Im Kino
Digitaler Hundeblick
Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
02.09.2025. Ein ukrainischer Müllmann im Weltall: Pawlo Ostrikow entwirft in "U Are the Universe" eine selbstbewusst kleinformatige Science-Fiction-Miniatur, die sich gegen Ende zur wuchtigen Liebesgeschichte wandelt.
Darf man einem virtuellen Augenaufschlag trauen? Treuherzig blickt das Bildschirmgesicht des Boardcomputers drein, altmodisch niedrigauflösend designt besteht es lediglich aus - eben - einem stilisierten Augenpaar. Quasi ein digitaler Hundeblick, dessen Suggestionskraft man sich kaum entziehen kann, auch wenn man in der Theorie stets weiß, dass hinter ihm ein eiskalt kalkulierendes Elektronengehirn steckt. Maxim heißt der Computer. Wer sich ein bisschen im Weltraumfilmgenre auskennt - der Regisseur des Films, Pawlo Ostrikow, kennt sich offensichtlich gut aus - weiß: Maxim wird nicht immer unser Bestes wollen. Und wenn er noch so goldig dreinschaut.
Wie der Boardcomputer ist auch der Rest des Raumschiffs, in dem der Film fast ausschließlich spielt, im retrofuturistischen Look gehalten. Keine slicken Touchscreens oder gar Hologramme, stattdessen viele Drehknöpfe und Kippschalter, eingelassen in klobige Kunststoffarmaturen. Die Rückenlehne des Stuhls, auf dem das einzige Mitglied der Raumschiffbesatzung vor den Steuerpanels sitzt, ist durchgebrochen, der Fitnessraum des Schiffs nach einem Unfall bald nicht mehr zugänglich. Der Mann heißt Andriy Melnyk und ist ein ukrainischer Astronaut, seine Mission ist reichlich unspektakulär: auf der Erde entstandenen überschüssigen Müll im Weltall verklappen.
Allein in einer mit Schrott beladenen Schrottmühle durchs Weltall: Das ist die Prämisse, die früh im Film radikalisiert wird. Zu den Klängen von Chopins "Nocturnes" schauen wir durchs Raumschifffenster auf das Erdenrund hinab, auf dem zunächst eine Reihe von großflächigen Explosionen wie Zauberblumen aufblühen, bevor ein grelles Licht Melnyk und den Film kurzzeitig ausknockt. Die Erde, wird schnell klar, hat als Ganze den Löffel abgegeben. In Folge eines Atomkriegs, könnte man meinen, aber thematisiert wird das nicht näher. Ist der Planet erst einmal ausradiert, sind die Gründe nicht länger von Belang.

Melnyk, der schon vorher gern und viel allein war, ist plötzlich noch alleiner. Allein mit Maxims digitalem Augenaufschlag allerdings. Und mit den ziemlich flachen Witzen, die der Boardcomputer am laufenden Band erzählt. Um Melnyk aufzuheitern, angeblich. Man gewinnt freilich schnell den Eindruck, dass sich Maxim vor allem gern selbst reden hört. Vielleicht, denkt man, haben die beiden sich ja gegenseitig verdient: Der misanthropische ukrainische Weltraum-Müllmann, dem die Füsilierung der gesamten Erdbevölkerung nicht allzu nahe zu gehen scheint und sein in einem geschwätzigen Gute-Laune-Modus feststeckender Computer-Buddy.
Aus ihrer Routine gerissen werden die beiden durch eine Stimme. Eine Frauenstimme, die vom anderen Ende des Sonnensystems zu Melnyks Raumschiff dringt einer weiteren Überlebenden, einer französischen Meteorologin, gehört. Nach anfänglichem Zögern lässt Melnyk seinen Menschenhass Menschenhass sein, die Stimme wird alsbald zum Zentrum seines Universums. Maxim wiederum ist plötzlich nur noch das dritte Rad am Wagen. Eine Weile hält er still. Aber es brodelt in seinen Kabelgedärmen.
Zwei galaktische Liebende und ein eifersüchtiger - beziehungsweise: seine Eifersucht rationalisierender - Computer. "U are the Universe" ist eine selbstbewusst kleinformatige Weltraumromanze, die gleichwohl nicht vor ebenso selbstbewussten Anleihen bei Genreklassikern wie, besonders prominent, Kubricks "2001" zurückschreckt. Getragen wird sie von inszenatorischer Seelenruhe (dass der Film Ostrikows Langfilmdebüt ist mag man kaum glauben) und Hauptdarsteller Wolodymyr Krawtschuk, der Melnyk weit entfernt von allen trübseligen Weltschmerz-Klischees als einen mal im besten, mal im schlechtesten Sinne in sich selbst ruhenden Dude von nebenan anlegt. Als einen Mann, der sich schon lange vor dem Weltuntergang in seinem Privatuniversum häuslich eingerichtet hatte und der von der Erkenntnis, dass es da draußen doch noch ein Gegenüber für ihn geben könnte, aus der Bahn geworfen wird.
Fast komplett vor dem russischen Überfall auf die Ukraine entstanden, nimmt sich "U are the Universe" die Freiheit, das Weltall radikal zu entpolitisieren und in eine Bühne für eine allen ironischen Brechungen zum Trotz letztlich ziemlich wuchtige Liebesgeschichte zu verwandeln. Sein unverschämt kitschpoetisches Schlussbild hat sich der Film redlich verdient.
Lukas Foerster
U Are the Universe - Ukraine 2024 - Regie: Pawlo Ostrikow - Darsteller: Wolodymyr Krawtschuk - Laufzeit: 101 Minuten.
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