Im Kino

Mit Schweigen aufgenommen

Die Filmkolumne. Von Stefanie Diekmann
03.09.2025. Ein Film, der niemand trösten will: Marcin Wierchowskis "Das Deutsche Volk" blickt auf die Trauer und Wut der Hinterbliebenden der rassistischen Morde von Hanau - und auf das anschließende behördliche Versagen.

Zwei der eindrücklichsten Momente in "Das deutsche Volk" finden sich in der ersten halben Stunde des Films. Der erste ist kurz und besteht aus Bildern eines Nachtsichtgeräts, aufgenommen aus einem Helikopter über der Innenstadt von Hanau in der Nacht der Anschläge vom 19. Februar 2020, zu denen (nachgesprochen) Ausschnitte des Polizeifunks zu hören sind. Eine weibliche Stimme fragt, ob das jetzt richtig sei: "Kurt-Schumacher: fünf Tote, fünf Verletzte?", eine männliche Stimme mackert: "Das kannst Du dann in den Nachrichten sehen, deutschlandweit", und eine weitere männliche Stimme ergänzt: "Das siehst Du weltweit. Das sehen die Amis sogar". Der Ton ist unbeteiligt, eher launig; allenfalls klingt ein gewisser Stolz durch. Hanau, Amerika, nicht alle Tage etc. 

Der zweite Moment ist länger, tatsächlich mehr als ein Moment, vielmehr Ausschnitt einer Begegnung, die zwischen den Hinterbliebenen, dem hessischen Ministerpräsident Boris Rhein, dem hessischen Innenminister Peter Beuth und einigen Vertretern des Untersuchungsausschusses stattfindet, als Ende 2023 der Abschlussbericht zu den Anschlägen von Hanau vorgestellt wird. Der Ministerpräsident scheint aufgeregt: viel Presse, zu viele Personen mit Fotos in der Hand; die launige Begrüßung ("alles schwierig derzeit"; er meint die Pandemie) wird mit Schweigen aufgenommen, und auch sonst läuft der Termin nicht ganz nach Wunsch. Die politische Prominenz, die bei diesem Auftritt einen durchaus erbärmlichen Eindruck hinterlässt, schweigt viel, blickt mit ernster Miene in die Luft und faltet die Hände unterhalb der Krawatte, während die Angehörigen der jungen Frau und der acht jungen Männer, die am 19. Februar 2020 aus rassistischen Motiven von einem Bürger der Stadt Hanau ermordet wurden, Antworten einfordern, die sie nicht erhalten. 

Daran wird sich nicht viel ändern. Nicht in der postfilmischen Realität, in der zuletzt im Januar und Februar 2025 zwei Hinterbliebene Anzeige gegen den Polizeipräsidenten von Südosthessen (Versagen des polizeilichen Notrufs) und gegen die Polizei von Hanau (Verschließen des Notausgangs an einem der Tatorte) gestellt haben. Und ebenso wenig innerhalb des Films von Marcin Wierzchowski, der die Familien der Ermordeten über einen Zeitraum von vier Jahren begleitet, das heißt: besucht, befragt, angehört, aber auch dabei gefilmt hat, wie sie sich austauschen, Demonstrationen organisieren, Kundgebungen veranstalten und einige weitere Termine durchstehen, in denen Vertreter der Stadt oder des Landes das tun, was in Deutschland nach rassistischen Anschlägen eben getan wird. Sie finden Worte, sie halten inne, sie blicken ernst über den Rand ihrer Brillen hinweg, und wenn einzelne Hinterbliebene irgendwann erklären, dass sie zu den Gedenkveranstaltungen bitte nicht mehr eingeladen werden möchten, zeigen sie auch dafür Verständnis. Alles schwierig derzeit. 


Die Verbindung zwischen den Ereignissen, die von den Dokumentarfilmen "Die Möllner Briefe" (Regie: Martina Priessner) und "Das deutsche Volk"  thematisiert werden, sind bereits während der Berlinale aufgefallen, auf der beide Filme Premiere hatten. Es ist die Kontinuität rassistischer Anschläge, aber auch die des behördlichen Versagens, der politischen Ignoranz, des Mangels an Empathie und angemessener Behandlung, mit der sich die Hinterbliebenen konfrontiert sehen; dazu das beeindruckende Beharrungsvermögen von führenden Vertretern der Polizei, Stadtverwaltung, Politik, für die das behördliche Versagen im Umfeld des Anschlags  keine Konsequenzen hatte, ein paar Termine und lästige Rückfragen ausgenommen. 

Ein Unterschied zwischen beiden Filmen besteht in dem Widerstand, der sich gegen die Ignoranz artikuliert: im Fall der Brandanschläge von Mölln am 23. November 1992, um die es in Priessners Film geht, erst zweieinhalb Jahrzehnte später, im Fall der Morde von Hanau fast unmittelbar, als die Hinterbliebenen beginnen, sich darüber auszutauschen, wie die Polizei am 19. Februar 2020 und in den Tagen danach agiert hat. Die Details sind auf zahlreichen Webseiten nachzulesen; Wierzchowskis Film gibt Gelegenheit, sich an sie zu erinnern. Vor allem aber gibt er denjenigen, von deren Fragen man nicht viel wissen wollte, die Zeit und den Rahmen, um zu berichten, von ihrer Trauer, aber auch von ihrer Wut zu sprechen und dort, wo keine Antwort gegeben worden ist, zu ihrer eigenen zu finden, die den Namen #saytheirnames trägt. 

Die Initiative #saytheirnames nimmt in "Das deutsche Volk" viel Platz ein. Wenn auch nicht unter dem Vorzeichen der Hoffnung. Anders als "Die Möllner Briefe", der die sehr einsame Auseinandersetzung der Familie Arslan mit der Stadt Mölln als einen Prozess der potenziellen Heilung in Szene zu setzen sucht, ist Wierzchowskis Bestandsaufnahme resignierter, skeptischer, auch: klarer positioniert. Das markieren die Schwarzweißbilder (Kamera: der Regisseur sowie Peter Peiker), die in einem anderen Film prätentiös wirken könnten und in diesem für eine Welt stehen, aus der für manche alle Farben gewichen sind; die Länge der Einstellungen; der Sinn für Wiederholungen und Rekurse; die Pausen, die immer wieder in Gesprächen und Abläufen entstehen. "Das deutsche Volk" wird niemanden getröstet zurücklassen. Das ist einer der guten Gründe, diesen Film anzusehen. 

#saytheirnames: Mercedes Kierpacz, Said Nesar Hashemi, Hamza Kenan Kurtović, Ferhat Unvar, Sedat Gürbüz, Fatih Saraçoğlu, Gökhan Gültekin, Vili Viorel Păun, Kaloyan Velkov

Stefanie Diekmann

Das Deutsche Volk - Deutschland 2025 - Regie: Marcin Wierchowski - Laufzeit: 132 Minuten.