.

Robert Jütte
Olga Meerson-Pringsheim
Eine russisch-jüdische Malerin im Umfeld von Wassily Kandinsky, Henri Matisse und Hedwig Pringsheim

Neofelis Verlag. 322 Seiten. 22 Euro

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Beim Namen Pringsheim läuten natürlich sofort alle Glocken, beim Namen Olga Meerson noch nicht: Vielleicht ändert sich das mit dieser Biografie des Historikers Robert Jütte: Meerson war nicht nur eng mit Hedwig Pringsheim, der Schwiegermutter von Thomas Mann befreundet und heiratete später deren Sohn Heinz. Die russisch-jüdische Malerin gehörte neben Gabriele Münter auch zu den weiblichen Mitgliedern der Malakademie, die Wassily Kandinsky Anfang des 20. Jahrhunderts in München gründete. Sie war vor allem für ihre Porträts berühmt. FAZ-Rezensent Peter Kropmanns würdigt Jüttes Biografie als überfällige Wiederentdeckung: Mit großem Detailreichtum rekonstruiere der Historiker das Leben der lange vergessenen Malerin, die als Schülerin von Matisse und Teil der Münchener Avantgarde zwar gut vernetzt war: Doch "dramatische Effecte" und "Regungen ihres Herzens" verhinderten den künstlerischen Durchbruch, erfahren wir. Ihr Werk ist überschaubar, einzelne Gemälde und Skizzen galten als verschollen, vieles konnte Jütte nun dank privater Nachlässe sichern und erstmals publizieren. Ihr Leben endete tragisch: Als ihr Ehemann sie verlassen wollte, stürzte sie sich aus dem Fenster. Jüttes Biografie erzählt von Talent, seelischer Fragilität und verpassten Chancen - und begleitet eine Ausstellung im Schlossmuseum Murnau, die das Werk der Künstlerin erstmals umfassend sichtbar macht, lobt der Kritiker. Eine weitere lohnenswerte Wiederentdeckung ist auch mit diesem im Dlf Kultur empfohlenen Bildband über Suzanne Duchamp (bestellen) zu machen.

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